Im Angesicht

des sicheren Todes eines jeden Menschen ist das Leben absurd. Zielstrebigkeit, die Fähigkeit zu planen, das Gegenwärtige in die Zukunft zu projizieren sind schwerlich ernst zu nehmen, wenn man bedenkt, dass das Ende unseres Lebens in diesem Körper völlig unabhängig von allem ist, was wir im Leben für wichtig halten können.

Noch niemand hat wegen noch nicht zu Ende geführter Projekte Aufschub erhalten, so viel ich informiert bin. Dicke sterben genauso wie Dünne, Reiche wie Arme gleichermaßen. Wenn deine Zeit abgelaufen ist, dann nützt all dein Reichtum nichts mehr, all deine Intelligenz, dein Tatendrang und dein Ansehen bei anderen Menschen. Ihren Körper haben bisher noch alle verlassen, die in einem gewohnt haben, freiwillig oder per Rauswurf. Körperseitig ist das Ergebnis bei allen gleich. Am Ende musst du ausziehen.

Niemand fragt dich dann, ob es dir gerade in den Kram passt. Niemand interessieren dann deine Pläne, deine Vorhaben, dein Gestaltungswille, deine Kinder und die Tatsache, dass sie dich brauchen. Es ist völlig belanglos, ändert nichts an deinem Tod.

Ist das nicht faszinierend? Vielleicht denkst du dir jetzt, wenn du regelmäßig in diesem Blog liest, der schreibt doch immer wieder von diesem Thema, vielleicht hat er ja ein Problem damit. Vielleicht ist er vom Tod ja wie besessen. Du etwa nicht? Er steht dir sicher bevor. Viele traditionelle Kulturen ermuntern Menschen, sich damit zu befassen. Wenn man sich sogenannte Naturkatastrophen ansieht, dann wird die Absurdität des Lebens klar. Mitten in was auch immer du tust, kann es dich erwischen, jetzt, morgen, irgendwann. Und nur eines ist klar. Es WIRD dich erwischen.

Und was nützt es einem, wenn man das weiß, wenn man darüber nachdenkt? Ist das nicht zu tiefst deprimierend? Eben nicht! Es ist der größte, der beste, der herrlichste Witz, den man sich nur ausdenken kann. Wenn dir das wirklich klar ist, so wie dir klar ist, dass du existierst, ganz selbstverständlich, dann kannst du dich und deine Probleme einfach nicht mehr so todernst nehmen. Dann planst du vielleicht immer noch, aber doch mit einem Augenzwinkern. Dann erfüllst du und erkennst du deine Verpflichtungen, aber doch nicht mehr mit dieser Bürde von Verantwortung und Pflichterfüllung. Es wird viel lustiger.

Wer sich nicht Gedanken über seinen eigenen Tod macht, für den kommt das Sterben immer ungelegen, zeitlich und situationell unpassend. Auch mit 80, 90, 100 Jahren. Wenn dir der Körper gehörig auf die Nerven geht, wenn es dir immer mühsamer erscheint, in diesem Haus zu leben, wenn es dann so weit ist, ihn zu verlassen, dann passt es halt doch nicht so gut, gerade jetzt, in diesem Augenblick. Aber wenn dir klar ist, dass es gar nicht passen muss, wenn dir klar ist, dass durch dieses Ereignis, Tod genannt, alle anderen Aktivitäten ziemlich unwichtig werden, dann musst du nicht Zeter und Mordio schreien, nur weil es so weit ist. Dann hast du innerlich immer schon deine Koffer gepackt.

Vor Jahre bat mich einmal eine Kursteilnehmerin zu sich ins Krankenhaus. Ihr ging es schlecht, wurde mir gesagt. Als ich sie sah, war klar, dass ihr Körper am Ende war. Sie nicht. Sie war wach und ziemlich klar. Ein paar Sätze lang wollte sie mir noch von den Hoffnungen der Ärzte erzählen, was sie noch versuchen konnten. Ich musste fast lachen. Ich deutete auf ihren Haut-und-Knochen-Körper, mit großem aufgequollenem Bauch und sagte: „Glaubst du, das Ding wird je wieder werden?“ „Nein“, sagte sie, „wohl kaum.“ „Du hast doch ein gutes Leben geführt, du hast deine Pflicht als Mutter, als Partner, als Frau erfüllt. Es ist doch gut. Du kannst doch gehen.“ „Aber es ist so endgültig“, sagte sie.

