Namenloser Dienst

Wie dient man? Wie kann ich dienen, ohne eigenes Interesse in mir zu spüren? Und was heißt es überhaupt, zu dienen?

Kann irgendjemand wirklich dienen, wenn das Ego als einziges Selbstverstädnis das ganze Leben überdeckt? Wie oft habe ich mir, als ich noch neu war auf dem Weg, gesagt, dass nur Guru Seva, nur der Dienst für meinen Meister, Bedeutung für mich hat? Ich wollte ein vollkommenes Instrument werden und sein in seinen Händen. Dieser Wunsch verzehrte mich. Viele Menschen um meinen Meister sah ich, die dieses Dienen in meinen Augen schon ziemlich gut verkörperten. Manchmal war ich traurig, dass ich das nicht so konnte wie sie, dass ich alle möglichen Gedanken hatte, wenn ich meine Seva, meinen Dienst im Ashram meines Meisters, verrichtete.

So gerne wäre ich rein gewesen, in all meinem Tun, meinem Denken, meinem Fühlen! Die Zeit verging, und mein Wunsch brannte weiter in mir. Und immer noch war es mir nicht so richtig klar, was das bedeutete: Dienen. Es lang sicher nicht daran, dass meine Meister nicht intensiv und ausführlich darüber sprachen und schrieben, was dienen bedeutet. Oft erklärten sie uns, dass Dienen die einfachste und schnellste Methode sei, um frei, erleuchtet und glücklich zu werden. Das Ziel von Yoga, sagten sie, wäre einfach für den zu erreichen, der wirklich dienen kann.

Ich wollte nichts anderes tun. In einem persönlichen Gespräch mit meinem Meister 1978 erwiderte ich (ja, das tat ich wirklich) auf sein Anraten, mein Studium mit einem Doktortitel abzuschließen, dass ich das nicht möchte, dass ich nur seine Arbeit tun würde, dass ich keinerlei anderes Interesse hätte. Sein mildes Lächeln werde ich nicht vergessen. Wie ein Vater sein Kind liebevoll ansieht, wenn es sich so sicher ist, etwas tun zu können und zu wollen, und er doch weiß, dass das noch nicht geht, so sah er mich an. Und so er stimmte er zu.

Jetzt ist ein erheblicher Teil meines Lebens vorbei. So viel ist passiert. Unendlich viel, wie es mir vorkommt. Das Leben war wie ein reißender Strom, und heute würde ich sagen, nur der kraftvolle Segen meiner Meisterin hielt und hält mich über Wasser. So viele Menschen durfte ich treffen, so viele Menschen liebten mich und viele hassten mich, begründet und unbegründet. Ich verstehe gut, dass meine Meisterin einmal zu uns sagte: „Manchmal sind eure Augen und eure Gedanken wie blitzend scharfe Messer, die sich in mein Herz bohren.“ Wobei ich mich nicht wirklich, in keiner Weise, beschweren möchte. Eher habe ich das Gefühl, dass meine Meisterin aus meinem Leben noch das Beste, das Allerbeste gemacht hat.

Wie dient man? Diese Frage ist lange bei mir geblieben. Die Magie des Dienens hielt mich in ihrem Bann. Immer wieder durfte ich erleben, was dienen bedeutet, wie sich das anfühlte: Diese Freiheit, diese Leichtigkeit, die Möglichkeit schier unendlicher Energie, die unglaubliche Verbundenheit. Und doch, dann verschwand die Erfahrung wieder und meine Sehnsucht war wieder da, und auch meine Trauer, nicht halten zu können, was ich so sehr wollte. Wie könnte ich mein Dienen vervollkommnen, wie könnte ich mich auf diese Weise nützlich machen?

Jetzt habe ich nochmals eine Familie gegründet (wohl eher: mitbegründet), mit zwei jungen Leuten, die mich so richtig beschäftigen. Wie kommt man nur auf so etwas?! Meine grandiose Ausrede ist: Hätte es nicht sein sollen, wäre es auch nicht geschehen. Mein Meister lehrte uns: „Was dein karma ist, kannst du immer nur im Nachhinein erkennen“ (toll, dachten wir damals, ist es dann nicht etwas zu spät?). Wie geht es meinem Dienen?

Das ist nicht mehr die Frage. Die Frage an sich ist überraschenderweise verschwunden. Der, der gefragt hat, verschwand gleich mit. Mein Meister hat mir das 1982 prophezeit, als ich ihn fragte, wie ich meine vielen negativen Gedanken überwinden könnte. Er hatte recht auf eine mir damals unvorstellbare Weise. „Der, der damals gefragt hat, ging wirklich verloren.“ Wo? Wohin? Wer weiß das, und vor allem wem interessiert das? Mich sicher nicht mehr.

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Gott und die Welt und weiteres…

Vielleicht das einmal vorweg: Ich bin Schüler, Schüler in einer Tradition, die von Meistern geführt wird (habe lange überlegt, ob das das richtige Wort ist), die immer wieder von Gott und der Hingabe an Gott gesprochen haben.

Ich selbst habe erst durch sie mit dem Wort eine Art „Frieden“ geschlossen, der mich nachdenklich macht. Viele Menschen verwenden dieses Wort, Gott, mit dem ich an sich nichts anfangen kann. Wer über längere Zeit die menschliche Psyche studiert, ob im westlichen oder im östlichen Sinne, weiß, dass man und wie man über Gedanken und den mit ihnen verbündeten Gefühlen, schöpferisch tätig ist. Die Psyche ist in der Lage, Fakten zu schaffen, was bei genauer Betrachtung schon ein Widerspruch ist. Tatsachen, Fakten, die man sich erschafft – wie tatsächlich und faktisch sind die?

Unser Wort „Gott“ ist eine erstaunliche Schöpfung. Es gibt sie nur im germanischen Sprachraum, übrigens. Andere Sprachfamilien, die es in Europa gibt, verwenden einen Begriff, der dem Sanskritwort Deva nahesteht (Zeus, Deus, etc.), was so viel wie „leuchtend“, „erscheinend“, „strahlend“ bedeutet. Aber bei uns ist es ein Begriff „Gott“ offen, ziemlich undefiniert. Aber das ist doch nicht richtig, magst du denken. Es gibt hier einen Gottesbegriff! Aber den kann man sich zusammenreimen, aus Fakten und Meinungen (siehe oben), aus Gefühlen, interpretierten Erlebnissen, „tiefen“ Einsichten, etc.

Mein Meister sprach das mit den Worten an: „Die Frage ist doch, ob du Gott verehrst, wie er ist oder wie du meinst, dass er ist.“ Es muss schon spannend sein für jemanden, der aus dem indischen Kulturraum stammt, wo es kein Wort wie unser Wort „Gott“ gibt, sondern viele, sehr viele Arten, zu beschreiben, wie Kräfte wirken und erscheinen, die über unsere einfache Fünfsinnlichkeit hinausgehen. Auf einmal ist da nur noch ein Begriff, der noch dazu frei verwendet wird, mit Inhalten, die sich jede und jeder selbst erstellt.

Ein wenig ist es für westliche Menschen vermutlich wie Weihnachten für kleine Kinder: Mit großen, erstaunten Augen die ganzen Lichter und glänzenden Kugeln, die feierliche Stimmung, etc. zu erleben, sprachlos, fasziniert. Gott auf der einen Seite und unzählige herrliche Worte auf der anderen Seite. Und dann hat jemand, wie mein Meister, von seinem Meister den Auftrag erhalten, diese Tradition in den Westen zu bringen.

Am Anfang, als ich meinem Meister innen und außen begegnete, überhörte ich das Wort „Gott“ in seinen Vorträgen. Es gab ja auch so noch genug Neues, Unerhörtes, Faszinierendes für mich, als jemand, der einen westlich trainierten Verstand hatte. Eine Art Erleuchtung hatte ich, als ich bei einem Dialog zugegen sein konnte, den mein Meister mit einem französischem Priester hatte, der (ja, das gab es des Öfteren) unseren Ashram in Indien besucht hatte. Das war 1977, soweit ich mich erinnere. Es war eine liebevolle, respektvolle Begegnung. Beide saßen an einem Nachmittag zusammen, vor uns, und unterhielten sich, über Gott, Initiation, Erleuchtung, Befreiung. Auf einmal deutete der Priester auf einen der Mangobäume, die im Innenhof wuchsen und uns Schatten und Kühle boten, während wir zuhörten. „Du siehst also Gott überall, auch in diesem Baum, Swami?“ fragte er. Baba schüttelte den Kopf: „Nein, das tue ich nicht.“ Der Priester reagierte irritiert: „Aber ist das nicht deine Lehre, Gott in allem zu sehen?“ Mein Meister erwiderte: „Ich sehe Gott ALS den Baum.“

Die Lehre meines Meisters an uns war immer: „Gott wohnt in dir als DU.“ Da ich ja das Wort „Gott“ eher überhörte, wurde mir erst mit den Jahren klar, dass mein Meister mit dem Wort „Gott“ nichts von dem meinte, was ich so kannte. Er hob unerbittlich den Abgrund zwischen Gott und uns Menschen auf. Wirklich, unerbittlich. Genauso, wie meine Meisterin, die ihm nachfolgte, die sagt: „Am Ende wird sich herausstellen, das Gott in keinster Weise von dir zu unterscheiden ist.“

Immer wieder lese ich Texte von Menschen, die sich dem indischen Weg, Gott zu verehren und zu finden, verschrieben haben, die in der westlichen Kultur verheimatet sind, auch wenn sie sich indisch kleiden und mit sich mit Namaste und OM Shanti begrüßen (wird ja jetzt mit Corona vielleicht eine echte Alternative zum Händeschütteln oder Ellbogen- bzw. Fußkicks), sich die heiligen Zeichen auf die Stirne malen und Kajal um die Augen auftragen. Sie kleiden ihr Gottesverständnis aus mit westlichen Moralvorstellungen, so widersprüchlich sie auch sein mögen.

So richtig offensichtlich wird das, wenn Menschen aus dem Westen in eine Meister-Schüler-Beziehung eintreten oder eintreten wollen. Da sie sich selbst instinktiv ja nicht als Gott sehen können, der aus vielen, meist sehr weltlich-verständlichen Gründen weit, unendlich weit über uns Menschen steht, können sie sich nicht vorstellen, dass man einen Menschen, den Meister, als Gott verehren kann. Sie definieren sie/ihn (leider zwingt mich die deutsche Sprache zu dieser Differenzierung, die völlig illusorisch ist, wenn es um Meisterschaft im Yoga geht) als eine Art Mittler, oder Hilfestellung zwischen ihnen und Gott. Oder sie verfallen in eine Art spirituelles Fan-Groupie-Verhalten, bei dem sie ja nicht ihren Verstand einschalten sollen.

Und dann lehren diese Meister (so sie diese Bezeichnung überhaupt verdienen), „Die Worte „Gott“, „Selbst“, „ich“, „Guru“ sind nur von der Schreibweise unterschieden. Sie bedeuten genau das Gleiche.“ Jetzt wird es herausfordernd für viele. Und vielleicht überhören sie das auch, wie ich früher das Wort „Gott“ bei meinem Meister überhört habe.

Das ist schon in einem gewaltigen Widersproch zum „lieben Gott“, der gütig seine schwachen Lämmchen um sich schart, der liebevoll seine Menschlein bewacht und behütet (vor wem eigentlich), der Sünden großzügig vergibt, der seinen eigenen Sohn „opfert für die Sünden der Welt“. Und wenn die Wirklichkeit dieser Welt (gibt es die?) mit all ihren schrecklichen Alltäglichkeiten (siehe Corona, Ebola, etc.) so gar nicht auf einen gütigen Gott hindeuten, dann wird das genauso übersehen, überhört, nicht weiter bedacht, wie ich das tat, wenn mein Meister von „Gott“ sprach.

Da ist der Lösungsansatz, den mir einmal eine fundamentalistische (so bezeichnete sie sich selbst) Christin erklärt hatte, schon zielführend: „Wenn du zuviel denkst, kannst du nicht glauben. Und wer nicht glaubt, „goes to hell“, kommt in die Hölle.“ Sie war übrigens eine Wirtschaftsprofessorin, die überall in der Welt lehrte. Genauso einfach geht das. Und das gleiche Prinzip wenden Menschen gerne an, wenn es um Gott und Guru im indisch-yogischen Zusammenhang geht.

Aber in der yogischen Spiritualität, wenn man so einen Begriff überhaupt verwenden kann, ist die Grundlage aller Praxis, dass „sich am Ende herausstellen wird, dass Gott in keiner Weise von mir zu unterscheiden ist“. Wie kann ich, also ich, alt und hässlich, etc. was man da auch immer über einen selbst sagen möchte, Gott sein? Genau, da geht sie los, die so oft erwähnte Transformation: Meine Sicht auf mich, mein Verständnis über mich muss sich wandeln, wandeln können. Was bedeutet es, dass nur Shiva, nur Gott allein existiert? Auch in Kriegen, in Leiden, in Pandemien, in Eifersucht, Neid, in Liebe und Verlangen?

Ich vermute einmal, dass die meisten Menschen hier, auch die, die sich auf östliche spirituelle Wege begeben, diese Transformation nicht wollen, nicht wollen können. Viel zu viel ihrer Selbstdefinition müssten sie über Bord werfen (das habe ich jetzt sehr milde ausgedrückt, denn in Wirklichkeit müssen sie ganz und gar all diesen Unsinn, den sie für wahr hielten, aufgeben).

Wie mein Meister zu mir einmal sagte, als ich ihm eine dringliche Frage zu all den negativen Gefühlen stellte, an denen ich so litt: „Der, der jetzt fragt, geht am Ende sowieso verloren. Alles halb so wild.“ Also, verschließt eure Ohren nicht vor der Lehre, nur weil sie die Grundfesten deines Selbstverständnisses in Frage stellt. Mischt euch nicht eure eigenen Wege, wie an einem langen Selbstbedienungsbuffet. Wage dich in das Neuland der Selbstliebe.

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Die große Zuwendung zur Emotionalität

Manchmal frage ich mich, wie es dazu kam, dass Menschen sich so sehr über ihre Gefühlswelt identifizieren.

Vor einiger Zeit war ich unterwegs, und wie ich das dann manchmal so mache, hörte ich Radio, um nicht einzuschlafen. Und da kann man schon hin und wieder einmal Interessantes hören. Diesmal ging es um eine Lesung/Hörspiel von Georg Büchners Lenz. Büchner war ein gefeierter Dichter im 19. Jahrhundert, den man in der Schule durchnahm, als ich in die Schule ging. Der Teil der Lesung, den ich hörte, und ich hörte nicht die ganze Sendung, beschäftigte sich mit der zunehmenden Verrücktheit der Hauptperson Lenz.

Was mir schnell auffiel, waren die ausführlichen Beschreibungen und Umschreibungen von Lenz‘ Gefühlslage. Mit vielen eindringlichen Worten wurden seine Gemütszustände beschrieben wie „aufs Allerschrecklichste“, „Furcht erregend“, etc.  Irgendwann merkte ich bei mir (mach jetzt da ein wenig mit :), wie mich diese Beschreibungen langweilten. Das Ausgeliefertsein aller Beteiligten an die Zustände der Hauptfigur war schon erstaunlich. Niemand sagte ihm, er solle es einfach lassen. Alle waren zutiefst beeindruckt und beunruhigt und bestürzt. Was für ein in schöne, poetische Worte gekleideter Unsinn!

Warum sind wir so gefesselt, so fasziniert von Gefühlen (oder besser: von deren Berechtigungen)?

Die Anfängerfragen „Ja, darf man als Yogi, soll man als Yogi, wird man als Yogi keine Gefühle mehr haben? Ist das falsch? Würde ich nicht einen erheblichen Teil meines Daseins weggeben?“  habe ich im Laufe der vielen Jahre meiner Lerntätigkeit so oft gehört. Früher war ich bemüht, möglichst mitfühlend auf diese Fragen einzugehen. Auch wenn das Mitgefühl geblieben ist, kann ich der Anbetung der Gefühle, und wie gesagt, das Starke an den Gefühlen sind ja deren Berechtigungen, die unsere Psyche so schnell und so intensiv aufbaut, wirklich keinerlei Interesse abgewinnen.

Du hast dein Leben, sagen Yogatexte, du hast deine samskaras, deine vasanas, deine tiefen und weniger tiefen Prägungen. Sie bestimmen, wie du auf welche Situation reagierst. Und was du gut findest und was nicht. Aber als Mensch NUR in diesen Prägungen zu leben, ist schon keine so gute Idee. Alle haben die gleichen Gefühle, das ist nicht besonders originell oder individuell. Du musst nicht sehr aufgeweckt sein, um zu wissen, dass alle Menschen irgendwann einmal im Leben Liebeskummer erleben (die Liebe möge mir verzeihen, dass ich sie in eine Wortehe mit Kummer bringe). Aber wenn du es erlebt, dann hast du das Gefühl, dass das ganz einmalig ist, ganz, ganz schrecklich. So sehr, dass du dir vornimmst, das NIE wieder zu erleben.

Alles Prägungen, die du hast und nicht bist. Das mach dir einmal klar. Du bist nicht dein Körper, auch wenn du einen hast, du bist nicht deine Psyche, auch wenn du eine hast. Du bist nicht deine Persönlichkeit, auch wenn du eine hast, oder besser: WEIL du das alles hast, kannst du es nicht sein. Ein wenig Nachdenken wird das für dich klären. Diese Prägungen bestimmen, wie du dich fühlst.

Ganz eifrige Yogis/Yoginis verstehen das und machen sich an die Arbeit. Sie versuchen eine Prägung nach der anderen „aufzulösen“. Das ist, als würdest du in einer wunderschönen, großen Häkeldecke einen Knoten rausschneiden wollen. Die ganze Decke wird sich aufösen, vor deinen Augen verschwinden. Denn alles hängt zusammen. Wer das richtig gut versteht, wird seine Prägungen Prägungen sein lassen und sich mit wichtigeren Dingen beschäftigen. Jetzt ist es nicht erstaunlich, dass wir Menschen auf dem Yogaweg versuchen wollen, die Leid bringenden Prägungen aufzulösen. Aber mit etwas Weisheit, mit dem Wissen aus den Yogatexten, können wir mit der Zeit verstehen, dass das nicht so geht.

Deine Gefühle also werden ausgelöst von Prägungen, alten, in deiner Persönlichkeit verwurzelten Erlebnissen, die durch beständige Wiederholung stark in ihrer Aktivität werden. Die Aufmerksamkeit auf die Emotionen ist wie Brandbeschleuniger für diese Prägungen. Unsere Psyche hat die Fähigkeit der Kontemplation. Wenn man diese Fähigkeit genau untersuchen würde, könnte man auch ihre Gegenseite entdecken, das sich ständige beschleunigende „Rumhirnen“: Kreiselförmiges Denken, das mit zunehmender Geschwindigkeit immer emotionaler wird. Als würdest du dir ständig die Fallgruben selbst bauen, in die du dann hineinfällst. Das ist einfach eine schreckliche Situation.

„Aber ich mag meine Emotionen“, magst du frustriert rufen. Gut, aber du musst dich deshalb doch nicht von deinen Emotionen versklaven lassen! Gib mit deinem „Mögen“ doch nicht deine ganze herrliche, großartige Freiheit auf, die dein Naturell ist, wenn man den Yogatexten Glauben schenkt. Wie ein Kaninchen vor der Schlange stehen Menschen voller Ehrfurcht und Schrecken vor ihren eigenen, aus ihren Prägungen entstanden Gefühlen! Wie kann das nur sein?

Wenn du glaubst, deine Gefühle machen dich erst zu dem Menschen, der du bist, dann ist das die Autobahn in die Stadt des Leids, der Ohnmacht, des selbst gebauten Gefängnisses. Wenn du weißt, dass du Gefühle hast aber nicht bist, dann wirst du sicherlich die Luft der Freiheit atmen können, erahnen können. Manche sagen mir dann: „Ist das dann Erleuchtung?“ Ehrlich gesagt, wen juckt das? Wie will jemand über Erleuchtung reden, der/die nicht einmal die Tyrannei der eigenen Gefühls- und Gedankenwelt abschütteln kann?

Wenn die Segel deiner Gefühle in dir zu knattern beginnen, ist es Zeit, innezuhalten. So wie der Aufnahmepegel bei Aufnahmen im roten Bereich flackert, wenn die Aufnahme übersteuert ist, so solltest du in dir auch so ein Messgerät haben, dass deine Emotionen auf einem erträglichen Pegel hält. Wenn du meditierst, mit Mantra, Entschlossenheit und ohne dabei auf deine Gemütslage zu hören, dann kannst du das lernen. So viele Menschen, die behaupten, auf dem Yogaweg zu sein, meditieren nach Gefühl wie: „ach heute hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich nach 10 Minuten genug hatte.“ Wenn ich dann frage, wie lange wolltest du denn meditieren, dann wird mir oft gesagt, „Ich mach das ganz nach meiner inneren Uhr, nach meinem Gefühl. Man ist ja auch nicht immer gleich drauf, das möchte ich beachten.“ Na denn, kann ich nur sagen. Viel tun wird sich für so jemanden nicht im Königreich des Egos und der Unwillkürlichkeit.

Wie es in den Yoga Sutras heißt: Sie sind gefangen im Auf und Ab der unwillkürlichen Bewegungen ihrer Psyche. Alles Liebe. Bei Fragen dazu bitte melden. 🙂 Ich schreibe übrigens meine Artikel spontan, am Stück. Wenn du Rechtschreibfehler findest, die meiner digitalen Rechtschreibprüfung durch die Lappen gingen, lass es mich wissen. Ich werde das umgehend korrigieren.

 

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Sich engagieren für eine bessere Welt

Immer wieder höre ich das. Oft warfen Menschen Yoga als Lebensweg vor, ganz egozentrisch zu sein. Damals argumentierten wir, um verständlich zu machen, warum das nicht ist. Heute wäre mir das Argumentieren viel zu mühsam.

Yoga Egozentrik vorzuwerfen ist wie mit Steinen werfen, wenn man im Glashaus sitzt.

Heute gebärden sich viele Menschen als Schützer von allem Möglichen: von der Umwelt, vom Klima, von der Natur, der Erde, wirklich, so viel Schutz wird gefordert, angeboten, diskutiert, beschlossen. Was für ein Unsinn! Fast wäre es ja zum Lachen. Schauen wir uns mal den Klimaschutz an: Glaubt wirklich irgendjemand, dass das Klima geschützt werden muss? Wenn das Klimaschutzabkommen jetzt endlich (mit welch erstaunlicher Selbstbeweihräucherung das in Paris zustande kam, was für ein Witz, wie sich all die sogenannten Führer feierten, weil sie sich dazu bringen konnten, etwas gemeinsam auf ein Papier zu bringen, von dem gleich die Wichtigsten ausgestiegen sind, bei nächst möglicher Gelegenheit) Gültigkeit hat, ist dann das Klima geschützt? Vor uns Menschen? Denkt da jemand nach? Haben wir nicht ein ziemlich (relativ gesehen) großes Gehirn genau dafür? Fürs Nachdenken?

Wir leben auf einem Planeten, der 4,8 Milliarden Jahre alt ist, 12000 km Durchmesser hat und innen eine Temperatur zwischen 4000 und 6000 Grad hat. Glaubt wirklich jemand, ein paar Grad mehr an der Oberfläche dieses riesigen (verglichen mit uns, natürlich nicht mit dem kürzlich „aufgenommenen“ Schwarzen Loch) Planeten machen für ihn irgendeinen Unterschied? Wie könnte sie das überhaupt mitbekommen? Spürst du 1 Hundertstel Grad auf deiner Haut?

Naturschutz, was für ein Begriff! Die Natur braucht unseren Schutz? Wirklich? Wir alle sind die Natur, ein Teil von ihr. Wie die Bakterien in deinem Darm. Von denen du einen erheblichen Anteil täglich über deinen Stuhlgang wieder abgibst. Du entgiftest dich dabei ganz einfach. Auch wenn du nichts gegen deine Bakterien einzuwenden hast. Geschieht einfach automatisch. Ich kann mir nicht, in keiner Weise vorstellen, dass der Planet Erde irgendwelche besonderen Gefühle für uns hat.

Sich so etwas, wie Klima-, Natur-, Tier-, Gewässer- und was sonst noch wir alles schützen wollen, einfallen zu lassen, das können nur wir Menschen, die von ihrer eigenen Egofunktion besessen sind. Welche Unaufrichtigkeit, und alle machen bangen Herzens mit.

Es geht nur um Menschenschutz, ganz und gar egozentrischen Menschenschutz.

Wir schützen ja nicht das Klima, wir wollen erreichen, dass wir weiterhin relativ angenehm auf dieser Welt leben können. Besonders die, die Wirkungsmacht haben. Es geht immer nur um Menschenschutz. Warum stehen wir nicht dazu?

Weil das Ego sich dann vor sich selbst schämen würde, ob all der Egozentrik. Denn wenn das Ego eines unbedingt vermeiden möchte, ist es, dabei ertappt zu werden (es mag ja sowieso nicht und von niemandem ertappt werden), dass es ihm immer nur um sich selbst geht.

Es gab schon so lange Menschen auf dieser Welt, die um die Stellung des Menschen wussten, die versucht haben, wenigstens irgendeine sinnvolle Aufgabe für uns Menschen auf dieser Erde zu finden. Aber der moderne, nennen wir ihn einmal, westliche Mensch gibt sich ja ganz unverhohlen seinem reinen Schmarotzertum hin. Es scheint niemandem aufzufallen, dass wir zu nichts wirklich gut sind, hier auf dieser Welt, außer sich um uns selbst zu kümmern.

Ob sich das Klima menschengemacht verändert oder weil die Erde einfach ein wenig höhere Temperatur hat, um sich von unangenehmen Schmarotzern zu befreien, sei mal dahin gestellt. Ich ganz persönlich sehe auch darin, in dieser Sicherheit der Wissenschaft in der Angelegenheit, die erstaunliche Fähigkeit des Egos, sich selbst als machtvollen Urheber zu sehen. Aber darum geht es mir hier gar nicht.

Ich würde mir wünschen (als ob das jemanden kümmern würde – smile), dass wir einfach ehrlich wären. Wir sind nur daran interessiert, aus reinem abhinivesha, Hängen am Leben im Körper, dass sich das Klima nicht zu sehr verändert. Niemand weiß zwar, was das bewirken würde, hier auf dem Planeten, aber hochgerechnet wird eifrig. Vom alt Bekannten auf das Neue schließen zu können, auch das ist etwas, was das Ego vorgibt zu beherrschen. Dabei ist das Neue NIE aus dem Alten zu berechnen, zu extrapolieren, etc. etc.

Also, das Ego schützt sich selbst, und schützt seine Pseudo-Schöpfung, den Körper, mit allem, was es drauf hat. Und da wir nichts anderes von uns wissen, als dass wir dieses Ego sind, werden wir Opfer einer psychischen Funktion, die manchmal nützlich sein kann, die wir aber sicher nicht sind.

Im Außen ist unser Leben so kurz, so bedeutungslos, so lächerlich, wenn es in der Signalfarbe des Egos angemalt ist. Aber, das sagen alle Meister aller Zeiten, in uns, da ist das Wesentliche verborgen, jenseits des Egos, jenseits der Fata Morgana des Getrenntseins, und wir Menschen können das entdecken. Je mehr Yogis ihr eigene Wahrheit entdeckten und entdecken, desto mehr erleben sie eine natürliche Verbundenheit zu allem. Diese Verbundenheit würde den Weg zeigen.

Das Ego kann das nicht. Wenn ich langsam ahne, wie und wie sehr alles von mir ausgeht, ich Schöpfer von allem bin, was ist, desto schwieriger wird es, anderen Leid zuzufügen, denn ich wäre ja immer das erste Opfer. Diese Verbundenheit, die niemandem offen steht, der ganz und gar vom Ego und all seinen Spielchen beherrscht wird, würde uns genau wissen lassen, was zu tun ist und was nicht.

Alles, was auf dieser Welt „daneben“ ist, stammt aus dieser Krankheit, nämlich der tiefen unerschütterlichen Überzeugung, dass wir unser Ego sind. Yoga, wenn es seinen Namen verdient, beendet mit der Zeit diese Wahnvorstellung. So könnte Leid wirklich überwunden werden. Ob das der Erde jetzt viel ausmacht, wenn das Leid überwunden würde? Mein Meister sagte uns, dass sie das spüren würde. Aber wir würden es auf jeden Fall spüren. Und das ist doch auch schon etwas Bemerkenswertes.

Die totale und nicht zu hinterfragende Identifikation mit dem Ego wird uns immer tiefer in Schwierigkeiten bringen. Da helfen auch all die hilflosen Schutzversprechungen des Egos nicht. Ein Übel wird immer wieder vom nächsten abgelöst, das eigentlich ja Erlösung des vorherigen Übel hätte bringen sollen.

 

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Der kürzeste Tag

gestern, am 21. Dez. verkündet einen neuen Jahreskreis. Na und, mag man denken, geht auch vorbei, was natürlich stimmt. Für Menschen auf dem Yogaweg ist der Lebensrhythmus ein anderer: Ein- und Ausatmen, und das Mantra als Taktgeber. Was macht es dann aus, wenn Tage kürzer oder länger werden.

Meine Meister haben mit uns auch den Jahresrhythmus gefeiert, und das hat mir immer wieder zu denken gegeben. Für Yogis und Yoginis ist das doch gut, wir können bei allem mitmachen, bei den kulturellen Gepflogenheiten unserer Zeit und unseres Ortes, und was wir nicht gut finden, warum auch immer, das lassen wir aus. Wer hier in der westlichen Kultur lebt, darf bei so manchen Dingen aussetzen, Weihnachtsgans und Neujahrsbesäufnis mit gewichtigen Vorhaben z.B., wenn wir nicht wollen, denn dazu zwingt man hier die Erwachsenen nicht.

In anderen Kulturen ist das Nicht-Mitmachen schon viel problematischer und so dient so manches Yoga-Verständnis, auch solche Situationen überstehen zu können.

Wenn also jetzt für die YogInis nördlich des Äquators die Tage wieder kürzer werden, können wir das Licht feiern, uns daran erinnern, dass auch das Licht, das in unserer Psyche reflektiert wird, immer besser sichtbar wird, so wie das Licht der Sonne an länger werden Tagen immer länger leuchtet. Wir können das bewusst als Möglichkeit sehen, uns daran zu erinnern, wer wir sind und warum wir hier sind.

Normale Menschen leben von Anlass zu Anlass, überziehen diese Zeiten mit dem Ausdruck ihrer Prägungen, die ihnen Gleichgültigkeit, tiefe Bedeutung oder Verachtung (und bestimmt viele, viele Variationen dieser Gefühle) vorgaukeln. YogInis können das mit der Zeit bewusst gestalten, wenn sie mögen. Denn alle Menschen leben mit Prägungen, manche fühlen sich wesentlich an und bestimmen zum Beispiel unsere Körperlichkeit, andere engen unsere psychischen Spielräume ein, in unseren Reaktionen auf das, was uns vermeintlich das Leben bringt. So wie es in einer Yogaschrift heißt: Allen Menschen ist gemein, dass sie ihr Schicksal ausleben müssen. Normale Menschen erleben dabei die Welt, Yogis aber sich selbst.

