So richtig exotisch

So richtig exotisch ist heute, wer auf dem Yogaweg einen Guru hat. Das ist so, als wäre es irgendwann einmal exotisch, eine Mutter oder einen Vater gehabt zu haben. Was für eine unglaubliche Geschichte.

Überall in den Yogatexten wird der Guru und seine Bedeutung erklärt. Seine Notwendigkeit auf dem Yogaweg ist von je her unbestritten – in Indien. Hier im Westen hat man alles von diesem großartigen Weg abgezwackt, was der „Selbstbestimmtheit“ des Übenden im Wege ist, was nur irgendwie nach Hingabe, etc. roch, oder nach Meister und so hat man als Yogi und Yogini keinen Bedarf mehr nach einem Guru.

Einmal sagte mir jemand, dass er „einfach nicht der Typ von Mensch sein, der mit Gurus was am Hut hat“. Eine andere Yogalehrerin erzählte mir bei einem Abendessen beim Inder :), dass Gott ihr Guru sei (zum Glück wird der ihr nicht dazwischenfunken). Oder noch eine gute Ausrede war: „Ich habe Familie und einen guten Beruf hier, ich werde also nicht nach Indien pilgern, nur um dort beim Guru zu leben“. Beispiele dieser Art könnte ich noch sehr viele aufzählen.

Ich habe in diesem Blog schon viele Beiträge über die Notwendigkeit geschrieben, auf diesem Weg Schüler eines Gurus zu sein. Heute geht es mir um etwas anderes.

Das Problem, das wir Menschen im Westen haben, wenn wir uns dann doch durchgerungen haben oder wenn unsere Psyche aus unerdenklichen Gründen uns doch Schüler eines Gurus sein lässt, ist, dass wir nicht wirklich Erfahrung im Umgang mit Gurus haben, ganz abgesehen davon, dass wir auch nicht wissen, was einen Guru ausmacht.

Aber sagen wir einmal, du hast die Hauptkriterien in dem ersten Teil der Kularnava Tantra gelesen, in dem die Charakteristika eines Gurus beschrieben werden, oder auch die Guru Gita studiert, die beschreibt, wer und was der Guru ist. Dann ist es nicht so einfach, zu wissen, zu verstehen, wie das ist, einen Guru anzunehmen, zu tun, was der Guru sagt, Schüler zu sein.

Vielfach habe ich das um meinen Guru erlebt, selbstverständlich bei mir selbst zu allererst. Auf einen Schüler über ein Guru eine magische Anziehung aus. Ja, das ist so, ob uns das jetzt passt oder nicht. Und nicht passen tut es ja sowieso nur denen, die keinen Guru annehmen können.

Jeder hat seinen eigene Beziehung zum Guru, und die Guru Gita und viele andere Texte geben auch Hinweise, wie man zu einem Guru sein sollte. Wenn du wirklich einmal entdeckt hast, wie dir dein Guru in deinem Leben geholfen hat, dann hast du das starke Bedürfnis, zurückzugeben, dich zu bedanken. In Indien ist ziemlich klar, was man da macht und wie das geht. Hier im Westen ist das überhaupt nicht klar.

Menschen haben zu mir gesagt, dass in der Guru Gita steht, das ist der Text, der in meiner Tradition jeden Morgen gesungen wird, dass man dem Guru alles geben sollte, einfach alles. Das empört viele Menschen. Aber wenn man dann genauer hinsieht, heißt es, dass man dem Guru alles weihen sollte. Und weihen, was ist das? Ein so altertümlich anmutendes Wort, dass die meisten Menschen garnicht mehr wissen, was das ist und wie das geht.

Wie verhalte ich mich richtig? Was ich sicher weiß, dass die physische Nähe zum lebenden Guru eine große Herausforderung ist. Man beginnt zu vergessen, dass man mit seinem Guru ist und nicht nur mit jemanden, den man ganz gut kennt. Man verliert die heilsame Ehrfurcht, hat Diskussionen mit dem Guru wie man sie mit anderen Menschen hat. In der Guru Gita steht, dass man nie eine Diskussion mit dem Guru gewinnen sollte. (Alle, die das lesen und sich zu denen zählen, die keine ich-brauch-einen-Guru-Typen sind, sollten jetzt einfach weiterlesen, ohne sich erschüttert abzuwenden).

Ich selbst hatte nur kurz die Gelegenheit, nahe mit meinem Guru zu sein, hautnah sozusagen. Es war magisch, unglaublich. Ist mir immer noch frisch in Erinnerung, obwohl das schon viele Jahre her ist. Aber wenn man das täglich haben kann, dann braucht es einen sehr starken Verstand, um die Schuhe des Gurus nicht einfach zu tragen, statt sie zu verehren, wenn doch der Guru noch sagt, trag sie. (siehe „Spiel des Bewusstseins“, die spirituelle Autobiografie meines Gurus).