Wer weiß das schon, und, wen juckt das? Menschen GLAUBEN an ein Leben nach dem Tod. Manche haben das so verinnerlicht, dass sie es „wissen“. Ist das wichtig? Ich finde gar nicht. Einmal kamen Schüler zu ihrem Zen-Meister und fragten ihn: „Meister, sprich mit uns über den Tod. Erzähle uns vom Tod.“ Der Meister erwiderte: „Ja, was soll ich sagen? Davon weiß ich nichts.“ Die Schüler waren erstaunt. „Aber du bist doch ein Zen-Meister!“ sagten sie. „Ja“, meinte er da, „aber kein toter Zen-Meister.“

Jetzt, schon heute und in deiner Situation hilft dir das Wissen darum, dass du aus deinem Körper früher oder später ausziehen musst, ob der Termin gerade passt oder nicht. Alle Verantwortung ist mit dem Moment vorbei, wenn du aus deinem Körper bist. Niemand kann dich dann anklagen, anzeigen, dich bestrafen, dich mobben, niemand kann dich beschenken mit Besitz oder Macht oder kann dir das wegnehmen.

Es gibt im Sanskrit eine Sutra, die übersetzt heißt: „Wie hier, so auch sonst wo.“ Deshalb ist es gut, hier und jetzt ein Leben zu führen, das nicht von heftigen Wünschen und Unzufriedenheiten geprägt ist. Du wirst keine Fleißbildchen bekommen, nur weil du es dir besonders schwer machst (und darunter dann auch noch besonders leidest). Hab keine Angst. Es WIRD zu Ende gehen.🙂 Das ist die wirklich gute Nachricht. Und die schlechte, wenn du nicht bei Zeiten lockerer wirst. Denk daran: Gescheiterte und Erfolgreiche sterben gleichermaßen. Dumme und Superkluge sterben gleichermaßen. Alte und Junge sterben gleichermaßen. Hässliche und Schöne.

Wenn du die Unverhandelbarkeit deines Todes klar verstanden hast, dann musst du immer wieder schmunzeln, wenn du dir selbst bei den Mühen des Alltags zusiehst, bei deinen Wichtigkeiten und der Belastung deiner Unzulänglichkeiten. Dann wirst du dich immer weniger selbst klein machen, dich selbst nicht mehr verurteilen. Du wirst sehen, wie witzig das alles ist. Und wie die Tatsache, die wirklich einzige, die man im Leben als solche bezeichnen kann, dass dein letztes Stündchen irgendwann einmal schlagen wird, dir im Leben über Tiefen UND Höhen hinweghilft.

Seit mir das klar ist, verstehe ich die Worte meines Meisters: „Am Ende bleibt nur noch Lachen, Lachen, Lachen“ sehr viel konkreter als damals, als ich sie live aus seinem Munde hörte. Was für ein Spiel!

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Yoga und die Liebe zum Leben

Dem weltlichen Leben entsagen, das Ende der Weltlichkeit, der Gefangenschaft des Lebens in der Welt entsagen, das ist für viele Menschen ein wesentlicher Aspekt des spirituellen Lebens.

Das hat sicherlich auch mit der christlich-abendländischen Kultur zu tun, die sich ja auch nach Kräften verbreitet hat. Jemand, der einen Beruf, eine Familie, gesellschaftliche Verpflichtungen hat und fühlt, dem wurden und werden nur geringe Chancen gegeben, Erlösung zu finden. Kasteiung, Selbstbeschränkung bei allen Dingen, die Spaß machen und Freude bereiten ist angesagt. Vielleicht auch noch ärmlich leben oder Schuldgefühle haben, wenn dein Schicksal dich mit Wohlstand ausgestattet hat: Für so lange Zeit meinten die Menschen in dieser Gegend der Welt, dass Gott Menschen mehr liebt, die so leben, mönchisch, mit möglichst wenig.

Es tut mir leid, das hier so deutlich zu sagen: Aber dies ist totaler Unsinn! Und wie das in der christlichen Religion funktioniert, ist mir bis heute schleierhaft: Wenn man der Genesis glaubt, dann hat ja Gott die Welt mit dem Gefühl geschaffen, dass er da eine gute Sache zu Wege gebracht hat. Und wir meinen dann, dass er da einen Fehler gemacht hat oder wie rechtfertigt man in dieser Religion, dass die von Gott geschaffene Welt nicht seiner Erfahrung und Erkenntnis dienen kann?

Nein, das Leben ist da, um genossen zu werden. Aber halt: Du meinst, das tun doch viele, und die leben ganz bestimmt kein spirituelles Leben? Ja, da magst du schon recht haben. Denn die meisten werden wohl eher vom Leben genossen, sind Opfer der Umstände und ihres Schicksals. Das ist normal, und das ist in meinem Verständnis alles andere als Genuss.