Diese ganze Geschichte mit den Prägungen ist schon ein spannendes Konzept. Für viele, die nicht so richtig eingedrungen sind in dieses Konzept, ist es ein Auftrag, Prägungen zu überwinden, zu bereinigen, abzubauen. Wenn du aber tiefer darüber nachdenkst, dann kommst du zu einem anderen Ergebnis: Wenn es Prägungen gibt, die unser Leben so umfassend bestimmen, wie Körperlichkeit, grundlegendes Lebensgefühl, etc. dann ist der Wunsch, diese Prägungen zu gestalten wie ein Spiegelgefecht und ein Schattenboxkampf. Es führt nur zu Aktivität ohne Hoffnung auf Ergebnisse, zu Erschöpfung und zynischer Abgeklärtheit, Stichwort „rajas“.

Für YogInis ergibt sich aus diesem tiefen Nachsinnen ein anderes Bild: Wir lernen, das große Drama als mehr oder weniger amüsierter Zuschauer zu betrachten. Und ich schreibe hier nicht vom äußeren Drama der Welt, das viele recht deutlich erkennen können. Ich schreibe hier vom Drama, aus dem alle anderen hervorgehen, vom eigenen Drama, das wir schreiben, das wir aufführen und dem wir, mitleidend, mitlachend, mitfühlend, gleichgültig, zusehen. Wie es in den Shiva Sturas heißt: Ich, atman, bin die Bühne, das Schauspiel, die Schauspieler und das Publikum.

Darüber wieder einmal nachzusinnen könnte jeder Tag ein guter Anlass sein, und warum nicht die Wintersonnwende (auch Weihnachten genannt), die Jahreszeiten, andere von unserer Kultur herausgehobene Tage? Also feiern wir mit, wenn auch aus ganz anderen, glorreichen Beweggründen! 🙂

In diesem Sinne, genießt es!

 

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Was erwartest du eigentlich?!

Entschuldige bitte diesen etwas provokanten Titel. Aber er formuliert eine sehr gute Frage für Menschen, die einen geistigen Weg gehen. Was erwarte ich?

Wenn das Leben zwickt und zwackt, wenn die Dinge nicht so laufen, wie du es gerne hättest, dann suchen viele Menschen Auswege. Sie werden hellhörig in Bezug auf Lehren, Methoden, Ansätze, die angeblich helfen, die Umstände, die so unangenehm sind, zu ändern.

Also besuchen sie Workshops, lesen Bücher mit vollmundigen Versprechungen, schicken ihre Wünschen mit putzigen Ritualen ans Universum, in der Erwartung, dass sich Die (wer ist das bitte? Ein hochrangig besetzter Universaler Petitionsausschuss?) darum kümmern, dass es besser wird im eigenen Leben. Sie meinen allen Ernstes, dass sie mit präziserem Wünschen, mit genauerer Zielvorgabe, mit wohl durchdachten Formulierungen ihr Leben so verändern können, dass es sich endlich gut und glücklich und erfüllt anfühlt. Na denn!

Dieser Glaube begleitet auch Menschen, die ernsthaft auf dem Yogaweg sind, die also nicht nur ihre wöchentlichen Verrenkungen inklusive Atemverquirlung durchführen. Die enorme Aussicht auf einen Zustand der Erleuchtung, der dir die Möglichkeit gibt, aus der Bittstellerposition zur Chefposition aufzurücken, ist fast schon berauschend. Ich bin Shiva, also, dann soll sich mein Leben gefälligst auch so anfühlen: So viel arbeiten, wie ich will (Shiva hat keinen Arbeitgeber!), mehr als genug besitzen, dass alles zu beschaffen ist, dann genug Macht zu haben, um alle schlimmen Dinge dieser Welt abzustellen. So nach dem Motto: Wenn ich Shiva bin, dann würde ich dafür sorgen, dass die Welt viel besser funktionieren würde.

Dann macht man sich an die Arbeit: Mantras singen, damit endlich alle Wünsche in Erfüllung gehen. Noch dazu, wenn doch auch der Guru Mantras zur Verfügung gestellt hat, die wunscherfüllend sein sollen! Es ist doch klar, mag man denken, dass die Gurus auch wollen, dass unsere Wünsche in Erfüllung gehen. „Mögen alle Wünsche in Erfüllung gehen“, heißt es in den Upanishads. „Dann liege ich doch“, mag man denken, „genau richtig, wenn ich mich mit aller Macht darum kümmere, dass endlich auch mal meine Wünsche in Erfüllung gehen, dass die Sachen endlich so laufen, wie ich weiß, dass sie laufen sollten.“

Mir ist diese Erwartungshaltung sehr vertraut, weil ich, wenn auch nur mir selbst gegenüber beschämt zugegeben, die Instrumente, die uns unser Guru so liebevoll geschenkt hat, für die Erfüllung wichtiger Wünsche einsetzen wollte. Der Erfolg meiner intensiven Praxis war aber überschaubar. Es gingen Wünsche in Erfüllung, andere gar nicht. Eine deutliche Geschwindigkeitsübertretung blieb ungeahndet, aber andere, mir viel dringlichere Ansinnen blieben völlig unbeantwortet. Bei wieder anderen wurde ich mit viel Nachdruck gebeten, sie aufzugeben.

Gottseidank gibt es die Kraft der Gnade auf diesem Weg! Wie verloren wären Yogaübende sonst! Dass dringende Wünsche nicht in Erfüllung gingen, führte bei mir nicht zu tiefen Zweifeln am Guru oder am Weg. Was kann ich sagen? Es war so. Aber ich empfand auch ein deutliches Unbehagen, wenn ich versuchte, mit den Methoden, die mir mein Guru gegeben hatte, irgendwelche Wünsche „durchzudrücken“. Ich ahnte schon, dass ich da auf dem Holzweg war. Mit viel Nachsinnen, mit viel Studium (Lesen der Yogatexte, der Werke meiner Meister und Nachdenken über das Gelesene) verstärkte sich die Vermutung, dass diese Art von Wunscherfüllung (siehe oben) wohl nicht befreiend sein kann.

Andere Wünsche machten sich breit: „Möge ich alles, wirklich alles, was in meinem Leben passiert, als DEIN Geschenk sehen können.“ „Möge ich DICH in jedem Atemzug, in jedem Gefühl, in jedem Gedanken sehen können“, und ähnliches mehr. Mir wurde nicht nur theoretisch klar, dass etwas hinter all den zu erfüllenden Hoffnungen steckte.

Ich wollte jetzt unbedingt direkt, ohne über den Umweg von angenehmen Lebenssituationen, von erfüllten Wünschen, Zufriedenheit erfahren und dachte darüber nach, wie das gehen könnte. Wunschlos glücklich sein, was für ein herrlicher Ausdruck in dieser Sprache!

Und es wurde klarer und klarer: Shivasein ist erst möglich (entschuldige bitte, falls das recht platt klingt), wenn alle Wünsche erloschen sind. Wenn also die Schriften um die Erfüllung aller Wünsche bitten, dann nur, weil auf dieser intensiven Suche nach deren Erfüllung die Ahnung aufkeimt, dass die Sehnsucht nach Wunscherfüllung eine Sackgasse ist. Denn auch wenn das in allen mir bekannten Yogatexten gelehrt wird, ganz tief drinnen (zumindest erscheint das am Anfang als sehr tief drinnen zu sein), hoffst du doch, dass es klappt mit der Gesundheit (völlig absurde Vorstellung!), mit dem Wohlstand, der Familie, der Partnerschaft, der erfüllenden Tätigkeit.

Viele sogenannte Gurus in Indien lassen sich zu solchen Anlaufstationen machen, zu solch aussichtslosen Hoffnungsankern. Und ihre Anhänger lieben es, Gurujis Erfolgsmeldungen zu verbreiten: Heilungen, notwendige finanzielle Stabilität, gute Zeugnisse, usw. Aber wirkliche Gurus würden ihre Schüler nicht in diesem Irrtum verweilen lassen. Sie mögen Wünsche erfüllen, aber nicht so, wie wir das wollen.

…damit wir endlich wollen können, was sie wirklich zu geben haben. Freiheit ohne Grund, Zufriedenheit ohne Ursache, Dankbarkeit für jede Sekunde deines Daseins, Glücklichsein als dauerhafte Praxis.

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Das Problem sind NIE die Emotionen!

Ich habe ja zwei kleine Jungs hier zuhause, die mir eindrücklich die folgende yogische Weisheit lehren: Das Problem sind NIE die Emotionen.

Ihre Emotionen sind so wechselhaft, dass ich mit meiner manchmal notwendig erscheinenden Schlichterarbeit nicht nachkomme. Bis ich mir überlegt habe, wie ich ihren Streit jetzt wieder auf ein gutes Gleis bringen könnte, sind sie schon längst weiter und bei der nächsten Emotion angelangt. Genau, wie mein Meister das immer wieder erklärte. Emotionen sind viel zu flüchtig, um sich ihnen ausführlich zu widmen. Denn wenn du bei einer ansetzen willst, sind schon wieder etliche andere aufgetaucht in deiner Psyche.

Seht ihr, es ist wirklich einfach: Es sind nie die Emotionen. Was uns auf längere Zeit, also mehr als ein paar Sekunden, so beeindruckt, sind nicht die Emotionen, sondern unsere innere „Gespräche“ über sie. Wenn du also jemandem erzählst, dass es dir schlecht geht, dass du traurig ist, dass du am Boden bist, etc., dann sind das nicht Gefühle, die dich da bedrängen und dir dein Glück rauben. Es sind die Begründungen und inneren Monologe, mit denen du deine Gefühle erklärst und berechtigst.

Vielleicht meinst du, das ist doch wohl eher eine Argumentation um Worte, nicht so sehr um Inhalte. In der Yogatradition Nordindiens, dem Kaschmir Schiwaismus, gibt es einen grundlegenden Text, die Siva Sutras. Gleich am Anfang gibt es einen Aphorismus, der besagt, dass aus dem Nicht-Verstehen der Kraft des Klangs, die dem Alphabet innewohnt, die Grundlage für begrenztes Wissen liegt. Worte haben große Kraft in unserem Leben. Das scheint mir in allen Sprachen so zu sein. Schon kleine Veränderungen im Klang eines Wortes können die Bedeutung grundlegend ändern. „Biete“ und „bitte“, „Tag“ und „Tal“, etc., der Beispiele gibt es viele.

Wenn ich denke, dass Emotionalität Probleme bereiten kann, dann komme ich zu anderen Herangehensweisen als wenn ich verstehe, dass das, was ich Emotion nenne, in erster Linie Begründungen und Erklärungen der sehr flüchtigen Emotionen sind, die ich erlebe. Ich könnte dann nämlich lernen, den inneren Dialog über das, was ich fühle, zu erkennen und später dann auch zu beeinflussen.

Ich könnte mir vorstellen, dass das auf Grund meiner Wortwahl, etwas hölzern und nicht so richtig spontan und natürlich bei dir ankommt. Worte wie „beeinflussen“ oder gar „kontrollieren“, „bewusst ändern“, etc. hören sich beherrscht und vielleicht gefühlskalt und sogar verdrängend an. Aber das ist ganz und gar nicht der Fall. Wenn deine Emotionalität oder, viel genauer, deine Berechtigungen im Hintergrund deiner Emotionen in dir ihr Eigenleben führen, wirst du nie gefühlsmäßig entspannt sein können. Das bedeutet, dass du immer auf der Hut bist, dass die Pferde nicht in dir durchgehen.

Jemand, der durch die yogische Praxis von Mantrawiederholung und Meditation seine inneren Dialoge hören kann, der lernt mit der Zeit, das Skript dieser Erklärungen und Berechtigungen umschreiben zu können. Diese Fähigkeit zu erwerben, mag etwas dauern und erfordert Wissen und Geduld. Aber stell dir vor, du könntest das. Das würde bedeuten, dass du Emotionalität nicht mehr nur mit angezogener Handbremse zulassen müsstest. Das Gegenteil eben von unterdrückten Gefühlen und einem emotionalen Eiertanz, damit es ja nicht zu viel oder unbeherrschbar wird.

Wie oft habe ich von Menschen gehört, dass sie vorsichtig geworden sind, sich emotional einzulassen. „Ich bin zu oft enttäuscht worden“, „ich muss mich schützen“, etc. Ist das nicht Gefangenschaft? Kann ich mit so einer Einstellung je erhoffen, frei und glücklich zu sein? Oft entschuldigen Menschen, die in dieser Art von Gefangenschaft leben, ihre Unfähigkeit, ihre eigenen Emotionsbegründungen zu verwandeln, als „ihr Herz auf der Zunge“ tragend. Sie meinen, dass sie halt ehrlich sind und direkt, einfach kein Blatt vor den Mund nehmen und dass nicht jeder mit dieser Art zurechtkommt.

Was für ein Unsinn! Sobald du den Unterschied zwischen einem Gefühl (Wut, Freude, Zuneigung, Angst, etc.) und seinen in deiner Psyche erzeugten Berechtigungen für diese Gefühle kennst, merkst du, dass du sehr wohl fühlen kannst, ohne dabei Opfer dieser Gefühle zu werden. Nochmals, es sollte klar sein, dass das wirklich seine Zeit braucht. Es ist wie mit einer körperlichen Fehlhaltung, die du dir abgewöhnen willst: Auch wenn du gut verstanden hast, was du ändern musst, auch wenn dir das jemand genau gezeigt hast, was und wie du das ändern musst, brauchst du trotzdem einige Zeit, um diese Fehlhaltung zu korrigieren. Es braucht Geduld und für diese Geduld braucht es Wissen und um dieses Wissen zu erlangen, musst du immer wieder verstehen lernen, dass du nicht Opfer deiner Gefühle bist, sondern der Geschichten, die meist ganz unbemerkt von dir (anfangs jedenfalls) dir deine eigene Psyche erzählt und mit vielen klaren Begründungen erklärt.

Das erscheint dir jetzt etwas zu mühsam? Gut, dann kannst du ja abwarten, bis es das nächste Mal passiert, dass du Opfer deiner eigenen „Emotionen“ wirst. Und glaube dann nicht, dass in dieser Situation das hier Gelesene oder woanders Gehörte gleich zur Stelle sein wird und dein Ausgeliefertsein beenden wird. Jetzt musst du lernen, verstehen und üben, damit du das übermorgen kannst

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So richtig exotisch

So richtig exotisch ist heute, wer auf dem Yogaweg einen Guru hat. Das ist so, als wäre es irgendwann einmal exotisch, eine Mutter oder einen Vater gehabt zu haben. Was für eine unglaubliche Geschichte.

Überall in den Yogatexten wird der Guru und seine Bedeutung erklärt. Seine Notwendigkeit auf dem Yogaweg ist von je her unbestritten – in Indien. Hier im Westen hat man alles von diesem großartigen Weg abgezwackt, was der „Selbstbestimmtheit“ des Übenden im Wege ist, was nur irgendwie nach Hingabe, etc. roch, oder nach Meister und so hat man als Yogi und Yogini keinen Bedarf mehr nach einem Guru.

Einmal sagte mir jemand, dass er „einfach nicht der Typ von Mensch sein, der mit Gurus was am Hut hat“. Eine andere Yogalehrerin erzählte mir bei einem Abendessen beim Inder :), dass Gott ihr Guru sei (zum Glück wird der ihr nicht dazwischenfunken). Oder noch eine gute Ausrede war: „Ich habe Familie und einen guten Beruf hier, ich werde also nicht nach Indien pilgern, nur um dort beim Guru zu leben“. Beispiele dieser Art könnte ich noch sehr viele aufzählen.

Ich habe in diesem Blog schon viele Beiträge über die Notwendigkeit geschrieben, auf diesem Weg Schüler eines Gurus zu sein. Heute geht es mir um etwas anderes.

Das Problem, das wir Menschen im Westen haben, wenn wir uns dann doch durchgerungen haben oder wenn unsere Psyche aus unerdenklichen Gründen uns doch Schüler eines Gurus sein lässt, ist, dass wir nicht wirklich Erfahrung im Umgang mit Gurus haben, ganz abgesehen davon, dass wir auch nicht wissen, was einen Guru ausmacht.

Aber sagen wir einmal, du hast die Hauptkriterien in dem ersten Teil der Kularnava Tantra gelesen, in dem die Charakteristika eines Gurus beschrieben werden, oder auch die Guru Gita studiert, die beschreibt, wer und was der Guru ist. Dann ist es nicht so einfach, zu wissen, zu verstehen, wie das ist, einen Guru anzunehmen, zu tun, was der Guru sagt, Schüler zu sein.

Vielfach habe ich das um meinen Guru erlebt, selbstverständlich bei mir selbst zu allererst. Auf einen Schüler übt ein Guru eine magische Anziehung aus. Ja, das ist so, ob uns das jetzt passt oder nicht. Und nicht passen tut es ja sowieso nur denen, die keinen Guru annehmen können.

Jeder hat seinen eigene Beziehung zum Guru, und die Guru Gita und viele andere Texte geben auch Hinweise, wie man zu einem Guru sein sollte. Wenn du wirklich einmal entdeckt hast, wie dir dein Guru in deinem Leben geholfen hat, dann hast du das starke Bedürfnis, zurückzugeben, dich zu bedanken. In Indien ist ziemlich klar, was man da macht und wie das geht. Hier im Westen ist das überhaupt nicht klar.

Menschen haben zu mir gesagt, dass in der Guru Gita steht, das ist der Text, der in meiner Tradition jeden Morgen gesungen wird, dass man dem Guru alles geben sollte, einfach alles. Das empört viele Menschen. Aber wenn man dann genauer hinsieht, heißt es, dass man dem Guru alles weihen sollte. Und weihen, was ist das? Ein so altertümlich anmutendes Wort, dass die meisten Menschen gar nicht mehr wissen, was das ist und wie das geht.

Wie verhalte ich mich richtig? Was ich sicher weiß, dass die physische Nähe zum lebenden Guru eine große Herausforderung ist. Man beginnt zu vergessen, dass man mit seinem Guru ist und nicht nur mit jemandem, den man ganz gut kennt. Man verliert die heilsame Ehrfurcht, hat Diskussionen mit dem Guru wie man sie mit anderen Menschen hat. In der Guru Gita steht, dass man nie eine Diskussion mit dem Guru gewinnen sollte. (Alle, die das lesen und sich zu denen zählen, die keine ich-brauch-einen-Guru-Typen sind, sollten jetzt einfach weiterlesen, ohne sich erschüttert abzuwenden).

Ich selbst hatte nur kurz die Gelegenheit, nahe mit meinem Guru zu sein, hautnah sozusagen. Es war magisch, unglaublich. Ist mir immer noch frisch in Erinnerung, obwohl das schon viele Jahre her ist. Aber wenn man das täglich haben kann, dann braucht es einen sehr starken Verstand, um die Schuhe des Gurus nicht einfach zu tragen, statt sie zu verehren, wenn doch der Guru noch sagt, trag sie. (siehe „Spiel des Bewusstseins“, die spirituelle Autobiografie meines Gurus).

Bei manchen entsteht sogar Eifersucht um die Aufmerksamkeit des Gurus. Man hat sich so an die Nähe zu seinem Körper gewöhnt, dass man das als normal empfindet. Manche Gurus haben Familie, in Indien war das in manchen Traditionen sogar ein wichtiges Merkmal des Gurus, dass er sich im normalen Leben zurechtfand. Und wenn Gurus Familien hatten, dann hatten sie auch auf dieser Welt ihr Schicksal damit.

Sie hatten Kinder, und der erleuchtete König Janaka hatte angeblich 700 Königinnen, die mit ihm am Hof lebten. Der Weise Yajnavalkya hatte zumindest zwei Frauen, mit denen er in einem Haushalt lebte.

Jetzt stell dir vor, du hättest so einen Guru. Und du missverstehst den Guru immer noch als seinen Körper, was ja den meisten so geht. Aber dann kommst du, was dein Verhalten betrifft, eventuell zu falschen Schlüssen. Und wiederum kann eine scheinbare Nähe deine Schülerrolle verwischen. So nah bei einem lebenden Guru zu sein, ist meiner Meinung nach eine große, schicksalshafte Herausforderung.

Wie du vielleicht schon erahnst, ist das alles nicht so einfach. Der Guru ist für den Schüler immer der Guru, ganz egal, was er macht und wie er sich benimmt. Das ist ja das Problem mit der Suche nach einem Guru, und vor allem seiner Überprüfung durch den Schüler. Wenn du da nicht sorgfältig warst, dann kannst du in ganz komische Geschichten hineingeraten. Oh je. Wir hier in unserer Kultur sind da einfach sehr, sehr naiv und unerfahren.

Die Guru Gita hilft, zu verstehen, wie du dich verhalten sollst, was das für eine Beziehung ist. Eins muss klar sein: Sie ist wie keine andere in deinem Leben. Und kluge Schüler des Gurus stellen den Guru allein an die erste Stelle in ihrem Leben.

Aber das ist ja ein perfektes Rezept für kultische Hörigkeit, magst du jetzt denken. Nein, das stimmt so nicht. Diese Stellenausschreibung für den Guru ist eine innere Stelle. Niemand muss je davon wissen. Aber es wird dir helfen, diese Beziehung so zu leben, dass sie dich befreit.

Wenn du bei deinem Guru bist und dir ein „nein, das stimmt nicht“ über die Lippen kommt, dann weißt du noch nicht, wie das geht. Wenn du bei deinem Guru bist und neugierig in seinem Leben schmökerst, dann weißt du noch nicht, wie das geht. Es ist verständlich, das Schüler Sehnsucht haben nach Neuigkeiten über ihren Guru, aber dein Verstand muss hellwach bleiben dabei, damit diese Sehnsucht nicht in Tratsch und Respektlosigkeit mündet.

Dein Guru ist nicht dein Lebensberater, er ist dein Befreiungsgarant, das ist etwas anderes. Dein Guru ist nicht dein Wahrsager, auch wenn er manchmal etwas über deine Zukunft sagt. Der Guru ist nicht dein Partnerschaftscoach, auch wenn er viele Tipps für dich parat hat, in dieser Richtung. Der Guru ist auch nicht eine wandelnde Yoga-Enzyklopädie, auch wenn er die Schriften kennt und zitiert.

Verstehst du, was ich meine? Morgen wird dieser Körper 63 Jahre alt, kaum zu glauben, dass er so lange durchgehalten hat. Heute weiß ich, dass es ein Geschenk ist, ein unglaubliches Geschenk, das Glück gehabt zu haben, einen Guru im Leben zu haben, schon so lange Zeit, über so viele Lebensberge und -täler hinweg. Jeden Tag bin ich dankbar dafür. Schon allein dafür empfinde ich mein (für mich als sehr skurril empfundenes) Leben lebenswert, jedes Jahr, jeden Tag, jede Sekunde.

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Warum die meisten Psycho-Eso-Methoden so wenig Wirkung zeigen

Immer wieder lesen und höre ich von Methoden und Techniken, die gelehrt und angepriesen werden. Manche klingen wirklich spannend, und man kann ahnen, dass sich da Menschen wirklich etwas haben einfallen lassen.

Wenn man einsieht, dass man an der allgemeinen Lage nicht allzu viel ändern kann, ist es durchaus legitim, zu versuchen, Menschen zu unterstützen, mit der Situation besser zurechtzukommen. Wenn im Arbeitsumfeld immer mehr von immer weniger Menschen zur gleichen Zeit erledigt werden soll, dann ist klar, dass der Mensch eine Art Zitrone-in-der Zitronenpresse-Dasein führt.

So richtig aussteigen kann man nicht, wenn man hier leben will. Also stellt sich die Frage, wie können wir uns in so einer Situation behelfen. Die Medizin kümmert sich um die Ergebnisse dieser Situation, also dann, wenn die Zitrone schon ziemlich ausgepresst ist, wenn Krankheiten auftreten. Die Psychologie, die aus der Medizin hervorgegangen ist, arbeitet ähnlich pathologisch.

Die westliche Esoterik, die versucht, Menschen mit einer Mischung aus östlicher Weisheit und westlicher Wissenschaft zu unterstützen, entwickelt Techniken, die schon vor der Grenze zur Pathologie helfen sollen.

Und so entstehen diese oben erwähnten Methoden, so zum Beispiel: „Wenn du morgen in die Arbeit gehst, stelle dir vor, du wärst dort von Freundlichkeit und Liebe eingehüllt“ oder „Wenn du am Abend zu Bett gehst (eine Methode zur Einschlafhilfe), stell dir vor, alle Spannungen würden von dir abfallen und du freust dich auf den nächsten, guten Morgen, der voller Versprechen auf Glück für dich sein wird.“

Ich könnte das lange so weiter schreiben. Je nach deiner Neigung würdest du manches davon wunderbar finden, manches etwas abgehoben, etc. Viele Lehrende auf diesem Gebiet merken ja sehr wohl, dass die Psyche, das Denken, der Verstand, ganz gleich, wie das bezeichnen will, entscheidenden Einfluss auf unser Wohlbefinden hat.

Warum funktioniert das nicht so gut? Der Grund dafür ist so einfach, dass ich Schwierigkeiten habe, zu verstehen, warum das nicht allen klar ist. Vielleicht kann man das einfach schlechte als Marke Eigenbau vermarkten, weil es so generell und schlicht daher kommt.

Solange ich doch nur sehr schwer Einfluss nehmen kann, was da in meiner Psyche, meinem Verstand an Gedanken und Gefühlen abläuft, wie soll ich dann in der Lage sein, irgendeine Vorstellung, die nicht prägungsbedingt in mir ihre Runden dreht, lange genug aufrechtzuerhalten, dass sie die unwillkürlichen Gedanken und Gefühle verdrängen kann?

Nochmals, es ist ganz einfach: yogascitta vrtti nirodhah – Yoga ist die Beendigung der unwillkürlichen Bewegungen des Geistes (vrtti heißt Wellen, Woge, diese Bewegungen im der Psyche, die ständig in ihr hin und her und rauf und runter schwappen). Gleich am Anfang der Yogasutras steht das.

Ganz einfach. Wer das nicht kann, heißt es weiter, lebt im (leidvollen) Auf und Ab dieser Wellenbewegungen. Alle diese Lehrer wollen dir suggerieren, dass du Schritt zwei ohne Schritt eins machen kannst. Warum nur? Vielleicht ist Schritt eins einfach nicht wirklich glamourös. Einfach nur regelmäßige Übung von etwas in der Sache sehr Einfachen, aber eben langwierigen.

Mantrawiederholung, Meditation, immer wieder. Immer wieder auch das Erlebnis, dass es noch nicht geht, auch nach Jahren nicht, dass man Rückfälle hat. Man muss das Verständniswerkzeug entwickeln, um diesen Prozess lange genug zu überstehen, dass er Erfolge zeigt.

Leider nützt es da gar nichts, mit irgendwelchen vollmundigen, spannenden, liebevollen, barmherzigen, starken Affirmationen zu arbeiten, solange deine Prägungen das Gesamtfeld deiner Psyche uneingeschränkt beherrschen, mit all der Macht ihrer Begründungen und Erläuterungen und Berechtigungen.

Wenn du nicht das richtige Verständnis hast, das dir die Begründungen liefert, um auf diesem einfachen Lernweg zu bleiben, werden die machtvollen Prägungen, die übrigens immer alt sind und je älter je machtvoller, dich davon abhalten, das dir das Mantra zu eigen zu machen und Meditation so in deinem Leben zu verankern, wie Atmen oder Zähneputzen, was du ja auch sicher wieder machen wirst, auch wenn du es einmal vergessen hast. Und dein Verstand wird dir dann nicht einreden, dass Zähneputzen halt nichts für dich ist oder dass du es jetzt doch nicht mehr machen kannst. Du machst es, auch wenn du keine Lust hast. Du kommst nicht auf die Idee zu sagen, „also ich muss mich halt auch einfach danach fühlen, so erzwingen kann ich das nicht“, oder?

Glaub mir, das Mantra und die Meditation sind viel viel wichtiger für dein Wohlbefinden als Zähneputzen. 🙂 Und wenn du das dann einigermaßen kannst, dann kannst du all diese wundervollen Affirmationen, Traumreisen, Traumbilder, Umprogrammierungen, und was sonst noch für leckere Begriffe die Runde machen, wirkungsvoll für dich einsetzen.

Aber ohne yogascitta vrtti nirodhah geht einfach gar nichts in dieser Richtung, da gehen nur diese wertlosen, haltlosen Prägungen.

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Wirklich lesenswert

Hier ist ein Link zu einem Text, denn ich unbedingt zum Lesen empfehle…

https://media.siddhayoganac.org/teachings/2018/gm-talk-responsibility/tr/your-genuine-responsibility-de.pdf

Alles Liebe an alle Lesenden!

 

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Solange du noch Hoffnung hast,

sagte mein Meister einmal zu mir, bleibt dir die Vollkommenheit des Augenblicks verborgen. Damals dachte ich mir, klar, das macht Sinn. Aber in seiner ganzen Tragweite wurde das erst viel später klar.

Hoffnung ist für viele religiöse Menschen in der westlichen Kultur eine Möglichkeit, mit den Unwegsamkeiten der erlebten Gegenwart zurecht zu kommen. Wenn wir nicht genug haben, hoffen wir, dass es in Zukunft besser wird. Wenn wir Beziehungsprobleme haben, hoffen wir, dass es später besser wird. Wenn wir berufliche Probleme haben, hoffen wir, dass sich auch das mit der Zeit schon wieder bessern wird. Man könnte diese Reihe noch weiter fortsetzen. Es gibt viele Gründe, zu hoffen.

Aber wie genau funktioniert Hoffnung? Du hast ja nur dann Hoffnung, wenn etwas nicht gut läuft in deinem Leben, in dem, was du erlebst oder wovon du meinst/weißt, dass es ist. Die Erfahrung des Krieges lässt die Hoffnung auf Frieden wachsen. Ein als schwierig wahrgenommenes Leben jetzt lässt Menschen auf ein besseres Leben danach hoffen. Hoffnung ist also immer eine Reaktion auf das, was ist. Wer hofft, wendet sich in der Hoffnung immer vom hier und jetzt ab.

Um zu hoffen, auf diese Weise, muss man ein wirklich tiefgreifendes Missverständnis über das, was man erlebt, haben. Man versteht den Zusammenhang zwischen dem, was man erlebt, und dem, was man sozusagen mitbringt, nicht richtig. Was eine Situation, einen Menschen, einen Ort für dich zu einem negativen Ergebnis macht, sind Prägungen, also innere Gründe.

Moment, magst du denken. Und was ist mit Krieg, mit Mord, mit all den schrecklichen Dingen, die wir Menschen erleben? Ich möchte ganz bestimmt nicht sagen, dass schreckliche Dinge nur schlecht geredete Ereignisse sind. Aber Hoffnung ist nie eine gute Antwort auf derartige Erlebnisse. Warum nicht? Hilfe sie einem nicht über die momentanen Schrecken hinweg?

Nein, tut sie nicht. Sie lenkt ab, lenkt auch ab, von dem, was zu tun ist, jetzt. Hoffnung ist kein guter Handlungsimpuls bei schrecklichen Situationen. Die Vertröstung auf ein Paradies im Jenseits ist die Möglichkeit, Menschen einzureden, dass sie alles einfach erdulden sollen, weil es ja danach besser wird und es hier sowieso nicht gut sein kann und wird.