Bei manchen entsteht sogar Eifersucht um die Aufmerksamkeit des Gurus. Man hat sich so an die Nähe zu seinem Körper gewöhnt, dass man das als normal empfindet. Manche Gurus haben Familie, in Indien was das in manchen Traditionen sogar ein wichtiges Merkmal des Gurus, dass er sich im normalen Leben zurechtfand. Und wenn Gurus Familien hatten, dann hatten sie auch auf dieser Welt ihr Schicksal damit.

Sie hatten Kinder, und der erleuchtete König Janaka hatte angeblich 700 Königinnen, die mit ihm am Hof lebten. Der Weise Yajnavalkya hatte zumindest zwei Frauen, mit denen er in einem Haushalt lebte.

Jetzt stell dir vor, du hättest so einen Guru. Und du missverstehst den Guru immer noch als seinen Körper, was ja den meisten so geht. Aber dann kommst du, was dein Verhalten betrifft, eventuell zu falschen Schlüssen. Und wiederum kann eine scheinbare Nähe deine Schülerrolle verwischen. So nah bei einem lebenden Guru zu sein, ist meiner Meinung nach eine große, schicksalshafte Herausforderung.

Wie du vielleicht schon erahnst, ist das alles nicht so einfach. Der Guru ist für den Schüler immer der Guru, ganz egal, was er macht und wie er sich benimmt. Das ist ja das Problem mit der Suche nach einem Guru, und vor allem seiner Überprüfung durch den Schüler. Wenn du da nicht sorgfältig warst, dann kannst du in ganz komischen Geschichten hineingeraten. Oh je. Wir hier in unserer Kultur sind da einfach sehr, sehr naiv und unerfahren.

Die Guru Gita hilft, zu verstehen, wie du dich verhalten sollst, was das für eine Beziehung ist. Eins muss klar sein: Sie ist wie keine andere in deinem Leben. Und kluge Schüler des Gurus stellen den Guru allein an die erste Stelle in ihrem Leben.

Aber das ist ja ein perfektes Rezept für kultische Hörigkeit, magst du jetzt denken. Nein, das stimmt so nicht. Diese Stellenausschreibung für den Guru ist eine innere Stelle. Niemand muss je davon wissen. Aber es wird dir helfen, diese Beziehung so zu leben, dass sie dich befreit.

Wenn du bei deinem Guru bist und dir ein „nein, das stimmt nicht“ über die Lippen kommt, dann weißt du noch nicht, wie das geht. Wenn du bei deinem Guru bist und neugierig in seinem Leben schmökerst, dann weißt du noch nicht, wie das geht. Es ist verständlich, das Schüler Sehnsucht haben nach Neuigkeiten über ihren Guru, aber dein Verstand muss hellwach bleiben dabei, damit diese Sehnsucht nicht in Tratsch und Respektlosigkeit mündet.

Dein Guru ist nicht dein Lebensberater, er ist dein Befreiungsgarant, das ist etwas anderes. Dein Guru ist nicht dein Wahrsager, auch wenn er manchmal etwas über deine Zukunft sagt. Der Guru ist nicht dein Partnerschaftscoach, auch wenn er viele Tipps für dich parat hat, in dieser Richtung. Der Guru ist auch nicht eine wandelnde Yoga-Enzykopädie, auch wenn er die Schriften kennt und zitiert.

Verstehst du, was ich meine? Morgen wird dieser Körper 63 Jahre alt, kaum zu glauben, dass er so lange durchgehalten hat. Heute weiß ich, dass es ein Geschenk ist, ein unglaubliches Geschenk, das Glück gehabt zu haben, einen Guru im Leben zu haben, schon so lange Zeit, über so viele Lebensberge und -täler hinweg. Jeden Tag bin ich dankbar dafür. Schon allein dafür empfinde ich mein (für mich als sehr skurril empfundenes) Leben lebenswert, jedes Jahr, jeden Tag, jede Sekunde.

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Warum die meisten Psycho-Eso-Methoden so wenig Wirkung zeigen

Immer wieder lesen und höre ich von Methoden und Techniken, die gelehrt und angepriesen werden. Manche klingen wirklich spannend, und man kann ahnen, dass sich da Menschen wirklich etwas haben einfallen lassen.