Genuss setzt voraus, dass du in dir ruhst. Nein? Dann lasst uns das mal genauer betrachten: Du hast gerade mit deinem Kletterpartner einen wundervollen Berg bestiegen, aber auf dem letzten Meter zum Gipfel kommt dir irgendwie wieder diese Sache in den Sinn, die deine Frau zu dir gesagt hat, als du gefahren bist. Und das war alles andere als liebenswürdig. Sie war schon fast eifersüchtig auf die Zeit, die du mit deinem Freund da verbringen wirst. Der Gipfel ist erklommen, ihr seid außer Atem, und was bringt dir jetzt das Ganze? Du bist sauer auf deine Frau und durch dein Gehirn jagt ein Monolog nach dem Anderen darüber, was du ihr alles an den Kopf werfen wirst. Solltet ihr euch nicht einfach besser sowieso trennen? Dieses Gezicke… etc.

Und die Aussicht auf dem Berg? Der Lohn für deine Mühen? Nichts davon kannst du genießen. Ohne Kenntnis von Yoga oder welchen Namen diese Fähigkeit auch tragen mag, ist dein Genuss ein reines Lotteriespiel. Kann sein, dass es mal klappt, weil deine Psyche gerade nichts Wesentliches aufzutischen hat oder warum auch immer.

Aber mit Yoga, da beginnt der Genuss des Leben erst. Im Angesicht des völlig absurden Ereignisses in deinem Leben, Tod genannt, dem deine Pläne völlig egal sind, den du nicht um Aufschub bitten kannst, weil du mit deiner Arbeit noch nicht fertig bist oder weil deine Kinder noch nicht für sich selbst sorgen können, ist Lebensgenuss eine große Herausforderung. Yogaübende aber können die Gewissheit über ihren eigenen Tod benutzen, um frei und unbeschwert zu leben. Ihre Gedanken, ihre Gefühle sind nicht auf Autopilot und so können sie Sekunden anhalten und lange Zeit beschleunigen. Sie erleben nicht die Beschleunigung, die mit zunehmendem Alter für alle anderen Menschen erfahrbar ist. Sie geben sich die Muße der langsamen Zeit ohne zwei Stunden an einem Bissen rumzukauen, nur um ihr Leben zu entschleunigen! Wir beschleunigen und entschleunigen nach Belieben. Und da man das mit der Zeit kann, kann man das Leben einfach so lassen, wie es gerade zu kommen scheint.

Wir können wirklich leben. Direkt, wie es unserem Naturell entspricht, ohne unter diesem Naturell zu leiden, wenn wir das nicht wollen.

Wenn Gedankenwildwuchs nicht mehr allein unser Leben regiert, dann kannst du deinen Kaffee in der Altstadt unendlich genießen, einen vollkommenen Moment in alle Ewigkeit ausdehnen. Was für ein Erlebnis.

Und ich werde mich jetzt beherrschen und nicht wieder seitenweise Loblieder auf den Meister singen, der diese Erfahrung erst ermöglicht. Schade, dass das in unserer Kultur eher fremd ist. Was geht uns da ab!

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Warum übt man im Yoga Verständnis?

Warum sich beschäftigen mit Konzepten und Ideen, die im Yoga gelehrt werden und die für die meisten Menschen der westlichen Kultur erst einmal zu lernen sind, zu verstehen sind?

Ich gebe dir ein Beispiel über die besondere Bedeutung von Wissen, von Erkenntnis und ihrem Ergebnis: Verständnis.

In der Nähe eines einsamen, uralten Klosters leben nur noch wenige alte Männer als Mönche. Sie haben einen einfachen, friedlichen Tagesablauf, den sie schon seit Jahrzehnten leben und zu lieben gelernt haben. Sie können sich selbst versorgen, damit sie keinen Kontakt zum weit entfernt liegenden Dorf benötigen.

Eines Tages findet einer von ihnen vor dem Eingang des Klosters ein Bettchen mit einem kleinen Kind darin, nicht mehr ganz ein Baby. Die Mönche, die alle schon seit vielen Jahren kein kleines Kind mehr gesehen haben, schätzen das kleine Mädchen auf zwei Jahre. Sie nehmen es auf, und lieben es jenseits aller Vorstellung. Das Mädchen wächst mit ihnen auf, und ist den ruhigen, entspannten Ablauf des Klosters gewohnt, genießt die Zuneigung der alten Mönche.

Sie wird langsam älter, und als sie gerade zwölf Jahre alt geworden ist, geschieht etwas Schreckliches. Sie beginnt zu bluten, immer weiter, erst wenig, dann immer mehr. Erschrocken wendet sie sich an ihre „Väter“ und zeigt ihnen ihr Bett und ihre Kleidung.