Und das tut genau das, was ich vorhin beschrieben habe: Es lenkt dich ab von dem, was jetzt zu tun ist. Manche missverstehen Yoga da vielleicht. Sie meinen, dass jemand, der sein Schicksal annimmt, passiv, duldsam und eine Art Opferlamm ist, das sich lieb und brav zur Schlachtbank führen lässt.

So habe ich jedenfalls die Worte Yogatradition nicht verstanden. Wenn du im Augenblick präsent sein kannst und nicht hin und hergerissen wirst von dein Verlangen deiner Sinne, kannst du sehr wohl effektiv und angemessen reagieren. Du kannst zutreffend einschätzen, was du tun kannst und was nicht.

Wenn du gelernt hast, nicht mehr Opfer deiner Gedanken und Gefühle zu sein, bist du effektiv in dem, was du tust. Und kannst traurig sein, wenn die Umstände es erfordern und lustig und mutig und stark.

Und deshalb: Lass es einfach, das Hoffen. Es ist reine Zeitverschwendung. Es ist das Ende der Gegenwart. Und der Anfang der Wiederholung der alten Gewohnheiten. Aber ohne Hoffnung leben, dann ist doch alles dunkel und schrecklich, oder? Das magst du dir denken. Aber nur, weil du nicht weiter, nicht tiefer über den inneren Prozess beim Hoffen nachgedacht hast.

 

 

 

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Verwechslungen und andere übliche Missverständnisse

Das ist mir heute untergekommen:

„Die meisten Menschen scheitern nicht an ihren Zielen, sondern im Umgang mit ihren Ängsten. Für ein freies Leben ist es jedoch entscheidend, nachhaltig und wirkungsvoll damit umzugehen. Die Kursleiterin ist überzeugt, dass ein wertschätzender Umgang mit sich selbst und seinen Gefühlen jeden Menschen wieder in Kontakt mit seiner ursprünglichen Vision und Power bringt. Und von hier aus ist ein authentisches Dasein nicht nur möglich, sondern die logische Schlussfolgerung.“

Wie ich im Thema ja schon sagte, geht es um Verwechslungen und um Missverständnisse. Unsere Kursleiterin, die das sicher selbst geschrieben hat, hat so manches verwechselt hier. Es geht mir nicht darum, irgendjemanden in ihrer Abwesenheit zu verunglimpfen, daher auch keine Namen und keine Quellen. Ich möchte damit nur etwas aufzeigen.

Viele Menschen hören so etwas und überlegen sich, ob sie das Budget dafür haben, sich das beibringen zu lassen. Die Verwechslung der meisten liegt bei Gefühlen und der Begründung und Rechtfertigung dieser Gefühle. Diese Verwechslung ist intellektuell, aber auch ein Ergebnis von Ungenauigkeit. Es fehlt diese klare Trennschärfe. Wenn wir von Gefühlen sprechen, sprechen wir meistens über sie als ihre Begründungen.

Vielleicht denkst du dir, das ist jetzt schon ein wenig übertrieben. Gefühle, Begründungen, das ist doch alles das Gleiche. Das ist doch nur eine Spitzfindigkeit.

Vielleicht ist eine derartige Wort-Schludrigkeit notwendig, wenn man so wenig über so viel wissen will, wie das in unserer modernen medialen Welt vorgeschlagen wird. Aber Worte haben große Macht, wie wir ja alle wissen. Leid und Lied unterscheidet nur ein Buchstabendreher. Der  Bedeutungsunterschied ist aber groß. Wir sind also schon sehr präzise mit Worten, denn wir verstehen, dass ihr ungenauer Gebrauch Verständigung sehr erschweren kann.

Wie kann man einen wertschätzenden Umgang mit einem Gefühl haben? Wie kann man mit Ängsten nachhaltig umgehen? Wenn ich meine Gefühle wertschätze, was mache ich dann genau? (Vielleicht hättest du das ja in dem Kurs mit der oben erwähnten Kursleiterin gelernt, lieber vamdev, magst du denken) Alle Menschen haben die gleichen Gefühle, das zumindest behaupten die Yogatraditonen. Wut, Hass, Liebe, Freude, Neid, Mut, Angst, etc. sind Gefühle, die alle Menschen haben. Sie sind alle in Reinform in uns enthalten, heißt es da. Und zwar dort, wo wir hindeuten, wenn wir auf uns zeigen. Und da zeigt ja keiner auf sein Gehirn, auch der überzeugte Gehirnforscher nicht, der „weiß“, dass unser Bewusstsein im Gehirn ist. Und keine zeigt auf ihr Geschlechtsteil oder ihre Haare etc.

Dort also sind diese Gefühle vorhanden. Ausgelöst werden sie, so kann man in den Yogatexten lesen, von unseren Prägungen. Das geht allen Menschen so. Wie habe ich diesen Gefühlen gegenüber Wertschätzung? Mehr Sinn entsteht, wenn es sich um eine Verwechslung handelt, wenn nicht die Gefühle, sondern ihre Begründungen gemeint sind.

Inzwischen ist mir klar geworden, dass Menschen nicht wirklich unterscheiden können zwischen Gefühlen und deren sofort in ihren aufsteigenden Begründungen und Berechtigungen dieser Gefühle. Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Wenn du eine Hose trägst und einen Gürtel, den du viel zu eng zugemacht hast, und du das Gefühl, dass dir ständig schlecht ist und dein Darm schmerzt, damit begründest, dass du Darmkrebs hast, dann ist dieses Missverständnis für dein Leben in deinem Körper so etwas wie eine rote Karte.

Wenn du Gefühle mit ihren Begründungen verwechselst, dann wirst du auf eine Weise mit ihnen umgehen, die dich nur mehr und mehr in die Begründungen verstricken und begraben.

Wie kann ich Wertschätzung mir gegenüber in einem Atemzug mit der Wertschätzung meinen Gefühlen gegenüber erwähnen? Wenn ich mich mit den Begründungen für meine Gefühle identifiziere, ja, dann stimmt das. Aber wie soll ich so je an meine Kraft herankommen, wenn ich diesen Begründungen so viel Wert und Bedeutung gebe?

Meditation oder Mantra-Wiederholung ist der Schlüssel zur Erkenntnis, dass Gefühle und ihre Begründungen doch eine eher lockere Beziehung mit einander haben. Konzentrierte, entschlossene Mantra-Wiederholung nimmt den Begründungen mit der Zeit ihre Ernsthaftigkeit und ihren Wind aus den Segeln. Du wiederholst das Mantra, Gedankengefühle kommen dazwischen immer wieder auf. Aber du bleibst beim Mantra, mit dem Atem verbunden. Dann wirst du mit der Zeit sehen, wie du Begründungen für flüchtige Gefühle in deiner Psyche baust oder sie das selbst, (scheinbar) automatisch ihren Prägungen gemäß macht.

Wenn dein Wissen und deine Entschlossenheit stark genug sind, und glaube mir, dann lernst du sehr wohl und deutlich zwischen Emotionen und ihren Begründungen und Rechtfertigungen zu unterscheiden. Jetzt könntest du auf die Idee kommen, wenn du das langsam erlernt hast, zu versuchen, deiner Art, Rechtfertigungen zu erstellen, auf die Schliche zu kommen. Aber das wäre ein Irrweg, ist völlig uninteressant und nur geeignet, wenn dir sonst alles im Leben ziemlich langweilig ist.

Sonst bringt dir das nichts. Es lenkt dich ab, ab von dir, der wirklich nur so viel an diesem ganzen Prozess beteiligt ist, wie er es will. Da wird mir die Sprache schon wieder ungenau, leider. Wenn du alle „dus“ mit „ich“ ersetzt, passt es ein wenig besser.

Wie aber willst du diesen herrlichen Prozess bewerkstelligen, wenn du meinst du bist deine Gefühle, die du, wie dich selbst auch, wertschätzen solltest? Es wird nicht möglich sein. Und du bleibst auf lange, lange Zeit eine Gefangene deiner eigenen Berechtigungen für Gefühle, die alle Menschen doch mehr oder weniger gleich haben. Besonders individuell sind sie nicht.

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Psychische Dynamik im Yoga

Das Konzept der psychischen Dynamik ist ein zentrales im Yoga. Um es zu verstehen, bedarf es einiger Grundlagen.

In der yogischen Psychologie bin ich der Besitzer der Psyche, der sie sozusagen bedient. Aber so, wie das Betriebssystem eines Smartphones zum Beispiel nur erfassbar und wirklich sichtbar wird, wenn man sie auf ein Smartphone aufspielt, so brauche ich die Psyche wie eine Art Hardware, um definitive Erlebnisse zu haben.

Die Psyche wiederum ist die Software des Körpers, der erst durch sie ein dienendes Instrument für mich wird, der mir alle möglichen Erfahrungen schenkt. Man könnte also, um beim Technikbeispiel zu bleiben, sagen, dass ich wie der Nutzer des Körpers, des Smartphones bin, der aber die Psyche oder das Betriebssystem braucht, damit mit ihm wie bei einem Smartphone irgendetwas passieren kann.

So weit so klar? Ja, genau, im Yoga ist die Psyche mit ihren Ablegern, Vernunft, Ego und Erinnerungsspeicher das Betriebssystem, nicht „ich“. Und der Körper ist das Instrument der Psyche.

Stell dir das als eine sehr vehemente, dynamische Bewegung von innen nach außen vor. Wie ein Schwall, der aus dir herauskommt, mit großer Kraft. Dieser Schwall, der so schnell und heftig ist, geht von dir über deine Psyche aus deinem Körper. Man könnte jetzt annehmen, dass ich das alles erfahre, was die Psyche über den Körper an Erlebnissen einholt, wie ein Fischer Fische über sein Netz einholt.

Das Problem ist, dass im Prozess des Nach-außen-Strömens ich mich so mitreißen lasse, dass ich vergesse, dass ich der Initiator von allem, was ich erfahre, bin.

Dieses Vergessen ist nicht wie „ich habe meinen Schlüssel vergessen“ oder „ich habe deinen Geburtstag vergessen“. Es ist tief gehend, umfassend, vollständig. In diesem Vergessen werde ich zum Opfer von dem, was mir „passiert“. Im Yoga heißt es, „was mir zu passieren SCHEINT“, wie das Wasser in einer Fata Morgana. Das geht so weit, und das ist die normale Lebenserfahrung der Menschen, dass ich mich als Opfer, hilflos, ohnmächtig fühle, ausgesetzt. Opfer wovon? Opfer der Fische, die der Fischer (meine Psyche) gefangen hat.

Hört sich sehr kryptisch, theoretisch, etc. an? Kann ich mir gut vorstellen. Aber wenn du das aufmerksam liest (und ich keinen logischen oder Verständnisfehler gemacht habe), wird es klarer.

Was kann ich da machen? Wie kann ich da etwas ändern, wenn mein Vergessen so vollständig ist?

Da kommt diese psychische Dynamik ins Spiel. Wenn die Fische im Boot sind, kannst du dich nicht mehr beschweren, dass du fischen gefahren bist. Wenn du das nicht willst, musst du viel früher anfangen. Und viel früher ist auch einfach:er Du musst einfach nicht mit dem Vorsatz aus dem Haus gehen, zu fischen.

Klingt etwas banal, aber es zeigt, dass wir dort anfangen sollten, etwas zu ändern, wo es möglich ist. Oft scheint mir unsere Kultur sich viel zu sehr mit den Fischen zu befassen, um im Bild zu bleiben.

Mein Meister hat oft mit uns über diese psychische Dynamik gesprochen. Wenn du aufhören willst, zu rauchen, dann kauf dir keine Zigaretten und geh nicht mehr in deinen Raucherclub. (ja, ich weiß, das ist jetzt etwas vereinfacht.) Wenn du fasten willst, dann leere vor dem Fastenanfang deinen Kühlschrank. 🙂

Meditiere. Wiederhole das Mantra. Lerne mit der Zeit zwischen Gedanken als Inhalt („ich mag diesen Typen einfach nicht“) und Gedanken als Energie (Dynamik) zu unterscheiden: Die Enge, die Hitze, das Herzklopfen, das flache Atmen, etc., was du halt spürst, wenn du so einen Gedanken hast.

Das Gefühl, von dem du meinst, dass es der Inhalt des Gedankens auslöst, wird aufrecht erhalten durch ständige Wiederholung der Begründung und Berechtigung des Gefühls in deiner Psyche. Sätze wie „das geht doch allen so mit dem“ oder „das ist doch ganz klar“ oder „es ist einfach Fakt“ bedeuten, dass dieser Begründungsprozess schon ein Weile in deiner Psyche sein Unwesen getrieben hat. Wenn das lange genug in deiner Psyche so gelaufen ist, wirst du in irgendeiner Weise zu Handlungen, auf den Inhalt deiner Gefühle bezogen, gezwungen.

Je selbstverständlicher dir dieser Vorgang erscheint („aber das geht doch allen normalen Menschen so“), desto schwerer wirst du dich tun, dich von den Inhalten abzuwenden, indem du dich der Energie dieser Gedanken und Gefühle zuwendest.

Wenn du einmal probieren möchtest, deine Aufmerksamkeit auf die Energie und nicht mehr auf die Inhalte zu lenken, versuche es mit einfachen, nicht allzu heftigen und alten Gefühlen/Gedanken.

Fragen bisher? Stell sie mir gerne.

 

 

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Freude ist IMMER eine Alternative

Vor etlichen Jahren war ich dabei, aus den USA nach Deutschland zurückzukehren. Ich verbrachte meine letzten Tage bei meiner Meisterin und war im Ashram mit meiner Tochter unterwegs. Da sah ich sie aus ihrer Wohnung kommen, einen langen, langen Gang entlang, ein paar Treppen hoch, zu meiner Tochter und mir. Ich war ganz und gar beschäftigt mit meiner Trauer, weil ich meine Tochter zurücklassen würde und mit meiner Sorge um ihr Wohlergehen. Dieses Gefühl hatte mich wie eingedunkelt. Und genau in dieser inneren misslichen Lage kam sie, meine Meisterin, von weitem für mich sichtbar, unvermeidbar auf mich zu. Ich wollte ihr so sicher nicht begegnen, genierte mich (was schon fast lustig anmutet!) in meinem Zustand vor ihr, aber ich konnte einfach nicht von ihm lassen. Ich versuchte, irgendeine Türe zu öffnen, zur Cafeteria, zum Buchladen, zum Tempel, um ihr so aus dem Weg zu gehen. Aber alle waren verschlossen, und sie kam beschwingt und freudvoll auf mich zu.

Meine Tochter war neben mir und freute sich so sehr, meine Meisterin zu sehen, dass sie hüpfend und tanzend auf sie zulief und sie voller Schwung umarmte. „Wie geht es dir?“ rief meine Meisterin meiner Tochter begeistert zu, die mit gleicher Begeisterung „sehr gut“ rief. Und im gleichen Ton und voller Freude fragte sie auch mich, der ein paar Schritte entfernt stand, mit meinem kläglichen Versuch, irgendwie in der Mauer zu verschwinden: „Und dir? Wie geht es dir?“ Mehr als ein gemurmeltes „nicht so gut“ brachte ich nicht raus.

Das muss man sich einmal vorstellen: Es war, was ich damals nur ahnte, bis heute das letzte Mal, dass ich ihr von Person zu Person begegnete.  Und ich war so besetzt von meinen intensiven Gefühlen. Zuerst ging sie an mir vorbei, fast ein wenig hüpfend wie meine Tochter, dann wirbelte sich herum und sah mich intensiv an und sagte: „DU, gerade DU solltest nicht so sein!“ Mir war sofort „klar“, dass sie meinte, ich sollte nicht so fühlen und so entschuldigte ich mich bei ihr, ziemlich erschrocken. Dann stand sie vor mir, fast etwas ungeduldig und schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, nein!“ Dann wandte sie sich an ihre Sekretärin, eine 25-jährige Inderin und sagte gleichzeitig zu ihr und zu mir: „Ihr solltet euch treffen und miteinander reden.“ Dann ging sie weiter. Ihre Sekretärin blieb bei mir, und wir machten einen Termin aus.

Vieles kam bei diesem Treffen zur Sprache. Heute, aus der zeitlichen Distanz betrachtet, war das eines der Schlüsselerlebnisse auf dem Weg für mich. Es war eine großartige Kurskorrektur, fein, klar, kraftvoll. Eine Kurskorrektur hin zu mehr Selbstliebe: Die junge Frau sagte mir, meine Meisterin hätte einmal gesagt: „Von allen Menschen, mit denen du Zeit verbringst, verbringst du die meiste Zeit mit dir. Du musst mit dir die engste Freundschaft schließen“, wie das im Yoga immer der Fall ist.

Was ich heute sagen kann, ist, dass Freude immer eine Alternative ist, zu allen anderen Gefühlslagen. Schwere, Bedeutung, Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit – das sind in scheinbar schwierigen Lebenslagen die Gegenspieler der Freude in uns. Aber es ist möglich, sie außer Acht zu lassen. Meine Meisterin lud mich damals dazu ein, um der Freude des Augenblicks willen, meine Sorgen fallen zu lassen. Was ich nicht konnte. Noch nicht.

Sehr gut kann ich verstehen, dass viele Yogis auf dem Weg das Gefühl haben, dass Freude sicher NICHT immer eine Alternative ist, weil das Leben eben manchmal zu bedrückend, zu sehr eine Herausforderung ist. Menschen, die Yoga nicht praktizieren, würden sogar denken, dass wir den Ernst des Lebens leugnen wollen. Aber das ist nicht so.

Es geht immer wieder um die gleiche Einstellung: ich kann mit allen Gefühlen als Gefühle umgehen oder als deren Inhalte. Auf der Inhaltsebene muss ich mir quasi die Gründe für die Gefühlslage, die ich verändern möchte, ausreden. Und je nach dem, wie lange diese Gefühle in mir ihre Kreise gezogen haben und mich damit in ihren Bann gezogen haben, ist das wahrhaftig ein schwieriges Unterfangen.

Aber wenn es mir mit der Zeit (durch Meditation, durch Mantra, durch Studium) gelingt, Gefühle als Gefühle zu erfahren, in mir, wird Freude die vorrangige Alternative zu einem Zustand, wie ich ihn damals erlebt habe. Ich wusste sehr wohl, dass ich darin gefangen war, in dieser düsteren Gefühlslage … aber eben diese Gewissheit hat es mir auch unmöglich gemacht, im Angesicht der Freude und Leichtigkeit meiner Meisterin meine Gefühlslage zu ändern, der Realität ihrer Freude zu folgen.

 

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Wenn dein Leben voller Aufgaben ist…

heißt das noch lange nicht, dass diese Fülle in dir einen Sturm der inneren Unruhe auslösen muss. Natürlich, wenn du wie alle anderen Menschen denkst und lebst, dann ist das zwangsläufig die Folge. Dann musst du aufpassen, dass du keine Burn-out hast, dass du nicht psychische Probleme bekommst, dass du nicht krank wirst, von all der Überlastung.

Aber für jemandem auf dem Yogaweg ist das nicht zwangsläufig so. Wieso nicht?

Weil wir lernen und immer wieder hören und uns immer wieder daran erinnern, dass das, was „außen“ läuft, nicht zwangsläufig auch in uns stattfinden muss. Ist dir klar, was das bedeutet? Das Leben ist wechselhaft, für alle Menschen. Wie das Wetter. Kurzfristige Änderungen und langfristige Entwicklungen. Das ist ganz normal, ganz gleich, welchen yogischen Zustand man errungen hat. Musst du deshalb auf den innere „Oh mein Gott, was soll ich nur machen“-Modus umschalten? Natürlich nicht, wenn du dir das, was ich yogische Psychologie nenne, angeeignet hast.

Wenn du verstehst, wie deine Psyche wirklich funktioniert, wenn du lernst, dieses erstaunliche Instrument zu verwenden, dann musst du nicht auf diesen Modus umschalten. Die nordindische Yogatradition, auch Shivaismus aus Kaschmir genannt, versteht die Psyche als reines Ich-Bewusstsein, das sich immer mehr verengt und einschränkt. (Prajnabhijna hrdayam, Vers 5) Diese Verengung und Zusammenziehung, so wird gelehrt, findet statt, wenn die Psyche sich nach außen richtet, auf (und jetzt wird es interessant) von ihr selbst nach außen projizierte „Objekte“, deren Form sie dann annimmt. Zu kompliziert? Dann lass uns das genauer ansehen.

Bewusstsein hat, wenn es „bei uns“ angekommen ist, also sich individuell ausformt, zwei Bewegungsrichtungen. Nach „außen“ und nach „innen“. Ich schreibe das in Anführungsstrichen, weil diese Bewegung nur scheinbar ist. Wenn sich die Psyche die „Objekte“ selbst erzeugt und dann darauf ihre Aufmerksamkeit richtet, dann ist dieses Nach-außen-Gerichtetsein ja nicht wirklich. Es ist wie ein Selbstgespräch, wie ein Tagtraum, den wir als solchen, also als Tagtraum, sehen können oder auf dem und mit dem wir reagieren können, als hätte wir eine objektive, faktische Wirklichkeit erlebt.

Nach „innen“ geht es dann, wenn wir erkennen, dass ein „Außen“ nicht wirklich existiert und nur eingebildet ist. Ja, genau, das bedeutet in erster Linie „sich nach innen richten“. Eine derartige Erkenntnis muss natürlich stabilisiert werden, durch die Praxis von Meditation und Mantra-Wiederholung (das ist wirklich die einfachste Methode der Stabilisierung). Die yogisch letztendliche Erkenntnis, dass alles was ist, war, sein wird und alles, was nicht ist und nicht sein wird, von mir ausgeht, ist der Endpunkt auf dem Weg der Verinnerlichung. Es geht also darum, sich von einer Illusion zu befreien.

Ich kann das gar nicht genug betonen. Erst wenn man das wirklich einsehen kann, begreifen kann, dass das „Außen“ nur durch Einbildung und Vergessen (dass es sich nur um eine Einbildung handelt) von dem, was wirklich ist, entsteht, fängt die Heimreise an. Ein großer Meister aus dem 10 Jh. beschrieb das so, als Heimreise. Solange ich aber meine, dass doch ganz bestimmte Dinge doch unabhängig von mir im Außen existieren, kann ich keinen tieferen Einblick in meine Wahrheit, meine Wirklichkeit nehmen.

Hast du Fragen dazu? Dann stell sie hier. Alles Liebe

 

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Der wahre Geschmack der Welt

Einmal trafen sich Buddha, Shankaracharya, der große Meister des Vedanta, und Abhinavagupta, der Shaivaguru, im Himmel. Ein Engel kam und reichte ihnen ein Getränk und sagte: Das ist das Getränk der Welt. Kostet es und sagt mir, wie es schmeckt.

Als Erster kostete Shankara und spuckte angeekelt wieder aus und rief: Schmeckt einfach nur schlecht. Als nächstes war Buddha an der Reihe. Der Engel reichte ihm den Trank und Buddha nahm einen Schluck. Völlig regungslos bemerkte er: Schmeckt nur nach nichts. Völlig geschmacklos.

Dann war es an Abhinava, zu kosten. Er nahm dem Engel den Becher aus der Hand und trank ihn in einem Zug und sichtlich genüsslich leer. Auch ihn befragte der Engel: Warum hast du mit solchem Genuss getrunken? Abhinava lachte und sagte: Der Geschmack der Welt ist genauso gut oder schlecht oder ganz ohne Geschmack, je nach dem, wie man ihn haben will.

Meine Meisterin sagte uns einmal: Wenn du nach Problemen suchst  wirst du unendlich davon finden. Wenn du nach dem Guten suchst  wirst du unendlich davon finden. Es liegt an dir, was du finden willst. So ist es. Ja, klar, magst du jetzt vielleicht sogar genervt abwinken. Wissen wir doch alle. Aber das dann auch konsequent leben können,  das ist noch etwas ganz anderes. Wie kann man diese Kluft zwischen Wissen und Können überwinden?

Wenn es auf diese Frage so eine richtig glatte, einfache Antwort geben würde, würden die meisten Menschen ihren geistigen Weg zu Ende gehen, was ja nicht der Fall ist. Die Worte der Antwort sind schon einfach: Wenn du weiter dein Mantra praktizierst, meditierst, ernsthaft, mit dieser ganz speziellen Entschlossenheit, die auch flexibel ist, wenn du studierst, über das, was du studiert hast, immer wieder nachsinnst, wenn du kein Problem damit hast, einen Guru zu haben, dann wird dieser Spalt, diese Kluft mit der Zeit verschwinden. Du wirst entdecken, dass immer weitere Bereiche deines Lebens eher mit Freude, mit Zufriedenheit, mit Dankbarkeit gefüllt sind und nicht mehr mit Sorgen und anderen inneren Feinden, wie Missgunst, Habgier, Neid, Eifersucht, Hartherzigkeit und emotionaler Kälte. Mit der Zeit werden Zustände dieser Art kurzlebiger, flacher und damit auch weniger heftig.

Ich dachte ja lange Zeit, dass das sowieso mit dem Alter kommt. Das würde dem Älterwerden eine sehr schöne Komponente hinzufügen. Aber leider ist das nicht so. Wenn du dein Leben lang deine Psyche diesen Räubern überlassen hast, dann solltest du nicht überrascht sein, wenn sie es sich im Alter in deiner Psyche so richtig bequem gemacht haben. Wie sollte es auch anders sein? Dieses den Weg weiter gehen ist entscheidend. Wenn Zweifel auftauchen, weil es vielleicht schon so lange geht, weil dir deine Gedanken einreden wollen, immer wieder, dass sich ja nicht wirklich etwas getan hat auf deinem Weg, dann wende dich an jemanden, der dir aus dieser Misere helfen kann.

Leider haben so manche Missverständnisse leise Pfoten und schleichen sich fast unbemerkt ein. Da braucht es deine Aufmerksamkeit, dein Urteilsvermögen, das im Yoga immer wieder so betont wird. Nur die yogische Art des Studiums kann dieser schleichenden Verwirrung Einhalt gebieten. Daher ist es immer wieder gut, die Worte der Meister zu lesen, deines Meisters, deiner Meisterin zu lesen. Wenn du bemerkst, dass du keine Lust mehr darauf hast, weil du das schon zur Genüge kennst, dann lese erst recht, was dein Guru geschrieben hat. So schleifst du den Edelstein deines Weges, deines Verständnisses mit der Zeit zu vollkommener Schönheit, zu makelloser Perfektion.

Dann ist der Geschmack der Welt köstlich, weil du lernst, überall den Segen von Kundalini Shakti, deines Meisters zu entdecken. Deine Welt ist dann mühelos mit Dankbarkeit erfüllt. Und wenn es Schwierigkeiten gibt, denen du dich stellen musst, dann können sie in dir nicht mehr diese Verzweiflung auslösen, wie das vielleicht früher der Fall war. Vielmehr vertiefen sie die innere Verbindung mit deinem Meister, intensivieren dein Vertrauen auf die Weisheit und Unfehlbarkeit deiner inneren Kraft, Kundalini Shakti.

 

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Vom Yoga der äußeren Form zum inneren Yoga – die große Herausforderung

Es genügt nicht, die Übungen im Yoga zu machen, heilige Asche aufzulegen, sich zu scheren, darauf zu achten, immer reine yogische Begriffe zu verwenden. Du sitzt vor den Fotos deiner Meister, die du überall um dich herum hast, du singst die Gita, meditierst, liest die Texte. Aber kommst über das Bittstellertum nicht hinaus. Du tust doch alles, was gelehrt wird, aber beim „Die Welt ist so, wie du sie siehst“ (Yoga Vasishta), bei „Ich bin Shiva“, bei „Gott wohnt in dir als DU“, da würdest du schon gerne noch ein wenig diskutieren. Da kann man es sich, sagst du, schon auch sehr leicht machen.

Und bei alle dem bemerkst du, dass deine Emotionen immer noch Katz und Maus mit dir spielen, obwohl du das doch schon mal so gut gekonnt hast, das Beherrschen dieser Eruptionen. Deine negativen Gefühle hast du schon verbannt geglaubt, aber dann, dann brechen sie wieder hervor, ungezügelt, deine Wut, deine Ressentiments, deine abschätzigen Worte über andere. Jetzt wird es natürlich schwierig: So lange auf dem Weg und so neben den Schuhen sein (Gruß an meine Schweizer LeserInnen): Dein ganzes spirituelles Sortiment muss herhalten, um das zu erklären, zu berechtigen, diese Unzulänglichkeit, dieses Nicht-anwenden-können der Lehre.

Und dann ist da (wie kann man dafür je genug dankbar sein, als Yogi auf dem Weg!) die Kraft der Gnade, ihre glorreiche spielerische Sicherheit im Zerstören deiner Begrenztheiten. Ich weiß nicht, ob du schon von Durga gehört hast, die mit wahrer Eleganz und Leichtigkeit ganze Riesenheere von Dämonen ausgelöscht hat, mit einem sanften, fast verschmitzten Lächeln. Sie macht keine halben Sachen. Sie wird dein Ego immer wieder liebevoll in die Falle locken, in der es sich offenbart, ungewollt und doch gewollt. Sie wird nicht ruhen, bis dein Weg von außen nach innen gewandert ist … solange du irgendwie weiter mitmachst.

Den Weg in dich hineinzubringen, das ist nicht so einfach. Viele Menschen verlassen lieber ganz den Weg, klagen den Weg und seine LehrerInnen an, halten den Guru in heiliger Distanz und lassen ihre Wut an anderen aus. Sie klammern sich mit allem, was sie zu haben meinen, an das, was ihnen bedeutend und wichtig ist. Das ist nur zu verständlich.

Einmal beschimpfte mich ein Kursteilnehmer wütend, als ich versuchte, das Mantra OM namah Shivaya so zu schreiben, dass es in ungefähr richtig auszusprechen war: Ohm namma Schiwahja. Was mir eigentlich einfiele, schimpfte er, diese heilige Schreibweise (OM namah Shivaya) so zu verunglimpfen mit dieser Schreibweise.

Dabei wusste er offensichtlich nicht, dass diese Schreibweise in lateinischer Schrift der Versuch war, die Silben des Devanagari (ॐ नमः शिवाय) irgendwie in eine englische Aussprache zu bringen. Und auch nicht, dass schon Devanagari eine Erfindung eines indischen Königs war, noch dazu ein Buddhist, der diese Schrift ca. 200 a.D. entwickelt und eingeführt hatte. Brahmanen, die traditionellen Hüter des Sanskrit, aus dieser Sprache stammt das Mantra, sind vielfach der Meinung, dass Sanskrit gar nicht geschrieben werden sollte, sondern nur mündlich ausgesprochen werden kann.

Aber das Ego liebt es, sich in Äußerlichkeiten und Wichtigkeiten niederzulassen. Es liebt die formale Perfektion. Daher ist das mit dem Ego und dem Meister so eine verflixte Geschichte. Der Meister liebt doch auch die Formen. Er, denkt sich das Ego, hat sie uns doch überhaupt erst gelehrt. Wo man, wie man, warum man sitzt, wie man Ganesha verehrt, welches Sitzkissen am besten ist, warum man den rechten Fuß zuerst über die Schwelle eines heiligen Ortes setzt. „Davon“, sagte das Ego, „wussten wir doch vorher gar nichts.“

Und dann passt es doch wieder nicht. „Jetzt mach ich es endlich einmal richtig, und dann ist es schon wieder falsch. Ich kann es einfach nicht recht machen.“ Das Ego rollt die Augen und erklärt sich das Ganze schließlich so: „Wahrscheinlich soll ich das alles nicht so wichtig, so ernst nehmen.“ Das Ego ist erleichtert, endlich hat es eine Möglichkeit für sich entdeckt, mit dem Wichtigen und mit den Regeln und der Tatsache, dass sich gerade um den Meister herum immer wieder Leute nicht an die Regeln halten, umzugehen.

