Namenloser Dienst

Wie dient man? Wie kann ich dienen, ohne eigenes Interesse in mir zu spüren? Und was heißt es überhaupt, zu dienen?

Kann irgendjemand wirklich dienen, wenn das Ego als einziges Selbstverstädnis das ganze Leben überdeckt? Wie oft habe ich mir, als ich noch neu war auf dem Weg, gesagt, dass nur Guru Seva, nur der Dienst für meinen Meister, Bedeutung für mich hat? Ich wollte ein vollkommenes Instrument werden und sein in seinen Händen. Dieser Wunsch verzehrte mich. Viele Menschen um meinen Meister sah ich, die dieses Dienen in meinen Augen schon ziemlich gut verkörperten. Manchmal war ich traurig, dass ich das nicht so konnte wie sie, dass ich alle möglichen Gedanken hatte, wenn ich meine Seva, meinen Dienst im Ashram meines Meisters, verrichtete.

So gerne wäre ich rein gewesen, in all meinem Tun, meinem Denken, meinem Fühlen! Die Zeit verging, und mein Wunsch brannte weiter in mir. Und immer noch war es mir nicht so richtig klar, was das bedeutete: Dienen. Es lang sicher nicht daran, dass meine Meister nicht intensiv und ausführlich darüber sprachen und schrieben, was dienen bedeutet. Oft erklärten sie uns, dass Dienen die einfachste und schnellste Methode sei, um frei, erleuchtet und glücklich zu werden. Das Ziel von Yoga, sagten sie, wäre einfach für den zu erreichen, der wirklich dienen kann.

Ich wollte nichts anderes tun. In einem persönlichen Gespräch mit meinem Meister 1978 erwiderte ich (ja, das tat ich wirklich) auf sein Anraten, mein Studium mit einem Doktortitel abzuschließen, dass ich das nicht möchte, dass ich nur seine Arbeit tun würde, dass ich keinerlei anderes Interesse hätte. Sein mildes Lächeln werde ich nicht vergessen. Wie ein Vater sein Kind liebevoll ansieht, wenn es sich so sicher ist, etwas tun zu können und zu wollen, und er doch weiß, dass das noch nicht geht, so sah er mich an. Und so er stimmte er zu.

Jetzt ist ein erheblicher Teil meines Lebens vorbei. So viel ist passiert. Unendlich viel, wie es mir vorkommt. Das Leben war wie ein reißender Strom, und heute würde ich sagen, nur der kraftvolle Segen meiner Meisterin hielt und hält mich über Wasser. So viele Menschen durfte ich treffen, so viele Menschen liebten mich und viele hassten mich, begründet und unbegründet. Ich verstehe gut, dass meine Meisterin einmal zu uns sagte: „Manchmal sind eure Augen und eure Gedanken wie blitzend scharfe Messer, die sich in mein Herz bohren.“ Wobei ich mich nicht wirklich, in keiner Weise, beschweren möchte. Eher habe ich das Gefühl, dass meine Meisterin aus meinem Leben noch das Beste, das Allerbeste gemacht hat.

Wie dient man? Diese Frage ist lange bei mir geblieben. Die Magie des Dienens hielt mich in ihrem Bann. Immer wieder durfte ich erleben, was dienen bedeutet, wie sich das anfühlte: Diese Freiheit, diese Leichtigkeit, die Möglichkeit schier unendlicher Energie, die unglaubliche Verbundenheit. Und doch, dann verschwand die Erfahrung wieder und meine Sehnsucht war wieder da, und auch meine Trauer, nicht halten zu können, was ich so sehr wollte. Wie könnte ich mein Dienen vervollkommnen, wie könnte ich mich auf diese Weise nützlich machen?

Jetzt habe ich nochmals eine Familie gegründet (wohl eher: mitbegründet), mit zwei jungen Leuten, die mich so richtig beschäftigen. Wie kommt man nur auf so etwas?! Meine grandiose Ausrede ist: Hätte es nicht sein sollen, wäre es auch nicht geschehen. Mein Meister lehrte uns: „Was dein karma ist, kannst du immer nur im Nachhinein erkennen“ (toll, dachten wir damals, ist es dann nicht etwas zu spät?). Wie geht es meinem Dienen?

Das ist nicht mehr die Frage. Die Frage an sich ist überraschenderweise verschwunden. Der, der gefragt hat, verschwand gleich mit. Mein Meister hat mir das 1982 prophezeit, als ich ihn fragte, wie ich meine vielen negativen Gedanken überwinden könnte. Er hatte recht auf eine mir damals unvorstellbare Weise. „Der, der damals gefragt hat, ging wirklich verloren.“ Wo? Wohin? Wer weiß das, und vor allem wem interessiert das? Mich sicher nicht mehr.

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Gott und die Welt und weiteres…

Vielleicht das einmal vorweg: Ich bin Schüler, Schüler in einer Tradition, die von Meistern geführt wird (habe lange überlegt, ob das das richtige Wort ist), die immer wieder von Gott und der Hingabe an Gott gesprochen haben.

Ich selbst habe erst durch sie mit dem Wort eine Art „Frieden“ geschlossen, der mich nachdenklich macht. Viele Menschen verwenden dieses Wort, Gott, mit dem ich an sich nichts anfangen kann. Wer über längere Zeit die menschliche Psyche studiert, ob im westlichen oder im östlichen Sinne, weiß, dass man und wie man über Gedanken und den mit ihnen verbündeten Gefühlen, schöpferisch tätig ist. Die Psyche ist in der Lage, Fakten zu schaffen, was bei genauer Betrachtung schon ein Widerspruch ist. Tatsachen, Fakten, die man sich erschafft – wie tatsächlich und faktisch sind die?

