Auf dem Sockel der Befreiung?

Vor vielen Jahren, nach der Trennung von meiner Partnerin, erklärte mir eine Frau in der Schweiz, warum sie jetzt nicht mehr in meine Kurse kommen würde. Sie sagte, dass sie mich vorher immer auf einen Sockel gestellt hatte, aber im Laufe dieser Trennung habe sie mich wieder von diesem Sockel runtergeholt, „auf Augenhöhe“. Spontan sagte ich zu ihr: „Wie schade! Du hättest dich mit auf den Sockel stellen sollen, dich erheben, und nicht mich in dir erniedrigen sollen.“

Immer wieder haben mir Menschen das sogar mit einer gewissen Portion Stolz erzählt, dass sie mich jetzt nicht mehr auf diesen Sockel stellen, dass es für sie wichtig war, mich von diesem Sockel zu stoßen. Na toll! Hast du damit deinen wahren Wert erkannt oder nur mich, der ich ja sowieso nur in deiner Vorstellung als der erscheine, von dem du MEINST, dass ich es bin, auf dein begrenztes Niveau in dir herabgestuft? Was nutzt dir das? In der Welt des Egos ist so ein Vorgang des Sockelsturzes ein Akt der Emanzipation. („Der (oder Die) ist auch nicht besser als ich“). Aber auf dem Yogaweg, wo es um Befreiung geht, um die Erkenntnis deiner Herrlichkeit, was nutzen dir diese Gedanken der Erniedrigung?

Ein ander Mal sagte jemand zu mir: „Ich meine, es ist doch klar: Du bist doch nicht erleuchtet!“ Als ich fragte, woher sie das wissen und beurteilen könnte, gab es nur ausweichende Worte. Mit der Folge, dass diese Person später verbreitete, der vamdev behauptet jetzt, dass er erleuchtet ist. Das Gleiche passiert auch anders herum: „Naja, ich bin halt noch nicht so weit wie du.“ So so. Du hast also die Möglichkeit zu beurteilen, wie weit andere Menschen entwickelt sind? Warum tut man das?

Das ist eine alte Geschichte. Im Christentum wird ja geglaubt, dass Jesus Gott in Menschengestalt war/ist. Und seit der Zeit hat man ihm alle möglichen besonders menschlichen Züge angedichtet: Dass er vor lauter Todesangst Blut geschwitzt hat, schon Tage vor seiner Ermordung, dass er in der Stunde des Todes all seine Göttlichkeit in tiefem Zweifel verloren hat: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen!?“ Natürlich wussten die Mystiker, dass diese Worte nicht aus der Verzweiflung kamen, wussten, dass jemand wie Jesus keine Todesangst haben KONNTE. Andere hatten sogar Mitleid mit Jesus, fühlten sich schlecht, weil sie mit ihren Sünden sein Leid verursacht haben. Was für ein grandioses Missverständnis!

Aber im normalen Christentum entstand so eine Solidarität der Begrenztheit zwischen Jesus und den Menschen. Er war auch nur ein Mensch. Genauso wie du und ich, begrenzt, voller Ängste, wütend und unbeherrscht (sein Wutausbruch mit den Händlern im Tempel wird da oft als Beweis herangezogen).

Befreiung oder Emanzipation im Yoga ist nicht das Verständnis, dass alle auch nur mit Wasser kochen. Die Ereignisse im Leben eines Menschen, sein Schicksal, geben keinerlei Aufschluss auf seine inneren Errungenschaften. Denn eines muss klar sein: Wie du jemanden mit seinen Handlungen wahrnimmst, hat in erster Linie mit dir etwas zu tun, mit deinen Prägungen, nicht mit dem Menschen, den du beurteilst oder einschätzt. Wenn du anderen die gleiche Begrenztheit andichtest, in der du dich wähnst, wie soll es je für dich möglich sein, dich zu befreien, von deinen inneren Fesseln, deinen Missverständnissen?

Ja, aber vamdev, das empfinden die Menschen doch nur auf dich bezogen so, magst du jetzt argumentieren. Beim Guru ist das doch sicher nicht so. Meinst du? Das wäre ja großartig, gerne würde ich Platz nehmen, am Fuße all der Sockel, von denen ich herabgezerrt wurde. Aber diese Haltung ist ja in der- oder demjenigen, der das macht, hat mit meiner Person nichts zu tun. Einmal hat mir eine langjährige Schülerin meiner Meistern gesagt: „Also für mich ist sie jetzt eher so etwas, wie eine Schwester.“ Oder jemand anderer, auch über viele Jahre mit meiner Meisterin auf dem Weg, sagte: „Es ist wirklich ein großartiges Gefühl, dem Guru in seiner Mission helfen, sie unterstützen zu können.“ Als ich das hörte, erschrak ich zuerst einmal, damals. Der Guru ist per Definition Shiva, hat alle Begrenzungen überwunden. Und dann meint ein Schüler des Gurus, er könne dem Guru bei seiner Arbeit helfen? Mit freundlichen Grüßen vom Ego wahrscheinlich.

Wenn du jemanden erhebst, dann nutze doch diese kurze Unachtsamkeit deines Egos dafür, dich mit zu erheben. Wenn du meinst, jemand ist erleuchtet, dann assimiliere diesen Zustand, anstatt diese Person in dir mit deiner Farbe einzufärben. Färbe dich in ihrer Farbe. Das Ego ahnt seine Begrenztheit. Manchmal, in seltenen Momenten der Klarheit. Ergreife solche Momente und schwinge dich empor, statt den Spalt des Segens wieder zu schließen mit Gefühlen und Gedanken wie „der ist auch nicht besser als ich“. In der Guru-Schüler-Beziehung ist es entscheidend, wie der Schüler den Guru sieht. Mein Meister sprach da immer von Shishya-krpa, dem Segen des Schülers. Er erklärte immer wieder, dass dieser Segen wichtiger sei als der Segen des Gurus.