Nach Jahren dieser Praxis winkt das Ego einfach ab, wenn der Meister wieder mit etwas Neuem kommt. „Kennen wir doch alles, haben wir schon gehabt, ich warte mal, bis die Welle wieder vorbei ist.“ Es verkennt vollkommen, dass das ganze großartige Spiel, das der Meister aufzieht, nur bewirkt, dass der Besitzer des Egos endlich wieder die Zügel in die Hand nimmt. Was das Ende des Egos, „wie wir es kennen“, bedeutet.

Für das Ego geht es nämlich nicht darum, die äußeren Formen nicht so wichtig zu nehmen, sondern sich selbst nicht wichtig zu nehmen. Mit nur ein klein wenig Distanz betrachtet, ist das wirklich eine herrliche Komödie.

 

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Wenn nichts dabei rauskommt – die beste Ego-Therapie im Yoga

Mein Meister hatte eine wundervolle Art, uns zu lehren, immer wieder aufs Neue. Einmal erlebte ich einen Austausch zwischen einem Ashram-Besucher und ihm. Der Mann klagte darüber, dass er sich immer als so besonders fühle. Mein Meister lachte ermutigend und sagte: „Aber du bist doch besonders.“ Und nach einer kleinen Pause sagte er dann: „Und alle anderen sind es auch.“ Ich könnte noch viele weitere Episoden wie diese erzählen.

Ich selbst hatte als junger Mensch, schon als Kind, oft das Gefühl, zu etwas Besonderem berufen zu sein. Ich fühlte mich immer irgendwie anders als die Anderen. Es war schon erstaunlich. Ich kam aus einfachem Hause, wie fast alle Menschen. Ich konnte das Besondere nicht erkennen, und doch: Dieses Gefühl einer besonderen Berufung hielt sich wacker in mir. Auch als ich meinen Meister traf, und schon noch viele Jahre auf dem Weg war, hatte ich immer wieder Träume, Eingebungen und so manch andere Hinweise auf etwas ganz Besonderes.

Mit der Zeit aber dämmerte es mir, dass es auch sein könnte, dass nichts dergleichen wahr werden könnte. Mir war klar, dass nichts an meinem Leben so ungewöhnlich anders war, als das meiner Mitmenschen. Anfangs war dieses Gefühl des völlig Normalen gewöhnungsbedürftig, um es milde zu formulieren. Es stellte sich die Vermutung ein, dass mein Alltag und mein Leben doch eher überschaubar bescheiden und gewöhnlich sein könnten. Was erst ernüchternd wirkte, machte Platz für Erleichterung.

Es zeigte sich, dass ein starkes Streben verschwand. Es musste wirklich nichts Erwähnenswertes rauskommen, am Ende meines Lebens. Das Banale, das Schlichte kam mir eher als einleuchtendes Ergebnis meines Lebens vor. Und das fühlte sich mit den Jahren immer besser an. Inzwischen bin ich froh, dass dieses Gefühl, für nichts Besonderes auf der Welt zu sein, in mir Platz genommen hat. Es ist nur vernünftig, dass sich mein Leben verflüchtigen wird, wie der chinesische Weise Dschuang-Tse es nannte: Ein Namenloser unter Namenlosen sein: Wer will das schon? Aber das sein zu können, das ist es.“

Beachtung, Bedeutung, Wichtigkeit – das alles sind Hindernisse auf dem Weg der inneren Freiheit. Auf dem Yogaweg brauchen wir niemand zu sein, zu werden, es muss nichts Besonderes rauskommen aus unserem Leben. Wenn man das so langsam erkennt, dann kann man getrost drauflos leben. Dann merkst du, dass du wirklich nicht deinen Lebenssinn aus deiner Arbeit holen musst, aus deinen Beziehungen, aus deinen Reisen, aus deinem Wissen über die Welt, aus deinem Denken und aus der „Tiefe“ deiner Gefühle.

Gelassen kannst du dann erkennen, dass all diese Dinge, die dich täglich beschäftigen, nur dazu da sind, deinem Leben einen Rahmen, eine Form zu geben. Das ist keine  Einengung, sondern nur das Schachbrett, auf dem du spielst.

Das ganz Besondere muss nicht überleben im Leben eines Yogis. Wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, was wohl unsere materielle und geistige Hinterlassenschaft für diese Welt sein wird. Wir können ein Leben führen, wie in einem Hotel. Wenn Abreisetag ist, einfach alles packen, Schlüssel abgeben – das wars.

Wer hauptsächlich aus seinem Ego lebt, für den/die mag das erbärmlich klingen: Keine Spuren hinterlassen zu wollen, nicht für etwas zu arbeiten, was überdauert, wie Mozart, dessen Musik man auch 200 Jahre nach seinem Tod noch mit Begeisterung hört. Es mag sich anhören, als wäre keine Lebensfreude in so einem Leben.

Aber weit gefehlt. Dann wird es erst lustig. Im Außen haben Menschen schon nur eine sehr geringe Wirkung. Aber für uns ist es möglich, ganz und gar zu erkennen, wer wir sind, uns aus der Mickrigkeit zu verabschieden und zu erkennen, was ist.

Wer weiß, dass er alles ist, dass alles, was ist, sein Werk ist, wie kann so jemand auch nur einen Augenblick Interesse an Bedeutung und Besonderheit haben?

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Über einen Kommentar zu Lebensfehler… (auch für Nicht-YogInis geeignet)

Jetzt möchte ich doch einen Beitrag schreiben, inspiriert von einem Kommentar zum Artikel „Lebensfehler“. Darin versuche ich, das Thema „Lebensfehler“ aus yogischer Sicht zu bearbeiten.

Dieser ganze Blog wendet sich an Yogaübende, an Yogainteressierte. Er will yogische Einstellung, yogische Methoden, yogisches Verständnis erläutern, untersuchen, anregen. Mir ist dabei vollkommen klar, dass die meisten Menschen mit den meisten Aussagen nicht übereinstimmen werden. Das ist o.k. Natürlich sind wir im öffentlichen Raum, und jeder kann die Texte dieses Blogs finden und sich so seine eigenen Gedanken dazu machen.

Ich verstehe sehr gut, dass jemand, der diese Beträge liest, aber Yoga nicht wirklich praktiziert, (also, Yogapraxis ist hier nicht das Üben von körperlichen Verrenkungen), vieles, was hier zu lesen ist, nicht wirklich verstehen oder gut heißen kann. Daher vielleicht noch einmal ein Text, der auch für Menschen, die Yoga nicht üben, verständlich sein kann.

Yoga ist ein geistiger Weg, der Menschen hilft, sich selbst jenseits von Denken und Fühlen, von Handeln und von Persönlichkeit zu erleben und zu begreifen. Yoga lehrt, dass es die Pflicht eines Menschen ist, herauszufinden, wer er (und das „er“ bezieht sich auf das grammatische Geschlecht von „Mensch“ und hat nichts mit Mann und Frau zu tun) wirklich ist.

Naja, dazu muss ich doch nicht Yoga üben. Wenn dieser Gedanke jetzt bei dir aufsteigt, dann lies bitte den vorherigen Abschnitt noch einmal oder gar mehrmals. „Normale“ Menschen verstehen sich NUR als psycho-soziale Entität. Im Yoga würde man diese Selbstsicht als Auslöser für sehr viel des Leids verstehen, das Menschen erfahren. Nur weil die meisten Menschen sich mit dieser Entität identifizieren, wird diese Identifikation nicht wahrer.

Zu theoretisch? Ja, das mag wohl sein. Aber mit der Praxis wird es auch praktischer.

Aber etwas Anderes ist vielleicht leichter zu begreifen. Solange du Opfer deiner eigenen Psyche bist, solange du den INHALTEN deiner Gedanken und Gefühlen hilflos ausgeliefert bist, hast du keine Chance, in diesem Leben dauerhaft glücklich zu sein. Und jetzt bitte nicht anfangen mit: Aber macht nicht erst das Erleben von Unglück Menschen glücklich? Ich habe noch niemanden getroffen, der mir sagte: Jetzt bin ich schon seit zwei Wochen glücklich, ich hoffe, dass mir sehr bald wieder etwas schreckliches passiert, damit ich auch wieder unglücklich sein kann und mich ausbalancieren kann. Nein, Menschen können ein ganzes Leben glücklich sein.

Dass es so wenige sind, liegt an etwas anderem. Wenn du lernen könntest (oh je, klingt vielleicht noch theoretischer), die Aktivitäten deiner Psyche, die Gedanken und Gefühle, nicht nur als Inhalte, sondern als Energie zu erleben, könntest du verstehen, dass du keineswegs jeden Gedanken und jedes Gefühl, das gerade in dir hochkommt, haben musst. Die Inhaltsebene von Gedanken und Gefühlen nimmt dich viel zu sehr gefangen, als dass du eine innere Distanz ihr gegenüber empfinden kannst.

Zwischen Gedankeninhalten und Gedankenenergie (gilt genauso für Gefühle) unterscheiden zu können, lernt man in der Meditation, die nur unnütze Gedanken (außer dem Mantra) kennt. Wer die Kunst der Meditation mehr und mehr erlernt, erfährt Gedanken und Gefühle viel mehr als energetischen Zustand als als Inhalte, die wir dann sofort als „gefällt mir“/“gefällt mir nicht“ einordnen.

Wer also verstehen möchte, was ich da schreibe, muss meditieren lernen. Und auch, wenn dir die Meditation beibringt, wie meditieren geht, gibt es doch viele Konzepte, die man kennen und verstehen sollte, wenn man Meditation üben will.

Wenn es dir möglich wird, Gedanken und Gefühle zu HABEN oder nicht zu haben, dann kannst du mit Fehlern, schlechten Erfahrungen und Unglück frei (freier) umgehen: Du kannst Gedanken und Gefühle, die in dir dazu gespeichert sind, immer wieder hochholen oder vergessen. Es liegt an dir, du hast dann diese Freiheit.

Ohne meditieren zu können, kannst du das nicht lernen. Es geht nicht.

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Verführerische Vielfalt

Sehr eigenartig mag dieser Text, der jetzt folgt, für manche erscheinen, die den Weg noch nicht als Weg begreifen. Alle die bitte ich, sich zumindest der Möglichkeit zu öffnen, dass hier etwas zu lesen ist, was früher oder später in der eigenen geistigen Entwicklung von Bedeutung sein könnte.

Schon seit vielen Jahren begleite ich Menschen auf dem traditionellen Yogaweg, wie ich ihn über meine Meister kennengelernt habe. Normalerweise würde ich das, worüber ich jetzt schreibe, nur in meinen Kursen erläutern. Da kann man nachfragen, von Angesicht zu Angesicht, und so zu Klarheit gelangen, zumindest für eine gewisse Zeit. Aber manche Eindrücke bestärken mich darin, darüber jetzt hier zu schreiben.

Wie so oft denke ich an die Worte meines Meisters, der sagte, dass dieser (Yoga-)Weg nichts für Menschen ist, die eine schwache Psyche und ein schwaches Herz haben. Damit meinte er nicht das physische Herz, sondern dein emotionales Gewand. Und was eine schwache Psyche ist, das lernte ich erst mit den Jahren verstehen.

Lass dich nicht verführen von den vielen Wegen und Pseudowegen, von den vielen Begriffen und Traditionen! Bleibe einfach in deiner Sicht, in deiner Praxis, in deinem Verständnis. Lerne, ganz klar zu unterscheiden, was von dem bei uns sehr reichhaltigen Angebot von „Spiritualität“ (in Anführungszeichen deshalb, weil das meiste sicher nicht das Papier wert ist, auf dem es gedruckt ist) wertvoll für deinen Weg ist und was nicht. Im Yoga heißt diese Fähigkeit Urteilsvermögen, viveka.

Viveka ist nicht gerade angesagt in einer Kultur, in der nur wenig filternde Meister diesen Sumpf der Meinungen, Lehren und Marketingstrategien für ihre Schüler sichten und ausmisten. Aber ohne viveka wirst du nur schwer erkennen, wie du auf dem Weg am besten dein Verständnis, deine Praxis vertiefen kannst. So viel scheint möglich, so reichhaltig ist das Angebot. Es erscheint fast als übermäßig schlicht daherzukommen, wenn gesagt wird, dass man am besten nur einen Weg, ein Mantra, einen Guru verehren sollte. Die Vielfalt ist, und das habe ich jetzt wirklich oft genug erlebt, verführerisch, unsinnig und überhaupt nicht hilfreich.

Das ist in keiner Weise eine Verurteilung anderer Wege. Denn natürlich gibt es unter den vielen Schwachsinnigkeiten auch Perlen, Wege, die genauso sauber sind, wie der, den ich gehe und vermitteln kann. Aber für dich, für den Menschen, der einen Weg geht, sind auch diese echten Wege nicht vorteilhaft. Jeder Meister, jede Tradition hat auch ein wenig ihre eigene Sprache, ihre eigenen Vorgehensweisen. Das Eine kann man meistens nicht auf das Andere übertragen.

Mein Meister hatte viele Schüler, und es war klar, dass Einige von ihnen den Weg auch zu Ende gegangen sind. Viele taten so als ob, aber Einige waren schon zu seinen Lebzeiten (ein eigenartiges Wort für einen Meister :)) selbst Meister, mit seinem ausdrücklichen Segen. Auch ihre Lehren hatten zu tun mit ihrer Persönlichkeit und nicht alles, was ich von meinem Meister kannte, entsprach dem, was sie lehrten.

In der Guru Gita heißt es (Vers 168): eko deva eka dharma, eka nistha param tapah. Ein Gott, ein geistiges Gesetz, eine innere Einstellung, das ist die höchste Bemühung. Lange habe ich das nicht so richtig verstanden, denn ich hatte das Glück, sehr unbedarft auf den Weg zu kommen. Es bestand keinerlei Grund für mich, mehrere Wege gleichzeitig auszuprobieren. Ich war beschäftigt genug, den einen irgendwie zu begreifen und zu verdauen. Und ich erkannte früh, dass mein Meister durch viele Zitate aus anderen Schriften in genialer Weise uns beim Weiterstudium über seine Bücher und Vorträge hinaus anleitete.

Es gibt einen unglücklichen Zustand, den Menschen erleben, die zu viel von zu vielen Traditionen ausprobieren, vermutlich in der Hoffnung, den Weg noch intensiver, noch schneller gehen zu können. Diesen Zustand bezeichnete mein Meister als spirituellen Dauerdurchfall, eine Art geistiger Verwirrung, die manchmal wirklich so verrückt macht, dass man nicht mehr ein noch aus weiß. Glaubt mir, dass ist nicht irgendein exaltierter Zustand, nicht eine vollständige Öffnung in kosmische Dimensionen, sondern nur schlicht und einfach eine gefährliche Verwirrtheit.

Lass all das. Wenn mein Meister bestimmte Teile, zum Beispiel der Kularnava Tantra zitierte, weil sie seiner Meinung nach die Meister-Schüler-Beziehung recht gut beschreibt, dann bedeutete das nicht, dass alles, was in dieser zum Teil sehr, sehr skurrilen Schrift steht, studiert werden sollte. Sicher nicht. Aber das hat er nicht eigens betont. Da brauchtest du viveka.

Verständnis im Yoga ist nicht zu verwechseln mit der Pandit-Gelehrsamkeit, die indische Gelehrte gerne an den Tag legen. Ihnen geht es oft auch um die möglichst besondere Zurschaustellung ihres umfangreichen Wissens und ihrer textlichen Präzision. Aber für Yoga-SchülerInnen ist das nicht wichtig. Es geht nur, nur, nur um den Weg. Man möge mich jetzt für einen engstirnigen Yoga-Tyrann halten oder was auch immer (habe da noch viel Schlimmeres gehört), das ist mir egal.

Wenn du Wissen ansammeln willst, dann studiere Politik, Physik, was auch immer, irgend eine handwerkliche Fähigkeit, eine Sprache (nicht unbedingt Sanskrit). Wenn du meinst, dass der Weg deine Psyche nicht mehr auslastet, dann mach irgendetwas. Aber missverstehe das nicht als Offenheit für andere Wege, als Auftakt zu Ausflügen in andere geistige Gefilde. Diese „Langeweile“ mit dem dir möglicherweise ja so vertrauten Weg ist ein Teil der sadhana, der inneren Reinigung. Wenn du das spürst, dann lese die Bücher deines Meisters noch intensiver, immer wieder das Gleiche.

Du musst deine Psyche sauberhalten. Wenn Gedanken und Gefühle zu intensiv werden, dann merke das und wiederhole dein Mantra. Wechsle dein Mantra und deine Methoden der Meditation und des Studiums nur, wenn dir das dein Meister (bitte denke daran, dass ich das Wort „Meister“ nicht männlich oder weiblich meine, sondern nur als „Berufsbezeichnung“ und mir gerne das der/die –In sparen möchte.) sagt. Sonst bleibe immer bei der gleichen Praxis. Wenn du Sehnsucht nach Abwechslung hast, dann fahre immer wieder an einen anderen Ort in den Urlaub, wechsle deine Lieblingsrestaurants, deine Wohnung, dein Land, deine PartnerInnen (wenn damit nicht nur dein Stresspegel steigt), aber lass deine innere Unruhe, die nach Abwechslung sucht, nicht an deinem Yogaweg aus.

Die Tatsache, dass es auch andere, reine Wege gibt, heißt noch lange nicht, dass du sie alle beschreiten kannst, solltest oder musst. Glaub mir, dazu lebst du viel zu wenig lang. Du kannst froh sein, wenn du nach vielen Jahren, mit aller Unterstützung deiner LehrerInnen, deiner Meisterin, der Kundalini Shakti, einen Anflug von Verständnis hast, worum es geht auf dem Yogaweg. Und vielleicht auch, welchen Zustand jemand hat, von dem der Weg sagt, dass er Siddha ist, vollendet.

Es gäbe noch so viel mehr dazu zu schreiben, aber dafür fehlt mir die Zeit. Unser Sprachgebrauch im Deutschen kennt nicht umsonst das Sprichwort: Schuster bleib bei deinen Leisten. Genau, bleib bei EINEM Weg, und mach ihn zu deinem. Wenn dir das jetzt doch etwas zu eng und zu schlicht erscheint, dann wisse, dass diese Worte nicht für dich geschrieben worden sind.

 

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Auf dem Sockel der Befreiung?

Vor vielen Jahren, nach der Trennung von meiner Partnerin, erklärte mir eine Frau in der Schweiz, warum sie jetzt nicht mehr in meine Kurse kommen würde. Sie sagte, dass sie mich vorher immer auf einen Sockel gestellt hatte, aber im Laufe dieser Trennung habe sie mich wieder von diesem Sockel runtergeholt, „auf Augenhöhe“. Spontan sagte ich zu ihr: „Wie schade! Du hättest dich mit auf den Sockel stellen sollen, dich erheben, und nicht mich in dir erniedrigen sollen.“

Immer wieder haben mir Menschen das sogar mit einer gewissen Portion Stolz erzählt, dass sie mich jetzt nicht mehr auf diesen Sockel stellen, dass es für sie wichtig war, mich von diesem Sockel zu stoßen. Na toll! Hast du damit deinen wahren Wert erkannt oder nur mich, der ich ja sowieso nur in deiner Vorstellung als der erscheine, von dem du MEINST, dass ich es bin, auf dein begrenztes Niveau in dir herabgestuft? Was nutzt dir das? In der Welt des Egos ist so ein Vorgang des Sockelsturzes ein Akt der Emanzipation. („Der (oder Die) ist auch nicht besser als ich“). Aber auf dem Yogaweg, wo es um Befreiung geht, um die Erkenntnis deiner Herrlichkeit, was nutzen dir diese Gedanken der Erniedrigung?

Ein ander Mal sagte jemand zu mir: „Ich meine, es ist doch klar: Du bist doch nicht erleuchtet!“ Als ich fragte, woher sie das wissen und beurteilen könnte, gab es nur ausweichende Worte. Mit der Folge, dass diese Person später verbreitete, der vamdev behauptet jetzt, dass er erleuchtet ist. Das Gleiche passiert auch anders herum: „Naja, ich bin halt noch nicht so weit wie du.“ So so. Du hast also die Möglichkeit zu beurteilen, wie weit andere Menschen entwickelt sind? Warum tut man das?

Das ist eine alte Geschichte. Im Christentum wird ja geglaubt, dass Jesus Gott in Menschengestalt war/ist. Und seit der Zeit hat man ihm alle möglichen besonders menschlichen Züge angedichtet: Dass er vor lauter Todesangst Blut geschwitzt hat, schon Tage vor seiner Ermordung, dass er in der Stunde des Todes all seine Göttlichkeit in tiefem Zweifel verloren hat: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen!?“ Natürlich wussten die Mystiker, dass diese Worte nicht aus der Verzweiflung kamen, wussten, dass jemand wie Jesus keine Todesangst haben KONNTE. Andere hatten sogar Mitleid mit Jesus, fühlten sich schlecht, weil sie mit ihren Sünden sein Leid verursacht haben. Was für ein grandioses Missverständnis!

Aber im normalen Christentum entstand so eine Solidarität der Begrenztheit zwischen Jesus und den Menschen. Er war auch nur ein Mensch. Genauso wie du und ich, begrenzt, voller Ängste, wütend und unbeherrscht (sein Wutausbruch mit den Händlern im Tempel wird da oft als Beweis herangezogen).

Befreiung oder Emanzipation im Yoga ist nicht das Verständnis, dass alle auch nur mit Wasser kochen. Die Ereignisse im Leben eines Menschen, sein Schicksal, geben keinerlei Aufschluss auf seine inneren Errungenschaften. Denn eines muss klar sein: Wie du jemanden mit seinen Handlungen wahrnimmst, hat in erster Linie mit dir etwas zu tun, mit deinen Prägungen, nicht mit dem Menschen, den du beurteilst oder einschätzt. Wenn du anderen die gleiche Begrenztheit andichtest, in der du dich wähnst, wie soll es je für dich möglich sein, dich zu befreien, von deinen inneren Fesseln, deinen Missverständnissen?

Ja, aber vamdev, das empfinden die Menschen doch nur auf dich bezogen so, magst du jetzt argumentieren. Beim Guru ist das doch sicher nicht so. Meinst du? Das wäre ja großartig, gerne würde ich Platz nehmen, am Fuße all der Sockel, von denen ich herabgezerrt wurde. Aber diese Haltung ist ja in der- oder demjenigen, der das macht, hat mit meiner Person nichts zu tun. Einmal hat mir eine langjährige Schülerin meiner Meistern gesagt: „Also für mich ist sie jetzt eher so etwas, wie eine Schwester.“ Oder jemand anderer, auch über viele Jahre mit meiner Meisterin auf dem Weg, sagte: „Es ist wirklich ein großartiges Gefühl, dem Guru in seiner Mission helfen, sie unterstützen zu können.“ Als ich das hörte, erschrak ich zuerst einmal, damals. Der Guru ist per Definition Shiva, hat alle Begrenzungen überwunden. Und dann meint ein Schüler des Gurus, er könne dem Guru bei seiner Arbeit helfen? Mit freundlichen Grüßen vom Ego wahrscheinlich.

Wenn du jemanden erhebst, dann nutze doch diese kurze Unachtsamkeit deines Egos dafür, dich mit zu erheben. Wenn du meinst, jemand ist erleuchtet, dann assimiliere diesen Zustand, anstatt diese Person in dir mit deiner Farbe einzufärben. Färbe dich in ihrer Farbe. Das Ego ahnt seine Begrenztheit. Manchmal, in seltenen Momenten der Klarheit. Ergreife solche Momente und schwinge dich empor, statt den Spalt des Segens wieder zu schließen mit Gefühlen und Gedanken wie „der ist auch nicht besser als ich“. In der Guru-Schüler-Beziehung ist es entscheidend, wie der Schüler den Guru sieht. Mein Meister sprach da immer von Shishya-krpa, dem Segen des Schülers. Er erklärte immer wieder, dass dieser Segen wichtiger sei als der Segen des Gurus.

Es spielt wirklich keine Rolle, wie weit jemand anderes ist. Die Frage ist, wie weit du befreit bist von deinen Gefangenschaften, von den Fesseln deiner Missverständnisse und vermuteten Unzulänglichkeiten. Was nutzt dir die Erleuchtung eines anderen? Vielleicht, dass dein Verstand glauben kann, dass der Weg wirklich funktioniert und andere in die Freiheit führen kann. Aber wenn dein Verstand seinen Weg darauf aufbaut, dass er für andere schon funktioniert hat, dann wird er auch, im Laufe der Zeit, Begründungen dafür finden, warum es bei dir nicht „klappt“.

Es geht auf dem Yogaweg ja nicht darum, Shiva zu jiva zu machen, sondern umgekehrt, das begrenzte Individuum aus seiner Begrenztheit zu führen zu Shivas Unendlichkeit. Mach dir also keine Gedanken darüber, ob jemand anderes den Weg zu Ende gegangen ist, sondern gehe du ihn zu Ende. Wenn du von jemandem lernen willst, wie zum Beispiel von vamdev, dann überprüfe in dir, ob das, was er lehrt, mit den Schriften übereinstimmt, mit den Worten der Meister. Und dann wende an, was du lernst. Lass dich nicht ein auf Diskussionen über die Zustände anderer.

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Respekt und Liebe – der Yoga der Menschlichkeit

pare prem se aur sanman se sabko hrdik svagat – „mit großer Liebe und Hochachtung heiße ich euch alle von ganzem Herzen willkommen“ – so begann mein Meister alle seine Vorträge, die ich von ihm gehört habe. Und weiter sagte er dann: „Anderen Menschen mit Respekt und Liebe zu begegnen, ist wahre Geschwisterlichkeit, wahre Menschlichkeit.“ Meist schob er dann noch nach, dass er das nicht sage, weil er uns schön tun wollte, sondern weil er das Licht reinen Bewusstseins immer zuerst sehe, bevor er die Form um das Licht herum wahrnehme.

Das Logo des Ashrams, in dem ich mit ihm lebte, waren gefaltete Hände, dem indischen Gruß entsprechend, mit dem Satz: „Seht Gott ineinander“. Jetzt praktiziere und lehre ich ja schon ziemlich lange, über 40 Jahre. Aber bei diesem Punkt sehe ich viele Yoginis und Yogis kläglich scheitern. Warum wohl? Yoga als Weg der Läuterung, der Transformation, der Überwindung von Gegensätzen ist, sobald die innere Kraft, Kundalini Shakti, aktiv ist, nicht nur eine Meditations-, Mantra- und Verständnispraxis, sondern auch eine Übung dieser Haltung anderen Menschen gegenüber. Das, vermute ich einmal, vergessen viele immer wieder. Sie finden sich irgendwie damit ab, dass es halt im Alltag nicht so einfach ist, (Liebe und Respekt anderen gegenüber) und man ja doch auch mal wütend sein darf und alle anderen Gefühle anderen gegenüber haben darf. Man sei doch auch noch Mensch, oder?

Die Frage ist, was Menschsein heißt? In einer Schrift heißt es: „Menschsein heißt Emotionen haben“. Gut, HABEN, aber doch nicht ihr Opfer sein. Und vielleicht dieses Opfersein dann noch mit einer Mischung aus westlicher Laienpsychologie und östlicher Spiritualität erklären und berechtigen. Respekt und Liebe sind eine yogische Disziplin, die ihre Kraft aus dem tiefen Wissen um wahre Menschlichkeit zieht. Als der Sage nach das vorherige Zeitalter – die indische Tradition spricht von vier Weltzeitaltern, die zyklisch immer wieder auftauchen – zu Ende ging, suchten die Yoginis und Yogis bei dem großen Weisen Vyasa Unterstützung für die Frage:  Wie kann man im schwarzen, schwierigen Zeitalter am besten leben? Vyasa soll sich der Sage nach in ein tanzendes Wesen verwandelt haben, schwarz wie dieser Kali Yuga (wörtlich: schwarzes Zeitalter). Er tanzte und hielt mit einer Hand seine Zunge fest, mit der anderen bedeckte er sein Geschlecht. Die Versammlung der Yoginis und Yogis war verblüfft: Was wollte Vyasa zeigen? Er nahm seine eigene Form wieder an und erklärte: „Wenn du deine Zunge und deine Begierden im Griff haben kannst, ist das Leben im Kali Yuga ein genussvoller Tanz.“

Als ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte, fühlte ich mich nicht besonders, ich wiegelte in mir ab, sozusagen. Ich war noch so am Anfang, sagte ich mir, dass ich da einfach noch nicht so weit war, das umzusetzen. Natürlich war das eine Ausrede, und als solche in Ordnung, aber keine Lösung. Mit den Jahren entdeckte ich, dass Worte unglaubliche Macht haben, auch leichtfertig gesagte. Dass ungezügelte Begierden eine unnötige innere Unruhe erschaffen, die ich dann mit allen möglichen yogischen Übungen wieder in den Griff bekommen musste, war mir bei genauerem Hinschauen auch bald klar. Anderen mit Respekt und Liebe zu begegnen, sind also nicht nur schöne und rührselige Worte, in einer Zeit der öffentlichen Respektlosigkeiten etwas altbacken. Sie sind auch kein Gegenmodell zur Gegenwartskultur öffentlichen Hasses und weit verbreiteten persönlichen Beleidigungen. Das mag eine Nebenwirkung sein, aber sicher nicht, worum es geht.

Wenn du ernsthaft dieser Disziplin folgen willst, mit Liebe und Hochachtung anderen zu begegnen, dann wirst du merken, dass du auf eine neue Art aufpassen musst, dass du sozusagen eine Vorderbandkontrolle für dein Reden installieren musst, dass nicht einfach alles an Worten aus dir raussprudeln kann, was in dir aufsteigt. „Aber das ist doch total unehrlich, so uncool und ohne Spontaneität“, magst du einwerfen. Ich vermute einmal, dass das ein Anfänger-Einwand ist. Denn mit ein klein wenig Nachsinnen wird klar, dass diese Übung, diese Vorderbandkontrolle, von unschätzbarem Wert ist, für dich und deine yogische Transformation. Du merkst dann sicherlich, wie alles zusammenpasst: Deine Meditation, in der du lernst, einen bewussten Gedanken (Mantra) den unzähligen unwillkürlichen Gedanken entgegenzusetzen, deine Mantra-Übung, die in der Lage ist, dich immer wieder ins Hier und Jetzt zu bringen, raus aus deinen Dauertagträumen, und eben diese Fähigkeit, dass nicht mehr alles einfach so aus dir rausquellen kann, als hättest du keine Kontrolle über deinen emotionalen Schließmuskel.