Wenn man einsieht, dass man an der allgemeinen Lage nicht allzu viel ändern kann, ist es durchaus legitim, zu versuchen, Menschen zu unterstützen, mit der Situation besser zurechtzukommen. Wenn im Arbeitsumfeld immer mehr von immer weniger Menschen zur gleichen Zeit erledigt werden soll, dann ist klar, dass der Mensch eine Art Zitrone-in-der Zitronenpresse-Dasein führt.

So richtig aussteigen kann man nicht, wenn man hier leben will. Also stellt sich die Frage, wie können wir uns in so einer Situation behelfen. Die Medizin kümmert sich um die Ergebnisse dieser Situation, also dann, wenn die Zitrone schon ziemlich ausgepresst ist, wenn Krankheiten auftreten. Die Psychologie, die aus der Medizin hervorgegangen ist, arbeitet ähnlich pathologisch.

Die westliche Esoterik, die versucht, Menschen mit einer Mischung aus östlicher Weisheit und westlicher Wissenschaft zu unterstützen, entwickelt Techniken, die schon vor der Grenze zur Pathologie helfen sollen.

Und so entstehen diese oben erwähnten Methoden, so zum Beispiel: „Wenn du morgen in die Arbeit gehst, stelle dir vor, du wärst dort von Freundlichkeit und Liebe eingehüllt“ oder „Wenn du am Abend zu Bett gehst (eine Methode zur Einschlafhilfe), stell dir vor, alle Spannungen würden von dir abfallen und du freust dich auf den nächsten, guten Morgen, der voller Versprechen auf Glück für dich sein wird.“

Ich könnte das lange so weiter schreiben. Je nach deiner Neigung würdest du manches davon wunderbar finden, manches etwas abgehoben, etc. Viele Lehrende auf diesem Gebiet merken ja sehr wohl, dass die Psyche, das Denken, der Verstand, ganz gleich, wie das bezeichnen will, entscheidenden Einfluss auf unser Wohlbefinden hat.

Warum funktioniert das nicht so gut? Der Grund dafür ist so einfach, dass ich Schwierigkeiten habe, zu verstehen, warum das nicht allen klar ist. Vielleicht kann man das einfach schlechte als Marke Eigenbau vermarkten, weil es so generell und schlicht daher kommt.

Solange ich doch nur sehr schwer Einfluss nehmen kann, was da in meiner Psyche, meinem Verstand an Gedanken und Gefühlen abläuft, wie soll ich dann in der Lage sein, irgendeine Vorstellung, die nicht prägungsbedingt in mir ihre Runden dreht, lange genug aufrechtzuerhalten, dass sie die unwillkürlichen Gedanken und Gefühle verdrängen kann?

Nochmals, es ist ganz einfach: yogascitta vrtti nirodhah – Yoga ist die Beendigung der unwillkürlichen Bewegungen des Geistes (vrtti heißt Wellen, Woge, diese Bewegungen im der Psyche, die ständig in ihr hin und her und rauf und runter schwappen). Gleich am Anfang der Yogasutras steht das.

Ganz einfach. Wer das nicht kann, heißt es weiter, lebt im (leidvollen) Auf und Ab dieser Wellenbewegungen. Alle diese Lehrer wollen dir suggerieren, dass du Schritt zwei ohne Schritt eins machen kannst. Warum nur? Vielleicht ist Schritt eins einfach nicht wirklich glamourös. Einfach nur regelmäßige Übung von etwas in der Sache sehr Einfachen, aber eben langwierigen.

Mantrawiederholung, Meditation, immer wieder. Immer wieder auch das Erlebnis, dass es noch nicht geht, auch nach Jahren nicht, dass man Rückfälle hat. Man muss das Verständniswerkzeug entwickeln, um diesen Prozess lange genug zu überstehen, dass er Erfolge zeigt.

Leider nützt es da gar nichts, mit irgendwelchen vollmundigen, spannenden, liebevollen, barmherzigen, starken Affirmationen zu arbeiten, solange deine Prägungen das Gesamtfeld deiner Psyche uneingeschränkt beherrschen, mit all der Macht ihrer Begründungen und Erläuterungen und Berechtigungen.

Wenn du nicht das richtige Verständnis hast, das dir die Begründungen liefert, um auf diesem einfachen Lernweg zu bleiben, werden die machtvollen Prägungen, die übrigens immer alt sind und je älter je machtvoller, dich davon abhalten, das dir das Mantra zu eigen zu machen und Meditation so in deinem Leben zu verankern, wie Atmen oder Zähneputzen, was du ja auch sicher wieder machen wirst, auch wenn du es einmal vergessen hast. Und dein Verstand wird dir dann nicht einreden, dass Zähneputzen halt nichts für dich ist oder dass du es jetzt doch nicht mehr machen kannst. Du machst es, auch wenn du keine Lust hast. Du kommst nicht auf die Idee zu sagen, „also ich muss mich halt auch einfach danach fühlen, so erzwingen kann ich das nicht“, oder?