Es spielt wirklich keine Rolle, wie weit jemand anderes ist. Die Frage ist, wie weit du befreit bist von deinen Gefangenschaften, von den Fesseln deiner Missverständnisse und vermuteten Unzulänglichkeiten. Was nutzt dir die Erleuchtung eines anderen? Vielleicht, dass dein Verstand glauben kann, dass der Weg wirklich funktioniert und andere in die Freiheit führen kann. Aber wenn dein Verstand seinen Weg darauf aufbaut, dass er für andere schon funktioniert hat, dann wird er auch, im Laufe der Zeit, Begründungen dafür finden, warum es bei dir nicht „klappt“.

Es geht auf dem Yogaweg ja nicht darum, Shiva zu jiva zu machen, sondern umgekehrt, das begrenzte Individuum aus seiner Begrenztheit zu führen zu Shivas Unendlichkeit. Mach dir also keine Gedanken darüber, ob jemand anderes den Weg zu Ende gegangen ist, sondern gehe du ihn zu Ende. Wenn du von jemandem lernen willst, wie zum Beispiel von vamdev, dann überprüfe in dir, ob das, was er lehrt, mit den Schriften übereinstimmt, mit den Worten der Meister. Und dann wende an, was du lernst. Lass dich nicht ein auf Diskussionen über die Zustände anderer.

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Respekt und Liebe – der Yoga der Menschlichkeit

pare prem se aur sanman se sabko hrdik svagat – „mit großer Liebe und Hochachtung heiße ich euch alle von ganzem Herzen willkommen“ – so begann mein Meister alle seine Vorträge, die ich von ihm gehört habe. Und weiter sagte er dann: „Anderen Menschen mit Respekt und Liebe zu begegnen, ist wahre Geschwisterlichkeit, wahre Menschlichkeit.“ Meist schob er dann noch nach, dass er das nicht sage, weil er uns schön tun wollte, sondern weil er das Licht reinen Bewusstseins immer zuerst sehe, bevor er die Form um das Licht herum wahrnehme.

Das Logo des Ashrams, in dem ich mit ihm lebte, waren gefaltete Hände, dem indischen Gruß entsprechend, mit dem Satz: „Seht Gott ineinander“. Jetzt praktiziere und lehre ich ja schon ziemlich lange, über 40 Jahre. Aber bei diesem Punkt sehe ich viele Yoginis und Yogis kläglich scheitern. Warum wohl? Yoga als Weg der Läuterung, der Transformation, der Überwindung von Gegensätzen ist, sobald die innere Kraft, Kundalini Shakti, aktiv ist, nicht nur eine Meditations-, Mantra- und Verständnispraxis, sondern auch eine Übung dieser Haltung anderen Menschen gegenüber. Das, vermute ich einmal, vergessen viele immer wieder. Sie finden sich irgendwie damit ab, dass es halt im Alltag nicht so einfach ist, (Liebe und Respekt anderen gegenüber) und man ja doch auch mal wütend sein darf und alle anderen Gefühle anderen gegenüber haben darf. Man sei doch auch noch Mensch, oder?

Die Frage ist, was Menschsein heißt? In einer Schrift heißt es: „Menschsein heißt Emotionen haben“. Gut, HABEN, aber doch nicht ihr Opfer sein. Und vielleicht dieses Opfersein dann noch mit einer Mischung aus westlicher Laienpsychologie und östlicher Spiritualität erklären und berechtigen. Respekt und Liebe sind eine yogische Disziplin, die ihre Kraft aus dem tiefen Wissen um wahre Menschlichkeit zieht. Als der Sage nach das vorherige Zeitalter – die indische Tradition spricht von vier Weltzeitaltern, die zyklisch immer wieder auftauchen – zu Ende ging, suchten die Yoginis und Yogis bei dem großen Weisen Vyasa Unterstützung für die Frage:  Wie kann man im schwarzen, schwierigen Zeitalter am besten leben? Vyasa soll sich der Sage nach in ein tanzendes Wesen verwandelt haben, schwarz wie dieser Kali Yuga (wörtlich: schwarzes Zeitalter). Er tanzte und hielt mit einer Hand seine Zunge fest, mit der anderen bedeckte er sein Geschlecht. Die Versammlung der Yoginis und Yogis war verblüfft: Was wollte Vyasa zeigen? Er nahm seine eigene Form wieder an und erklärte: „Wenn du deine Zunge und deine Begierden im Griff haben kannst, ist das Leben im Kali Yuga ein genussvoller Tanz.“

Als ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte, fühlte ich mich nicht besonders, ich wiegelte in mir ab, sozusagen. Ich war noch so am Anfang, sagte ich mir, dass ich da einfach noch nicht so weit war, das umzusetzen. Natürlich war das eine Ausrede, und als solche in Ordnung, aber keine Lösung. Mit den Jahren entdeckte ich, dass Worte unglaubliche Macht haben, auch leichtfertig gesagte. Dass ungezügelte Begierden eine unnötige innere Unruhe erschaffen, die ich dann mit allen möglichen yogischen Übungen wieder in den Griff bekommen musste, war mir bei genauerem Hinschauen auch bald klar. Anderen mit Respekt und Liebe zu begegnen, sind also nicht nur schöne und rührselige Worte, in einer Zeit der öffentlichen Respektlosigkeiten etwas altbacken. Sie sind auch kein Gegenmodell zur Gegenwartskultur öffentlichen Hasses und weit verbreiteten persönlichen Beleidigungen. Das mag eine Nebenwirkung sein, aber sicher nicht, worum es geht.