Ich selbst bin beschimpft worden von Menschen, die schon lange auf dem Yogaweg waren, habe erlebt, wie sie schlecht über mich, über meine Arbeit, über meine Familie gesprochen haben. Damit umzugehen, ist Teil meines Lebens und an sich ja auch eine wunderbare Übung, und das meine ich nicht ironisch oder sarkastisch. Es ist ein Geschenk meines Gurus. Aber bei denen, die beschimpfen und schlecht über andere reden, sich aufschwingen, beurteilen zu können, wie weit oder meist ja nicht weit andere auf ihrem Weg sind – bei denen ist es an der Zeit, sich an paraspara devo bhava – seht Gott ineinander zu erinnern, ihre Übung diesbezüglich ernsthaft aufzunehmen und zu lernen, sich ihrer Stimme zu enthalten, wenn, was sie sagen möchten, nicht erhebt und glücklich macht. Es mag in dir rumoren, weil du diese deine Schwäche vielleicht über Jahre hinweg als „Ehrlichkeit“, „Direktheit“ und deine Art, die halt „sehr geradeheraus“ ist, entschuldigt und damit berechtigt hast. Aber nur Liebe ist direkt, ehrlich und geradeheraus. Alles andere ist eine heftige Umweltverschmutzung, die das Ego allen in der Umgebung angedeihen lässt.

Ich schreibe das nicht, als Verhaltenskritik oder um dir deinen Fortschritt abzusprechen. Ich schreibe das, weil ich dich unterstützen möchte, auch auf diesem Gebiet mit Entschlossenheit und Intensität zu üben. Wie kann die Erfahrung von Ich bin Shiva je sich in einem Menschen ausbreiten, der seinen eigenen Worten und Gefühlen gegenüber so machtlos ist, dass er sie nur rauslassen kann, ganz gleich, wie schrecklich oder unangenehm die Folgen dieser Worte und Gefühle sein mögen. In Liebe, mit Respekt.

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Transformation – das Geschenk des Yogawegs (Neujahr 2016/17)

Transformation — wirklich, das ist ein Wort mit sieben Siegeln für die meisten Menschen.  Im Duden wird das Wort beschrieben mit Verwandlung, Umwandlung. Was bedeutet Transformation im Yoga? Was wird da verwandelt?

Manche Schriften geben ihre Antwort auf diese Frage: jiva wird zu Shiva. Das Individuum wird zum universellen Wesen. Das begrenzte Ich wird zum universellen Ich-Bewusstsein. Also ich finde diese Erklärungen schon sehr abstrakt, auch wenn sie stimmen mögen. Und ich sehe Möglichkeiten, das allgemein verständlich zu erklären.

Wenn es tatsächlich möglich sein sollte, mit dem Yogaweg vollkommene Freiheit zu erlangen, dann ist Transformation unumgänglich. Alles, was uns einschränkt, alles war uns trennt, muss verschwinden oder verwandelt werden. Was schränkt uns ein? Die Welt? Die Zeit? Unsere Kultur? Unsere Herkunft? Unser Körper? Man kann diese Frageliste noch ziemlich lange weiterführen, wenn man alles aufzählen möchte, wovon sich Menschen eingeschränkt fühlen.

Wer hier im Blog liest, weiß oder ahnt schon, dass der Yogaweg nicht propagiert, dass dadurch deine Freiheit eingeschränkt wird. Das yogische Augenmerk liegt vielmehr auf inneren Prozessen, denn die sind viel eher beeinflussbar als äußere.  Wenn ich das Gefühl habe, dass ich schwach, unfähig und ohnmächtig bin, dann ist klar, dass diese Empfindungen nicht befreiend sind. Wenn ich das Gefühl habe, besser als andere, klüger, schöner, etc. zu sein, dann ist vielleicht nicht so ganz klar, dass auch diese Empfindungen selbst angelegte Fesseln sind, die Menschen, die sich schwach wähnen, ironischer Weise oft sehr intensiv anstreben.

Diese Empfindungen werden auf dem Yogaweg transformiert, wenn du ihn nur lange genug und mit genug Begeisterung gehst. Wie sieht das konkret aus, magst du dich fragen. Gefühle von Unzulänglichkeit werden transformiert in die aufkeimende Ahnung deiner Großartigkeit, die nicht aus dem Ego kommt, dass sich in dir über dich lustig macht oder dich dir mit Gefühlen von Überheblichkeit und Dünkel anbiedert. Dass das möglich ist, diese Ahnung deiner Herrlichkeit, das ist das Geschenk der Transformation.

Die tiefe innere Unruhe, geboren aus der intensiven Beurteilung deiner Taten und Eigenschaften, wird einer besonderen Art von Gleichmut weichen, der aus dem Studium der Yogatexte aufsteigt, aus der Meditation, aus der langjährigen Praxis der Mantrawiederholung. Dieser Gleichmut eröffnet dir den Zugriff auf deine Emotionen auf eine neue Art: Wenn du ihn einmal vollständig erfahren hast (und ich behaupte, dass du das dann auch weißt), dann wirst du nicht mehr lange Opfer dieser beurteilenden Tendenz deiner Psyche sein. Du wirst dich schnell wieder an diesen Gleichmut erinnern und deine eigenen Urteile nicht mehr ernst nehmen.

Tiefe, umfassende Missverständnisse werden von der Transformation erfasst und verwandelt: die Identifikation mit deinem Körper, deinem Ego, deinem Intellekt, deinen Sinnen. Hier wirkt die transformierende Kraft im Yoga ihre größten Wunder. Denn dieses Missverständnis, dass uns meinen lässt, wir sind unser Körper und unser Ego, wird langsam mit dem Lösungsmittel der Kundalini-Kraft, des Segens des Meisters aufgeweicht. Mit der Zeit der Praxis (Meditation, Studium der Texte/Schriften des Yoga) wird dir immer klarer und einleuchtender, dass du nicht sein kannst, was du hast. Du wirst erkennen, dass das Ego dir gehört (wenn überhaupt) und dass du es nicht sein kannst. Du wirst den Körper als Behausung verstehen, nicht nur theoretisch, als saloppe spirituelle Floskel.

Diese Kraft der Transformation im Yoga überwindet für immer das Gefühl der Einsamkeit, für immer die tiefen Selbstzweifel, weil sie deine Missverständnisse in Vertrauen verwandelt, das sich nicht auf die Hoffnung stützt, dass sicher alles gut ausgehen wird, sondern auf das Wissen, der tiefen Einsicht, wer du wirklich bist.

Das Geschenk dieser Transformation ist, dass du sie erleben und durchleben kannst, ohne dass du dein normales Leben aufgeben musst, auch wenn sich die eine oder andere Angewohnheit auflöst.

 

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Im Angesicht

des sicheren Todes eines jeden Menschen ist das Leben absurd. Zielstrebigkeit, die Fähigkeit zu planen, das Gegenwärtige in die Zukunft zu projizieren sind schwerlich ernst zu nehmen, wenn man bedenkt, dass das Ende unseres Lebens in diesem Körper völlig unabhängig von allem ist, was wir im Leben für wichtig halten können.

Noch niemand hat wegen noch nicht zu Ende geführter Projekte Aufschub erhalten, so viel ich informiert bin. Dicke sterben genauso wie Dünne, Reiche wie Arme gleichermaßen. Wenn deine Zeit abgelaufen ist, dann nützt all dein Reichtum nichts mehr, all deine Intelligenz, dein Tatendrang und dein Ansehen bei anderen Menschen. Ihren Körper haben bisher noch alle verlassen, die in einem gewohnt haben, freiwillig oder per Rauswurf. Körperseitig ist das Ergebnis bei allen gleich. Am Ende musst du ausziehen.

Niemand fragt dich dann, ob es dir gerade in den Kram passt. Niemand interessieren dann deine Pläne, deine Vorhaben, dein Gestaltungswille, deine Kinder und die Tatsache, dass sie dich brauchen. Es ist völlig belanglos, ändert nichts an deinem Tod.

Ist das nicht faszinierend? Vielleicht denkst du dir jetzt, wenn du regelmäßig in diesem Blog liest, der schreibt doch immer wieder von diesem Thema, vielleicht hat er ja ein Problem damit. Vielleicht ist er vom Tod ja wie besessen. Du etwa nicht? Er steht dir sicher bevor. Viele traditionelle Kulturen ermuntern Menschen, sich damit zu befassen. Wenn man sich sogenannte Naturkatastrophen ansieht, dann wird die Absurdität des Lebens klar. Mitten in was auch immer du tust, kann es dich erwischen, jetzt, morgen, irgendwann. Und nur eines ist klar. Es WIRD dich erwischen.

Und was nützt es einem, wenn man das weiß, wenn man darüber nachdenkt? Ist das nicht zu tiefst deprimierend? Eben nicht! Es ist der größte, der beste, der herrlichste Witz, den man sich nur ausdenken kann. Wenn dir das wirklich klar ist, so wie dir klar ist, dass du existierst, ganz selbstverständlich, dann kannst du dich und deine Probleme einfach nicht mehr so todernst nehmen. Dann planst du vielleicht immer noch, aber doch mit einem Augenzwinkern. Dann erfüllst du und erkennst du deine Verpflichtungen, aber doch nicht mehr mit dieser Bürde von Verantwortung und Pflichterfüllung. Es wird viel lustiger.

Wer sich nicht Gedanken über seinen eigenen Tod macht, für den kommt das Sterben immer ungelegen, zeitlich und situationell unpassend. Auch mit 80, 90, 100 Jahren. Wenn dir der Körper gehörig auf die Nerven geht, wenn es dir immer mühsamer erscheint, in diesem Haus zu leben, wenn es dann so weit ist, ihn zu verlassen, dann passt es halt doch nicht so gut, gerade jetzt, in diesem Augenblick. Aber wenn dir klar ist, dass es gar nicht passen muss, wenn dir klar ist, dass durch dieses Ereignis, Tod genannt, alle anderen Aktivitäten ziemlich unwichtig werden, dann musst du nicht Zeter und Mordio schreien, nur weil es so weit ist. Dann hast du innerlich immer schon deine Koffer gepackt.

Vor Jahre bat mich einmal eine Kursteilnehmerin zu sich ins Krankenhaus. Ihr ging es schlecht, wurde mir gesagt. Als ich sie sah, war klar, dass ihr Körper am Ende war. Sie nicht. Sie war wach und ziemlich klar. Ein paar Sätze lang wollte sie mir noch von den Hoffnungen der Ärzte erzählen, was sie noch versuchen konnten. Ich musste fast lachen. Ich deutete auf ihren Haut-und-Knochen-Körper, mit großem aufgequollenem Bauch und sagte: „Glaubst du, das Ding wird je wieder werden?“ „Nein“, sagte sie, „wohl kaum.“ „Du hast doch ein gutes Leben geführt, du hast deine Pflicht als Mutter, als Partner, als Frau erfüllt. Es ist doch gut. Du kannst doch gehen.“ „Aber es ist so endgültig“, sagte sie.

Wer weiß das schon, und, wen juckt das? Menschen GLAUBEN an ein Leben nach dem Tod. Manche haben das so verinnerlicht, dass sie es „wissen“. Ist das wichtig? Ich finde gar nicht. Einmal kamen Schüler zu ihrem Zen-Meister und fragten ihn: „Meister, sprich mit uns über den Tod. Erzähle uns vom Tod.“ Der Meister erwiderte: „Ja, was soll ich sagen? Davon weiß ich nichts.“ Die Schüler waren erstaunt. „Aber du bist doch ein Zen-Meister!“ sagten sie. „Ja“, meinte er da, „aber kein toter Zen-Meister.“

Jetzt, schon heute und in deiner Situation hilft dir das Wissen darum, dass du aus deinem Körper früher oder später ausziehen musst, ob der Termin gerade passt oder nicht. Alle Verantwortung ist mit dem Moment vorbei, wenn du aus deinem Körper bist. Niemand kann dich dann anklagen, anzeigen, dich bestrafen, dich mobben, niemand kann dich beschenken mit Besitz oder Macht oder kann dir das wegnehmen.

Es gibt im Sanskrit eine Sutra, die übersetzt heißt: „Wie hier, so auch sonst wo.“ Deshalb ist es gut, hier und jetzt ein Leben zu führen, das nicht von heftigen Wünschen und Unzufriedenheiten geprägt ist. Du wirst keine Fleißbildchen bekommen, nur weil du es dir besonders schwer machst (und darunter dann auch noch besonders leidest). Hab keine Angst. Es WIRD zu Ende gehen. 🙂 Das ist die wirklich gute Nachricht. Und die schlechte, wenn du nicht bei Zeiten lockerer wirst. Denk daran: Gescheiterte und Erfolgreiche sterben gleichermaßen. Dumme und Superkluge sterben gleichermaßen. Alte und Junge sterben gleichermaßen. Hässliche und Schöne.

Wenn du die Unverhandelbarkeit deines Todes klar verstanden hast, dann musst du immer wieder schmunzeln, wenn du dir selbst bei den Mühen des Alltags zusiehst, bei deinen Wichtigkeiten und der Belastung deiner Unzulänglichkeiten. Dann wirst du dich immer weniger selbst klein machen, dich selbst nicht mehr verurteilen. Du wirst sehen, wie witzig das alles ist. Und wie die Tatsache, die wirklich einzige, die man im Leben als solche bezeichnen kann, dass dein letztes Stündchen irgendwann einmal schlagen wird, dir im Leben über Tiefen UND Höhen hinweghilft.

Seit mir das klar ist, verstehe ich die Worte meines Meisters: „Am Ende bleibt nur noch Lachen, Lachen, Lachen“ sehr viel konkreter als damals, als ich sie live aus seinem Munde hörte. Was für ein Spiel!

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Yoga und die Liebe zum Leben

Dem weltlichen Leben entsagen, das Ende der Weltlichkeit, der Gefangenschaft des Lebens in der Welt entsagen, das ist für viele Menschen ein wesentlicher Aspekt des spirituellen Lebens.

Das hat sicherlich auch mit der christlich-abendländischen Kultur zu tun, die sich ja auch nach Kräften verbreitet hat. Jemand, der einen Beruf, eine Familie, gesellschaftliche Verpflichtungen hat und fühlt, dem wurden und werden nur geringe Chancen gegeben, Erlösung zu finden. Kasteiung, Selbstbeschränkung bei allen Dingen, die Spaß machen und Freude bereiten ist angesagt. Vielleicht auch noch ärmlich leben oder Schuldgefühle haben, wenn dein Schicksal dich mit Wohlstand ausgestattet hat: Für so lange Zeit meinten die Menschen in dieser Gegend der Welt, dass Gott Menschen mehr liebt, die so leben, mönchisch, mit möglichst wenig.

Es tut mir leid, das hier so deutlich zu sagen: Aber dies ist totaler Unsinn! Und wie das in der christlichen Religion funktioniert, ist mir bis heute schleierhaft: Wenn man der Genesis glaubt, dann hat ja Gott die Welt mit dem Gefühl geschaffen, dass er da eine gute Sache zu Wege gebracht hat. Und wir meinen dann, dass er da einen Fehler gemacht hat oder wie rechtfertigt man in dieser Religion, dass die von Gott geschaffene Welt nicht seiner Erfahrung und Erkenntnis dienen kann?

Nein, das Leben ist da, um genossen zu werden. Aber halt: Du meinst, das tun doch viele, und die leben ganz bestimmt kein spirituelles Leben? Ja, da magst du schon recht haben. Denn die meisten werden wohl eher vom Leben genossen, sind Opfer der Umstände und ihres Schicksals. Das ist normal, und das ist in meinem Verständnis alles andere als Genuss.

Genuss setzt voraus, dass du in dir ruhst. Nein? Dann lasst uns das mal genauer betrachten: Du hast gerade mit deinem Kletterpartner einen wundervollen Berg bestiegen, aber auf dem letzten Meter zum Gipfel kommt dir irgendwie wieder diese Sache in den Sinn, die deine Frau zu dir gesagt hat, als du gefahren bist. Und das war alles andere als liebenswürdig. Sie war schon fast eifersüchtig auf die Zeit, die du mit deinem Freund da verbringen wirst. Der Gipfel ist erklommen, ihr seid außer Atem, und was bringt dir jetzt das Ganze? Du bist sauer auf deine Frau und durch dein Gehirn jagt ein Monolog nach dem Anderen darüber, was du ihr alles an den Kopf werfen wirst. Solltet ihr euch nicht einfach besser sowieso trennen? Dieses Gezicke… etc.

Und die Aussicht auf dem Berg? Der Lohn für deine Mühen? Nichts davon kannst du genießen. Ohne Kenntnis von Yoga oder welchen Namen diese Fähigkeit auch tragen mag, ist dein Genuss ein reines Lotteriespiel. Kann sein, dass es mal klappt, weil deine Psyche gerade nichts Wesentliches aufzutischen hat oder warum auch immer.

Aber mit Yoga, da beginnt der Genuss des Leben erst. Im Angesicht des völlig absurden Ereignisses in deinem Leben, Tod genannt, dem deine Pläne völlig egal sind, den du nicht um Aufschub bitten kannst, weil du mit deiner Arbeit noch nicht fertig bist oder weil deine Kinder noch nicht für sich selbst sorgen können, ist Lebensgenuss eine große Herausforderung. Yogaübende aber können die Gewissheit über ihren eigenen Tod benutzen, um frei und unbeschwert zu leben. Ihre Gedanken, ihre Gefühle sind nicht auf Autopilot und so können sie Sekunden anhalten und lange Zeit beschleunigen. Sie erleben nicht die Beschleunigung, die mit zunehmendem Alter für alle anderen Menschen erfahrbar ist. Sie geben sich die Muße der langsamen Zeit ohne zwei Stunden an einem Bissen rumzukauen, nur um ihr Leben zu entschleunigen! Wir beschleunigen und entschleunigen nach Belieben. Und da man das mit der Zeit kann, kann man das Leben einfach so lassen, wie es gerade zu kommen scheint.

Wir können wirklich leben. Direkt, wie es unserem Naturell entspricht, ohne unter diesem Naturell zu leiden, wenn wir das nicht wollen.

Wenn Gedankenwildwuchs nicht mehr allein unser Leben regiert, dann kannst du deinen Kaffee in der Altstadt unendlich genießen, einen vollkommenen Moment in alle Ewigkeit ausdehnen. Was für ein Erlebnis.

Und ich werde mich jetzt beherrschen und nicht wieder seitenweise Loblieder auf den Meister singen, der diese Erfahrung erst ermöglicht. Schade, dass das in unserer Kultur eher fremd ist. Was geht uns da ab!

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Warum übt man im Yoga Verständnis?

Warum sich beschäftigen mit Konzepten und Ideen, die im Yoga gelehrt werden und die für die meisten Menschen der westlichen Kultur erst einmal zu lernen sind, zu verstehen sind?

Ich gebe dir ein Beispiel über die besondere Bedeutung von Wissen, von Erkenntnis und ihrem Ergebnis: Verständnis.

In der Nähe eines einsamen, uralten Klosters leben nur noch wenige alte Männer als Mönche. Sie haben einen einfachen, friedlichen Tagesablauf, den sie schon seit Jahrzehnten leben und zu lieben gelernt haben. Sie können sich selbst versorgen, damit sie keinen Kontakt zum weit entfernt liegenden Dorf benötigen.

Eines Tages findet einer von ihnen vor dem Eingang des Klosters ein Bettchen mit einem kleinen Kind darin, nicht mehr ganz ein Baby. Die Mönche, die alle schon seit vielen Jahren kein kleines Kind mehr gesehen haben, schätzen das kleine Mädchen auf zwei Jahre. Sie nehmen es auf, und lieben es jenseits aller Vorstellung. Das Mädchen wächst mit ihnen auf, und ist den ruhigen, entspannten Ablauf des Klosters gewohnt, genießt die Zuneigung der alten Mönche.

Sie wird langsam älter, und als sie gerade zwölf Jahre alt geworden ist, geschieht etwas Schreckliches. Sie beginnt zu bluten, immer weiter, erst wenig, dann immer mehr. Erschrocken wendet sie sich an ihre „Väter“ und zeigt ihnen ihr Bett und ihre Kleidung.

Die Mönche wissen nicht, was geschehen ist. Sie fürchten um das Leben ihres Mädchens. Voller Schrecken beschließen sie, Tag und Nacht zu beten, bitten Gott um Hilfe. Wie durch ein Wunder hört die Blutung nach ein paar Tagen wieder auf.

Die Mönche preisen Gott und finden nach diesem Ereignis neuen Glauben, und in ihrer Begeisterung beschließen sie, ihr Mönchsleben noch intensiver auf Gott auszurichten.

Aber dann geschieht es wieder, nicht mal einen Monat war die Heilung her und jetzt wieder: diesmal hat das Mädchen Krämpfe, weint und bittet ihre Mönche um Hilfe. In ihrer großen Verzweiflung und Not, entsteht eine hitzige Debatte: Ist das Wiederauftauchen der Krankheit, der Blutungen, ein Zeichen Gottes, dass er mit ihrer Andacht nicht zufrieden ist? Oder, wie einer von ihnen einwirft, ist es vielleicht ein Zeichen, dass das Mädchen vom Teufel besessen ist? Ja, das muss es sein. Sie sind verzweifelt, bitten Gott um Gnade und Einsicht.

Ich könnte die Geschichte weiter spinnen, in ein schreckliches Ende, in eine plötzliche Einsicht, in Intrigen, alles Mögliche. Nur weil die Mönche nicht wussten, dass 12-jährige Mädchen einfach ihre Periode bekommen, und das eher ein Grund zum Feiern als für Angst ist.

Was den Mönchen in der Geschichte gefehlt hat, war Information, Wissen, das ihr Verständnis über die Situation des Mädchens vollkommen verändert hätte.

Das ist der Grund, warum zur Praxis immer auch Verständnis hinzukommen muss. Und eigentlich stimmt das nicht so ganz, denn Verständnis IST Praxis. Wer das nicht erkennt, der praktiziert trotzdem Verständnis, nur praktiziert er sein altes, ihm meist nicht bewusstes „Verständnis“, das ausschließlich aus alten Prägungen und Informationen besteht.

Eine solche Praxis, die nur aus irgendwelchen Übungen besteht, würde also eher die Prägungen und vorgefertigten Meinungen verstärken und nicht überwinden.

Über viele Formen des yogischen Verständnisses habe ich schon Kurse gegeben, und es stellt sich die Frage, ob es da noch mehr braucht, immer wieder.

Vielleicht nicht brauchen, wenn man gut zugehört hat und sich die Zeit genommen hat, auch über das Gehörte, den Inhalt, tief nachzudenken. Aber helfen wird es immer, denn Missverständnisse im Yoga sind der Hauptgrund, warum Menschen den Weg nicht lange genug gehen können.

Sie kommen zum Beispiel zu mir, hören zu, und versuchen, das Gehörte, vielleicht auch das Erlebte in ihre vorhandene Denk- und Gefühlsstruktur einzubauen. Das kann natürlich nicht wirklich funktionieren. Es wäre als würdest du ein Teil eines Puzzles in einen Platz pressen wollen, wo es nicht hingehört, und zwar deshalb nicht, weil es zu einem ganz anderen Puzzle gehört.

Im Yoga geht es darum, sich aus der Gefangenschaft von Prägungen und psychischen Konditionierungen zu befreien, um zu erkennen, wer man wirklich ist. Schon diese Aussage, grundlegend und eher einfach, kann man leider nur so verstehen, wie man sich entwickelt hat.

Wer du meinst, dass du bist, hängt ab davon, was du gelernt hast, dass du bist. Verständlich? Wenn du dich nur als Gedanken, Gefühle, Handlungen, aus der Identifikation mit deinem Körper kennst, dann meinst du, dass Yoga dazu führt, dass du deinen Körper, deine Gedanken, deine Gefühle noch „tiefer“ kennenlernen solltest.

WAS für ein Irrtum! Nur: Wie sollst du da etwas anderes verstehen können, wenn du dich nur als das oben beschriebene Konvolut kennengelernt hast?

Daher braucht es das Erlernen und die Wiederholung von Konzepten, die dieses alte, einschränkende Verständnis mit einem weniger einschränkenden ersetzen. Findest du komisch? Warum überhaupt noch Konzepte haben, wenn sie dich doch alle irgendwie gefangen nehmen?

In Jahrtausende langer Erfahrung in der Betreuung von Menschen, die sich aus der Gefangenschaft der eigenen Missverständnisse befreien wollen, hat es sich als praktisch erwiesen, nicht gleich alle Konzepte auf einmal ersatzlos zu streichen.

Die Psyche kann das nicht ertragen. Es wäre so, als hättest du 6 Monate einen Beingips getragen und würdest plötzlich, ohne diese Stütze, gehen müssen. Es wird nicht funktionieren. Du wirst zuerst einmal einige Zeit mit Krücken gehen müssen. Die sind nicht schlecht oder unnötig, nur weil du sie irgendwann einmal nicht mehr brauchen wirst.

Du kannst die Phase, in denen du sie brauchst, auch nicht einfach überspringen. Es braucht einen Weg, eine Lehre, wie eine Straße, die dich zu deinem Haus führt. Natürlich wirst du in dein Haus gehen und damit die Straße verlassen. Aber das bedeutet nicht, dass es keine Straße braucht, die dich nach Hause bringt.

Ein faszinierendes Konzept, das die Missverständnisse, die du über dich hast („wie kommst du dazu, zu sagen, dass ich Missverständnisse über mich habe?“ magst du denken, „vielleicht projizierst du halt einfach deine Begrenztheit auf mich?“ Aus Tausenden von Kursen über fast 40 Jahre mit Tausenden von Menschen und ja, auch aus meiner eigenen Erfahrung), zumindest so weit erklärt, dass du leichter von ihnen lassen kannst, ist die Lehre, die im 14. Kapitel der Bhagavad Gita ausgebreitet wird:

Die Lehre der drei Gunas oder Grundeigenschaften.

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Die Bedeutung und Auflösung der Elemente

In allen Kulturen haben Menschen von Elementen gesprochen, von grundlegenden Bausteinen es Daseins in dieser Welt.

Ich war noch ziemlich jung, als ich das erste Mal von den 5 Elementen im Yoga gehört habe. Als jemand, der in der westlich-wissenschaftlichen Tradition erzogen wurde, mutete die Vorstellung der fünf grobstofflichen Elemente schon sehr einfach und archaisch an. Wir lernten über 100 Elementen im Chemieunterricht, und jetzt sollten wir etwas über die fünf Elemente lernen. Und weil sie „grobstofflich“ hießen, war das Ganze noch etwas verwirrender.

Dann wurde aber klar, dass, obwohl wir von den fünf grobstofflichen Elementen, den maha bhutas sprachen, es sich doch um etwas ganz anderes handelte. Warum befassten wir uns damit? Wie passt da „Ich bin Shiva“ dazu? Sind Shiva die Elemente von Bedeutung? Ja, sind sie.

In vielen Yogaschriften, die darauf eingehen, wird davon gesprochen, wie ein Mensch auf dem Yogaweg die Schöpfungskaskade wieder zurückwandert, wie er oder sie jede Stufe der Schöpfung in sich sozusagen auflöst. Auch das war mir überhaupt nicht vorstellbar. Wie sollte das gehen? Bricht einem da nicht der Boden unter den Füßen weg? Heute kann ich sagen, nein, natürlich nicht. Es ist so, als würdest du dich immer weiter verfeinern, ohne die Tuchfühlung mit dem äußeren „normalen“ Leben zu verlieren. Anders ausgedrückt könnte man sagen, dass du dein Bewusstsein ERWEITERST (nicht nur verschiebst).

Die erste Ebene jenseits der chemisch-physikalischen Welt sind die fünf Elemente, die maha bhutas. Sie sind die Kräfte, die diese Welt steuern. Zumindest könnte man das so verstehen. Mit dem Auge sieht man Erde, eine Stoffansammlung aus Lebewesen, Mineralien, verrotteter Materie und vieles mehr. Aber Erde als Element ist das Feste, ist Geruch, ist Dichte, ist Schwere, ist Stabilität. Dieses Element wirkt in deinem Körper, aber auch in deiner Psyche. Ständig. Manchmal mehr, manchmal weniger. Wie überwindet man das Element Erde, wie „löst man es in sich auf“? Das hat viele, viele Aspekte, die für Menschen auf dem Yogaweg der Befreiung bedenkenswert sind:

Jemand, der, wie die meisten Menschen, die sich spirituell nicht entwickeln können (bei uns ist das auch ein Informationsproblem, man weiß ja gar nichts davon), vom Element Erde gefangen gehalten wird, ist allem mehr oder weniger verfallen, was damit zu tun hat: Wohlstand und Armut und alles, was damit zu tun hat: Wohnraum, Möbel, physischer Besitz, etc., Körperlichkeit (übermäßige Beschäftigung mit dem Äußeren, mit Gesundheit, mit Fitness, etc.), Haptik, also, wie etwas sich anfühlt, traumloser Schlaf, Trägheit, starke Heimatverbundenheit (man achte auf das Wort!). Was sonst hält uns fest, wenn das Element Erde nicht „erlöst“ in uns wirkt?

In der Meditation ist es auch das starke Festhalten an den physischen Begebenheiten: Nur wenn du immer an der selben Stelle sitzt, fühlst du dich wohl. Nur wenn dein Asana oder Decke richtig liegt und sitzt und riecht, kannst du meditieren, du verstehst, was ich meine. Überhaupt ist das wichtig, alles muss „richtig“ riechen, sich anfühlen.

Das Element Wasser, das nächst feinere Element, kennen wir alle gut: Natürlich ist es Wasser, H2O, das im der chinesischen Tradition „das freundliche Element“ genannt wird. Es ist instabil, in fließender Bewegung. Es ist das Element, aus dem unser Körper hauptsächlich besteht. Wasser als Element ist das Bindende. Mörtelpulver macht erst einmal gar nichts. Mit Wasser verbunden wird es eine formbare Masse, die Verbindungen und Bindungen schaffen kann, die lange halten. Wasser ist anhaftend, verbindend. Logischerweise wird diesem Element der Geschmacksinn zugeordnet, denn Geschmack wird von Flüssigkeit transportiert. Menschen, die vom Element Wasser gefangen sind, können nur schwer loslassen, sie sind Substanzen, Umständen, Menschen nicht nur verbunden, sondern von ihnen gefangen. Auf dem Yogaweg, wenn das Element Wasser sich in einem selbst „auflöst“, kann man sich binden, aber auch wieder loslassen. Die Fähigkeit, sich zu verbinden ist ganz anders als ein Verbundensein. Darüber könnte man gut nachdenken.

Das Element Feuer kennen kommt als nächst feineres Element. Es ist das Ergebnis unter anderem von Reibung. Feuer ist Licht, ist die Kraft der Transformation, der Verdauung, auf allen Ebenen, von Essen bis zu Gedanken, Gefühlen, Konzepten. Feuer wird als heiß, scharf, trocken, leicht und fein dargestellt. Feuer durchdringt. Ihm ist der Sehsinn zugeordnet. Wut, Zorn, Hass sind ihm zugeordnet, aber auch die Kraft, etwas zu verdauen, auch im übertragenen Sinn, etwas zu verarbeiten und zu transformieren. Menschen, die dieses Element noch nicht in sich „lösen“ konnten, sind voll vom Sehen überwältigt, von Licht, aber auch von Intellektualität, vom abstrakten Denken, von Theorien. Wenn dieses Element transformiert hat, dessen Intelligenz kann in Einfachheit leuchten, die ständige Unruhe der Augen ist nicht mehr zwangsläufig, er oder sie kann sie jeder Zeit abstellen. Die Furcht vor dem Dunklen verschwindet. Es gibt noch viele Eigenschaften mehr, die vom Feuerelement betroffen sind.