Unser Wort „Gott“ ist eine erstaunliche Schöpfung. Es gibt sie nur im germanischen Sprachraum, übrigens. Andere Sprachfamilien, die es in Europa gibt, verwenden einen Begriff, der dem Sanskritwort Deva nahesteht (Zeus, Deus, etc.), was so viel wie „leuchtend“, „erscheinend“, „strahlend“ bedeutet. Aber bei uns ist es ein Begriff „Gott“ offen, ziemlich undefiniert. Aber das ist doch nicht richtig, magst du denken. Es gibt hier einen Gottesbegriff! Aber den kann man sich zusammenreimen, aus Fakten und Meinungen (siehe oben), aus Gefühlen, interpretierten Erlebnissen, „tiefen“ Einsichten, etc.

Mein Meister sprach das mit den Worten an: „Die Frage ist doch, ob du Gott verehrst, wie er ist oder wie du meinst, dass er ist.“ Es muss schon spannend sein für jemanden, der aus dem indischen Kulturraum stammt, wo es kein Wort wie unser Wort „Gott“ gibt, sondern viele, sehr viele Arten, zu beschreiben, wie Kräfte wirken und erscheinen, die über unsere einfache Fünfsinnlichkeit hinausgehen. Auf einmal ist da nur noch ein Begriff, der noch dazu frei verwendet wird, mit Inhalten, die sich jede und jeder selbst erstellt.

Ein wenig ist es für westliche Menschen vermutlich wie Weihnachten für kleine Kinder: Mit großen, erstaunten Augen die ganzen Lichter und glänzenden Kugeln, die feierliche Stimmung, etc. zu erleben, sprachlos, fasziniert. Gott auf der einen Seite und unzählige herrliche Worte auf der anderen Seite. Und dann hat jemand, wie mein Meister, von seinem Meister den Auftrag erhalten, diese Tradition in den Westen zu bringen.

Am Anfang, als ich meinem Meister innen und außen begegnete, überhörte ich das Wort „Gott“ in seinen Vorträgen. Es gab ja auch so noch genug Neues, Unerhörtes, Faszinierendes für mich, als jemand, der einen westlich trainierten Verstand hatte. Eine Art Erleuchtung hatte ich, als ich bei einem Dialog zugegen sein konnte, den mein Meister mit einem französischem Priester hatte, der (ja, das gab es des Öfteren) unseren Ashram in Indien besucht hatte. Das war 1977, soweit ich mich erinnere. Es war eine liebevolle, respektvolle Begegnung. Beide saßen an einem Nachmittag zusammen, vor uns, und unterhielten sich, über Gott, Initiation, Erleuchtung, Befreiung. Auf einmal deutete der Priester auf einen der Mangobäume, die im Innenhof wuchsen und uns Schatten und Kühle boten, während wir zuhörten. „Du siehst also Gott überall, auch in diesem Baum, Swami?“ fragte er. Baba schüttelte den Kopf: „Nein, das tue ich nicht.“ Der Priester reagierte irritiert: „Aber ist das nicht deine Lehre, Gott in allem zu sehen?“ Mein Meister erwiderte: „Ich sehe Gott ALS den Baum.“

Die Lehre meines Meisters an uns war immer: „Gott wohnt in dir als DU.“ Da ich ja das Wort „Gott“ eher überhörte, wurde mir erst mit den Jahren klar, dass mein Meister mit dem Wort „Gott“ nichts von dem meinte, was ich so kannte. Er hob unerbittlich den Abgrund zwischen Gott und uns Menschen auf. Wirklich, unerbittlich. Genauso, wie meine Meisterin, die ihm nachfolgte, die sagt: „Am Ende wird sich herausstellen, das Gott in keinster Weise von dir zu unterscheiden ist.“

Immer wieder lese ich Texte von Menschen, die sich dem indischen Weg, Gott zu verehren und zu finden, verschrieben haben, die in der westlichen Kultur verheimatet sind, auch wenn sie sich indisch kleiden und mit sich mit Namaste und OM Shanti begrüßen (wird ja jetzt mit Corona vielleicht eine echte Alternative zum Händeschütteln oder Ellbogen- bzw. Fußkicks), sich die heiligen Zeichen auf die Stirne malen und Kajal um die Augen auftragen. Sie kleiden ihr Gottesverständnis aus mit westlichen Moralvorstellungen, so widersprüchlich sie auch sein mögen.

So richtig offensichtlich wird das, wenn Menschen aus dem Westen in eine Meister-Schüler-Beziehung eintreten oder eintreten wollen. Da sie sich selbst instinktiv ja nicht als Gott sehen können, der aus vielen, meist sehr weltlich-verständlichen Gründen weit, unendlich weit über uns Menschen steht, können sie sich nicht vorstellen, dass man einen Menschen, den Meister, als Gott verehren kann. Sie definieren sie/ihn (leider zwingt mich die deutsche Sprache zu dieser Differenzierung, die völlig illusorisch ist, wenn es um Meisterschaft im Yoga geht) als eine Art Mittler, oder Hilfestellung zwischen ihnen und Gott. Oder sie verfallen in eine Art spirituelles Fan-Groupie-Verhalten, bei dem sie ja nicht ihren Verstand einschalten sollen.

Und dann lehren diese Meister (so sie diese Bezeichnung überhaupt verdienen), „Die Worte „Gott“, „Selbst“, „ich“, „Guru“ sind nur von der Schreibweise unterschieden. Sie bedeuten genau das Gleiche.“ Jetzt wird es herausfordernd für viele. Und vielleicht überhören sie das auch, wie ich früher das Wort „Gott“ bei meinem Meister überhört habe.

Das ist schon in einem gewaltigen Widersproch zum „lieben Gott“, der gütig seine schwachen Lämmchen um sich schart, der liebevoll seine Menschlein bewacht und behütet (vor wem eigentlich), der Sünden großzügig vergibt, der seinen eigenen Sohn „opfert für die Sünden der Welt“. Und wenn die Wirklichkeit dieser Welt (gibt es die?) mit all ihren schrecklichen Alltäglichkeiten (siehe Corona, Ebola, etc.) so gar nicht auf einen gütigen Gott hindeuten, dann wird das genauso übersehen, überhört, nicht weiter bedacht, wie ich das tat, wenn mein Meister von „Gott“ sprach.