Wenn du ernsthaft dieser Disziplin folgen willst, mit Liebe und Hochachtung anderen zu begegnen, dann wirst du merken, dass du auf eine neue Art aufpassen musst, dass du sozusagen eine Vorderbandkontrolle für dein Reden installieren musst, dass nicht einfach alles an Worten aus dir raussprudeln kann, was in dir aufsteigt. „Aber das ist doch total unehrlich, so uncool und ohne Spontaneität“, magst du einwerfen. Ich vermute einmal, dass das ein Anfänger-Einwand ist. Denn mit ein klein wenig Nachsinnen wird klar, dass diese Übung, diese Vorderbandkontrolle, von unschätzbarem Wert ist, für dich und deine yogische Transformation. Du merkst dann sicherlich, wie alles zusammenpasst: Deine Meditation, in der du lernst, einen bewussten Gedanken (Mantra) den unzähligen unwillkürlichen Gedanken entgegenzusetzen, deine Mantra-Übung, die in der Lage ist, dich immer wieder ins Hier und Jetzt zu bringen, raus aus deinen Dauertagträumen, und eben diese Fähigkeit, dass nicht mehr alles einfach so aus dir rausquellen kann, als hättest du keine Kontrolle über deinen emotionalen Schließmuskel.

Ich selbst bin beschimpft worden von Menschen, die schon lange auf dem Yogaweg waren, habe erlebt, wie sie schlecht über mich, über meine Arbeit, über meine Familie gesprochen haben. Damit umzugehen, ist Teil meines Lebens und an sich ja auch eine wunderbare Übung, und das meine ich nicht ironisch oder sarkastisch. Es ist ein Geschenk meines Gurus. Aber bei denen, die beschimpfen und schlecht über andere reden, sich aufschwingen, beurteilen zu können, wie weit oder meist ja nicht weit andere auf ihrem Weg sind – bei denen ist es an der Zeit, sich an paraspara devo bhava – seht Gott ineinander zu erinnern, ihre Übung diesbezüglich ernsthaft aufzunehmen und zu lernen, sich ihrer Stimme zu enthalten, wenn, was sie sagen möchten, nicht erhebt und glücklich macht. Es mag in dir rumoren, weil du diese deine Schwäche vielleicht über Jahre hinweg als „Ehrlichkeit“, „Direktheit“ und deine Art, die halt „sehr geradeheraus“ ist, entschuldigt und damit berechtigt hast. Aber nur Liebe ist direkt, ehrlich und geradeheraus. Alles andere ist eine heftige Umweltverschmutzung, die das Ego allen in der Umgebung angedeihen lässt.

Ich schreibe das nicht, als Verhaltenskritik oder um dir deinen Fortschritt abzusprechen. Ich schreibe das, weil ich dich unterstützen möchte, auch auf diesem Gebiet mit Entschlossenheit und Intensität zu üben. Wie kann die Erfahrung von Ich bin Shiva je sich in einem Menschen ausbreiten, der seinen eigenen Worten und Gefühlen gegenüber so machtlos ist, dass er sie nur rauslassen kann, ganz gleich, wie schrecklich oder unangenehm die Folgen dieser Worte und Gefühle sein mögen. In Liebe, mit Respekt.

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Transformation – das Geschenk des Yogawegs (Neujahr 2016/17)

Transformation — wirklich, das ist ein Wort mit sieben Siegeln für die meisten Menschen.  Im Duden wird das Wort beschrieben mit Verwandlung, Umwandlung. Was bedeutet Transformation im Yoga? Was wird da verwandelt?

Manche Schriften geben ihre Antwort auf diese Frage: jiva wird zu Shiva. Das Individuum wird zum universellen Wesen. Das begrenzte Ich wird zum universellen Ich-Bewusstsein. Also ich finde diese Erklärungen schon sehr abstrakt, auch wenn sie stimmen mögen. Und ich sehe Möglichkeiten, das allgemein verständlich zu erklären.

Wenn es tatsächlich möglich sein sollte, mit dem Yogaweg vollkommene Freiheit zu erlangen, dann ist Transformation unumgänglich. Alles, was uns einschränkt, alles war uns trennt, muss verschwinden oder verwandelt werden. Was schränkt uns ein? Die Welt? Die Zeit? Unsere Kultur? Unsere Herkunft? Unser Körper? Man kann diese Frageliste noch ziemlich lange weiterführen, wenn man alles aufzählen möchte, wovon sich Menschen eingeschränkt fühlen.

Wer hier im Blog liest, weiß oder ahnt schon, dass der Yogaweg nicht propagiert, dass dadurch deine Freiheit eingeschränkt wird. Das yogische Augenmerk liegt vielmehr auf inneren Prozessen, denn die sind viel eher beeinflussbar als äußere.  Wenn ich das Gefühl habe, dass ich schwach, unfähig und ohnmächtig bin, dann ist klar, dass diese Empfindungen nicht befreiend sind. Wenn ich das Gefühl habe, besser als andere, klüger, schöner, etc. zu sein, dann ist vielleicht nicht so ganz klar, dass auch diese Empfindungen selbst angelegte Fesseln sind, die Menschen, die sich schwach wähnen, ironischer Weise oft sehr intensiv anstreben.

Diese Empfindungen werden auf dem Yogaweg transformiert, wenn du ihn nur lange genug und mit genug Begeisterung gehst. Wie sieht das konkret aus, magst du dich fragen. Gefühle von Unzulänglichkeit werden transformiert in die aufkeimende Ahnung deiner Großartigkeit, die nicht aus dem Ego kommt, dass sich in dir über dich lustig macht oder dich dir mit Gefühlen von Überheblichkeit und Dünkel anbiedert. Dass das möglich ist, diese Ahnung deiner Herrlichkeit, das ist das Geschenk der Transformation.

Die tiefe innere Unruhe, geboren aus der intensiven Beurteilung deiner Taten und Eigenschaften, wird einer besonderen Art von Gleichmut weichen, der aus dem Studium der Yogatexte aufsteigt, aus der Meditation, aus der langjährigen Praxis der Mantrawiederholung. Dieser Gleichmut eröffnet dir den Zugriff auf deine Emotionen auf eine neue Art: Wenn du ihn einmal vollständig erfahren hast (und ich behaupte, dass du das dann auch weißt), dann wirst du nicht mehr lange Opfer dieser beurteilenden Tendenz deiner Psyche sein. Du wirst dich schnell wieder an diesen Gleichmut erinnern und deine eigenen Urteile nicht mehr ernst nehmen.