Glaub mir, das Mantra und die Meditation sind viel viel wichtiger für dein Wohlbefinden als Zähneputzen. 🙂 Und wenn du das dann einigermaßen kannst, dann kannst du all diese wundervollen Affirmationen, Traumreisen, Traumbilder, Umprogrammierungen, und was sonst noch für leckere Begriffe die Runde machen, wirkungsvoll für dich einsetzen.

Aber ohne yogascitta vrtti nirodhah geht einfach gar nichts in dieser Richtung, da gehen nur diese wertlosen, haltlosen Prägungen.

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Wirklich lesenswert

Hier ist ein Link zu einem Text, denn ich unbedingt zum Lesen empfehle…

https://media.siddhayoganac.org/teachings/2018/gm-talk-responsibility/tr/your-genuine-responsibility-de.pdf

Alles Liebe an alle Lesenden!

 

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Solange du noch Hoffnung hast,

sagte mein Meister einmal zu mir, bleibt dir die Vollkommenheit des Augenblicks verborgen. Damals dachte ich mir, klar, das macht Sinn. Aber in seiner ganzen Tragweite wurde das erst viel später klar.

Hoffnung ist für viele religiöse Menschen in der westlichen Kultur eine Möglichkeit, mit den Unwegsamkeiten der erlebten Gegenwart zurecht zu kommen. Wenn wir nicht genug haben, hoffen wir, dass es in Zukunft besser wird. Wenn wir Beziehungsprobleme haben, hoffen wir, dass es später besser wird. Wenn wir berufliche Probleme haben, hoffen wir, dass sich auch das mit der Zeit schon wieder bessern wird. Man könnte diese Reihe noch weiter fortsetzen. Es gibt viele Gründe, zu hoffen.

Aber wie genau funktioniert Hoffnung? Du hast ja nur dann Hoffnung, wenn etwas nicht gut läuft in deinem Leben, in dem, was du erlebst oder wovon du meinst/weißt, dass es ist. Die Erfahrung des Krieges lässt die Hoffnung auf Frieden wachsen. Ein als schwierig wahrgenommenes Leben jetzt lässt Menschen auf ein besseres Leben danach hoffen. Hoffnung ist also immer eine Reaktion auf das, was ist. Wer hofft, wendet sich in der Hoffnung immer vom hier und jetzt ab.

Um zu hoffen, auf diese Weise, muss man ein wirklich tiefgreifendes Missverständnis über das, was man erlebt, haben. Man versteht den Zusammenhang zwischen dem, was man erlebt, und dem, was man sozusagen mitbringt, nicht richtig. Was eine Situation, einen Menschen, einen Ort für dich zu einem negativen Ergebnis macht, sind Prägungen, also innere Gründe.

Moment, magst du denken. Und was ist mit Krieg, mit Mord, mit all den schrecklichen Dingen, die wir Menschen erleben? Ich möchte ganz bestimmt nicht sagen, dass schreckliche Dinge nur schlecht geredete Ereignisse sind. Aber Hoffnung ist nie eine gute Antwort auf derartige Erlebnisse. Warum nicht? Hilfe sie einem nicht über die momentanen Schrecken hinweg?

Nein, tut sie nicht. Sie lenkt ab, lenkt auch ab, von dem, was zu tun ist, jetzt. Hoffnung ist kein guter Handlungsimpuls bei schrecklichen Situationen. Die Vertröstung auf ein Paradies im Jenseits ist die Möglichkeit, Menschen einzureden, dass sie alles einfach erdulden sollen, weil es ja danach besser wird und es hier sowieso nicht gut sein kann und wird.

Und das tut genau das, was ich vorhin beschrieben habe: Es lenkt dich ab von dem, was jetzt zu tun ist. Manche missverstehen Yoga da vielleicht. Sie meinen, dass jemand, der sein Schicksal annimmt, passiv, duldsam und eine Art Opferlamm ist, das sich lieb und brav zur Schlachtbank führen lässt.

So habe ich jedenfalls die Worte Yogatradition nicht verstanden. Wenn du im Augenblick präsent sein kannst und nicht hin und hergerissen wirst von dein Verlangen deiner Sinne, kannst du sehr wohl effektiv und angemessen reagieren. Du kannst zutreffend einschätzen, was du tun kannst und was nicht.