Da ist der Lösungsansatz, den mir einmal eine fundamentalistische (so bezeichnete sie sich selbst) Christin erklärt hatte, schon zielführend: „Wenn du zuviel denkst, kannst du nicht glauben. Und wer nicht glaubt, „goes to hell“, kommt in die Hölle.“ Sie war übrigens eine Wirtschaftsprofessorin, die überall in der Welt lehrte. Genauso einfach geht das. Und das gleiche Prinzip wenden Menschen gerne an, wenn es um Gott und Guru im indisch-yogischen Zusammenhang geht.

Aber in der yogischen Spiritualität, wenn man so einen Begriff überhaupt verwenden kann, ist die Grundlage aller Praxis, dass „sich am Ende herausstellen wird, dass Gott in keiner Weise von mir zu unterscheiden ist“. Wie kann ich, also ich, alt und hässlich, etc. was man da auch immer über einen selbst sagen möchte, Gott sein? Genau, da geht sie los, die so oft erwähnte Transformation: Meine Sicht auf mich, mein Verständnis über mich muss sich wandeln, wandeln können. Was bedeutet es, dass nur Shiva, nur Gott allein existiert? Auch in Kriegen, in Leiden, in Pandemien, in Eifersucht, Neid, in Liebe und Verlangen?

Ich vermute einmal, dass die meisten Menschen hier, auch die, die sich auf östliche spirituelle Wege begeben, diese Transformation nicht wollen, nicht wollen können. Viel zu viel ihrer Selbstdefinition müssten sie über Bord werfen (das habe ich jetzt sehr milde ausgedrückt, denn in Wirklichkeit müssen sie ganz und gar all diesen Unsinn, den sie für wahr hielten, aufgeben).

Wie mein Meister zu mir einmal sagte, als ich ihm eine dringliche Frage zu all den negativen Gefühlen stellte, an denen ich so litt: „Der, der jetzt fragt, geht am Ende sowieso verloren. Alles halb so wild.“ Also, verschließt eure Ohren nicht vor der Lehre, nur weil sie die Grundfesten deines Selbstverständnisses in Frage stellt. Mischt euch nicht eure eigenen Wege, wie an einem langen Selbstbedienungsbuffet. Wage dich in das Neuland der Selbstliebe.

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Die große Zuwendung zur Emotionalität

Manchmal frage ich mich, wie es dazu kam, dass Menschen sich so sehr über ihre Gefühlswelt identifizieren.

Vor einiger Zeit war ich unterwegs, und wie ich das dann manchmal so mache, hörte ich Radio, um nicht einzuschlafen. Und da kann man schon hin und wieder einmal Interessantes hören. Diesmal ging es um eine Lesung/Hörspiel von Georg Büchners Lenz. Büchner war ein gefeierter Dichter im 19. Jahrhundert, den man in der Schule durchnahm, als ich in die Schule ging. Der Teil der Lesung, den ich hörte, und ich hörte nicht die ganze Sendung, beschäftigte sich mit der zunehmenden Verrücktheit der Hauptperson Lenz.

Was mir schnell auffiel, waren die ausführlichen Beschreibungen und Umschreibungen von Lenz‘ Gefühlslage. Mit vielen eindringlichen Worten wurden seine Gemütszustände beschrieben wie „aufs Allerschrecklichste“, „Furcht erregend“, etc.  Irgendwann merkte ich bei mir (mach jetzt da ein wenig mit :), wie mich diese Beschreibungen langweilten. Das Ausgeliefertsein aller Beteiligten an die Zustände der Hauptfigur war schon erstaunlich. Niemand sagte ihm, er solle es einfach lassen. Alle waren zutiefst beeindruckt und beunruhigt und bestürzt. Was für ein in schöne, poetische Worte gekleideter Unsinn!

Warum sind wir so gefesselt, so fasziniert von Gefühlen (oder besser: von deren Berechtigungen)?

Die Anfängerfragen „Ja, darf man als Yogi, soll man als Yogi, wird man als Yogi keine Gefühle mehr haben? Ist das falsch? Würde ich nicht einen erheblichen Teil meines Daseins weggeben?“  habe ich im Laufe der vielen Jahre meiner Lerntätigkeit so oft gehört. Früher war ich bemüht, möglichst mitfühlend auf diese Fragen einzugehen. Auch wenn das Mitgefühl geblieben ist, kann ich der Anbetung der Gefühle, und wie gesagt, das Starke an den Gefühlen sind ja deren Berechtigungen, die unsere Psyche so schnell und so intensiv aufbaut, wirklich keinerlei Interesse abgewinnen.

Du hast dein Leben, sagen Yogatexte, du hast deine samskaras, deine vasanas, deine tiefen und weniger tiefen Prägungen. Sie bestimmen, wie du auf welche Situation reagierst. Und was du gut findest und was nicht. Aber als Mensch NUR in diesen Prägungen zu leben, ist schon keine so gute Idee. Alle haben die gleichen Gefühle, das ist nicht besonders originell oder individuell. Du musst nicht sehr aufgeweckt sein, um zu wissen, dass alle Menschen irgendwann einmal im Leben Liebeskummer erleben (die Liebe möge mir verzeihen, dass ich sie in eine Wortehe mit Kummer bringe). Aber wenn du es erlebt, dann hast du das Gefühl, dass das ganz einmalig ist, ganz, ganz schrecklich. So sehr, dass du dir vornimmst, das NIE wieder zu erleben.