Tiefe, umfassende Missverständnisse werden von der Transformation erfasst und verwandelt: die Identifikation mit deinem Körper, deinem Ego, deinem Intellekt, deinen Sinnen. Hier wirkt die transformierende Kraft im Yoga ihre größten Wunder. Denn dieses Missverständnis, dass uns meinen lässt, wir sind unser Körper und unser Ego, wird langsam mit dem Lösungsmittel der Kundalini-Kraft, des Segens des Meisters aufgeweicht. Mit der Zeit der Praxis (Meditation, Studium der Texte/Schriften des Yoga) wird dir immer klarer und einleuchtender, dass du nicht sein kannst, was du hast. Du wirst erkennen, dass das Ego dir gehört (wenn überhaupt) und dass du es nicht sein kannst. Du wirst den Körper als Behausung verstehen, nicht nur theoretisch, als saloppe spirituelle Floskel.

Diese Kraft der Transformation im Yoga überwindet für immer das Gefühl der Einsamkeit, für immer die tiefen Selbstzweifel, weil sie deine Missverständnisse in Vertrauen verwandelt, das sich nicht auf die Hoffnung stützt, dass sicher alles gut ausgehen wird, sondern auf das Wissen, der tiefen Einsicht, wer du wirklich bist.

Das Geschenk dieser Transformation ist, dass du sie erleben und durchleben kannst, ohne dass du dein normales Leben aufgeben musst, auch wenn sich die eine oder andere Angewohnheit auflöst.

 

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Im Angesicht

des sicheren Todes eines jeden Menschen ist das Leben absurd. Zielstrebigkeit, die Fähigkeit zu planen, das Gegenwärtige in die Zukunft zu projizieren sind schwerlich ernst zu nehmen, wenn man bedenkt, dass das Ende unseres Lebens in diesem Körper völlig unabhängig von allem ist, was wir im Leben für wichtig halten können.

Noch niemand hat wegen noch nicht zu Ende geführter Projekte Aufschub erhalten, so viel ich informiert bin. Dicke sterben genauso wie Dünne, Reiche wie Arme gleichermaßen. Wenn deine Zeit abgelaufen ist, dann nützt all dein Reichtum nichts mehr, all deine Intelligenz, dein Tatendrang und dein Ansehen bei anderen Menschen. Ihren Körper haben bisher noch alle verlassen, die in einem gewohnt haben, freiwillig oder per Rauswurf. Körperseitig ist das Ergebnis bei allen gleich. Am Ende musst du ausziehen.

Niemand fragt dich dann, ob es dir gerade in den Kram passt. Niemand interessieren dann deine Pläne, deine Vorhaben, dein Gestaltungswille, deine Kinder und die Tatsache, dass sie dich brauchen. Es ist völlig belanglos, ändert nichts an deinem Tod.

Ist das nicht faszinierend? Vielleicht denkst du dir jetzt, wenn du regelmäßig in diesem Blog liest, der schreibt doch immer wieder von diesem Thema, vielleicht hat er ja ein Problem damit. Vielleicht ist er vom Tod ja wie besessen. Du etwa nicht? Er steht dir sicher bevor. Viele traditionelle Kulturen ermuntern Menschen, sich damit zu befassen. Wenn man sich sogenannte Naturkatastrophen ansieht, dann wird die Absurdität des Lebens klar. Mitten in was auch immer du tust, kann es dich erwischen, jetzt, morgen, irgendwann. Und nur eines ist klar. Es WIRD dich erwischen.

Und was nützt es einem, wenn man das weiß, wenn man darüber nachdenkt? Ist das nicht zu tiefst deprimierend? Eben nicht! Es ist der größte, der beste, der herrlichste Witz, den man sich nur ausdenken kann. Wenn dir das wirklich klar ist, so wie dir klar ist, dass du existierst, ganz selbstverständlich, dann kannst du dich und deine Probleme einfach nicht mehr so todernst nehmen. Dann planst du vielleicht immer noch, aber doch mit einem Augenzwinkern. Dann erfüllst du und erkennst du deine Verpflichtungen, aber doch nicht mehr mit dieser Bürde von Verantwortung und Pflichterfüllung. Es wird viel lustiger.

Wer sich nicht Gedanken über seinen eigenen Tod macht, für den kommt das Sterben immer ungelegen, zeitlich und situationell unpassend. Auch mit 80, 90, 100 Jahren. Wenn dir der Körper gehörig auf die Nerven geht, wenn es dir immer mühsamer erscheint, in diesem Haus zu leben, wenn es dann so weit ist, ihn zu verlassen, dann passt es halt doch nicht so gut, gerade jetzt, in diesem Augenblick. Aber wenn dir klar ist, dass es gar nicht passen muss, wenn dir klar ist, dass durch dieses Ereignis, Tod genannt, alle anderen Aktivitäten ziemlich unwichtig werden, dann musst du nicht Zeter und Mordio schreien, nur weil es so weit ist. Dann hast du innerlich immer schon deine Koffer gepackt.

Vor Jahre bat mich einmal eine Kursteilnehmerin zu sich ins Krankenhaus. Ihr ging es schlecht, wurde mir gesagt. Als ich sie sah, war klar, dass ihr Körper am Ende war. Sie nicht. Sie war wach und ziemlich klar. Ein paar Sätze lang wollte sie mir noch von den Hoffnungen der Ärzte erzählen, was sie noch versuchen konnten. Ich musste fast lachen. Ich deutete auf ihren Haut-und-Knochen-Körper, mit großem aufgequollenem Bauch und sagte: „Glaubst du, das Ding wird je wieder werden?“ „Nein“, sagte sie, „wohl kaum.“ „Du hast doch ein gutes Leben geführt, du hast deine Pflicht als Mutter, als Partner, als Frau erfüllt. Es ist doch gut. Du kannst doch gehen.“ „Aber es ist so endgültig“, sagte sie.