Wenn du gelernt hast, nicht mehr Opfer deiner Gedanken und Gefühle zu sein, bist du effektiv in dem, was du tust. Und kannst traurig sein, wenn die Umstände es erfordern und lustig und mutig und stark.

Und deshalb: Lass es einfach, das Hoffen. Es ist reine Zeitverschwendung. Es ist das Ende der Gegenwart. Und der Anfang der Wiederholung der alten Gewohnheiten. Aber ohne Hoffnung leben, dann ist doch alles dunkel und schrecklich, oder? Das magst du dir denken. Aber nur, weil du nicht weiter, nicht tiefer über den inneren Prozess beim Hoffen nachgedacht hast.

 

 

 

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Verwechslungen und andere übliche Missverständnisse

Das ist mir heute untergekommen:

„Die meisten Menschen scheitern nicht an ihren Zielen, sondern im Umgang mit ihren Ängsten. Für ein freies Leben ist es jedoch entscheidend, nachhaltig und wirkungsvoll damit umzugehen. Die Kursleiterin ist überzeugt, dass ein wertschätzender Umgang mit sich selbst und seinen Gefühlen jeden Menschen wieder in Kontakt mit seiner ursprünglichen Vision und Power bringt. Und von hier aus ist ein authentisches Dasein nicht nur möglich, sondern die logische Schlussfolgerung.“

Wie ich im Thema ja schon sagte, geht es um Verwechslungen und um Missverständnisse. Unsere Kursleiterin, die das sicher selbst geschrieben hat, hat so manches verwechselt hier. Es geht mir nicht darum, irgendjemanden in ihrer Abwesenheit zu verunglimpfen, daher auch keine Namen und keine Quellen. Ich möchte damit nur etwas aufzeigen.

Viele Menschen hören so etwas und überlegen sich, ob sie das Budget dafür haben, sich das beibringen zu lassen. Die Verwechslung der meisten liegt bei Gefühlen und der Begründung und Rechtfertigung dieser Gefühle. Diese Verwechslung ist intellektuell, aber auch ein Ergebnis von Ungenauigkeit. Es fehlt diese klare Trennschärfe. Wenn wir von Gefühlen sprechen, sprechen wir meistens über sie als ihre Begründungen.

Vielleicht denkst du dir, das ist jetzt schon ein wenig übertrieben. Gefühle, Begründungen, das ist doch alles das Gleiche. Das ist doch nur eine Spitzfindigkeit.

Vielleicht ist eine derartige Wort-Schludrigkeit notwendig, wenn man so wenig über so viel wissen will, wie das in unserer modernen medialen Welt vorgeschlagen wird. Aber Worte haben große Macht, wie wir ja alle wissen. Leid und Lied unterscheidet nur ein Buchstabendreher. Der  Bedeutungsunterschied ist aber groß. Wir sind also schon sehr präzise mit Worten, denn wir verstehen, dass ihr ungenauer Gebrauch Verständigung sehr erschweren kann.

Wie kann man einen wertschätzenden Umgang mit einem Gefühl haben? Wie kann man mit Ängsten nachhaltig umgehen? Wenn ich meine Gefühle wertschätze, was mache ich dann genau? (Vielleicht hättest du das ja in dem Kurs mit der oben erwähnten Kursleiterin gelernt, lieber vamdev, magst du denken) Alle Menschen haben die gleichen Gefühle, das zumindest behaupten die Yogatraditonen. Wut, Hass, Liebe, Freude, Neid, Mut, Angst, etc. sind Gefühle, die alle Menschen haben. Sie sind alle in Reinform in uns enthalten, heißt es da. Und zwar dort, wo wir hindeuten, wenn wir auf uns zeigen. Und da zeigt ja keiner auf sein Gehirn, auch der überzeugte Gehirnforscher nicht, der „weiß“, dass unser Bewusstsein im Gehirn ist. Und keine zeigt auf ihr Geschlechtsteil oder ihre Haare etc.

Dort also sind diese Gefühle vorhanden. Ausgelöst werden sie, so kann man in den Yogatexten lesen, von unseren Prägungen. Das geht allen Menschen so. Wie habe ich diesen Gefühlen gegenüber Wertschätzung? Mehr Sinn entsteht, wenn es sich um eine Verwechslung handelt, wenn nicht die Gefühle, sondern ihre Begründungen gemeint sind.