Alles Prägungen, die du hast und nicht bist. Das mach dir einmal klar. Du bist nicht dein Körper, auch wenn du einen hast, du bist nicht deine Psyche, auch wenn du eine hast. Du bist nicht deine Persönlichkeit, auch wenn du eine hast, oder besser: WEIL du das alles hast, kannst du es nicht sein. Ein wenig Nachdenken wird das für dich klären. Diese Prägungen bestimmen, wie du dich fühlst.

Ganz eifrige Yogis/Yoginis verstehen das und machen sich an die Arbeit. Sie versuchen eine Prägung nach der anderen „aufzulösen“. Das ist, als würdest du in einer wunderschönen, großen Häkeldecke einen Knoten rausschneiden wollen. Die ganze Decke wird sich aufösen, vor deinen Augen verschwinden. Denn alles hängt zusammen. Wer das richtig gut versteht, wird seine Prägungen Prägungen sein lassen und sich mit wichtigeren Dingen beschäftigen. Jetzt ist es nicht erstaunlich, dass wir Menschen auf dem Yogaweg versuchen wollen, die Leid bringenden Prägungen aufzulösen. Aber mit etwas Weisheit, mit dem Wissen aus den Yogatexten, können wir mit der Zeit verstehen, dass das nicht so geht.

Deine Gefühle also werden ausgelöst von Prägungen, alten, in deiner Persönlichkeit verwurzelten Erlebnissen, die durch beständige Wiederholung stark in ihrer Aktivität werden. Die Aufmerksamkeit auf die Emotionen ist wie Brandbeschleuniger für diese Prägungen. Unsere Psyche hat die Fähigkeit der Kontemplation. Wenn man diese Fähigkeit genau untersuchen würde, könnte man auch ihre Gegenseite entdecken, das sich ständige beschleunigende „Rumhirnen“: Kreiselförmiges Denken, das mit zunehmender Geschwindigkeit immer emotionaler wird. Als würdest du dir ständig die Fallgruben selbst bauen, in die du dann hineinfällst. Das ist einfach eine schreckliche Situation.

„Aber ich mag meine Emotionen“, magst du frustriert rufen. Gut, aber du musst dich deshalb doch nicht von deinen Emotionen versklaven lassen! Gib mit deinem „Mögen“ doch nicht deine ganze herrliche, großartige Freiheit auf, die dein Naturell ist, wenn man den Yogatexten Glauben schenkt. Wie ein Kaninchen vor der Schlange stehen Menschen voller Ehrfurcht und Schrecken vor ihren eigenen, aus ihren Prägungen entstanden Gefühlen! Wie kann das nur sein?

Wenn du glaubst, deine Gefühle machen dich erst zu dem Menschen, der du bist, dann ist das die Autobahn in die Stadt des Leids, der Ohnmacht, des selbst gebauten Gefängnisses. Wenn du weißt, dass du Gefühle hast aber nicht bist, dann wirst du sicherlich die Luft der Freiheit atmen können, erahnen können. Manche sagen mir dann: „Ist das dann Erleuchtung?“ Ehrlich gesagt, wen juckt das? Wie will jemand über Erleuchtung reden, der/die nicht einmal die Tyrannei der eigenen Gefühls- und Gedankenwelt abschütteln kann?

Wenn die Segel deiner Gefühle in dir zu knattern beginnen, ist es Zeit, innezuhalten. So wie der Aufnahmepegel bei Aufnahmen im roten Bereich flackert, wenn die Aufnahme übersteuert ist, so solltest du in dir auch so ein Messgerät haben, dass deine Emotionen auf einem erträglichen Pegel hält. Wenn du meditierst, mit Mantra, Entschlossenheit und ohne dabei auf deine Gemütslage zu hören, dann kannst du das lernen. So viele Menschen, die behaupten, auf dem Yogaweg zu sein, meditieren nach Gefühl wie: „ach heute hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich nach 10 Minuten genug hatte.“ Wenn ich dann frage, wie lange wolltest du denn meditieren, dann wird mir oft gesagt, „Ich mach das ganz nach meiner inneren Uhr, nach meinem Gefühl. Man ist ja auch nicht immer gleich drauf, das möchte ich beachten.“ Na denn, kann ich nur sagen. Viel tun wird sich für so jemanden nicht im Königreich des Egos und der Unwillkürlichkeit.

Wie es in den Yoga Sutras heißt: Sie sind gefangen im Auf und Ab der unwillkürlichen Bewegungen ihrer Psyche. Alles Liebe. Bei Fragen dazu bitte melden. 🙂 Ich schreibe übrigens meine Artikel spontan, am Stück. Wenn du Rechtschreibfehler findest, die meiner digitalen Rechtschreibprüfung durch die Lappen gingen, lass es mich wissen. Ich werde das umgehend korrigieren.

 

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Sich engagieren für eine bessere Welt

Immer wieder höre ich das. Oft warfen Menschen Yoga als Lebensweg vor, ganz egozentrisch zu sein. Damals argumentierten wir, um verständlich zu machen, warum das nicht ist. Heute wäre mir das Argumentieren viel zu mühsam.

Yoga Egozentrik vorzuwerfen ist wie mit Steinen werfen, wenn man im Glashaus sitzt.

Heute gebärden sich viele Menschen als Schützer von allem Möglichen: von der Umwelt, vom Klima, von der Natur, der Erde, wirklich, so viel Schutz wird gefordert, angeboten, diskutiert, beschlossen. Was für ein Unsinn! Fast wäre es ja zum Lachen. Schauen wir uns mal den Klimaschutz an: Glaubt wirklich irgendjemand, dass das Klima geschützt werden muss? Wenn das Klimaschutzabkommen jetzt endlich (mit welch erstaunlicher Selbstbeweihräucherung das in Paris zustande kam, was für ein Witz, wie sich all die sogenannten Führer feierten, weil sie sich dazu bringen konnten, etwas gemeinsam auf ein Papier zu bringen, von dem gleich die Wichtigsten ausgestiegen sind, bei nächst möglicher Gelegenheit) Gültigkeit hat, ist dann das Klima geschützt? Vor uns Menschen? Denkt da jemand nach? Haben wir nicht ein ziemlich (relativ gesehen) großes Gehirn genau dafür? Fürs Nachdenken?