Wer weiß das schon, und, wen juckt das? Menschen GLAUBEN an ein Leben nach dem Tod. Manche haben das so verinnerlicht, dass sie es „wissen“. Ist das wichtig? Ich finde gar nicht. Einmal kamen Schüler zu ihrem Zen-Meister und fragten ihn: „Meister, sprich mit uns über den Tod. Erzähle uns vom Tod.“ Der Meister erwiderte: „Ja, was soll ich sagen? Davon weiß ich nichts.“ Die Schüler waren erstaunt. „Aber du bist doch ein Zen-Meister!“ sagten sie. „Ja“, meinte er da, „aber kein toter Zen-Meister.“

Jetzt, schon heute und in deiner Situation hilft dir das Wissen darum, dass du aus deinem Körper früher oder später ausziehen musst, ob der Termin gerade passt oder nicht. Alle Verantwortung ist mit dem Moment vorbei, wenn du aus deinem Körper bist. Niemand kann dich dann anklagen, anzeigen, dich bestrafen, dich mobben, niemand kann dich beschenken mit Besitz oder Macht oder kann dir das wegnehmen.

Es gibt im Sanskrit eine Sutra, die übersetzt heißt: „Wie hier, so auch sonst wo.“ Deshalb ist es gut, hier und jetzt ein Leben zu führen, das nicht von heftigen Wünschen und Unzufriedenheiten geprägt ist. Du wirst keine Fleißbildchen bekommen, nur weil du es dir besonders schwer machst (und darunter dann auch noch besonders leidest). Hab keine Angst. Es WIRD zu Ende gehen. 🙂 Das ist die wirklich gute Nachricht. Und die schlechte, wenn du nicht bei Zeiten lockerer wirst. Denk daran: Gescheiterte und Erfolgreiche sterben gleichermaßen. Dumme und Superkluge sterben gleichermaßen. Alte und Junge sterben gleichermaßen. Hässliche und Schöne.

Wenn du die Unverhandelbarkeit deines Todes klar verstanden hast, dann musst du immer wieder schmunzeln, wenn du dir selbst bei den Mühen des Alltags zusiehst, bei deinen Wichtigkeiten und der Belastung deiner Unzulänglichkeiten. Dann wirst du dich immer weniger selbst klein machen, dich selbst nicht mehr verurteilen. Du wirst sehen, wie witzig das alles ist. Und wie die Tatsache, die wirklich einzige, die man im Leben als solche bezeichnen kann, dass dein letztes Stündchen irgendwann einmal schlagen wird, dir im Leben über Tiefen UND Höhen hinweghilft.

Seit mir das klar ist, verstehe ich die Worte meines Meisters: „Am Ende bleibt nur noch Lachen, Lachen, Lachen“ sehr viel konkreter als damals, als ich sie live aus seinem Munde hörte. Was für ein Spiel!

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Yoga und die Liebe zum Leben

Dem weltlichen Leben entsagen, das Ende der Weltlichkeit, der Gefangenschaft des Lebens in der Welt entsagen, das ist für viele Menschen ein wesentlicher Aspekt des spirituellen Lebens.

Das hat sicherlich auch mit der christlich-abendländischen Kultur zu tun, die sich ja auch nach Kräften verbreitet hat. Jemand, der einen Beruf, eine Familie, gesellschaftliche Verpflichtungen hat und fühlt, dem wurden und werden nur geringe Chancen gegeben, Erlösung zu finden. Kasteiung, Selbstbeschränkung bei allen Dingen, die Spaß machen und Freude bereiten ist angesagt. Vielleicht auch noch ärmlich leben oder Schuldgefühle haben, wenn dein Schicksal dich mit Wohlstand ausgestattet hat: Für so lange Zeit meinten die Menschen in dieser Gegend der Welt, dass Gott Menschen mehr liebt, die so leben, mönchisch, mit möglichst wenig.

Es tut mir leid, das hier so deutlich zu sagen: Aber dies ist totaler Unsinn! Und wie das in der christlichen Religion funktioniert, ist mir bis heute schleierhaft: Wenn man der Genesis glaubt, dann hat ja Gott die Welt mit dem Gefühl geschaffen, dass er da eine gute Sache zu Wege gebracht hat. Und wir meinen dann, dass er da einen Fehler gemacht hat oder wie rechtfertigt man in dieser Religion, dass die von Gott geschaffene Welt nicht seiner Erfahrung und Erkenntnis dienen kann?

Nein, das Leben ist da, um genossen zu werden. Aber halt: Du meinst, das tun doch viele, und die leben ganz bestimmt kein spirituelles Leben? Ja, da magst du schon recht haben. Denn die meisten werden wohl eher vom Leben genossen, sind Opfer der Umstände und ihres Schicksals. Das ist normal, und das ist in meinem Verständnis alles andere als Genuss.

Genuss setzt voraus, dass du in dir ruhst. Nein? Dann lasst uns das mal genauer betrachten: Du hast gerade mit deinem Kletterpartner einen wundervollen Berg bestiegen, aber auf dem letzten Meter zum Gipfel kommt dir irgendwie wieder diese Sache in den Sinn, die deine Frau zu dir gesagt hat, als du gefahren bist. Und das war alles andere als liebenswürdig. Sie war schon fast eifersüchtig auf die Zeit, die du mit deinem Freund da verbringen wirst. Der Gipfel ist erklommen, ihr seid außer Atem, und was bringt dir jetzt das Ganze? Du bist sauer auf deine Frau und durch dein Gehirn jagt ein Monolog nach dem Anderen darüber, was du ihr alles an den Kopf werfen wirst. Solltet ihr euch nicht einfach besser sowieso trennen? Dieses Gezicke… etc.