Inzwischen ist mir klar geworden, dass Menschen nicht wirklich unterscheiden können zwischen Gefühlen und deren sofort in ihren aufsteigenden Begründungen und Berechtigungen dieser Gefühle. Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Wenn du eine Hose trägst und einen Gürtel, den du viel zu eng zugemacht hast, und du das Gefühl, dass dir ständig schlecht ist und dein Darm schmerzt, damit begründest, dass du Darmkrebs hast, dann ist dieses Missverständnis für dein Leben in deinem Körper so etwas wie eine rote Karte.

Wenn du Gefühle mit ihren Begründungen verwechselst, dann wirst du auf eine Weise mit ihnen umgehen, die dich nur mehr und mehr in die Begründungen verstricken und begraben.

Wie kann ich Wertschätzung mir gegenüber in einem Atemzug mit der Wertschätzung meinen Gefühlen gegenüber erwähnen? Wenn ich mich mit den Begründungen für meine Gefühle identifiziere, ja, dann stimmt das. Aber wie soll ich so je an meine Kraft herankommen, wenn ich diesen Begründungen so viel Wert und Bedeutung gebe?

Meditation oder Mantra-Wiederholung ist der Schlüssel zur Erkenntnis, dass Gefühle und ihre Begründungen doch eine eher lockere Beziehung mit einander haben. Konzentrierte, entschlossene Mantra-Wiederholung nimmt den Begründungen mit der Zeit ihre Ernsthaftigkeit und ihren Wind aus den Segeln. Du wiederholst das Mantra, Gedankengefühle kommen dazwischen immer wieder auf. Aber du bleibst beim Mantra, mit dem Atem verbunden. Dann wirst du mit der Zeit sehen, wie du Begründungen für flüchtige Gefühle in deiner Psyche baust oder sie das selbst, (scheinbar) automatisch ihren Prägungen gemäß macht.

Wenn dein Wissen und deine Entschlossenheit stark genug sind, und glaube mir, dann lernst du sehr wohl und deutlich zwischen Emotionen und ihren Begründungen und Rechtfertigungen zu unterscheiden. Jetzt könntest du auf die Idee kommen, wenn du das langsam erlernt hast, zu versuchen, deiner Art, Rechtfertigungen zu erstellen, auf die Schliche zu kommen. Aber das wäre ein Irrweg, ist völlig uninteressant und nur geeignet, wenn dir sonst alles im Leben ziemlich langweilig ist.

Sonst bringt dir das nichts. Es lenkt dich ab, ab von dir, der wirklich nur so viel an diesem ganzen Prozess beteiligt ist, wie er es will. Da wird mir die Sprache schon wieder ungenau, leider. Wenn du alle „dus“ mit „ich“ ersetzt, passt es ein wenig besser.

Wie aber willst du diesen herrlichen Prozess bewerkstelligen, wenn du meinst du bist deine Gefühle, die du, wie dich selbst auch, wertschätzen solltest? Es wird nicht möglich sein. Und du bleibst auf lange, lange Zeit eine Gefangene deiner eigenen Berechtigungen für Gefühle, die alle Menschen doch mehr oder weniger gleich haben. Besonders individuell sind sie nicht.

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Psychische Dynamik im Yoga

Das Konzept der psychischen Dynamik ist ein zentrales im Yoga. Um es zu verstehen, bedarf es einiger Grundlagen.

In der yogischen Psychologie bin ich der Besitzer der Psyche, der sie sozusagen bedient. Aber so, wie das Betriebssystem eines Smartphones zum Beispiel nur erfassbar und wirklich sichtbar wird, wenn man sie auf ein Smartphone aufspielt, so brauche ich die Psyche wie eine Art Hardware, um definitive Erlebnisse zu haben.

Die Psyche wiederum ist die Software des Körpers, der erst durch sie ein dienendes Instrument für mich wird, der mir alle möglichen Erfahrungen schenkt. Man könnte also, um beim Technikbeispiel zu bleiben, sagen, dass ich wie der Nutzer des Körpers, des Smartphones bin, der aber die Psyche oder das Betriebssystem braucht, damit mit ihm wie bei einem Smartphone irgendetwas passieren kann.

So weit so klar? Ja, genau, im Yoga ist die Psyche mit ihren Ablegern, Vernunft, Ego und Erinnerungsspeicher das Betriebssystem, nicht „ich“. Und der Körper ist das Instrument der Psyche.

Stell dir das als eine sehr vehemente, dynamische Bewegung von innen nach außen vor. Wie ein Schwall, der aus dir herauskommt, mit großer Kraft. Dieser Schwall, der so schnell und heftig ist, geht von dir über deine Psyche aus deinem Körper. Man könnte jetzt annehmen, dass ich das alles erfahre, was die Psyche über den Körper an Erlebnissen einholt, wie ein Fischer Fische über sein Netz einholt.