Wir leben auf einem Planeten, der 4,8 Milliarden Jahre alt ist, 12000 km Durchmesser hat und innen eine Temperatur zwischen 4000 und 6000 Grad hat. Glaubt wirklich jemand, ein paar Grad mehr an der Oberfläche dieses riesigen (verglichen mit uns, natürlich nicht mit dem kürzlich „aufgenommenen“ Schwarzen Loch) Planeten machen für ihn irgendeinen Unterschied? Wie könnte sie das überhaupt mitbekommen? Spürst du 1 Hundertstel Grad auf deiner Haut?

Naturschutz, was für ein Begriff! Die Natur braucht unseren Schutz? Wirklich? Wir alle sind die Natur, ein Teil von ihr. Wie die Bakterien in deinem Darm. Von denen du einen erheblichen Anteil täglich über deinen Stuhlgang wieder abgibst. Du entgiftest dich dabei ganz einfach. Auch wenn du nichts gegen deine Bakterien einzuwenden hast. Geschieht einfach automatisch. Ich kann mir nicht, in keiner Weise vorstellen, dass der Planet Erde irgendwelche besonderen Gefühle für uns hat.

Sich so etwas, wie Klima-, Natur-, Tier-, Gewässer- und was sonst noch wir alles schützen wollen, einfallen zu lassen, das können nur wir Menschen, die von ihrer eigenen Egofunktion besessen sind. Welche Unaufrichtigkeit, und alle machen bangen Herzens mit.

Es geht nur um Menschenschutz, ganz und gar egozentrischen Menschenschutz.

Wir schützen ja nicht das Klima, wir wollen erreichen, dass wir weiterhin relativ angenehm auf dieser Welt leben können. Besonders die, die Wirkungsmacht haben. Es geht immer nur um Menschenschutz. Warum stehen wir nicht dazu?

Weil das Ego sich dann vor sich selbst schämen würde, ob all der Egozentrik. Denn wenn das Ego eines unbedingt vermeiden möchte, ist es, dabei ertappt zu werden (es mag ja sowieso nicht und von niemandem ertappt werden), dass es ihm immer nur um sich selbst geht.

Es gab schon so lange Menschen auf dieser Welt, die um die Stellung des Menschen wussten, die versucht haben, wenigstens irgendeine sinnvolle Aufgabe für uns Menschen auf dieser Erde zu finden. Aber der moderne, nennen wir ihn einmal, westliche Mensch gibt sich ja ganz unverhohlen seinem reinen Schmarotzertum hin. Es scheint niemandem aufzufallen, dass wir zu nichts wirklich gut sind, hier auf dieser Welt, außer sich um uns selbst zu kümmern.

Ob sich das Klima menschengemacht verändert oder weil die Erde einfach ein wenig höhere Temperatur hat, um sich von unangenehmen Schmarotzern zu befreien, sei mal dahin gestellt. Ich ganz persönlich sehe auch darin, in dieser Sicherheit der Wissenschaft in der Angelegenheit, die erstaunliche Fähigkeit des Egos, sich selbst als machtvollen Urheber zu sehen. Aber darum geht es mir hier gar nicht.

Ich würde mir wünschen (als ob das jemanden kümmern würde – smile), dass wir einfach ehrlich wären. Wir sind nur daran interessiert, aus reinem abhinivesha, Hängen am Leben im Körper, dass sich das Klima nicht zu sehr verändert. Niemand weiß zwar, was das bewirken würde, hier auf dem Planeten, aber hochgerechnet wird eifrig. Vom alt Bekannten auf das Neue schließen zu können, auch das ist etwas, was das Ego vorgibt zu beherrschen. Dabei ist das Neue NIE aus dem Alten zu berechnen, zu extrapolieren, etc. etc.

Also, das Ego schützt sich selbst, und schützt seine Pseudo-Schöpfung, den Körper, mit allem, was es drauf hat. Und da wir nichts anderes von uns wissen, als dass wir dieses Ego sind, werden wir Opfer einer psychischen Funktion, die manchmal nützlich sein kann, die wir aber sicher nicht sind.

Im Außen ist unser Leben so kurz, so bedeutungslos, so lächerlich, wenn es in der Signalfarbe des Egos angemalt ist. Aber, das sagen alle Meister aller Zeiten, in uns, da ist das Wesentliche verborgen, jenseits des Egos, jenseits der Fata Morgana des Getrenntseins, und wir Menschen können das entdecken. Je mehr Yogis ihr eigene Wahrheit entdeckten und entdecken, desto mehr erleben sie eine natürliche Verbundenheit zu allem. Diese Verbundenheit würde den Weg zeigen.

Das Ego kann das nicht. Wenn ich langsam ahne, wie und wie sehr alles von mir ausgeht, ich Schöpfer von allem bin, was ist, desto schwieriger wird es, anderen Leid zuzufügen, denn ich wäre ja immer das erste Opfer. Diese Verbundenheit, die niemandem offen steht, der ganz und gar vom Ego und all seinen Spielchen beherrscht wird, würde uns genau wissen lassen, was zu tun ist und was nicht.

Alles, was auf dieser Welt „daneben“ ist, stammt aus dieser Krankheit, nämlich der tiefen unerschütterlichen Überzeugung, dass wir unser Ego sind. Yoga, wenn es seinen Namen verdient, beendet mit der Zeit diese Wahnvorstellung. So könnte Leid wirklich überwunden werden. Ob das der Erde jetzt viel ausmacht, wenn das Leid überwunden würde? Mein Meister sagte uns, dass sie das spüren würde. Aber wir würden es auf jeden Fall spüren. Und das ist doch auch schon etwas Bemerkenswertes.