Und die Aussicht auf dem Berg? Der Lohn für deine Mühen? Nichts davon kannst du genießen. Ohne Kenntnis von Yoga oder welchen Namen diese Fähigkeit auch tragen mag, ist dein Genuss ein reines Lotteriespiel. Kann sein, dass es mal klappt, weil deine Psyche gerade nichts Wesentliches aufzutischen hat oder warum auch immer.

Aber mit Yoga, da beginnt der Genuss des Leben erst. Im Angesicht des völlig absurden Ereignisses in deinem Leben, Tod genannt, dem deine Pläne völlig egal sind, den du nicht um Aufschub bitten kannst, weil du mit deiner Arbeit noch nicht fertig bist oder weil deine Kinder noch nicht für sich selbst sorgen können, ist Lebensgenuss eine große Herausforderung. Yogaübende aber können die Gewissheit über ihren eigenen Tod benutzen, um frei und unbeschwert zu leben. Ihre Gedanken, ihre Gefühle sind nicht auf Autopilot und so können sie Sekunden anhalten und lange Zeit beschleunigen. Sie erleben nicht die Beschleunigung, die mit zunehmendem Alter für alle anderen Menschen erfahrbar ist. Sie geben sich die Muße der langsamen Zeit ohne zwei Stunden an einem Bissen rumzukauen, nur um ihr Leben zu entschleunigen! Wir beschleunigen und entschleunigen nach Belieben. Und da man das mit der Zeit kann, kann man das Leben einfach so lassen, wie es gerade zu kommen scheint.

Wir können wirklich leben. Direkt, wie es unserem Naturell entspricht, ohne unter diesem Naturell zu leiden, wenn wir das nicht wollen.

Wenn Gedankenwildwuchs nicht mehr allein unser Leben regiert, dann kannst du deinen Kaffee in der Altstadt unendlich genießen, einen vollkommenen Moment in alle Ewigkeit ausdehnen. Was für ein Erlebnis.

Und ich werde mich jetzt beherrschen und nicht wieder seitenweise Loblieder auf den Meister singen, der diese Erfahrung erst ermöglicht. Schade, dass das in unserer Kultur eher fremd ist. Was geht uns da ab!

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Warum übt man im Yoga Verständnis?

Warum sich beschäftigen mit Konzepten und Ideen, die im Yoga gelehrt werden und die für die meisten Menschen der westlichen Kultur erst einmal zu lernen sind, zu verstehen sind?

Ich gebe dir ein Beispiel über die besondere Bedeutung von Wissen, von Erkenntnis und ihrem Ergebnis: Verständnis.

In der Nähe eines einsamen, uralten Klosters leben nur noch wenige alte Männer als Mönche. Sie haben einen einfachen, friedlichen Tagesablauf, den sie schon seit Jahrzehnten leben und zu lieben gelernt haben. Sie können sich selbst versorgen, damit sie keinen Kontakt zum weit entfernt liegenden Dorf benötigen.

Eines Tages findet einer von ihnen vor dem Eingang des Klosters ein Bettchen mit einem kleinen Kind darin, nicht mehr ganz ein Baby. Die Mönche, die alle schon seit vielen Jahren kein kleines Kind mehr gesehen haben, schätzen das kleine Mädchen auf zwei Jahre. Sie nehmen es auf, und lieben es jenseits aller Vorstellung. Das Mädchen wächst mit ihnen auf, und ist den ruhigen, entspannten Ablauf des Klosters gewohnt, genießt die Zuneigung der alten Mönche.

Sie wird langsam älter, und als sie gerade zwölf Jahre alt geworden ist, geschieht etwas Schreckliches. Sie beginnt zu bluten, immer weiter, erst wenig, dann immer mehr. Erschrocken wendet sie sich an ihre „Väter“ und zeigt ihnen ihr Bett und ihre Kleidung.

Die Mönche wissen nicht, was geschehen ist. Sie fürchten um das Leben ihres Mädchens. Voller Schrecken beschließen sie, Tag und Nacht zu beten, bitten Gott um Hilfe. Wie durch ein Wunder hört die Blutung nach ein paar Tagen wieder auf.

Die Mönche preisen Gott und finden nach diesem Ereignis neuen Glauben, und in ihrer Begeisterung beschließen sie, ihr Mönchsleben noch intensiver auf Gott auszurichten.

Aber dann geschieht es wieder, nicht mal einen Monat war die Heilung her und jetzt wieder: diesmal hat das Mädchen Krämpfe, weint und bittet ihre Mönche um Hilfe. In ihrer großen Verzweiflung und Not, entsteht eine hitzige Debatte: Ist das Wiederauftauchen der Krankheit, der Blutungen, ein Zeichen Gottes, dass er mit ihrer Andacht nicht zufrieden ist? Oder, wie einer von ihnen einwirft, ist es vielleicht ein Zeichen, dass das Mädchen vom Teufel besessen ist? Ja, das muss es sein. Sie sind verzweifelt, bitten Gott um Gnade und Einsicht.

Ich könnte die Geschichte weiter spinnen, in ein schreckliches Ende, in eine plötzliche Einsicht, in Intrigen, alles Mögliche. Nur weil die Mönche nicht wussten, dass 12-jährige Mädchen einfach ihre Periode bekommen, und das eher ein Grund zum Feiern als für Angst ist.

Was den Mönchen in der Geschichte gefehlt hat, war Information, Wissen, das ihr Verständnis über die Situation des Mädchens vollkommen verändert hätte.

Das ist der Grund, warum zur Praxis immer auch Verständnis hinzukommen muss. Und eigentlich stimmt das nicht so ganz, denn Verständnis IST Praxis. Wer das nicht erkennt, der praktiziert trotzdem Verständnis, nur praktiziert er sein altes, ihm meist nicht bewusstes „Verständnis“, das ausschließlich aus alten Prägungen und Informationen besteht.