Luft ist das nächst feinere Element. Bewegung und Dynamik, Berührung und Unstetigkeit sind einige seiner Eigenschaften. Sie ist das Trocknende, das Leichte: Das Element Luft löst das Element Feuer aus. Es hält den Körper ständig in Bewegung. Wer ihm unterworfen ist, muss sich bewegen. Wenn dieses Element nicht assimiliert ist, treibt es deine innere Unruhe voran, immer mehr, immer intensiver. Man kommt, wie es so schön heißt, vom Hundertsten zum Tausendsten. Es hört nie auf, man ist total von Berührung abhängig, um sich lebendig zu fühlen. Wenn du dieses Element in dir auflöst, merkst du, dass diese prinzipielle innere Unruhe nachlässt, dein innerer Sturm kommt zur Ruhe, wenn du das willst. Was für eine Erleichterung macht sich in dir breit!

Das Feinste aller Elemente ist der Raum, auch das wird als Element gesehen, das Prinzip des Raumes. Ohne es gibt es keine Schöpfung. Manche Yogaschriften bezeichnen den Raum als das Erste aus der kosmischen Psyche entsteht. Im Raum findet Schöpfung statt. Für die meisten Menschen ist Raum so elementar, dass sie keine Erfahrung der Gefangenschaft im Raum haben. Es ist auch schwer vorstellbar, wie das wohl ist, wenn dieses Gefangensein aufhört. Es steht in den fünf Elementen für das Prinzip der Einschränkung, für Klang, für Hören. Klang, der jeden direkt betrifft. Wie will man Raum integrieren, in sich auflösen. Was heißt „frei von Raum“?

Darüber gälte es nachzudenken, zu forschen. Die fünf maha bhutas, die großen Elemente, sind wie die Eingangstüren in inneren Welten.

In der Natur, der Kraft der maha bhutas, ist ihr Studium etwas einfacher, in der Stille , in der Balance.

Zu Ostern werden wir das heuer untersuchen.

 

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Der Lernprozess

Meist hören wir, dass es Geduld erfordert, den Yogaweg zu gehen, dass wir darauf achten sollten, dass wir den Mut nicht verlieren, dass wir die inneren Weichen so stellen sollten, dass wir nicht bei jeder Kleinigkeit gleich ins Abseits fahren.

Aber die wirkliche Geduld ist von den Lehrern, von den Meistern gefordert. Das ist einfach so. Dafür allein schon sollte unsere Dankbarkeit unendlich sein. Die Lehren der Meister sind einfach, klar und ohne wirkliche Widersprüche, wenn man nur genau und aufmerksam zuhören könnte.

Vor einiger Zeit habe ich einen Vortrag meiner Meisterin gehört, und es waren einige ihrer SchülerInnen anwesend. Dann gab es Chai, etwas zu essen, und ich wollte den Vortrag pausieren, denn jedes Wort, jeder Satz war voller Bedeutung für den Weg, voller Anregungen zum Nachsinnen. Aber alle wollten weiter hören, wollten diese Worte genießen.

Da ich die persönlichen Umstände mancher Anwesenden gut kannte, bemerkte ich, dass der Vortrag mehrfach auf Dinge einging, die gerade im Leben einzelner BesucherInnen stattfanden. Aber ich hatte den Eindruck, dass die Betroffenen das nicht hörten, weil sie sich über andere Dinge unterhielten. So sagte ich: Hast du das gehört, das war für dich! Ja, ja, habe ich gehört. Schon klar.

So ist das. Wir hören, aber es dringt nicht tief ein. DESHALB brauchen wir diese endlosen Wiederholungen, immer die gleichen Themen, immer die gleichen Worte, die gleichen Schriften, keine Abwechslung. Denn wir HÖREN nicht. Wie kann das sein? Die meisten Menschen, mit denen ich das Glück habe, zu arbeiten, sind klug, intelligent, willens.

So oft und so lange arbeiten wir an der Erfahrung des Augenblicks. Dann lädt uns die Natur ein, diesen Augenblick, den einzigen, den einen, zu genießen! Es könnte unser letzter sein, in diesem Leben. Aber wir denken daran, wie schade es ist, dass wir unseren Badeanzug, unser Snowboard, unsere Freundin, unser Kind, oder was auch immer vergessen haben. Wir sind überhaupt nicht dabei, nicht da! Dann ist der Ort schuld, wenn wir nicht genießen können, die Zeit, die anderen Leute, was auch immer. Wir schwören uns, dass wir wieder kommen, mit der richtigen Ausrüstung, und dann, dann werden wir es wirklich genießen.

So so, werden wir das? Natürlich nicht, denn wir haben unsere Lektionen immer noch nicht kapiert. Nach all den Jahren lassen wir unsere Psyche plappern und plappern und plappern. Wir nehmen es nicht ernst. Unsere Meister und Lehrer lehren uns, dass wir das weltliche Leben aufgeben sollten.

Oh mein Gott, denken wir, wie weltfern, da kann ich ja nichts mehr genießen, wie soll ich da noch leben? Etc. etc. Wir denken nicht tiefer darüber nach, wir verstehen die Liebe hinter diesen Worten nicht, weil wir gar nicht genau zuhören. Was heißt das? Wir denken nur, DAS kann ich nicht. Da muss ich ja meinen Job kündigen, mein Auto verkaufen und nur noch trockenes Brot essen, Pizza, Chai und Croissant adé! Glauben wir wirklich, unsere Meister sind dazu da, uns das Leben schwer zu machen?

Meine Meisterin hat einmal gesagt, dass sie jemand fragte, ob es ok ist, wenn man schon alle Gnade empfangen hat, um noch mehr Gnade, also etwas spezifischer, zu fragen? Sagen wir, dass wir einen Job bekommen, ein Haus, ein Auto, einen Mann, eine Frau, ich könnte das ganze Internet vollschreiben mit all dem, worum man da noch fragen könnte. Ich kenne so viele SchülerInnen meiner Meisterin, die alle Gnade erhalten haben. Ich bin mir auch sicher, dass sie das auf Anfrage sagen würden. Aber dann…. vielleicht doch noch schnell eine Guru Gita für den neuen Job, für die Wohnung, für die Kinder? Sicherheitshalber ein paar weitere einführende Mantras, wer weiß, ob die Gnade das so GENAU checkt, was wir brauchen.

Mein Meisterin gab allen Ernstes, eben die Geduld der Lehrer und Meister, eine Antwort, eine wundervolle Antwort. Ich kenne so viele Menschen, die diese Antwort auch kennen, aber immer noch meinen, es wäre besser, vielleicht doch noch für eine ganz spezielle, sehr spezifische Sache um Gnade zu bitten.

Was anderes willst du tun, wenn alle Gnade in dein Leben Einzug gehalten hat, als um die Gnade zu bitten, dich an die Fülle der Gnade zu erinnern, deine eigene Psyche um die Gnade der Erinnerung zu bitten? Der Guru ist kein Karma-Reparateur, sie repariert nicht deine Folgen, die du dir verdient hast, nicht die Angenehmen und auch nicht die Unangenehmen.

Naja, das nächste Mal, wenn wir uns sehen, denke daran, der Augenblick, er ist voll, er ist ganz, er duldet keine Erinnerung, nur den umfassenden Genuss. Wenn es schön ist, sehne dich nicht nach etwas anderem. Gewöhne das deiner Psyche ab. Dein Mantra ist jetzt, dein Guru ist jetzt, dein Leben ist NUR jetzt, dein Genuss ist jetzt. Verschwende diese Geschenke nicht so leichtfertig! Alles Liebe, mögen diese Worte dir dienen auf dem Weg!

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Eigentlich würde ich ja gerne

auch auf diesem Blog diese Daumen hoch-Daumen runter-Funktion abstellen.

Ob jemandem gefällt, was ich schreibe oder nicht, hat nur mit den Prägungen der LeserInnen zu tun. Gefallen tut nur das, was in Übereinstimmung ist mit unseren eigenen Einstellungen. Da springt unser Herz, und wir wissen, dass die Person, die das geschrieben hat, die Wahrheit spricht. Dann schnell den Daumen hoch dahinter, mit dem Gefühl, da hat jemand endlich mal wieder begriffen, worum es geht.

Gefällt mir, gefällt mir nicht, gefällt mir, gefällt mir nicht, und so weiter, das ganze Leben lang. Du läufst durch die Welt und alles durchläuft den Scanner. Eine ständige Slalomfahrt zwischen Vermeidung von allem, was nicht gefällt und suchen nach dem, was gefällt. Und niemand hält inne und frägt sich, WARUM etwas gefällt und anderes nicht. Wo ist der innere Maßstab?

Die meisten Menschen vermuten dahinter irgendwelche Tiefen der Seele, höhere und höchste Selbste, wenn möglich dann noch Eingebungen von irgendwelchen Aufgestiegenen. Aber wenn du das einmal nüchtern sehen würdest, wäre klar, dass der Scanner die Summe vorgefasster Meinungen ist, von Prägungen und alten Mustern. Also, die übliche Endlosschleife, nichts „Wahres“ oder „Tiefes“.

Ist das nicht eigenartig? Menschen, die gerne frei sein wollen, selbstbestimmt, unabhängig, laufen in diesen Endlosschleifen und verkaufen sich das dann selbst als ihre eigene Einflussnahme (weil sie so offen ihre Meinung – „gefällt mir – gefällt mir nicht“ kundtun) und Meinungsfreiheit. Natürlich haben sie dann keine Führung, keinen Meister, keine Methode notwendig, die nicht aus ihrer eigenen Vorstellung stammt.

Sie wähnen sich auf einem guten Weg – ewiger Kreisverkehr, der nur eine Einfahrt, aber keine Ausfahrt hat. Wenn es nicht so dramatisch tragisch wäre, wäre es schon sehr, sehr witzig. Das, was von vielen als Freiheit angesehen wird, ist wie die Story im Film „Und ewig grüßt das Murmeltier“, dauerhafte Wiederholung der Grundsätze der eigenen Unfreiheit.

Ich kann mir gut das Aufatmen des Egos vorstellen, wenn es dich wieder einmal davon abgehalten hat, deine Pseudo-Selbstbestimmung aufzugeben oder auch nur infrage zu stellen.

Einen Meister, einen Guru zu akzeptieren und ihm oder ihr zu folgen, ist ein Akt von Intelligenz und nicht von der Unfähigkeit, „für sich selbst“ entscheiden zu können, wo es lang geht.

Wie willst du JE deine von dir selbst geschaffenen Gefängniswände einbrechen, wenn du keinerlei Werkzeuge dafür hast? Wie willst du hinauswachsen über das, was dich für dich ausmacht? Wie willst du dich befreien von all dem, was du und viele andere als selbstbestimmend, dich ausmachend, ansiehst?

Und jetzt wird es noch etwas komplizierter. Natürlich gibt es ein Wissen, eine Ahnung von dem, was WAHR ist. Oder doch nicht? Selbst wenn es das gäbe, könnten die Meisten nicht aus dieser Ebene wissen und erkennen, weil das Ego in seinem „gefällt mir – gefällt mir nicht“-Gehabe eine Art innere Lehmschicht eingezogen hat, die es unmöglich macht, an diese Ebene der Wahrheit zu kommen. Ich hoffe, das ist soweit verständlich ausgedrückt.

Oberhalb der Egoschicht ist alles nur Prägung, alles nur x-mal Erlebtes, Vorgekautes. Daher ist alles, was aus dieser Ebene kommt, nicht befreiend, sondern eine Festigung des Geworfenseins, wie man einen Stein wirft, der nicht anders kann, als dort liegen zu bleiben.

Ohne Initiation, die diesen Namen verdient – das muss man heute leider immer wieder hinzufügen, weil ja jetzt alle möglichen Leute „initiieren“ – bleibt diese Lehmschicht des Egos unbeeinträchtigt. Vielleicht geht dir die Frage durch den Kopf, wie kann das sein, wie kann „Ich bin Shiva“ so sehr verschollen gehen, dass es nicht mehr aufzufinden ist. Verschiedene Yogatexte begründen das auf ähnliche Weise: So wie Wasser Feuer löscht und der Wind das Feuer entfachen kann, so wie der Himmel oben ist und die Erde unten, so ist der Guru die Kraft der Offenbarung, die die Erfahrung von Begrenztheit ein für alle Mal auslöscht und sie mit Ich bin Shiva auf Dauer ersetzt.

 

 

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Blutmond und mein Mietvertrag

Morgen jährt sich die Unterschrift unter meinen aktuellen Mietvertrag zum 60. Mal. Und so wie eine Wohnung, der man auch bei guter Pflege 60 Jahre Bewohnung ansehen würde, ist meine Behausung in die Jahre gekommen. Und noch dazu zu so einem erstaunlich schönen Naturschauspiel: ein Blutmond zum Geburtstag! Aber halt nur für Frühaufsteher.

Unendlichkeit wird 60 Jahre alt. Wirklich, das ist witzig! Die meisten Menschen meinen ja, dass SIE SELBST altern, Geburtstag haben. Aber was für ein Trugschluss ist das denn! Wenn dein Mietvertrag ausläuft – manche gehen dann freiwillig, die meisten werden rausgeworfen – dann wird deine Wohnung in ihre Bestandteile zerlegt und weiterverarbeitet. Aber was schon gut ist, an diesem Mietvertrag, ist, dass du keine Schönheitsreparaturen ausführen musst, am Ende. Du kannst die Mietsache verlassen, wie sie gerade ist. Hast ja auch keine Kaution bezahlt, die man dann einbehalten könnte. Wenigstens das sollte uns froh stimmen :).

Ich hatte eine Tante, eigentlich war sie meine Großtante, denn in meiner Familie gab es schon immer alte Männer mit jungen Kindern. Sie war 83, als ich sie das letzte Mal besucht habe. Sie war eine lustige Frau, war stadtbekannt als Künstlerin. Sie malte, bis zum Schluss. Sie sagte mir damals: „Weißt du, wenn man so alt ist wie ich, dann wird alles langweilig. Nur noch Wiederholung.“ Ich sagte dazu nichts.

Als ich nach Hause fuhr, dachte ich, wie kann das sein, Langeweile auf Grund des Alters? Heute ist mir das klar. Unsere Prägungen erlauben uns nur eine sehr enge Bandbreite von möglichen Lebenssituationen, sehr, sehr eng. Ist das nicht zum Lachen? Dieses unendliche Universum… und wir können nur so wenig davon erleben. Wenn du darüber nachdenkst, wirst du auch zu diesem Schluss kommen.

Was soll ich sagen? Weder ist mir langweilig noch ist es aufregend. Es macht mir nichts, wenn immer das Gleiche stattfindet. Abwechslung ist einfach überbewertet. Natürlich suchen Menschen, die nie ihre Innenwelten erforscht und erlebt haben, wie von Sinnen nach dieser Abwechslung oder fürchten sie, weil sie ihr mühsam zusammen gehaltenes Gefüge ganz unversehens ins Wanken bringen kann.

Aber für uns Yogis und Yoginis, was nützt uns Abwechslung? Was soll es uns bringen? Mehr Steine, mehr Länder, mehr Flüsse, mehr Tiere, mehr Menschen, mehr Freude, mehr Leid? Was wollen wir mit „mehr“?

Vor vielen Jahren lebte ich bei meinem Meister. Was für ein Lichtpunkt in meinem Leben! Ein Lichtpunkt, der sich in tausend Sonnen vervielfältigt hat, der nicht verglüht ist, wie viele andere Lichtpunkte, um wehmütige Erinnerungen zu erzeugen. Nein, dieses Licht ist voll erstrahlt, und erstrahlt immer weiter. Das allein schon wäre genug für ein Leben. Ein ununterbrochenes Wunder. Und das hat sich auch nicht geändert, als er seinen Körper verließ. Er ließ es mir, der Gute.

Das hat etwas Erstaunliches bewirkt. Mag sein, dass die Außenmauern marode geworden sind und noch mehr werden, aber innen findet Dauerrenovierung statt, und aus einem schönen Ort wird das immer neue Paradies.

Ob das meine Mutter geahnt hat, dass ich so ein Glückspilz werden würde? Sie hat mir gesagt, dass sie, als ich geboren war, vor Glück ohnmächtig wurde (fragt mich nicht, wie das geht!).

Eins ist jedenfalls sicher: Ohne diese Begegnung hätte ich schon vor vielen Jahren meinen Vertrag gekündigt. Und heute? Natürlich empfinde ich es manchmal etwas mühsam, in diesem Altbau zu wohnen (schon allein die sanitären Anlagen !!!), aber verglichen mit dem Wissen „ich bin Shiva“, mit der Erfahrung, dass meine Meisterin mich ganz und gar erfüllt, auch wenn niemand das sehen kann, glauben kann, hören will, ist das eine Mühe, die nicht besonders schwer anzunehmen ist.

60 Jahre und der Blutmond! Was für ein schönes Symbol. Der Vollmond, in seiner größten Ausdehnung wird von der Erde verdeckt! Aber er leuchtet trotzdem – rot. Das passt für mich. Das Verdecktsein ist nur optisch, scheinbar.

Falls du das jetzt kopfschüttelnd bis hierher gelesen hast, vielleicht sogar in der Hoffnung, dass da jetzt noch etwas kommt, was es wert ist gelesen zu werden, tja, was soll ich sagen? Ich hätte mir, als ich 20 war und der Weg in mir begann, nie denken können, dass ich solange hier sein würde. Aber scheinbar wollte ich das von Anfang an, denn mit so einer komischen Persönlichkeit wie der Meinen war schon klar, dass für lange Unterhaltung gesorgt ist.

Im Außen ist das Ganze ja wirklich nicht der Rede wert. Dank meiner Meister war ich bisher immer noch bestens versorgt, mit Materiellem, mit Engeln, mit Widersachern. Alles bestens. So konnte und kann ich relativ unbeschwert meinen Weg gehen. Wenn das nicht ging, waren es immer heftige Stürme in wunderschönen Wassergläsern. Und bestimmt folgen da noch manche oder auch nicht. Irgendwann wird ja der Laufzettel mit all den vorgenommenen Erledigungen kürzer.

Aber im Innen, da bin ich für jede Sekunde Leben dankbar. Wie immer und ohne Unterlass gilt mein Dank meinen Meistern, die mich selbst dann nicht fallen ließen, als ich mir selbst keinen Heller mehr wert war. Sie sind mein Atem, meine Lebenskraft, jede einzelne Regung, die als vamdev daherkommt und so tut, als hätte sie ein Eigenleben.

Alles Liebe an euch alle!

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Wüstenimpressionen

Meine Meisterin sagte einmal, als sie ein Neujahrsprogramm in der Wüste Kaliforniens abhielt, dass die Wüste die Wahrheit ans Licht bringt.

Das ist auch in der Wegetappe, die ich „Wüste“ in meinem Buch „Liebe, Glück und Freiheit“ (zur Zeit nicht erhältlich) genannt habe.

Was mich immer wieder in Begegnungen und Gesprächen mit YogInis, die schon lange auf dem Weg zu sein scheinen, erstaunt, ist, wie der Geist über die Zeit seinen Fokus verlieren kann. Bei vielen SchülerInnen meiner Meisterin beobachte ich das auch. Die meisten kommen sowieso nie über die Phase der psychischen Läuterung hinaus, weil sie der gefühlten Intensität des Prozesses nicht standhalten können. Sie sind nicht in der Lage, ihre Brennkraft aufrecht zu erhalten, halten sich andere Wege und Möglichkeiten offen und übersehen dabei völlig, dass sie so die Identifikation mit ihrem eigenen, kleinen, begrenzten Ego nicht loswerden können.

Aber andere, die mit echter Vehemenz und mit Fokus den Weg durch die Wirren dieses Teils der inneren Läuterung finden und in der Wüste ankommen, verspielen dann ihr ganzes „Kapital“ erstaunlich unbedacht und leichtfertig. Du hast die Begleitung eines echten Meisters, einer echten Meisterin genossen, von Anfang an vielleicht, und dann meinst du, du weißt Bescheid. Du hast die Bücher, die sie aus Liebe und Mitgefühl für ihre SchülerInnen geschrieben haben oder schreiben ließen, gelesen und meinst jetzt, das genügt. Du hast das Mantra wiederholt und Vorteile daraus gezogen, du hast den Guru vermeintlich in all deine Lebensbereiche eingelassen und seine Hilfe genossen. Und du hast es zu etwas gebracht. Wie ein Teenie, der meint, mit 14 langsam alles kapiert zu haben, zu wissen, wie die Welt tickt und auch, wie man das Ganze besser machen könnte.

Jetzt kommt deine alte Freundin und empfiehlt dir das neueste Engelbuch von soundso, und dann diskutiert ihr dieses Geschwafel als wäre es in irgendeiner Form den Worten deiner Meister ebenbürtig. Du „entdeckst“ dann neue Aspekte des geistigen Wegs, die du in deiner Tradition nicht gefunden hast. Du überlegst dir in keinem Moment, dass dein Meister das vielleicht aus sehr gutem Grund nicht lehrt oder gelehrt hat. Du entdeckst also eine Art Lücke in deinem Weg, die du ja recht einfach selber mit neuer Info ausfüllen kannst. Schließlich ist das ja DEIN Weg, der sicher auch DEINEN Input zur Vervollständigung brauchen kann.

Die Wüste bringt die Wahrheit an den Tag. Du hast deine Hausaufgaben nicht gemacht, von Anfang an nicht. Du hast die Beziehung zu deinem Guru nicht tief genug verstanden, nicht mit Hingabe gepflegt und vertieft. Sonst würde dich keine Information über Engel und dem ganzen anderen Esokram, der so mit viel Hokuspokus angeboten wird, interessieren. Und diese Bücher, etc. würden dir gar nicht angeboten, denn allen und allem wäre sowieso klar, dass dich das nicht interessiert.

Manchmal bin ich schon erstaunt, wie schnell wir vergessen können. Oder wie oberflächlich wir diesen Weg gehen können. Wie die Zeit aus Großartigkeit Banalität machen kann, wie das immer Neue alt wird, weil wir nicht genug verstehen, worum es geht.

Dass das am Anfang nicht so klar ist, kann man nachvollziehen, aber nach 10 Jahren? Nach 15 Jahren? Nach 20?!? So oft höre ich von diesen „Alteingesessenen“, wenn sie überhaupt noch mit mir reden wollen („der vamdev ist einfach zu fanatisch, usw.“), wie sie das Ganze satt haben, wie sich nichts mehr „tut“, wie der Guru in wichtigen Lebensherausforderungen eben nicht geholfen hat. Wie bitte? Ist der Guru ein Anwalt, der dich bei schwierigen Rechtslagen wieder rauspaukt, obwohl du dir das vielleicht sogar selbst eingebrockt hast? Ist der Guru verantwortlich für das Geradebügeln unseres Lebens? Ist der Guru der Wunderheiler, der dich, schwuppsdiwupps von selbst versuchtem Leid befreit? Ist der Guru ein Magier, ein Butler, dein Generaldirektor? Ist der Guru verantwortlich dafür, dass du deinen Weg gehst? Ich weiß, manchmal scheint er das alles zu sein, am Anfang, ein wenig.

Aber willst du immer noch mit 30 von deiner Mama an der Hand über jede Straße geführt werden?

Erinnerung, Erinnerung, Erinnerung – darauf kommt es an. Du vergisst und lässt das Vergessen wuchern mit all seinen giftigen Keimen, wie Zweifel (dessen Wurzel aber nicht angezweifelt wird), Nachlässigkeit, Verstrickung, die nach außen gerichtete Sicht des Lebens, Nachlässigkeit in deinem Denken und Fühlen.

Was soll man da machen? Zu nichts werden, die Verbindung zum Guru vertiefen (nein, das heißt nicht intensivierte internationale Reisetätigkeit, das ist ein Herzensprozess, das ist die Bitte um und das Üben von Hingabe), deinem Geist nicht erlauben, deinen Weg zu banalisieren, zu verflachen, zu normalisieren. Mantra, immer wieder Mantra. Ich bin Shiva, das muss mit der Zeit alles überstrahlen können. Wenn du in dir die Voraussetzung dafür nicht schaffst, immer wieder, wird das NIE gehen.

Wenn die Distanz zum Weg und zum Guru in dir wächst, wenn es gerade anfängt, dann wende dich an Schüler, die stark sind auf dem Weg und suche dir keine Zweifelskumpane.

Alles Liebe, wie immer.

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Namenlosigkeit – des Egos größter Alptraum

Der letzte große Philosoph des Daoismus, Dschuang-Tse schrieb einmal: „Ein Namenloser unter vielen Namenlosen sein, wer will das schon.  Er wird fließend sein, wie das Dao. Man bemerkte ihn nicht. Ohne Namen, ohne Haus ist er genauso wie das Leben selbst. Er ist einfach, ohne Rangabzeichen. Die Erfolgreichen nennen ihn Narr. Seine Schritte hinterlassen keine Spuren. Er hat keine Macht. Er schafft kein großes Werk und er hat keinen Namen. Da er nicht über andere urteilt, lässt man ihn in Ruhe. Er ist der vollkommene Mensch.“

Mich hat das immer beeindruckt, seitdem ich das vor vielen Jahren zu lesen bekam. Wie eine große Erleichterung kam es mir vor, so zu leben. Nichts anstreben im Leben, seinen geistigen Weg gehen, sich anleiten lassen, was ja nicht schwer ist, wenn man „namenlos“ ist. Wenn du niemand bist, wenn du ohne Wichtigkeit und Bedeutung bist, was ist dann schwierig daran, sich etwas sagen zu lassen?

Vor kurzem verabschiedete sich jemand von mir mit so markigen Worten wie, „Ich wünsche dir, dass deine Hoffnungen sich in diesem Leben erfüllen werden.“ Welche Hoffnungen kann ein 60-jähriger denn haben, der seine Sinne und seinen Verstand beisammen hat? Ich musste richtig lachen, als ich das las. Und ich meine damit kein sarkastisches Lachen, nein, ein sehr vergnügliches. Auf das Sterben braucht man nicht zu hoffen, dass ist Teil der Stellenausschreibung als Mensch. Das ist für alle unvermeidlich.

Nein, nein, ich kann schon manche denken hören: „Deutet der vamdev damit vielleicht sein unmittelbar bevorstehendes Ende an?!?“ „Jein“, kann ich da nur sagen. Verglichen mit dem Alter des Universums, ja, verglichen mit meinen Lebensjahren, eher nein. Das ist auch sicher keine morbide Redensart, eher ein ganz lustiger Realismus.

Hoffnungen auf die Erfüllung von Hoffnungen – was für eine Vorstellung! Wenn man Namenlosigkeit in Kauf nimmt, dann ist der Tag einfach erfüllt mit sich selbst, voller 24 Stunden. Mehr Beschäftigung braucht es nicht. Wo wäre da Platz für Hoffnungen? Wer hat für solchen Unsinn dann noch Zeit?

Lebensträume, Nachlass, damit das Leben dann doch noch Wert hat, etwas für andere zurücklassen – wie lächerlich ist das denn? Lebensträume sollte man sich machen, BEVOR man seine Lebensrolle annimmt. Danach, wenn die Geburt gelaufen ist und man seine Rolle spielt, kann es doch nur noch darum gehen, die Rolle mit viel Freude, mit Gusto, mit Elan zu spielen, wie mein Meister das oft sagte: „Spiele deine Rolle gut, so gut, dass alle am Ende „Zugabe, Zugabe“ rufen.

Ein Namenloser unter Namenlosen sein: Nur das Ego ist ernsthaft an Rang und Namen interessiert, für Yogis auf dem Weg wäre beides ja eher eine vergnügliche Belästigung :). Nicht erreichen, nichts darstellen im Leben, keinen guten oder schlechten Ruf verteidigen zu müssen – welch beruhigende Vorstellung!

Falls dich diese Worte jetzt eher verstört haben, du dir Fragen stellst wie: „Ja, soll ich jetzt nicht mehr nach Erleuchtung streben, etc.?“, dann bitte ich dich, einfach einmal in das Gefühl einer derartigen Namenlosigkeit hineinzugehen, es auszukosten. Und genießen, wie einfach dann alles wird.

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von Mäusen und Elefanten

„Wenn dich eine Maus anpiepst, musst du dir doch vor lauter Angst nicht gleich in die Hose machen!“ Mein Meister sagte das desöfteren zu uns, um uns zu verdeutlichen, dass man nicht unbedingt schwach und schnell überfordert sein muss.

Der Weg und das Leben sind manchmal eine Herausforderung, die ihren alleinigen Ursprung – das wird aber leider erst viel später auf dem Weg klar – ganz allein in uns selbst hat. Für manche ist schon allein dieses Eingeständnis ein Problem, was aber nichts an den Tatsachen ändert. Das Ego steht bei den Menschen in so hohem Ansehen. Nichts und niemand darf es berühren, bloß stellen, verärgern, oder, Gott behüte, es auch nur an den Rand eines Nachweises seines Unvermögens bringen.

Fast alle Menschen lassen ihre Lebensentscheidungen von dieser völlig überforderten Untereinheit ihrer Psyche bestimmen. Selbst wenn du dann endlich auf dem Yogaweg die entsprechenden Infos erhalten hast, was das Ego ist und dass du nicht das Ego bist, sondern eines hast, verdrehen viele YogaanfängerInnen ganz schnell mal die Aussagen der Yogameister und -schriften so, damit das Ego sich wieder wehren kann und muss gegen vermeintliche Anschuldigungen und ihn angetanen Ungerechtigkeiten.

Manchmal erscheint es mir so, als würden viele Menschen wie rohe Eier durch die Welt laufen, ständig darauf bedacht, unversehrt zu bleiben. Ein für wahr schreckliches Leben!

Wenn du auf dem Yogaweg bist, wirklich auf dem Weg bist, und nicht nur so tust, weil du (bzw. dein Ego, das sich damit neue Schutz- und Trutzmechanismen erhofft) mit manchen Konzepten so ganz einverstanden bist, dann wirst du dich lösen MÜSSEN vom Herrschaftsanspruch deines Egos, dann wirst du lernen müssen, offen zu bleiben, empfangsbereit zu sein, auch wenn dein Ego meint, sich gegen irgendetwas, was du gehört oder gelesen hast, wehren zu müssen.

Wenn man fähig wäre, seine Vernunft, die ja laut yogischer Psychologie jenseits des Egos angesiedelt ist, zu verwenden, um Yoga tief zu verstehen, würde man, auch wenn es manchmal schwer fällt, das Ego nicht mehr allein entscheiden lassen, was jetzt gut ist auf dem Weg und was nicht. Leider erlebe ich immer wieder, dass das offensichtlich sehr schwer ist.

Meine Person bietet da, wie mir scheint, für viele Egos eine gute Angriffsfläche, weil ich mir nicht die Mühe machen will, als süßer, kleiner Plastikyogi durch die Welt zu stapfen und überall um mich herum nur Wohlwollen und eitel Sonnenschein zu verbreiten. Das habe ich noch nie gemacht. Also ist es einfach, zu sagen, ich lehne dich ab, weil du Dinge sagst, die mir nicht gefallen. Das Ego ist sehr erleichtert, wenn derartige Gedanken und Entscheidungen bei dir getroffen worden sind.