Die totale und nicht zu hinterfragende Identifikation mit dem Ego wird uns immer tiefer in Schwierigkeiten bringen. Da helfen auch all die hilflosen Schutzversprechungen des Egos nicht. Ein Übel wird immer wieder vom nächsten abgelöst, das eigentlich ja Erlösung des vorherigen Übel hätte bringen sollen.

 

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Der kürzeste Tag

gestern, am 21. Dez. verkündet einen neuen Jahreskreis. Na und, mag man denken, geht auch vorbei, was natürlich stimmt. Für Menschen auf dem Yogaweg ist der Lebensrhythmus ein anderer: Ein- und Ausatmen, und das Mantra als Taktgeber. Was macht es dann aus, wenn Tage kürzer oder länger werden.

Meine Meister haben mit uns auch den Jahresrhythmus gefeiert, und das hat mir immer wieder zu denken gegeben. Für Yogis und Yoginis ist das doch gut, wir können bei allem mitmachen, bei den kulturellen Gepflogenheiten unserer Zeit und unseres Ortes, und was wir nicht gut finden, warum auch immer, das lassen wir aus. Wer hier in der westlichen Kultur lebt, darf bei so manchen Dingen aussetzen, Weihnachtsgans und Neujahrsbesäufnis mit gewichtigen Vorhaben z.B., wenn wir nicht wollen, denn dazu zwingt man hier die Erwachsenen nicht.

In anderen Kulturen ist das Nicht-Mitmachen schon viel problematischer und so dient so manches Yoga-Verständnis, auch solche Situationen überstehen zu können.

Wenn also jetzt für die YogInis nördlich des Äquators die Tage wieder kürzer werden, können wir das Licht feiern, uns daran erinnern, dass auch das Licht, das in unserer Psyche reflektiert wird, immer besser sichtbar wird, so wie das Licht der Sonne an länger werden Tagen immer länger leuchtet. Wir können das bewusst als Möglichkeit sehen, uns daran zu erinnern, wer wir sind und warum wir hier sind.

Normale Menschen leben von Anlass zu Anlass, überziehen diese Zeiten mit dem Ausdruck ihrer Prägungen, die ihnen Gleichgültigkeit, tiefe Bedeutung oder Verachtung (und bestimmt viele, viele Variationen dieser Gefühle) vorgaukeln. YogInis können das mit der Zeit bewusst gestalten, wenn sie mögen. Denn alle Menschen leben mit Prägungen, manche fühlen sich wesentlich an und bestimmen zum Beispiel unsere Körperlichkeit, andere engen unsere psychischen Spielräume ein, in unseren Reaktionen auf das, was uns vermeintlich das Leben bringt. So wie es in einer Yogaschrift heißt: Allen Menschen ist gemein, dass sie ihr Schicksal ausleben müssen. Normale Menschen erleben dabei die Welt, Yogis aber sich selbst.

Diese ganze Geschichte mit den Prägungen ist schon ein spannendes Konzept. Für viele, die nicht so richtig eingedrungen sind in dieses Konzept, ist es ein Auftrag, Prägungen zu überwinden, zu bereinigen, abzubauen. Wenn du aber tiefer darüber nachdenkst, dann kommst du zu einem anderen Ergebnis: Wenn es Prägungen gibt, die unser Leben so umfassend bestimmen, wie Körperlichkeit, grundlegendes Lebensgefühl, etc. dann ist der Wunsch, diese Prägungen zu gestalten wie ein Spiegelgefecht und ein Schattenboxkampf. Es führt nur zu Aktivität ohne Hoffnung auf Ergebnisse, zu Erschöpfung und zynischer Abgeklärtheit, Stichwort „rajas“.

Für YogInis ergibt sich aus diesem tiefen Nachsinnen ein anderes Bild: Wir lernen, das große Drama als mehr oder weniger amüsierter Zuschauer zu betrachten. Und ich schreibe hier nicht vom äußeren Drama der Welt, das viele recht deutlich erkennen können. Ich schreibe hier vom Drama, aus dem alle anderen hervorgehen, vom eigenen Drama, das wir schreiben, das wir aufführen und dem wir, mitleidend, mitlachend, mitfühlend, gleichgültig, zusehen. Wie es in den Shiva Sturas heißt: Ich, atman, bin die Bühne, das Schauspiel, die Schauspieler und das Publikum.

Darüber wieder einmal nachzusinnen könnte jeder Tag ein guter Anlass sein, und warum nicht die Wintersonnwende (auch Weihnachten genannt), die Jahreszeiten, andere von unserer Kultur herausgehobene Tage? Also feiern wir mit, wenn auch aus ganz anderen, glorreichen Beweggründen! 🙂

In diesem Sinne, genießt es!

 

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Was erwartest du eigentlich?!

Entschuldige bitte diesen etwas provokanten Titel. Aber er formuliert eine sehr gute Frage für Menschen, die einen geistigen Weg gehen. Was erwarte ich?

Wenn das Leben zwickt und zwackt, wenn die Dinge nicht so laufen, wie du es gerne hättest, dann suchen viele Menschen Auswege. Sie werden hellhörig in Bezug auf Lehren, Methoden, Ansätze, die angeblich helfen, die Umstände, die so unangenehm sind, zu ändern.

Also besuchen sie Workshops, lesen Bücher mit vollmundigen Versprechungen, schicken ihre Wünschen mit putzigen Ritualen ans Universum, in der Erwartung, dass sich Die (wer ist das bitte? Ein hochrangig besetzter Universaler Petitionsausschuss?) darum kümmern, dass es besser wird im eigenen Leben. Sie meinen allen Ernstes, dass sie mit präziserem Wünschen, mit genauerer Zielvorgabe, mit wohl durchdachten Formulierungen ihr Leben so verändern können, dass es sich endlich gut und glücklich und erfüllt anfühlt. Na denn!