Eine solche Praxis, die nur aus irgendwelchen Übungen besteht, würde also eher die Prägungen und vorgefertigten Meinungen verstärken und nicht überwinden.

Über viele Formen des yogischen Verständnisses habe ich schon Kurse gegeben, und es stellt sich die Frage, ob es da noch mehr braucht, immer wieder.

Vielleicht nicht brauchen, wenn man gut zugehört hat und sich die Zeit genommen hat, auch über das Gehörte, den Inhalt, tief nachzudenken. Aber helfen wird es immer, denn Missverständnisse im Yoga sind der Hauptgrund, warum Menschen den Weg nicht lange genug gehen können.

Sie kommen zum Beispiel zu mir, hören zu, und versuchen, das Gehörte, vielleicht auch das Erlebte in ihre vorhandene Denk- und Gefühlsstruktur einzubauen. Das kann natürlich nicht wirklich funktionieren. Es wäre als würdest du ein Teil eines Puzzles in einen Platz pressen wollen, wo es nicht hingehört, und zwar deshalb nicht, weil es zu einem ganz anderen Puzzle gehört.

Im Yoga geht es darum, sich aus der Gefangenschaft von Prägungen und psychischen Konditionierungen zu befreien, um zu erkennen, wer man wirklich ist. Schon diese Aussage, grundlegend und eher einfach, kann man leider nur so verstehen, wie man sich entwickelt hat.

Wer du meinst, dass du bist, hängt ab davon, was du gelernt hast, dass du bist. Verständlich? Wenn du dich nur als Gedanken, Gefühle, Handlungen, aus der Identifikation mit deinem Körper kennst, dann meinst du, dass Yoga dazu führt, dass du deinen Körper, deine Gedanken, deine Gefühle noch „tiefer“ kennenlernen solltest.

WAS für ein Irrtum! Nur: Wie sollst du da etwas anderes verstehen können, wenn du dich nur als das oben beschriebene Konvolut kennengelernt hast?

Daher braucht es das Erlernen und die Wiederholung von Konzepten, die dieses alte, einschränkende Verständnis mit einem weniger einschränkenden ersetzen. Findest du komisch? Warum überhaupt noch Konzepte haben, wenn sie dich doch alle irgendwie gefangen nehmen?

In Jahrtausende langer Erfahrung in der Betreuung von Menschen, die sich aus der Gefangenschaft der eigenen Missverständnisse befreien wollen, hat es sich als praktisch erwiesen, nicht gleich alle Konzepte auf einmal ersatzlos zu streichen.

Die Psyche kann das nicht ertragen. Es wäre so, als hättest du 6 Monate einen Beingips getragen und würdest plötzlich, ohne diese Stütze, gehen müssen. Es wird nicht funktionieren. Du wirst zuerst einmal einige Zeit mit Krücken gehen müssen. Die sind nicht schlecht oder unnötig, nur weil du sie irgendwann einmal nicht mehr brauchen wirst.

Du kannst die Phase, in denen du sie brauchst, auch nicht einfach überspringen. Es braucht einen Weg, eine Lehre, wie eine Straße, die dich zu deinem Haus führt. Natürlich wirst du in dein Haus gehen und damit die Straße verlassen. Aber das bedeutet nicht, dass es keine Straße braucht, die dich nach Hause bringt.

Ein faszinierendes Konzept, das die Missverständnisse, die du über dich hast („wie kommst du dazu, zu sagen, dass ich Missverständnisse über mich habe?“ magst du denken, „vielleicht projizierst du halt einfach deine Begrenztheit auf mich?“ Aus Tausenden von Kursen über fast 40 Jahre mit Tausenden von Menschen und ja, auch aus meiner eigenen Erfahrung), zumindest so weit erklärt, dass du leichter von ihnen lassen kannst, ist die Lehre, die im 14. Kapitel der Bhagavad Gita ausgebreitet wird:

Die Lehre der drei Gunas oder Grundeigenschaften.

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Die Bedeutung und Auflösung der Elemente

In allen Kulturen haben Menschen von Elementen gesprochen, von grundlegenden Bausteinen es Daseins in dieser Welt.

Ich war noch ziemlich jung, als ich das erste Mal von den 5 Elementen im Yoga gehört habe. Als jemand, der in der westlich-wissenschaftlichen Tradition erzogen wurde, mutete die Vorstellung der fünf grobstofflichen Elemente schon sehr einfach und archaisch an. Wir lernten über 100 Elementen im Chemieunterricht, und jetzt sollten wir etwas über die fünf Elemente lernen. Und weil sie „grobstofflich“ hießen, war das Ganze noch etwas verwirrender.

Dann wurde aber klar, dass, obwohl wir von den fünf grobstofflichen Elementen, den maha bhutas sprachen, es sich doch um etwas ganz anderes handelte. Warum befassten wir uns damit? Wie passt da „Ich bin Shiva“ dazu? Sind Shiva die Elemente von Bedeutung? Ja, sind sie.

In vielen Yogaschriften, die darauf eingehen, wird davon gesprochen, wie ein Mensch auf dem Yogaweg die Schöpfungskaskade wieder zurückwandert, wie er oder sie jede Stufe der Schöpfung in sich sozusagen auflöst. Auch das war mir überhaupt nicht vorstellbar. Wie sollte das gehen? Bricht einem da nicht der Boden unter den Füßen weg? Heute kann ich sagen, nein, natürlich nicht. Es ist so, als würdest du dich immer weiter verfeinern, ohne die Tuchfühlung mit dem äußeren „normalen“ Leben zu verlieren. Anders ausgedrückt könnte man sagen, dass du dein Bewusstsein ERWEITERST (nicht nur verschiebst).