Das Problem ist, dass im Prozess des Nach-außen-Strömens ich mich so mitreißen lasse, dass ich vergesse, dass ich der Initiator von allem, was ich erfahre, bin.

Dieses Vergessen ist nicht wie „ich habe meinen Schlüssel vergessen“ oder „ich habe deinen Geburtstag vergessen“. Es ist tief gehend, umfassend, vollständig. In diesem Vergessen werde ich zum Opfer von dem, was mir „passiert“. Im Yoga heißt es, „was mir zu passieren SCHEINT“, wie das Wasser in einer Fata Morgana. Das geht so weit, und das ist die normale Lebenserfahrung der Menschen, dass ich mich als Opfer, hilflos, ohnmächtig fühle, ausgesetzt. Opfer wovon? Opfer der Fische, die der Fischer (meine Psyche) gefangen hat.

Hört sich sehr kryptisch, theoretisch, etc. an? Kann ich mir gut vorstellen. Aber wenn du das aufmerksam liest (und ich keinen logischen oder Verständnisfehler gemacht habe), wird es klarer.

Was kann ich da machen? Wie kann ich da etwas ändern, wenn mein Vergessen so vollständig ist?

Da kommt diese psychische Dynamik ins Spiel. Wenn die Fische im Boot sind, kannst du dich nicht mehr beschweren, dass du fischen gefahren bist. Wenn du das nicht willst, musst du viel früher anfangen. Und viel früher ist auch einfach:er Du musst einfach nicht mit dem Vorsatz aus dem Haus gehen, zu fischen.

Klingt etwas banal, aber es zeigt, dass wir dort anfangen sollten, etwas zu ändern, wo es möglich ist. Oft scheint mir unsere Kultur sich viel zu sehr mit den Fischen zu befassen, um im Bild zu bleiben.

Mein Meister hat oft mit uns über diese psychische Dynamik gesprochen. Wenn du aufhören willst, zu rauchen, dann kauf dir keine Zigaretten und geh nicht mehr in deinen Raucherclub. (ja, ich weiß, das ist jetzt etwas vereinfacht.) Wenn du fasten willst, dann leere vor dem Fastenanfang deinen Kühlschrank. 🙂

Meditiere. Wiederhole das Mantra. Lerne mit der Zeit zwischen Gedanken als Inhalt („ich mag diesen Typen einfach nicht“) und Gedanken als Energie (Dynamik) zu unterscheiden: Die Enge, die Hitze, das Herzklopfen, das flache Atmen, etc., was du halt spürst, wenn du so einen Gedanken hast.

Das Gefühl, von dem du meinst, dass es der Inhalt des Gedankens auslöst, wird aufrecht erhalten durch ständige Wiederholung der Begründung und Berechtigung des Gefühls in deiner Psyche. Sätze wie „das geht doch allen so mit dem“ oder „das ist doch ganz klar“ oder „es ist einfach Fakt“ bedeuten, dass dieser Begründungsprozess schon ein Weile in deiner Psyche sein Unwesen getrieben hat. Wenn das lange genug in deiner Psyche so gelaufen ist, wirst du in irgendeiner Weise zu Handlungen, auf den Inhalt deiner Gefühle bezogen, gezwungen.

Je selbstverständlicher dir dieser Vorgang erscheint („aber das geht doch allen normalen Menschen so“), desto schwerer wirst du dich tun, dich von den Inhalten abzuwenden, indem du dich der Energie dieser Gedanken und Gefühle zuwendest.

Wenn du einmal probieren möchtest, deine Aufmerksamkeit auf die Energie und nicht mehr auf die Inhalte zu lenken, versuche es mit einfachen, nicht allzu heftigen und alten Gefühlen/Gedanken.

Fragen bisher? Stell sie mir gerne.

 

 

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Freude ist IMMER eine Alternative

Vor etlichen Jahren war ich dabei, aus den USA nach Deutschland zurückzukehren. Ich verbrachte meine letzten Tage bei meiner Meisterin und war im Ashram mit meiner Tochter unterwegs. Da sah ich sie aus ihrer Wohnung kommen, einen langen, langen Gang entlang, ein paar Treppen hoch, zu meiner Tochter und mir. Ich war ganz und gar beschäftigt mit meiner Trauer, weil ich meine Tochter zurücklassen würde und mit meiner Sorge um ihr Wohlergehen. Dieses Gefühl hatte mich wie eingedunkelt. Und genau in dieser inneren misslichen Lage kam sie, meine Meisterin, von weitem für mich sichtbar, unvermeidbar auf mich zu. Ich wollte ihr so sicher nicht begegnen, genierte mich (was schon fast lustig anmutet!) in meinem Zustand vor ihr, aber ich konnte einfach nicht von ihm lassen. Ich versuchte, irgendeine Türe zu öffnen, zur Cafeteria, zum Buchladen, zum Tempel, um ihr so aus dem Weg zu gehen. Aber alle waren verschlossen, und sie kam beschwingt und freudvoll auf mich zu.