Dieser Glaube begleitet auch Menschen, die ernsthaft auf dem Yogaweg sind, die also nicht nur ihre wöchentlichen Verrenkungen inklusive Atemverquirlung durchführen. Die enorme Aussicht auf einen Zustand der Erleuchtung, der dir die Möglichkeit gibt, aus der Bittstellerposition zur Chefposition aufzurücken, ist fast schon berauschend. Ich bin Shiva, also, dann soll sich mein Leben gefälligst auch so anfühlen: So viel arbeiten, wie ich will (Shiva hat keinen Arbeitgeber!), mehr als genug besitzen, dass alles zu beschaffen ist, dann genug Macht zu haben, um alle schlimmen Dinge dieser Welt abzustellen. So nach dem Motto: Wenn ich Shiva bin, dann würde ich dafür sorgen, dass die Welt viel besser funktionieren würde.

Dann macht man sich an die Arbeit: Mantras singen, damit endlich alle Wünsche in Erfüllung gehen. Noch dazu, wenn doch auch der Guru Mantras zur Verfügung gestellt hat, die wunscherfüllend sein sollen! Es ist doch klar, mag man denken, dass die Gurus auch wollen, dass unsere Wünsche in Erfüllung gehen. „Mögen alle Wünsche in Erfüllung gehen“, heißt es in den Upanishads. „Dann liege ich doch“, mag man denken, „genau richtig, wenn ich mich mit aller Macht darum kümmere, dass endlich auch mal meine Wünsche in Erfüllung gehen, dass die Sachen endlich so laufen, wie ich weiß, dass sie laufen sollten.“

Mir ist diese Erwartungshaltung sehr vertraut, weil ich, wenn auch nur mir selbst gegenüber beschämt zugegeben, die Instrumente, die uns unser Guru so liebevoll geschenkt hat, für die Erfüllung wichtiger Wünsche einsetzen wollte. Der Erfolg meiner intensiven Praxis war aber überschaubar. Es gingen Wünsche in Erfüllung, andere gar nicht. Eine deutliche Geschwindigkeitsübertretung blieb ungeahndet, aber andere, mir viel dringlichere Ansinnen blieben völlig unbeantwortet. Bei wieder anderen wurde ich mit viel Nachdruck gebeten, sie aufzugeben.

Gottseidank gibt es die Kraft der Gnade auf diesem Weg! Wie verloren wären Yogaübende sonst! Dass dringende Wünsche nicht in Erfüllung gingen, führte bei mir nicht zu tiefen Zweifeln am Guru oder am Weg. Was kann ich sagen? Es war so. Aber ich empfand auch ein deutliches Unbehagen, wenn ich versuchte, mit den Methoden, die mir mein Guru gegeben hatte, irgendwelche Wünsche „durchzudrücken“. Ich ahnte schon, dass ich da auf dem Holzweg war. Mit viel Nachsinnen, mit viel Studium (Lesen der Yogatexte, der Werke meiner Meister und Nachdenken über das Gelesene) verstärkte sich die Vermutung, dass diese Art von Wunscherfüllung (siehe oben) wohl nicht befreiend sein kann.

Andere Wünsche machten sich breit: „Möge ich alles, wirklich alles, was in meinem Leben passiert, als DEIN Geschenk sehen können.“ „Möge ich DICH in jedem Atemzug, in jedem Gefühl, in jedem Gedanken sehen können“, und ähnliches mehr. Mir wurde nicht nur theoretisch klar, dass etwas hinter all den zu erfüllenden Hoffnungen steckte.

Ich wollte jetzt unbedingt direkt, ohne über den Umweg von angenehmen Lebenssituationen, von erfüllten Wünschen, Zufriedenheit erfahren und dachte darüber nach, wie das gehen könnte. Wunschlos glücklich sein, was für ein herrlicher Ausdruck in dieser Sprache!

Und es wurde klarer und klarer: Shivasein ist erst möglich (entschuldige bitte, falls das recht platt klingt), wenn alle Wünsche erloschen sind. Wenn also die Schriften um die Erfüllung aller Wünsche bitten, dann nur, weil auf dieser intensiven Suche nach deren Erfüllung die Ahnung aufkeimt, dass die Sehnsucht nach Wunscherfüllung eine Sackgasse ist. Denn auch wenn das in allen mir bekannten Yogatexten gelehrt wird, ganz tief drinnen (zumindest erscheint das am Anfang als sehr tief drinnen zu sein), hoffst du doch, dass es klappt mit der Gesundheit (völlig absurde Vorstellung!), mit dem Wohlstand, der Familie, der Partnerschaft, der erfüllenden Tätigkeit.

Viele sogenannte Gurus in Indien lassen sich zu solchen Anlaufstationen machen, zu solch aussichtslosen Hoffnungsankern. Und ihre Anhänger lieben es, Gurujis Erfolgsmeldungen zu verbreiten: Heilungen, notwendige finanzielle Stabilität, gute Zeugnisse, usw. Aber wirkliche Gurus würden ihre Schüler nicht in diesem Irrtum verweilen lassen. Sie mögen Wünsche erfüllen, aber nicht so, wie wir das wollen.

…damit wir endlich wollen können, was sie wirklich zu geben haben. Freiheit ohne Grund, Zufriedenheit ohne Ursache, Dankbarkeit für jede Sekunde deines Daseins, Glücklichsein als dauerhafte Praxis.

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Das Problem sind NIE die Emotionen!

Ich habe ja zwei kleine Jungs hier zuhause, die mir eindrücklich die folgende yogische Weisheit lehren: Das Problem sind NIE die Emotionen.