Es ist Yoga los, wenn auch nur in der Person des Autors. 🙂

Was soll man dazu sagen? Mit der Belehrbarkeit ist es bei vielen ganz schnell vorbei, wenn auch nur ein klein wenig an der Allmacht des Egos gekratzt wird. Und Yoga kratzt da nicht nur ein wenig, sondern zerstört mit manchmal großer Vehemenz die verblendete Vorstellung, dass du und dein Ego eins sind.

Wie gesagt, oft wird aus einer Maus ein Elefant und umgekehrt. Das Ego mag ja vieles sein, aber in der Lage, Wirklichkeit wahrzunehmen ist es nicht. Auch wenn das die meisten Menschen genauso handhaben.

 

 

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Rollenverteilung

Vor gut 150 Jahren trafen sich in einer kleinen Ortschaft nahe London 40 junge Aristokraten, die einander alle aus unterschiedlichen Schulen und über ihre Verwandtschaft kannten.

Dieses erste Treffen wurden in einer kleinen Gruppe angeregt, die an alle anderen den Vorschlag unterbreitete, dass man sich doch exklusiv treffen könnte. Von ca. 100 Eingeladenen sagten 40 zu, die auch gerne den Kontakt zu Ihresgleichen intensivieren wollten, ohne die lästige Bevormundung älterer Adliger, ohne das steife Getue der Bediensteten.

Man traf sich in einem Schloss, das seit dem Tod des Onkels eines der Initiatoren nur noch notdürftig erhalten wurde. Das erste Treffen war, gelinde gesagt, ein echter Fehlstart. Man traf sich, wie es der eher romantischen Stimmungslage der jungen Aristokraten entsprach, ein wenig vor Sonnenuntergang.

Nichts weiter war vorbereitet. Das Haus war nicht gereinigt, die Beleuchtung war nicht angebracht. Es wurde schnell dunkel und kalt an diesem Sommerabend. Deutlich frustriert war die Versammlung gerade dabei, sich aufzulösen, als jemand das Wort ergriff.

Er bat die Anwesenden, doch etwas mehr Geduld zu wahren und schlug vor, mit dem Rest an Tageslicht schnell alle Funktionen, die notwendig erschienen, damit es tatsächlich ein funktionierendes Clubleben geben konnte, auf ein Stück Papier zu schreiben. Es musste jemand zu den Sitzungen einladen, es musste jemand das Programm gestalten, für Sauberkeit sorgen, für die Verpflegung, für die Unterbringung im Allgemeinen, sich um das Haus ganz allgemein kümmern. Diese Idee fand sofortigen Anklang, und in einer Art Brainstorming entstand eine Liste mit 40 Funktionen. Das Blatt Papier, so war der Vorschlag, sollte dann so zerrissen werden, dass auf jedem Papierschnipsel eine Funktion stand. Alle wurden zerknüllt, damit man sie nicht von außen lesen konnte. Sie alle wanderten in den Hut dessen, der diese Idee hatte.

Daraufhin stellten sich alle Adligen an und zogen, ohne hinzusehen, einen Job aus dem Hut. Einer wurde Präsident, ein anderer der Koch, wieder ein anderer putzte die Toiletten (was sehr, sehr schwer fiel!). Alles war gut, nur ein Problem war damit nicht gelöst: sie waren ja alle aus dem gleichen Stand, wie konnte da einer so sehr über dem anderen stehen? Damit das nicht aufkam, beschlossen sie schnell, dass am Ende eines Treffens diese Zeremonie mit der Verteilung der Rollen wieder gemacht werden würde.

Und so wurde der Präsident das nächste Mal vielleicht der Toilettenputzer und der Koch der Programmdirektor und der Türsteher der Präsident. Da es jeden mit jedem Job treffen konnte, achteten sie peinlichst darauf, dass sie nie in Arroganz oder Hochnäsigkeit einander gegenüber verfielen.

Mein Meister liebte diese Geschichte und er nannte unser Leben auch nur ein Clubtreffen der Adligen. Er ermahnte uns, nie zu vergessen, dass die Rollen immer neu gemischt werden, wenn die Sitzung zu Ende ist.

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Heute …

als ich Zähne putzend vorm Spiegel stand, in dem ich mein Gesicht betrachtete, das jetzt schon bald 60 Jahre diesen Körper ziert, dachte ich daran, dass mein Meister so alt war wie ich jetzt, als er das erste Mal in den Westen ging, ein wenig älter war er.

Und ich dachte an seine erstaunliche Errungenschaft, und daran, wo ich stehe. Ich hörte seine Stimme in mir, die mir versicherte, dass er immer auf mich aufpassen würde, sich immer um mich kümmern würde, dass es mir nie an etwas fehlen würde. Ich musste ein wenig lachen, ob dieser liebevollen Worte. Wie kann jemandem wie mir etwas fehlen? Ich meine, WIRKLICH fehlen? Ich liebe seine Fürsorge, die alle Bereiche des Lebens umfasst. Wenn man das nur immer sehen könnte, wenn man meint, es würde nicht genügen …

Weiter sah ich im Spiegel dieses alternde Gesicht. Und ich dachte daran, was wohl wäre, nach meinem Tod, mit meiner Familie, mit den Menschen in meinen Kursen, was wohl wäre. Ich sah kurz mein Begräbnis und musste auf einmal lauthals lachen. Auch wenn ich das jetzt schreibe, muss ich lachen. Wie kann man nur interessiert sein, was nach dem Tod mit der eigenen Leiche geschieht? Wenn damit, entgegen der Lehren des Yoga, alles vorbei wäre, dann ist jeder Gedanke an ein „Danach“ wirklich zum Lachen. Wenn es ein „Danach“ gibt, dann hat man ja mit deutlich Wichtigerem zu tun, als über einem Körper ohne Leben nachzudenken.

Also, ich kann euch sagen, das war ein amüsantes Zähneputzen heute Nacht. Manche mögen solche Gedanken und Worte als morbide, als sehr eigenartig empfinden. Aber probier’s doch mal, das nächste Mal, wenn du in den Spiegel schaust. Und lach mit.

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Bitte lesen: Antworten auf „Yogische Geisteshaltung im Alltag: Was ist das?

Da ich mir nicht sicher bin, ob irgendjemand durch den Blog bei Antworten auf Kommentare informiert wird, möchte ich alle LeserInnen einladen, meine Kommentare oder besser gesagt: meine Antworten auf zwei Kommentare zum oben erwähnten Kapitel zu lesen.

Eine kleine Ergänzung zu meiner Antwort auf Philipps Kommentar zu diesem Beitrag:

Wenn einem Menschen ganz klar ist, dass Gefühle und Gedanken in ihm selbst sind und dort von niemandem und nicht „hineingetan“ werden, dann kann man damit anfangen, die Dinge, die Welt, die Menschen so zu sehen, wie man will. Ich meine dabei gar nicht (obwohl das vielleicht auch sein könnte), dass man dann die Ereignisse seines Lebens beeinflussen kann. Sicher aber kann man dann die Art und Weise beeinflussen, wie sich diese Ereignisse anfühlen.

Ganz egal, was geschieht, ob es ein außen gibt, oder, wie das ja die Yogaschriften mehrheitlich sagen, alles nur in uns stattfindet, mehr noch, ALS uns stattfindet, wie es sich anfühlt, das liegt dann, wenn das eben klar ist, in unserer Hand. Alte Gewohnheiten werden noch einige Zeit weiter bestehen. Manchen fällt es schwer, Leid und Schwierigkeiten, die sie jahrelang vielleicht anderen oder irgendwelchen Umständen zugeschrieben haben, plötzlich als eine Erfahrung zu sehen, die in ihnen ist und die sie daher bestimmen können.

Das scheint im Widerspruch zu „Dein Wille geschehe“ oder „Ich tue, was du mir sagst“ (Ende der Bhagavad Gita) zu stehen. Denn man übernimmt ja endlich Verantwortung für sein eigenes Leben und gibt anderen nicht mehr die Schuld für das, was man erlebt. Aber „Täterschaft“ ist das noch nicht. Zumindest nicht, wie ich dieses Wort verstehe. Täterschaft wäre für mich das bewusste Erschaffen vom Innen UND Außen auf der Ebene, wo es innen und außen gibt.

Ist das verständlich? Falls nicht, bitte nachfragen.

Und: der Kurs im Herbst wird sich auch mit diesen Fragen beschäftigen. Und noch etwas: Das Buch gibt es noch zwei Tage zum günstigen Einführungspreis. Danach über den Buchhandel. Hier bestellen: buchbestellung@svayoga.de

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Die große Kunst der künstlichen Probleme

Vorhin war ich im Lift mit meinem kleinen Sohn, und zwei Männer im mittleren Alter stiegen zu und unterhielten sich über den Stress, der endlich nachlässt, wenn man Urlaub hat. Sie sprachen von Projekten, die jetzt endlich einmal zu Ende gehen, davon, dass sie schon noch erreichbar sein müssten, falls etwas nicht so läuft, wie erwartet.

Ich musste schmunzeln. Welche Mühe für so wenig Ergebnis! Ein paar Tage „runterkommen“ für Wochen und Monate intensivster Mühe. Bringt es das wirklich? Darauf mag man erwidern, dass man das ja nicht freiwillig macht, dass man da entweder mitmacht oder ein Sozialfall wird.

Wenn ich dann lese, das einer der bekanntesten Unternehmer unserer Zeit mit großer Begeisterung seinen MitarbeiterInnen ankündigt, dass sie ab jetzt Urlaub nehmen können, wann immer sie wollen und auch so lange sie wollen, vorausgesetzt, dass sie sicherstellen können, dass sie ihre Arbeit 100% (!!!) erledigt haben, dann erfüllt mich Staunen. Wer will bei solchen Voraussetzungen noch Freizeit haben, wenn er/sie weiterhin für das Unternehmen dieses Unternehmers arbeiten will?

Ist das nötig? Bringt dieser Druck im Mäntelchen der Freizügigkeit überhaupt etwas? Und wenn, wem dann? Ein paar Euros, Dollars, etc. mehr? Vielleicht ist es diese Langeweile des Status Quo, die solche künstlichen Probleme kreieren will. Es läuft alles gut, keine besonderen Ereignisse, und dann…. es wird langweilig. Daraus können sich die „lustigsten“ Dinge entwickeln. Früher sagten Eltern dann zu ihren Kindern: „Dir geht es wohl zu gut.“

Dann fängt alles an: Der Verstand, meist gar nicht mal oberhalb der Bemerkbarkeitsgrenze, überlegt, was man sonst noch alles tun oder anstellen könnte. Viele Kriege, viele Beziehungsprobleme, viele Berufskrisen fangen vermutlich so an. Der mit dem Ego verkuppelte Geist kann ein bloßes „Weiter so“ auf Dauer nicht ertragen. Zu sehr treibt ihn seine innere Unruhe an. Je stärker diese Unruhe dann wird, desto eher und heftiger entsteht das Bedürfnis, einfach wieder einmal etwas zu machen, zu verändern. „Mach doch endlich irgendwas!“

Kennt ihr dieses Gefühl? Da hat dir dein Schicksal einmal eine gute Schicksalssträhne verschafft, und nach der anfänglichen Freude darüber beginnt irgendwann so eine gewisse innere Unruhe. Unbemerkt breitet sie sich in dir aus und zwingt dich  auf einmal zum Handeln. Oft entstehen dabei diese aberwitzigen Ideen, wie sie dieser vermeintlich außergewöhnlich begabte Unternehmer hatte. Freizeit und Urlaub für alle und so lange sie wollen! Aber natürlich nur, wenn die Arbeit zu 100 % erledigt ist. Lasst euch das einfach mal auf der Zunge zergehen. Entweder ist der Mann wirklich nur ein Psychopath, dem es besondere Freude bereitet, andere in inneren Qualen zu sehen, oder sein unruhiger Geist ließ ihn einfach nicht ruhen, und er wollte etwas Neues, Ungewöhnliches machen.

Versteht ihr die Implikationen von dieser inneren Krankheit? Wir Yogis erlernen hoffentlich mit der Zeit, die Unruhe früh genug zu bemerken, bevor sie uns in Handlungen verführt, die etwas Gutes und Angenehmes in Zweifel ziehen und unvorhersehbare Aufregungen in unser und anderer Leben bringen. Normale Menschen sind diesem Syndrom der künstlichen Probleme ziemlich hilflos ausgeliefert. Sie bemerken die Unruhe nicht als Unruhe, sondern als immer drängendere Notwendigkeit für Veränderung.

Wer die Ruhe und Unaufgeregtheit guter Schicksalssträhnen nicht aushalten kann, wird von Stress zu Stress taumeln, von kurzen Verschnaufpausen zu irgendwann stattfindenden nächsten Verschnaufpausen. Eines der großen Geschenke im Alltag eines Yogis, einer Yogini ist es, die Unruhe an sich zu erfahren und sie immer früher, vielleicht sogar schon in ihrem Ansatz zu entdecken und zu beenden.

Im Ursprung ist sie Lebendigkeit, die man genießen kann. Im Außen zur Wirkung gebracht, ist sie aber oft nur ein Tun ohne wirklichen Anlass und daher meist zerstörerisch. Wer nicht verhindern kann, dass sie zu innerer Unruhe weiter wächst, wird, von ihr getrieben, aktiver werden müssen. Eine wirkliche Verbesserung der eigenen Lebenssituation ist dabei rein zufällig und eher selten.

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Amṛt Anubhāv von Jñāneśvar Mahārāj: jetzt auf deutsch

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Amṛt Anubhāv
von Jñāneśvar Mahārāj

Übertragung ins Deutsche von Uwe Vamdev Franz

Der Nektar direkter Erkenntnis. So kann man den Titel dieses erstaunlichen Werkes von Jnaneshwar Maharaj am besten übersetzen. Es ist die wichtigste Yogaschrift aus dem 13. Jahrhundert und doch immer noch aktuell. Die frische Bildersprache – Jnaneshwar war ein Teenager als er das schrieb – trägt ihre Leser in die eigene innere Tiefe. Diese Schrift ist eine große Bereicherung für alle, die Yoga praktizieren und lehren. Sie ist eine Quelle der Erholung für spirituelle Menschen und gibt ihrem Weg neuen Schwung und neue Begeisterung. Beim Lesen der Worte dieses Meisters Jnaneshwars taucht man ein in einen Zustand jenseits von Worten.

Diese erste deutsche Übertragung macht Amrit Anubhav jetzt auch allen Menschen hierzulande zugänglich.

Amrit Anubhav, kartoniert, 155 Seiten

Im Buchhandel kostet das Buch 24,90 Euro (versandkostenfrei).
Zu bestellen über buchbestellung@svayoga.de

 

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Yogische Geisteshaltung im Alltag – Aspekte ihrer Wirkung

Wenn man einmal zu verstehen beginnt, was yogische Geisteshaltung ist, wird natürlich spannend, was sie bewirken kann.

Da diese Geisteshaltung aus dem absurden Wirrwar des Lebens erst Sinn machen kann, wird ihre Wirkung in den Yogatexten und von den Yogameistern ausführlich beschrieben. Die meisten Menschen würden sich wahrscheinlich an der Beschreibung des Lebens als absurdes Wirrwar stoßen. Die LeserInnen dieses Blogs wohl eher nicht. Denn um das Leben so sehen zu können, bräuchte es ein wenig Abstand, der erst mit der von mir in vielen Beiträgen beschriebenen Yogapraxis möglich wird: Meditation, Mantra, Verständnis.

Mein Meister sagte zum Beispiel: „Yoga macht auch einem Schreiner einen besseren Schreiner, aus einem Arzt einen besseren Arzt, aus einer Mutter eine bessere Mutter.“ Die von ihm erwähnten Beschäftigungen variierten dann von Mal zu Mal. Das hörte sich gut an (wobei: Manchmal dachte ich damals schon darüber nach, ob es aus einem Einbrecher auch einen besseren Einbrecher macht?). Da Menschen anfangs ein starkes Motiv brauchen, um den Yogaweg zu betreten und zu gehen, gibt es derartige Positivlisten immer wieder.

Klar, wenn du deinen Denkapparat gezielt einzusetzen lernst, wird so manches einfacher. Wenn deine Gefühle nicht mehr Alleinherrscher in deinem Inneren sind, kannst du das, was du vielleicht willst, besser erreichen, bewirken, anstoßen. Die regelmäßige Praxis der Meditation eröffnet dir eine andere Sicht auf Ereignisse, die du erfährst. Langsam, für viele viel zu langsam, erahnst du, dass das Leben dir nicht geschieht. Du entdeckst, dass das Leben nicht wirklich so ist, wie du immer geglaubt hast. „Die Welt ist so, wie du sie siehst.“ Dieser Satz, der vielfach in den Yogaschriften auftaucht, gewinnt an Brisanz für dich. Das geht aber nicht gleich beim ersten Hören. Die vorherige, alte Vorstellung, dass du in der Welt lebst und diese Welt etwas mit dir macht und du darauf zu reagieren hast, verlässt deinen Verstand nicht so einfach.

Die yogische Geisteshaltung offenbart sich nicht auf einmal. Es ist ein Prozess, der leider auch von großer Ungeduld von Seiten des Übenden begleitet werden kann. Auch wenn du meinst, diese Geisteshaltung verstanden zu haben, lässt sie sich nicht so leicht umsetzen. Und in diesem Prozess gibt es die erstaunlichsten Missverständnisse. Als jemand, der Menschen schon seit fast 40 Jahren auf dem Weg begleitet, kann ich sagen, dass sie letztendlich das größte Problem darstellen, wenn es darum geht, diese Geisteshaltung ein für alle Mal in sich zu festigen. Diese Missverständnisse haben nichts mit Intelligenz zu tun, wie wir sie normalerweise verstehen. Ich sehe da eher so etwas wie yogische Intelligenz, und die wiederum muss sich erst entwickeln.

Ganz praktisch wirkt die yogische Geisteshaltung in viele Bereiche deines Lebens hinein. Du merkst tatsächlich, dass du in vielen Situationen besser zurecht kommst. Und hier muss ich etwas einfügen, was meine Grenzen als Lehrer offensichtlich macht: Ich weiß nicht, ob man eine yogische Geisteshaltung auch nur ansatzmäßig einnehmen kann, wenn die innere Kraft, die Kundalini Shakti, nicht erwacht ist, wenn man den Segen des Meisters noch nicht erhalten hat. Da mein Weg damit BEGANN, kann ich nicht wirklich einschätzen, ob Yoga so weit in Menschen eindringen kann, dass er zu einer inneren Haltung wird und nicht nur oberflächliches Wohlgefühl hinterlässt. Ich habe vielfach erlebt, dass Menschen darauf hoffen, dass es auch „ohne“ geht, aber ich habe das bisher noch nicht gesehen.

Bevor jemand aus meinem Leserkreis jetzt gegen dieses Verständnis in Stellung geht, möchte ich folgendes erzählen. Ich habe einen guten Freund, der aus Frankreich kommt. Bei all meinen Besuchen bei ihm gab es zum Essen natürlich den dort üblichen guten Rotwein. Immer wieder beteuerte er mir, dass, entgegen meiner Ansicht, dieser Wein keinerlei Wirkung auf ihn hätte. Es sei halt ein französischer Brauch, und alle Menschen in Frankreich würden regelmäßig Wein trinken. Ich gab auf, mich in Diskussionen darüber einzulassen, wie ich Alkohol aufgegeben hatte, weil auch schon kleine Mengen Bier meine Morgenmeditation derart störten. Dann zwang ihn ein gesundheitliches Problem, Alkohol ganz und gar zu meiden.

Erst danach sagte er mir, dass ich mit meiner „Ansicht“ recht hatte, dass sich etwas Wesentliches in seinem Alltagszustand verändert hat. Wie mein Meister das oft sagte: „Nur ein Fisch weiß, wie es ist, im Wasser zu leben.“ Wer also ohne Guru auf dem Yogaweg unterwegs ist, weiß nicht wirklich, was der Yogaweg ist. Und nur ein Ego, das noch alle Fäden unangefochten in der Hand hält, wird sich an dieser Aussage stören.

Meine Meisterin sagte einmal, dass 85 % der inneren Transformation, die Shaktipat oder die Aktivierung der Kundalini-Energie (wer mit diesen Worten nichts anfangen kann, einfach googlen) bewirkt, unterhalb unseres Normalbewusstseins stattfinden. Sie meinte, dass wir nicht in der Lage wären, diesen Prozess durchzustehen, wenn wir ihn in seiner Gesamtheit erleben müssten.

Mit der Zeit und Praxis sieht man, dass sich eine neue Art von Freiheit eröffnet. Während früher (und für normale Menschen immer noch) Freiheit bedeutete, dass man ungehindert seine Wünsche und Sehnsüchte ausleben kann oder ihnen nachgehen kann, wird klar, dass es eine andere Definition und Möglichkeit der Freiheit des Denkens und Fühlens gibt. Wir bemerken, dass wir uns nicht irgendwie fühlen MÜSSEN, dass wir einen Sachverhalt auf viele Weisen erleben oder bedenken können. Mehr noch: wir verstehen und erleben, dass das Wort „Sachverhalt“ nicht stimmt. Wir beginnen, die Zwangsläufigkeit unseres Denkens und Fühlens („Da muss ich mich doch ärgern!“) auszudünnen.

In immer mehr Situationen des Alltags bemerken wir, dass wir viele Optionen haben. Damit wird auch klar, dass Ausweglosigkeit oder Alternativlosigkeit nicht real sind, sondern auf die Unfähigkeit hinweisen, Gedanken und Gefühle zu HABEN und nicht mehr zu SEIN. Ohne Einarbeitung in yogisches Verständnis wird nicht klar, dass dafür letztlich ein Vorgang allein in uns verantwortlich ist: die Identifikation mit der eigenen Egokraft. Weil normale Menschen ohne Zweifel in der Überzeugung leben, dass es keinen Unterschied zwischen dieser Egokraft (wie Yogaschriften unser Ego präzise bezeichnen) und uns gibt, weil wir dieser Kraft ohne unser Zutun, wie es scheint, alle Lebensfelder überlassen haben, ja ohne sie diese Lebensfelder gar nicht erleben, ist es nicht möglich, die feinen, subtilen Bande dieser Identifikation ohne den Segen (die Lotsendienste) eines Meisters zu durchtrennen. Jede von uns initiierte Aktivität in dieser Richtung kommt wiederum aus der Egokraft. Wer diese Worte einigermaßen versteht, wird sich einen Meister suchen oder immer wieder von neuem dafür dankbar sein, dass er/sie sich dieser Segenskraft öffnen konnte und kann.

Alle positiven Wirkweisen, die von Meistern und den Yogatexten so herrlich beworben werden, sind bloße Ablenkungsmanöver von diesem ersten, großen Transformationsprozess: der Lösung der Identifikation mit der Egokraft.

Anfangs versteht man die Worte des Gurus und der Yogaschriften als Anleitung für ein besseres Leben. Es ist wie die Neueinrichtung einer Wohnung, indem man die Möbel umstellt. Das ist sicherlich unterhaltsam, und nach ein paar Stunden Schwitzen und Schuften setzt man sich dann ins alte Sofa und schaut sich um und freut sich. Aber das ist nur eine vorübergehende Freude. Die Zerschlagung der Identifikation mit dem Ego (entschuldigt die Wiederholung dieses langen Begriffs) ist, wenn man in diesem Bild bleiben möchte, nicht eine Umstellung der Möbel. Gerne möchte uns diese Egokraft und unsere gewohnheitsmäßige Unterwerfung unter sie glauben machen, dass mit der Umstellung schon alles wieder ok ist. Wie lustig das doch ist! Sie ist auch nicht ein Umzug im gleichen Haus, in der gleichen Stadt, im gleichen Land, auf dem gleichen Kontinent, auf dem gleichen Planeten, usw. Es ist gar kein Umzug. Es eine vollständig neue Seinserfahrung.

Mit ihr BEGINNT der Yogaweg erst richtig.

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Yogische Geisteshaltung im Alltag – was ist das?

Für alle, die schon länger im Yoga auf dem Weg sind – ihr könntet den Titel als Überprüfung eures Verständnisses verstehen. Was macht eine yogische Geisteshaltung aus?

Für alle anderen möchte ich ein paar Annäherungsversuche unternehmen.

Zuerst schauen wir uns einmal die „normale“ Geisteshaltung an. Alltag könnte sein: Aufstehen, arbeiten, schlafengehen. Aufstehen und Schlafengehen als Fixum (das allein schon gibt Yogis zu denken!). Unter „arbeiten“ kann man dann alles andere einordnen, was sich unter den fünf Hauptereignisfeldern einordnen lässt (wer wirklich mehr kennt, bitte melden!): Körper und Gesundheit, Familie und Beziehung, Arbeit und Berufung, Besitzen und Wohlstand, Spiritualität. Das ist also nicht sonderlich komplex. Mit diesen Ereignisfeldern haben alle Menschen zu tun. Manches davon fühlt sich gut an, anderes nicht so gut, manches ist Routine, anderes wieder außergewöhnlich.

„Normal“ wäre dabei, sich zu fühlen, als würde das alles auf einen zukommen oder man würde es so lenken können, dass es den eigenen Bedürfnissen entspricht. Für die meisten Menschen ist das Leben eine Mischung dieser beiden Gefühle. Sie setzen sich ein, reagieren, bestimmen, agieren, fühlen sich abwechselnd als Opfer und als Täter. Ihr Leben scheint hin und her zu schwappen zwischen Erfolg und Versagen. Sie versuchen, bewusst oder unbewusst, aus ihren Fehlern zu lernen, voranzukommen in der Sehnsucht, sich möglichst viele Wünsche (siehe die fünf Ereignisfelder) zu erfüllen. Das Gefühl, ein erfülltes Leben zu leben, entsteht aus dieser möglichst umfangreichen Wunscherfüllung.

Normale Menschen erfahren eine Realität, mit ihren Sinnen, ihren Gedanken, ihren Gefühlen und reagieren auf sie mit weiteren Gedanken, Gefühlen und Taten. Und dann wieder: schlafen gehen und aufstehen.

Man könnte das natürlich noch viel komplexer, umfangreicher beschreiben, erklären und diskutieren. Wenn als Yogi diese Brille der Normalität anzieht, dann ist das auf allen Ebenen des menschlichen Lebens so. Wenn du im Zug sitzt und hineinhören kannst in die Gespräche um dich herum, wenn du Medieninformationen zuhörst, wenn du mit normalen Menschen sprichst, dann kann man sehen, dass Leben so funktioniert. Sogar die, die intellektuell erkennen, wie bedeutungslos das Bedeutungsvolle der meisten Menschen ist, weil man möglicherweise als Astrophysiker arbeitet, können nicht anders leben. Sie mögen weitgehende Erkenntnisse über die riesigen Dimensionen des Universums haben, verglichen mit denen ein Menschenleben ohne Belang ist, ja sogar die ganze Menschheit bedeutungslos ist, aber wenn sie nach Hause gehen und ihre Frau mit einem Liebhaber erwischen, wenn sie plötzlich bei einer Gasexplosion ihr Hab und Gut verlieren, wenn ihr Herz auf einmal Probleme macht – ja dann, dann ist dieses wissenschaftliche Wissen vergessen und der Schmerz und das Leid ist alles andere als belanglos.

Yogische Geisteshaltung – wie soll die an dieser Situation etwas ändern? Manche meiner LeserInnen, die schon lange auf dem Weg sind, erahnen vielleicht schon seit einiger Zeit, dass die Antwort auf diese Frage so gar nicht sexy ist, fast schon eine gewisse Sprachlosigkeit auslöst. Vielleicht denkst du, ja, ändern tut sich an den Ereignissen nicht so viel. Auch Yogis erleben die fünf Ereignisfelder. Auch Yogis gehen schlafen und stehen auf und verbringen den Rest der Zeit womöglich sogar genauso, wie alle anderen auch. Ihr Körper wird alt, abgenutzt, leiert aus.

Die Yogatexte geben viele Antworten auf obige Frage. In einer Schrift heißt es: „Alle Menschen durchleben ihr Schicksal. Normale Menschen erleben dabei die Welt, Yogis erleben stattdessen sich selbst.“ Damit ist alles gesagt. Aus dieser von den Texten als „Tatsache“ beschriebenen Haltung ergeben sich andere Möglichkeiten.

Am Anfang, wenn man noch sein ganzes Leben auf der Gedanken-Gefühlsebene erfährt und kräftig an ihrer Verbesserung arbeitet, haben die yogischen Techniken von Meditation und Mantra große Wirkung. Man erlebt, dass man sich auch in schwierigsten Situationen erst einmal beruhigen kann, dass man, auch wenn das noch schwierig ist, das innere Karussell verlangsamen kann. Man erlebt deutlich, wie sehr man Opfer der eigenen wovon auch immer und von wem auch immer ausgelösten inneren Unruhe ist. Mit viel Mühe, mit viel Durchhaltevermögen versuchen Yogis am Anfang Zugriff zu erhalten auf Gedanken und Gefühle. Es erscheint so, also würde sich ein weiterer Lebensschauplatz auftun, der parallel neben dem „normalen“ Leben geschieht: der innere Raum, bestimmt von Gedanken und Gefühlen.

„Nach innen gehen“ ist auf einmal keine Anleitung für die Psychologisierung des Alltags, sondern eine Entdeckungsreise in den Maschinenraum unseres Lebens. Yogis erkennen, dass sie ihr Leben von zwei Seiten angehen können: wie alle anderen Menschen auch, im Außen, oder mit den yogischen Techniken im Inneren. Sie erleben, dass es leichter wird, vom Maschinenraum aus, um im Bild zu bleiben, das Leben zu erleben und zu verstehen, bis zu einer gewissen Intensität der Ereignisse. Wenn es zu intensiv wird, wenn „schwere“ Schicksalsschläge eintreffen, dann verlieren sie die Draht nach innen. Es ist wie ein noch recht dünnes Mobilfunknetz. Wenn man von den Hauptstraßen abfährt, ist schnell mal kein Empfang.

Das ist eine schwierige Phase. Sie ist oft von Zweifeln und Verzweiflung geprägt. Es kann in als schwierig empfunden Lebenslagen der Eindruck entstehen, dass die yogische Methodik im entscheidenden Moment nicht greift. Für viele ist aber auch klar, dass ein Zurück in das vorherige Normale auch nicht mehr möglich ist. So wie ein zweijähriges Kind nicht mehr in den Mutterbauch zurück kann, so können Yogis nach einer gewissen Zeit auch nicht mehr zurück, ganz gleich, ob sie sich das wünschen oder nicht. Ich empfand diese Zeit als kaum erträglich, und ohne den Segen und die Unterstützung meines Meister hätte ich sie wohl nicht überstehen können.

Diese Zeit übersteht man mit Verständnis. Alle, die dann nur das Mantra wiederholen in der Hoffnung, dass das Wunder schon geschehen wird, werden hier anscheinend durch das Leben selbst eines Besseren belehrt. Wer neben Meditation und Mantra auch noch sein Verständnis intensiv vertiefen konnte, der kann mit dieser Phase des Yogawegs zurecht kommen. Sicher nicht mit Leichtigkeit, aber immerhin. Wenn man die Texte der Meister, die Worte der Meister, die Anweisung der Meister mit offenem Herzen, mit Achtung und Respekt studiert hat, dann ist diese Phase, da das Alte, Normale immer wieder die Oberhand gewinnt, eine Phase der Aha-Erlebnisse.