Meine Tochter war neben mir und freute sich so sehr, meine Meisterin zu sehen, dass sie hüpfend und tanzend auf sie zulief und sie voller Schwung umarmte. „Wie geht es dir?“ rief meine Meisterin meiner Tochter begeistert zu, die mit gleicher Begeisterung „sehr gut“ rief. Und im gleichen Ton und voller Freude fragte sie auch mich, der ein paar Schritte entfernt stand, mit meinem kläglichen Versuch, irgendwie in der Mauer zu verschwinden: „Und dir? Wie geht es dir?“ Mehr als ein gemurmeltes „nicht so gut“ brachte ich nicht raus.

Das muss man sich einmal vorstellen: Es war, was ich damals nur ahnte, bis heute das letzte Mal, dass ich ihr von Person zu Person begegnete.  Und ich war so besetzt von meinen intensiven Gefühlen. Zuerst ging sie an mir vorbei, fast ein wenig hüpfend wie meine Tochter, dann wirbelte sich herum und sah mich intensiv an und sagte: „DU, gerade DU solltest nicht so sein!“ Mir war sofort „klar“, dass sie meinte, ich sollte nicht so fühlen und so entschuldigte ich mich bei ihr, ziemlich erschrocken. Dann stand sie vor mir, fast etwas ungeduldig und schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, nein!“ Dann wandte sie sich an ihre Sekretärin, eine 25-jährige Inderin und sagte gleichzeitig zu ihr und zu mir: „Ihr solltet euch treffen und miteinander reden.“ Dann ging sie weiter. Ihre Sekretärin blieb bei mir, und wir machten einen Termin aus.

Vieles kam bei diesem Treffen zur Sprache. Heute, aus der zeitlichen Distanz betrachtet, war das eines der Schlüsselerlebnisse auf dem Weg für mich. Es war eine großartige Kurskorrektur, fein, klar, kraftvoll. Eine Kurskorrektur hin zu mehr Selbstliebe: Die junge Frau sagte mir, meine Meisterin hätte einmal gesagt: „Von allen Menschen, mit denen du Zeit verbringst, verbringst du die meiste Zeit mit dir. Du musst mit dir die engste Freundschaft schließen“, wie das im Yoga immer der Fall ist.

Was ich heute sagen kann, ist, dass Freude immer eine Alternative ist, zu allen anderen Gefühlslagen. Schwere, Bedeutung, Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit – das sind in scheinbar schwierigen Lebenslagen die Gegenspieler der Freude in uns. Aber es ist möglich, sie außer Acht zu lassen. Meine Meisterin lud mich damals dazu ein, um der Freude des Augenblicks willen, meine Sorgen fallen zu lassen. Was ich nicht konnte. Noch nicht.

Sehr gut kann ich verstehen, dass viele Yogis auf dem Weg das Gefühl haben, dass Freude sicher NICHT immer eine Alternative ist, weil das Leben eben manchmal zu bedrückend, zu sehr eine Herausforderung ist. Menschen, die Yoga nicht praktizieren, würden sogar denken, dass wir den Ernst des Lebens leugnen wollen. Aber das ist nicht so.

Es geht immer wieder um die gleiche Einstellung: ich kann mit allen Gefühlen als Gefühle umgehen oder als deren Inhalte. Auf der Inhaltsebene muss ich mir quasi die Gründe für die Gefühlslage, die ich verändern möchte, ausreden. Und je nach dem, wie lange diese Gefühle in mir ihre Kreise gezogen haben und mich damit in ihren Bann gezogen haben, ist das wahrhaftig ein schwieriges Unterfangen.

Aber wenn es mir mit der Zeit (durch Meditation, durch Mantra, durch Studium) gelingt, Gefühle als Gefühle zu erfahren, in mir, wird Freude die vorrangige Alternative zu einem Zustand, wie ich ihn damals erlebt habe. Ich wusste sehr wohl, dass ich darin gefangen war, in dieser düsteren Gefühlslage … aber eben diese Gewissheit hat es mir auch unmöglich gemacht, im Angesicht der Freude und Leichtigkeit meiner Meisterin meine Gefühlslage zu ändern, der Realität ihrer Freude zu folgen.

 

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