Ihre Emotionen sind so wechselhaft, dass ich mit meiner manchmal notwendig erscheinenden Schlichterarbeit nicht nachkomme. Bis ich mir überlegt habe, wie ich ihren Streit jetzt wieder auf ein gutes Gleis bringen könnte, sind sie schon längst weiter und bei der nächsten Emotion angelangt. Genau, wie mein Meister das immer wieder erklärte. Emotionen sind viel zu flüchtig, um sich ihnen ausführlich zu widmen. Denn wenn du bei einer ansetzen willst, sind schon wieder etliche andere aufgetaucht in deiner Psyche.

Seht ihr, es ist wirklich einfach: Es sind nie die Emotionen. Was uns auf längere Zeit, also mehr als ein paar Sekunden, so beeindruckt, sind nicht die Emotionen, sondern unsere innere „Gespräche“ über sie. Wenn du also jemandem erzählst, dass es dir schlecht geht, dass du traurig ist, dass du am Boden bist, etc., dann sind das nicht Gefühle, die dich da bedrängen und dir dein Glück rauben. Es sind die Begründungen und inneren Monologe, mit denen du deine Gefühle erklärst und berechtigst.

Vielleicht meinst du, das ist doch wohl eher eine Argumentation um Worte, nicht so sehr um Inhalte. In der Yogatradition Nordindiens, dem Kaschmir Schiwaismus, gibt es einen grundlegenden Text, die Siva Sutras. Gleich am Anfang gibt es einen Aphorismus, der besagt, dass aus dem Nicht-Verstehen der Kraft des Klangs, die dem Alphabet innewohnt, die Grundlage für begrenztes Wissen liegt. Worte haben große Kraft in unserem Leben. Das scheint mir in allen Sprachen so zu sein. Schon kleine Veränderungen im Klang eines Wortes können die Bedeutung grundlegend ändern. „Biete“ und „bitte“, „Tag“ und „Tal“, etc., der Beispiele gibt es viele.

Wenn ich denke, dass Emotionalität Probleme bereiten kann, dann komme ich zu anderen Herangehensweisen als wenn ich verstehe, dass das, was ich Emotion nenne, in erster Linie Begründungen und Erklärungen der sehr flüchtigen Emotionen sind, die ich erlebe. Ich könnte dann nämlich lernen, den inneren Dialog über das, was ich fühle, zu erkennen und später dann auch zu beeinflussen.

Ich könnte mir vorstellen, dass das auf Grund meiner Wortwahl, etwas hölzern und nicht so richtig spontan und natürlich bei dir ankommt. Worte wie „beeinflussen“ oder gar „kontrollieren“, „bewusst ändern“, etc. hören sich beherrscht und vielleicht gefühlskalt und sogar verdrängend an. Aber das ist ganz und gar nicht der Fall. Wenn deine Emotionalität oder, viel genauer, deine Berechtigungen im Hintergrund deiner Emotionen in dir ihr Eigenleben führen, wirst du nie gefühlsmäßig entspannt sein können. Das bedeutet, dass du immer auf der Hut bist, dass die Pferde nicht in dir durchgehen.

Jemand, der durch die yogische Praxis von Mantrawiederholung und Meditation seine inneren Dialoge hören kann, der lernt mit der Zeit, das Skript dieser Erklärungen und Berechtigungen umschreiben zu können. Diese Fähigkeit zu erwerben, mag etwas dauern und erfordert Wissen und Geduld. Aber stell dir vor, du könntest das. Das würde bedeuten, dass du Emotionalität nicht mehr nur mit angezogener Handbremse zulassen müsstest. Das Gegenteil eben von unterdrückten Gefühlen und einem emotionalen Eiertanz, damit es ja nicht zu viel oder unbeherrschbar wird.

Wie oft habe ich von Menschen gehört, dass sie vorsichtig geworden sind, sich emotional einzulassen. „Ich bin zu oft enttäuscht worden“, „ich muss mich schützen“, etc. Ist das nicht Gefangenschaft? Kann ich mit so einer Einstellung je erhoffen, frei und glücklich zu sein? Oft entschuldigen Menschen, die in dieser Art von Gefangenschaft leben, ihre Unfähigkeit, ihre eigenen Emotionsbegründungen zu verwandeln, als „ihr Herz auf der Zunge“ tragend. Sie meinen, dass sie halt ehrlich sind und direkt, einfach kein Blatt vor den Mund nehmen und dass nicht jeder mit dieser Art zurechtkommt.

Was für ein Unsinn! Sobald du den Unterschied zwischen einem Gefühl (Wut, Freude, Zuneigung, Angst, etc.) und seinen in deiner Psyche erzeugten Berechtigungen für diese Gefühle kennst, merkst du, dass du sehr wohl fühlen kannst, ohne dabei Opfer dieser Gefühle zu werden. Nochmals, es sollte klar sein, dass das wirklich seine Zeit braucht. Es ist wie mit einer körperlichen Fehlhaltung, die du dir abgewöhnen willst: Auch wenn du gut verstanden hast, was du ändern musst, auch wenn dir das jemand genau gezeigt hast, was und wie du das ändern musst, brauchst du trotzdem einige Zeit, um diese Fehlhaltung zu korrigieren. Es braucht Geduld und für diese Geduld braucht es Wissen und um dieses Wissen zu erlangen, musst du immer wieder verstehen lernen, dass du nicht Opfer deiner Gefühle bist, sondern der Geschichten, die meist ganz unbemerkt von dir (anfangs jedenfalls) dir deine eigene Psyche erzählt und mit vielen klaren Begründungen erklärt.

Das erscheint dir jetzt etwas zu mühsam? Gut, dann kannst du ja abwarten, bis es das nächste Mal passiert, dass du Opfer deiner eigenen „Emotionen“ wirst. Und glaube dann nicht, dass in dieser Situation das hier Gelesene oder woanders Gehörte gleich zur Stelle sein wird und dein Ausgeliefertsein beenden wird. Jetzt musst du lernen, verstehen und üben, damit du das übermorgen kannst

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