Die erste Ebene jenseits der chemisch-physikalischen Welt sind die fünf Elemente, die maha bhutas. Sie sind die Kräfte, die diese Welt steuern. Zumindest könnte man das so verstehen. Mit dem Auge sieht man Erde, eine Stoffansammlung aus Lebewesen, Mineralien, verrotteter Materie und vieles mehr. Aber Erde als Element ist das Feste, ist Geruch, ist Dichte, ist Schwere, ist Stabilität. Dieses Element wirkt in deinem Körper, aber auch in deiner Psyche. Ständig. Manchmal mehr, manchmal weniger. Wie überwindet man das Element Erde, wie „löst man es in sich auf“? Das hat viele, viele Aspekte, die für Menschen auf dem Yogaweg der Befreiung bedenkenswert sind:

Jemand, der, wie die meisten Menschen, die sich spirituell nicht entwickeln können (bei uns ist das auch ein Informationsproblem, man weiß ja gar nichts davon), vom Element Erde gefangen gehalten wird, ist allem mehr oder weniger verfallen, was damit zu tun hat: Wohlstand und Armut und alles, was damit zu tun hat: Wohnraum, Möbel, physischer Besitz, etc., Körperlichkeit (übermäßige Beschäftigung mit dem Äußeren, mit Gesundheit, mit Fitness, etc.), Haptik, also, wie etwas sich anfühlt, traumloser Schlaf, Trägheit, starke Heimatverbundenheit (man achte auf das Wort!). Was sonst hält uns fest, wenn das Element Erde nicht „erlöst“ in uns wirkt?

In der Meditation ist es auch das starke Festhalten an den physischen Begebenheiten: Nur wenn du immer an der selben Stelle sitzt, fühlst du dich wohl. Nur wenn dein Asana oder Decke richtig liegt und sitzt und riecht, kannst du meditieren, du verstehst, was ich meine. Überhaupt ist das wichtig, alles muss „richtig“ riechen, sich anfühlen.

Das Element Wasser, das nächst feinere Element, kennen wir alle gut: Natürlich ist es Wasser, H2O, das im der chinesischen Tradition „das freundliche Element“ genannt wird. Es ist instabil, in fließender Bewegung. Es ist das Element, aus dem unser Körper hauptsächlich besteht. Wasser als Element ist das Bindende. Mörtelpulver macht erst einmal gar nichts. Mit Wasser verbunden wird es eine formbare Masse, die Verbindungen und Bindungen schaffen kann, die lange halten. Wasser ist anhaftend, verbindend. Logischerweise wird diesem Element der Geschmacksinn zugeordnet, denn Geschmack wird von Flüssigkeit transportiert. Menschen, die vom Element Wasser gefangen sind, können nur schwer loslassen, sie sind Substanzen, Umständen, Menschen nicht nur verbunden, sondern von ihnen gefangen. Auf dem Yogaweg, wenn das Element Wasser sich in einem selbst „auflöst“, kann man sich binden, aber auch wieder loslassen. Die Fähigkeit, sich zu verbinden ist ganz anders als ein Verbundensein. Darüber könnte man gut nachdenken.

Das Element Feuer kennen kommt als nächst feineres Element. Es ist das Ergebnis unter anderem von Reibung. Feuer ist Licht, ist die Kraft der Transformation, der Verdauung, auf allen Ebenen, von Essen bis zu Gedanken, Gefühlen, Konzepten. Feuer wird als heiß, scharf, trocken, leicht und fein dargestellt. Feuer durchdringt. Ihm ist der Sehsinn zugeordnet. Wut, Zorn, Hass sind ihm zugeordnet, aber auch die Kraft, etwas zu verdauen, auch im übertragenen Sinn, etwas zu verarbeiten und zu transformieren. Menschen, die dieses Element noch nicht in sich „lösen“ konnten, sind voll vom Sehen überwältigt, von Licht, aber auch von Intellektualität, vom abstrakten Denken, von Theorien. Wenn dieses Element transformiert hat, dessen Intelligenz kann in Einfachheit leuchten, die ständige Unruhe der Augen ist nicht mehr zwangsläufig, er oder sie kann sie jeder Zeit abstellen. Die Furcht vor dem Dunklen verschwindet. Es gibt noch viele Eigenschaften mehr, die vom Feuerelement betroffen sind.

Luft ist das nächst feinere Element. Bewegung und Dynamik, Berührung und Unstetigkeit sind einige seiner Eigenschaften. Sie ist das Trocknende, das Leichte: Das Element Luft löst das Element Feuer aus. Es hält den Körper ständig in Bewegung. Wer ihm unterworfen ist, muss sich bewegen. Wenn dieses Element nicht assimiliert ist, treibt es deine innere Unruhe voran, immer mehr, immer intensiver. Man kommt, wie es so schön heißt, vom Hundertsten zum Tausendsten. Es hört nie auf, man ist total von Berührung abhängig, um sich lebendig zu fühlen. Wenn du dieses Element in dir auflöst, merkst du, dass diese prinzipielle innere Unruhe nachlässt, dein innerer Sturm kommt zur Ruhe, wenn du das willst. Was für eine Erleichterung macht sich in dir breit!

Das Feinste aller Elemente ist der Raum, auch das wird als Element gesehen, das Prinzip des Raumes. Ohne es gibt es keine Schöpfung. Manche Yogaschriften bezeichnen den Raum als das Erste aus der kosmischen Psyche entsteht. Im Raum findet Schöpfung statt. Für die meisten Menschen ist Raum so elementar, dass sie keine Erfahrung der Gefangenschaft im Raum haben. Es ist auch schwer vorstellbar, wie das wohl ist, wenn dieses Gefangensein aufhört. Es steht in den fünf Elementen für das Prinzip der Einschränkung, für Klang, für Hören. Klang, der jeden direkt betrifft. Wie will man Raum integrieren, in sich auflösen. Was heißt „frei von Raum“?

Darüber gälte es nachzudenken, zu forschen. Die fünf maha bhutas, die großen Elemente, sind wie die Eingangstüren in inneren Welten.

In der Natur, der Kraft der maha bhutas, ist ihr Studium etwas einfacher, in der Stille , in der Balance.

Zu Ostern werden wir das heuer untersuchen.

 

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