Vielleicht erahnt man dann, dass das Leben, wie es die normalen Menschen und großteils man selbst erleben, wirklich nicht das Entscheidende ist. Es ist diese Zeit, in der man DRINGEND Unterstützung braucht.

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Der alltägliche Wahnsinn

Vor einiger Zeit sagte  jemand in einem Kurs zu mir, als es um das Leben im Alltag ging, und ich erwähnte, dass ich politisch schon mein ganzes Leben interessiert war und daher auch Nachrichten lese/schaue, dass sie nicht so recht verstehen könne, wie ich mich derart negativer Energie aussetzen könne.

Ich gestehe, dass, auch wenn das im Außen nicht sichtbar war, ich innerlich schmunzeln musste. Natürlich kann man versuchen, das auszublenden, was den Geist stört, ihn aus dem Gleichgewicht bringt, und kann versuchen, sich diese Welt der Gegensätze auf der Ebene dieser Gegensätzlichkeit schön zu meditieren. Gelingen wird es nicht, und man wird hängenbleiben genau in der Ebene von Bewusstsein, in der sich Negatives und Positives unvereinbar in den Haaren liegen. Problematischer für Menschen auf dem Yogaweg ist diese Haltung aber deshalb, weil sie stillschweigend davon ausgeht, dass etwas im Außen verantwortlich ist für die innere Unruhe, die in Menschen wütet. Es bedarf nicht einmal tiefen Nachsinnens, um das als Unsinn zu enttarnen.

Aber schmunzeln musste ich wegen etwas anderem. Wie kann eine negative Kraft jemanden gefährden, dessen innere Transformation über positiv und negativ hinausgegangen ist? Im Angesicht von Ich bin Shiva, wie kann da so etwas von Belang sein? Das ist es, was die innere Unruhe zuerst einmal beherrschbar macht und später auch zu Ende bringt. Erinnert ihr euch noch an die Aufgabe, die der Meister und Mathematikprofessor Swami Ram Tirth seinen Schülern stellte? Eine Linie kürzer machen? All diese Sorgen um negative Kräfte von außen, die man ausblenden, abschaffen, ausmerzen sollte, sind nur die Versuche, an der ersten Linie rumzumachen.

Für Yogis, die durch den Segen des Meisters, durch den Segen der Kundalini Shakti, entdeckt haben, dass diese Linie nur dann kürzer wird ohne sie zu berühren,wenn man eine längere unter die erste Linie zieht, sind negative Energien kein bedeutungsvolles Thema mehr. Im Gegenteil, sie entdecken den wahren Gang der Welt, in sich, und in den Projektionen des Egos.

Manchmal, wenn ich Nachrichten höre, mit all den terroristischen Gräueltaten, mit territorialen Kriegen um hier ein wenig vom Planeten Erde und dort ein wenig davon, kann ich nur lauthals lachen. Nicht, weil mir das große Leid der Menschen gleichgültig ist, sondern weil diejenigen, die dieses Leid verursachen, derart lächerliche Erscheinungen sind. Die Erde, verglichen mit uns ein riesiger Planet, ist überall auf ihr einfach die Erde. So dumm zu sein und zu meinen, dass im Schnitt 70 Jahre lebende Menschen ein Stück davon ihr eigen nennen können, ohne lächerlich zu wirken, kann nur mit der sehr einfach gestrickten Natur des Egos erklärt werden. Das mutet an wie ein Streit zwischen 10 meiner Darmbakterien mit 10 anderen, die in unmittelbarer Nähe in der gleichen Darmfibrille zugange sind, um die Herrschaft über dieses winzig kleine Stück meines Darms.

Mein Vater vermutete ja, dass die Erde, genauso wie wir, ein Lebewesen ist. Wie würde sich diese Erde schütteln vor Lachen von all diesen ulkigen Machenschaften! Alles ist sie: die Panzer, die ein Stück Land besetzen, das Land auf der einen Seite der Grenze, das auf der anderen, die Menschen, alles, was sie besitzen können, ihre Kinder und Nachkommen. Und die streiten sich über Dinge, die ihnen gar nicht gehören.

In seinem Buch „Spiel des Bewusstseins“ schreibt mein Meister ein Kapitel über Entsagung, ein, wie meine, sehr lustiges Kapitel. Wenn man es dann durchgelesen hat und der wunderbare Geschichte vom König Shikhidvaja und seiner Königin Chudala gefolgt ist, stellt man fest, dass des Königs Irrtum der Irrtum all dieser Leute ist, die heutzutage zu entschlossen Land „erobern“ oder „verteidigen“. Entsagung ist nichts weiter als die Einsicht, dass die Idee von „Gehören“ und „Nicht-Gehören“ zu den wirklich unintelligenten gehört und durch ein klein wenig Nachdenken schon ad absurdum geführt wird.

Für uns Yogis sollten diese Worte („das gehört mir“, „das gehört nicht dir“) nichts weiter als gewohnheitsmäßige Floskeln sein, deren lächerliche Bedeutung uns natürlich ganz klar ist, die wir benutzen, weil das in unserer Welt so üblich ist, die wir aber innerlich keine Sekunde mehr als wahr erleben.

Seht euch an, wie sich diese Leute aufspielen, in ihrer Wichtigkeit und Entschlossenheit! Wie kann man, wenn man ein gewisses Alter überschritten hat, Dinge anhäufen, die einem kein Mehr an Lebensgenuss mehr bringen können, weil es einfach zuviel ist? Auf dieser Welt ist genug da, dass wir alle unseren Spaß haben können. Niemand muss jemand anderem etwas wegnehmen, um mehr Erfüllung, mehr Spaß zu haben. Nur diese unsägliche Identifikation mit dem Ego lässt Menschen derartige Spinnereien ausbrüten, die zu Kriegen und Terrorakten führen. Es gibt eine herrliche Geschichte von Lew Tolstoi mit dem Titel „Wie viel Erde braucht der Mensch?“ Wirklich lesenswert!

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Stolperfallen

gibt es so einige auf dem Weg.

Was mich viele Jahre bedrückt hat, war die Tatsache, dass ich so viele ergreifende Wahrheiten gehört habe, wirklich überaus barmherzige Anleitung von meinen Meistern empfing, aber dann, in schwierigen Momenten, wenn das Leben selbst, so schien es mir, meinen ganzen Yoga mit allen möglichen Schwierigkeiten herausforderte, versagte ich. Ich konnte nicht anwenden, was man mir so liebevoll vermittelt hat.

Ich taumelte manchmal von Trauer über meine Borniertheit, über Zweifel an meiner Fähigkeit den Weg ernsthaft zu gehen bis hin zu tiefer Verzweiflung und der Angst, dass meine Meister mich einfach als hoffnungslosen Fall aufgeben würden. Ich wartete immer auf den Brief oder öffentliche Ansagen, „vergesst vamdev, der wird das nie lernen.“ Viele Briefe kamen. Aber keiner sagte so etwas. Heute, im nachhinein, kann ich sagen, dass sie voller Liebe waren, auch wenn sie manchmal Ermahnungen enthielten.

Oft höre ich, dass es vielen auf dem Weg so geht. Dass man etwas ganz verstanden hat, und es auch in vielen Situationen schon erinnern kann, aber dann, wenn es wirklich wichtig und schwierig wird, funktioniert alles Gelernte nicht. Wir haben das Gefühl, dass immer noch alles beim Alten geblieben ist. Wer wirklich auf dem Weg ist, wird daran dem Weg und dem Meister nicht die Schuld geben. Allerdings sind diese Stolperfallen wie eine Art Bewährungsprobe für Yogis, die den Weg noch nicht genug verstanden haben, um ihn nie mehr verlassen zu wollen. Diese Menschen machen mit der Zeit sogar den Weg verantwortlich dafür, dass ihr Leben schwierig zu sein scheint und nicht so läuft, wie sie es sich vorstellen.

Aber auch wenn du genug weißt, um den Weg nicht mehr für deine Lebensprobleme verantwortlich zu machen, dem Meister nicht mehr vorwirfst, dich in problematischen Angelegenheiten allein zu lassen, läufst du Gefahr, an dir selbst und deiner Fähigkeit, Yoga zu praktizieren, tief zu zweifeln und zu verzweifeln. So ein wenig Zweifel ist ja gar nicht so schlecht, aber das meine ich hier nicht. Ich meine, dem tiefen Selbstzweifel in die Falle zu gehen, weil man den natürlichen Entfaltungsprozess im Yoga nicht so richtig begreift.

Es ist gut zu wissen, dass yogische Entwicklung wie eine Art Aufschaukeln stattfindet. Du lernst etwas, begreifst es schließlich auch und wendest es selbstverständlich möglichst oft an. Das klappt anfangs nur bei einfachsten Situationen, nur da hat man noch keinerlei Erwartungshaltung und so fühlt sich das schon ganz gut an. Aber dann, mit der Zeit, erwartet man viel mehr von sich, erhofft man mehr vom Weg, vom Segen des Meisters, von der Weisheit der Schriften.

Da es kein Durchfallen, kein endgültiges Scheitern gibt auf dem Yogaweg, ist es doch nicht weiter schlimm, dass man länger braucht, bis man schwere Situationen leichter mit yogischer Weisheit meistert. Und dann kommen die zentralen Herausforderungen, Essen zum Beispiel, Beziehungen, elementar daher kommende Wünsche. Wir können dabei zusehen, wie wir uns verstricken, immer mehr. Wir scheinen den Ausstiegspunkt weder zu erfahren noch all die uns so vertrauten Methoden anwenden zu können, um von der Verstrickung, die wir erfahren, wieder lassen zu können.

Viele suchen dann das Scheitern in solchen Augenblicken zu beschönigen mit irgendwelchen „Begründungen“. „Ist es nicht menschlich, wenn man da noch Probleme hat“, oder „das ist doch meine Familie, soll ich auf einmal gleichgültig sein?“ und so weiter und so fort. Was ist eigentlich so problematisch zuzugeben, vor sich (und gegebenenfalls auch vor anderen), dass man etwas noch nicht kann? Es gibt nur einen Grund dafür: Pseudo-Errungenschaft, die (falsche) Vermutung, dass die Zahl der Jahre, die man jetzt schon Yoga praktiziert, die Intensität, mit der man dabei ist, doch jetzt langsam „anschlagen“ müsste.

Aber wenn du diese Missverständnisse nicht hättest, dann würdest du keine Probleme mit dieser Art der Entwicklung haben. Du würdest erkennen, dass du da halt noch Übungsbedarf hast. Und nicht einmal das ist notwendig. Du machst einfach weiter. So wie ein kleines Kind, das mit 13 Monaten das Laufen lernt, nicht plötzlich Zweifel an seiner Lauffähigkeit bekommt, nur weil des Nachbars Tochter schon mit neun Monaten das Laufen gelernt hat. Also, freu dich über deine Entfaltung, sei dankbar für sie, für die Geschenke des Wegs. Dafür gibt es mindestens so viele gute Gründe wie für das nagende Gefühl der Unzulänglichkeit.

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Alles ist in dir?

Immer wieder höre ich das. „Jetzt weiß ich, dass alles in mir ist.“

Ja, und was nützt dir diese Erkenntnis? Wie bringt dich das weiter? Gut, es ist eine wesentliche Einsicht, die dich davon abhalten könnte, zu hoffen, dass es nur eine Frage des richtigen Berufs, des richtigen Partners, des richtigen Ortes, des richtigen Weges, der richtigen Finanzlage ist, glücklich zu sein. Dann ist die Hoffnung also zerstört. Aber wie kommst du von diesem Wissen dahin, zu erkennen, wer du bist, das Glück in dir zu finden?

Es ist ein wenig wie die Feststellung: Ich habe Hunger. Gut, das wissen wir jetzt und dann? Auch wenn das eine bahnbrechende Einsicht sein man, ist sie doch nichts weiter als ein Satz, vielleicht auch eine zutreffende Beschreibung von dem, was ist.

Aber wenn du dann nichts weiter unternehmen kannst, weil du nicht weißt wie, dann nützt das reichlich wenig.

Wie gesagt, das habe ich von vielen Menschen gehört, und meist ist damit eine andere Aussage gemeint. „Da alles in mir ist, brauche ich mir auch von niemand etwas sagen zu lassen.“ Es ist der triumphale Schachzug des Egos, das nicht ablassen will von dem Status Quo. Es ist in seiner Herangehensweise wie ein Mensch, der in einem brennenden Haus am Fenster steht, unter ihm haben Feuerwehrleute in geübter Manier ein kuscheliges Sprungtuch aufgespannt und fordern den Mann im Fenster auf, zu springen. Die Flammen verbrennen schon sein Haar und die Hitze ist völlig unerträglich. Aber in seiner Angst vor dem Sprung schreit er und ist wie gelähmt. Jetzt hat der Arme einfach Glück, ein sehr mutiger Feuerwehrmann läuft nochmals in das Haus, durch die Flammen und schubst ihn aus dem Fenster. In Todesangst schreit er und fällt weich ins Tuch. Und was tut er da? Voller Wut und Angst zugleich droht er seinem Retter mit dem Rechtsanwalt.

Er ist wie unser berühmter Sheikh Nasrudin: Er war gerade mit seiner Frau Fatima ins Bett gegangen, als beide vor dem Fenster einen Schatten sehen, der vorbeihuscht. „Hast du das gesehen,“ flüstert Fatima voller Angst. „Und wie ich das gesehen habe,“ flüstert Nasrudin zurück. Er nimmt all seinen Mut zusammen, greift sich das Gewehr aus dem Schrank neben dem Bett und stürmt in den Garten. Es ist still. Dann ein lauter Schuss. Wieder still. Dann kommt Nasrudin, leichenblass und zitternd wieder ins Schlafzimmer zu Fatima. Entsetzt ruft sie: „Oh Nasrudin, was ist denn passiert?!“ Mit schwerer Stimme fragt Nasrudin zurück: „Weißt du, was das draußen war, das ich da erschossen habe?“ Fatima ist außer sich. „Um Gottes willen, du hast jemanden erschossen?“ Nasrudin spricht mit Grabesstimme: „Ja, mein Hemd.“ Voller Erleichterung lacht Fatima, „ach so! Gottseidank, dann ist ja nichts passiert.“ Zitternd, voller Grauen sagt Nasrudin: „Nichts passiert? Ich hätte doch in dem Hemd sein können!“

Obwohl unser Irrtum, zu glauben, dass wir eine Funktion unserer Psyche, das Ego, sind, nur Leid, ja, alles Leid in unserem Leben verursacht, wehrt sich unser Ego gegen jegliche Veränderung und Verringerung seiner Pseudokontrolle. Es wehrt sich gegen und verbittet sich Belehrungen jeglicher Art. „Alles ist doch in mir“ und „ich bin Shiva“ sind für das Ego perfekte Entschuldigungen, um sich nicht hinzugeben, um nicht zuzuhören, um sich nicht anleiten und nicht führen zu lassen. Oh wie erfinderisch unser Ego ist! Wie kreativ im Missverstehen tiefster Wahrheiten und Lehren der Meister! Manchmal ist es witzig anzusehen, wenn man sein Wirken in sich selbst beobachten kann (und noch „lustiger“ wird es, wenn dir dein Ego mit absoluter Präzision das Ego der anderen zeigt!)

Alles ist in dir, ja, und dann brauchst du jemanden, der dir den Weg zeigt, wie du das alles erfahren, integrieren kannst. Solange du dir die Methoden, die Lehren und die Lehrer raussuchen kannst, um dein Portfolio von Erkenntnissen auszubauen und abzurunden, gibt es keine Erkenntnis, und das nicht nur auf dem Yogaweg. Es gibt schon zunehmende Informationsanhäufungen, das ist klar. Es entsteht dadurch auch das Gefühl, immer mehr zu wissen, immer weiter zu kommen, dich dem Ziel von Vollkommenheit immer weiter anzunähern. Aber das ist eben nur das Gefühl, nicht Realität.

Alles ist in dir! Das ist keine Erkenntnis, die in dir aufsteigt, als Gegenrezept von gurur upayah: Der Guru ist das Mittel. Es mag die Lehre deines Meisters sein, der dich damit drängt, deine Hoffnungen auf Glück im Außen aufzugeben. Aber wenn mir jemand sagt, „ich brauche doch keinen Meister, wenn alles, was ich je finden kann, in mir ist“, dann ist klar, was geschieht.

Und noch etwas. Einmal hat mir jemand gesagt, nach immer wiederkehrenden Ausbrüchen von „von dir lass ich mir nichts sagen“, „ich glaube, ich bin jetzt bereit für Unterweisung“. Was soll ich dazu sagen? Du „glaubst“? Und überlegst es dir dann vielleicht doch wieder anders, wenn es einmal nicht nach deinen Wünschen geht, wenn alte Prägungen Gegenwind spüren? Es müsste heißen: „Ich bin bereit.“ Das genügt.

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Bei Gleichmutdefizit: Bitte lesen

Einfach zur Klärung:

Du lebst heute im Westen in einer Welt, die weit vielfältiger ist, als die Welt noch vor 200 oder 300 Jahren. In seinem Buch „Simplify Your Life“ hat der Autor Lothar Seiwert einmal unsere Ist-Situation beschrieben: Er und seine Familie (Er, Frau und zwei Kinder) haben einmal zusammengezählt, was sie alles an „Dingen“ besitzen, Kleidungsstücke, Bürogegenstände, Möbel, etc. Sie kamen auf 80.000 Dinge. Vor 200 Jahren haben nur Menschen an der Spitze der Gesellschaft so viele Dinge besessen und hatten dann auch ca. 100 Bedienstete, um sich um all diese Sachen zu kümmern.

Ein Yogi lebte noch viel einfacher. Es besaß nichts oder nur wenig, und tat auch nicht so viel. Um all die Dinge zu erwerben, die einfach in unserem Leben mehr oder weniger dringend notwendig sind, weil wir uns daran so sehr gewöhnt haben, als Gesellschaft, müssen wir intensiv und viel arbeiten.

Warum schreibe ich das alles? Damit du dich in all deinem Stress und der unwillkürlichen Reaktion darauf besser fühlst? Nicht wirklich. Es geht mir nur um die Dimension des Yogawegs hier und heute. Mein Meister wurde einmal in Manhattan, New York City gefragt, ob man auch in New York meditieren kann (bei all den Ablenkungen). Seine Antwort war klar: „Nein“, sagte er, „du MUSST meditieren.“

Dein Alltag ist OHNE Yoga nicht zu bewältigen. Wobei ich das Wort „Yoga“ ja für einen Weg gebrauche, der das lehrt, was Yoga lehrt, und da mag es andere Wege geben, die das Gleiche empfehlen, die gleichen Übungen, das gleiche Verständnis, wenn auch vielleicht mit anderen Worten. Den ganz normalen Alltagswahnsinn zu ertragen, den wir hier in der „modernen“ Welt leben, schreit nach Yoga, nach der Anleitung, der Unterstützung durch einen Guru, verlangt nach einem Verständnis, das dir hilft, die enormen Wogen der Unruhe, die Menschen gemeinhin erleben, wenn sie so leben, wie wir das tun, wieder zu glätten.

Wenn es dir gelingt, in deinem Alltag inneren Frieden, Ruhe, Gleichmut zu erfahren und auch noch umzusetzen, ohne so zu tun als ob (was ich als „Doppelmoral“ bezeichne), dann hast du etwas erreicht, was Yogis in alten Zeiten nur nach vielen Jahren, viel Meditation, etc. erreicht haben. Unser Alltag ist eine viel größere Herausforderung, glaubt mir.

Ich sage das nicht, weil ich mich allzu gerne als Kulturkritiker aufspiele. Sondern ich möchte, dass du deine Situation richtig erfassen kannst, wenn du auf dem Yogaweg innere und äußere Hindernisse erlebst. Wenn dir das Mantra im normalen Tagesablauf einfällt und du es sogar bei deinen alltäglichen Erledigungen wiederholen kannst, wie weit schwieriger ist das, als wenn jemand das Mantra denkt, der sonst wirklich nicht viel Aufregendes im Leben zu tun hat.

Das, was man heute so als einfache Single in Frankfurt erlebt, an Lebensaufwand, das hatten in Indien vielleicht Mütter oder Väter großer, umfangreicher Familien zu bewerkstelligen. Das ist sicherlich auch der Grund, warum das Familienleben als schnellster Weg zu Erleuchtung angepriesen wurde. Jeder und jede von uns leben deutlich komplexer als die Menschen das zur Zeit Jnaneshwars taten. Ich habe großen Respekt für alle von euch, die diesen Weg gehen, im heutigen Alltag, der dir aus allen Zellen, aus allen Systemen, aus allen Gefühlen und Gedanken alles saugt, was nur geht.

Ja, ich weiß, du denkst, aber vamdev lehrt doch immer, dass das alles nur in mir stattfindet. Das ist so. Aber bis man das wirklich erkannt hat, fühlt es sich nicht so an, sondern eher wie oben beschrieben. Die Tatsache zu erkennen, dass das alles nur in dir stattfindet, ist die einzige Möglichkeit, hier heute bei uns ein Leben zu leben, das nicht nur ununterbrochenes Katastrophenmanagement ist.

Also, habt Geduld. Auch wenn du die Sanskritworte nicht so richtig hinbekommst, wenn du deine Meditation nicht schon um halb 5 Uhr beginnen kannst, wenn dein Tagesablauf keine Regelmäßigkeit zulässt, wie du meinst, dass du sie haben solltest auf diesem Weg: Mach dir klar, dass du auf einem Level anfängst, das es für die Yogis und Yoginis früherer Zeit nie gab, nicht einmal in ihren wildesten Vorstellungen.

Sei barmherzig zu deinem Verstand, zu deinen Gefühlen. Du versuchst einen fliegenden Fahrerwechsel bei Vollgas auf einer kurvigen Bergstraße. Das ist nicht einfach, das ist nicht eine Angelegenheit, die du einfach mal so angehst und erledigst.

Dein Geist schweift auch beim schönsten Höhepunkt deines Lieblingsmantragesangs ab? Echauffier dich nicht. Das Teil muss auf Höchstgeschwindigkeit laufen, ganz alltäglich, obwohl es nicht dafür gebaut wurde. Und jetzt soll er einfach einmal abschalten. Beruhige dich. Das dauert einfach. Und das ist gut so. Deine Gefühle wollen sich einfach nicht beruhigen, obwohl du das Mantra liebst, deinen Guru jeden Tag verehrst, alle Übungen machst, die du nur machen kannst. Denk doch mal über deine Situation nach: du fährst mal schnell zum Einkaufen, mit mindestens 10-facher natürlicher Fortbewegungsgeschwindigkeit, durch Gegenden und Orte, die du dir früher ergehen musstest, sozusagen. Dafür ist dein System geeicht, nicht für deine schnelle Erledigung im nächst gelegenen Supermarkt. Doch das ist für dich inzwischen so normal, wie früher für deine Urahnen der Gang über den Hof.

Also, gemach. Unser Weg heute ist natürlich im Prinzip der Gleiche. Aber die Ausgangssituation ist eine ganz, ganz andere. Verliere nicht den Mut, wenn die ersehnte innere Ausgeglichenheit noch nicht ständig auch die wildesten Brandungen deines Regelalltags übersteht. Verliere nicht dein Vertrauen in deinen Guru, nur weil das Gewusel deines Lebens dich immer wieder und regelmäßig daran erinnert, dass du noch mitten in deiner yogischen Entwicklung steckst, auch nach 10 oder 20 Jahren. Verliere nicht deine Liebe zu deinen Übungen, nur weil die Fluten deiner Aufgaben immer wieder deine Vorsätze durcheinanderbringen.

Der Weg wird sicher seine Früchte für dich ausschütten. Aber vielleicht ist eine Minute Gleichmut in deinem Leben so viel wie 10 Jahre völlige Gelassenheit für eine Yogini vor 500 Jahren. Und dann entspann dich, wenn nicht alles richtig yogisch für dich läuft.

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Eingeordnet unter Der Yoga der Erkenntnis, Der Yoga der Weisheit im Alltag

Liebe, und was man alles dazu sagen kann

Also, ich lade euch einmal ein, dieses Interview zu lesen, über Liebe. Da kann man gut erkennen, was „Liebe“ so alles sein soll. Schon interessant.

Hier ist der Link: http://www.swr.de/swr2/kultur-info/kulturgespraech/entzauberung-eines-beziehungsideals/-/id=9597128/did=13180980/nid=9597128/cgfpfi/index.html

Alles Liebe, bis bald

 

 

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Eingeordnet unter Der Yoga der Emotionen

Entferne einfach den Schleier – Kabir (1440 – 1518)

Entferne einfach den Schleier und du wirst deinen Geliebten finden!

Der Herr wohnt in jeden Herzen,
sprich also nie bitter mit anderen Menschen.

Sei nicht verblendet von deinem Reichtum und deiner Jugend,
denn dieser Körper aus fünf Elementen ist nur ein Fantasiegewand;
dann wirst du deinen Geliebten finden.

Im Palast der Herzens leuchtet ein Licht;
entferne dich nie von dieser göttlichen Wahrnehmung,
dann wirst du deinen Geliebten finden.

Wach auf! Erforsche diesen erstaunlichen inneren Palast
und du wirst einen Herrn von unvorstellbarem Wert erlangen,
du wirst deinen Geliebten finden.

Kabir sagt: Oh! Wellen von solcher Ekstase fließen dort,
und die Musik, die von niemandem gespielt wird, erklingt dort.
Entferne einfach den Schleier
dann wirst du deinen Geliebten finden.

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Eingeordnet unter Meisterliche Gedichte

An der Wurzel

An der Wurzel aller Gedanken
lass Ich bin Shiva stehen.

An der Wurzel aller Handlungen
denke daran:
Ich bin Shiva.

An der Wurzel aller Gefühle
erinnere dich:
Ich bin Shiva.

Auf dem Wogenkamm deiner Träume
entdecke aufs Neue:
Ich bin Shiva.

Auf der Reise ins Tal der Enttäuschungen
vergiss nicht:
Ich bin Shiva.

Das bedeutet nicht, dass du dein Leben, mit all seinem Auf und Ab nicht mehr leben kannst.

Ich bin Shiva.

Das ist weder eine Entschuldigung oder Berechtigung für irgendein Verhalten oder Fehlverhalten.

Ich bin Shiva hört auch nicht auf, nur weil du Fehler machst und dein Körper dir Probleme macht.

Ich bin Shiva widerspricht nicht der Zwiespältigkeit deiner Persönlichkeit.

Ich bin Shiva ist kein Emanzipationsschrei, keine Antwort auf Gefühle von Minderwertigkeit und kein Aufruf zu Überheblichkeit.

Ich bin Shiva ist ganz anders.

Ich bin Shiva ist die Wurzel, und Ich bin Shiva ist die Farbe, das Gewebe, die Kraft, die immer zuerst da ist.

Wenn dir das bewusst wird, wenn Ich bin Shiva in dir zur generellen Einstellung wird, dann siehst du und verstehst, was Ich bin Shiva bedeutet.

Wenn Ich bin Shiva durch deine Persönlichkeit zu wogen beginnt, durch deine Gefühlswelten mit ihre Berechtigungsstädten, durch deine Wichtig- und Unwichtigkeiten klingt, durch alle erfüllten und vergeblichen Hoffnungen, wenn Ich bin Shiva also wirklich als Realität erahnbar wird für dich, dann sieht dein Leben, ganz so, wie es ist, anders aus. Und nichts, aber auch gar nichts muss sich dann noch ändern.

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Eingeordnet unter Der Yoga der Erkenntnis, Mein Yoga

Mein Meister hat mir das gezeigt, was man nicht sehen kann – Kabir (1440 – 1518)

Mein Sadguru hat mir das gezeigt, was man nicht sehen kann,
diesen Raum all-erleuchtender höchster Erkenntnis
in meinem eigenen Herzen.

Der Geist, die Vernunft und die Sprache können DAS nicht erkennen,
die Vedas schweigen verlegen und sagen:
DAS wird nicht erschaffen, ist unsichtbar, ungebunden, unergründbar,
nicht dies und nicht jenes.

Shiva, die Sanatkumaras und Brahma –
niemand kann diesen Herrn einfangen.
Niemand könnte auf die andere Seite gelangen,
und sogar Vyasa und Vasishta wurden der Versenkung müde.

So, wie Öl im Sesamkorn versteckt ist, Feuer im Holz,
so, wie Butter in der Milch versteckt ist
so, wie die Bedeutung im Wort enthalten ist
und Melodien in den Noten liegen.

In einem Samen ist der ganze Baum versteckt:
seine Wurzeln, die Blätter, die Blüten, die Früchte und der Schatten,
genauso liegt Paramatma, das Höchste Wesen, im Individuum verborgen
und in Maya, der Kraft der Verblendung.

Kabir sagt:
Der überaus Barmherzige, aus reiner Gnade heraus,
hat mir meine wahr Form offenbart.
Er befreite mich aus der Verstrickung bloßer Übungen:
Mantrawiederholung, Askese, Yoga, Rituale, Gelübde, Andachten.

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Eingeordnet unter Meisterliche Gedichte

Unser Tempel ist für alle offen – Tukadyadas (17. Jh)

Unser Tempel ist für alle offen,
in diesem Tempel werden keine Unterschiede gemacht.

Kommt alle, aus welcher Richtung auch immer,
ganz gleich, welche Religion ihr habt.
Dieser Tempel ist nicht nur für die, die von hier sind,
er ist offen auch für die, die aus der Ferne kommen.

Die Meditationsdecken sind auf dem Boden ausgebreitet,
alle Gottheiten sind anwesend hier in unserem Tempel.

Die Heiligen mit ihren reinen Stimmen singen die Mantras,
alle stimmen ein, in unserem Tempel.

Was ist die Aufgabe der Menschheit?
Du wirst die Antwort hier finden.
Er wünscht für alle nur das Beste,
dieser unser Tempel.

Sein Yoga ist allumfassend,
der allumfassende Gott ist hier,
unser Tempel ist sehr diszipliniert.

Kommt all, lasst uns gemeinsam beten.
Unser Tempel ist ewig, sagt Tukadya.

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Nur für ein paar Tage – Lied von Nazir (1740 – 1830)

Die Welt ist ein wunderschöner Garten,

aber sie doch so vergänglich!
Du kannst dir den Spaß ansehen,
aber nur für ein paar Tage.

Oh Reisender, pack deine Sachen,
dein Aufenthalt hier ist nur für ein paar Tage.

Der große Weise Lukhma, der Alchemist,
der so stark war,
frag ihn doch, wie viele Tage er lebte.
Und er wird sagen und sich dabei die Hände reiben:
„Oh, nur für ein paar Tage.“

Wenn du einen Körper begrabst, sagt die Erde zu ihm:
Jetzt kannst du dich hier niederlegen und dich ausruhen,
aber nur für ein paar Tage.

Oh Freunde, ich weiß nicht, wo wir hier bald sein werden,
denn hier sind wir nur
für ein paar Tage.

Oh Menschen, warum quält ihr mich so sehr,
wo dieses Leben doch nur
ein paar Tage dauert.

Oh Nazir, denke an deine Beerdigung,
du kannst diesem Leben einfach nur
für ein paar Tage trauen.

Alles Liebe

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