Die Mönche wissen nicht, was geschehen ist. Sie fürchten um das Leben ihres Mädchens. Voller Schrecken beschließen sie, Tag und Nacht zu beten, bitten Gott um Hilfe. Wie durch ein Wunder hört die Blutung nach ein paar Tagen wieder auf.

Die Mönche preisen Gott und finden nach diesem Ereignis neuen Glauben, und in ihrer Begeisterung beschließen sie, ihr Mönchsleben noch intensiver auf Gott auszurichten.

Aber dann geschieht es wieder, nicht mal einen Monat war die Heilung her und jetzt wieder: diesmal hat das Mädchen Krämpfe, weint und bittet ihre Mönche um Hilfe. In ihrer großen Verzweiflung und Not, entsteht eine hitzige Debatte: Ist das Wiederauftauchen der Krankheit, der Blutungen, ein Zeichen Gottes, dass er mit ihrer Andacht nicht zufrieden ist? Oder, wie einer von ihnen einwirft, ist es vielleicht ein Zeichen, dass das Mädchen vom Teufel besessen ist? Ja, das muss es sein. Sie sind verzweifelt, bitten Gott um Gnade und Einsicht.

Ich könnte die Geschichte weiter spinnen, in ein schreckliches Ende, in eine plötzliche Einsicht, in Intrigen, alles Mögliche. Nur weil die Mönche nicht wussten, dass 12-jährige Mädchen einfach ihre Periode bekommen, und das eher ein Grund zum Feiern als für Angst ist.

Was den Mönchen in der Geschichte gefehlt hat, war Information, Wissen, das ihr Verständnis über die Situation des Mädchens vollkommen verändert hätte.

Das ist der Grund, warum zur Praxis immer auch Verständnis hinzukommen muss. Und eigentlich stimmt das nicht so ganz, denn Verständnis IST Praxis. Wer das nicht erkennt, der praktiziert trotzdem Verständnis, nur praktiziert er sein altes, ihm meist nicht bewusstes „Verständnis“, das ausschließlich aus alten Prägungen und Informationen besteht.

Eine solche Praxis, die nur aus irgendwelchen Übungen besteht, würde also eher die Prägungen und vorgefertigten Meinungen verstärken und nicht überwinden.

Über viele Formen des yogischen Verständnisses habe ich schon Kurse gegeben, und es stellt sich die Frage, ob es da noch mehr braucht, immer wieder.

Vielleicht nicht brauchen, wenn man gut zugehört hat und sich die Zeit genommen hat, auch über das Gehörte, den Inhalt, tief nachzudenken. Aber helfen wird es immer, denn Missverständnisse im Yoga sind der Hauptgrund, warum Menschen den Weg nicht lange genug gehen können.

Sie kommen zum Beispiel zu mir, hören zu, und versuchen, das Gehörte, vielleicht auch das Erlebte in ihre vorhandene Denk- und Gefühlsstruktur einzubauen. Das kann natürlich nicht wirklich funktionieren. Es wäre als würdest du ein Teil eines Puzzles in einen Platz pressen wollen, wo es nicht hingehört, und zwar deshalb nicht, weil es zu einem ganz anderen Puzzle gehört.

Im Yoga geht es darum, sich aus der Gefangenschaft von Prägungen und psychischen Konditionierungen zu befreien, um zu erkennen, wer man wirklich ist. Schon diese Aussage, grundlegend und eher einfach, kann man leider nur so verstehen, wie man sich entwickelt hat.

Wer du meinst, dass du bist, hängt ab davon, was du gelernt hast, dass du bist. Verständlich? Wenn du dich nur als Gedanken, Gefühle, Handlungen, aus der Identifikation mit deinem Körper kennst, dann meinst du, dass Yoga dazu führt, dass du deinen Körper, deine Gedanken, deine Gefühle noch „tiefer“ kennenlernen solltest.

WAS für ein Irrtum! Nur: Wie sollst du da etwas anderes verstehen können, wenn du dich nur als das oben beschriebene Konvolut kennengelernt hast?

Daher braucht es das Erlernen und die Wiederholung von Konzepten, die dieses alte, einschränkende Verständnis mit einem weniger einschränkenden ersetzen. Findest du komisch? Warum überhaupt noch Konzepte haben, wenn sie dich doch alle irgendwie gefangen nehmen?

In Jahrtausende langer Erfahrung in der Betreuung von Menschen, die sich aus der Gefangenschaft der eigenen Missverständnisse befreien wollen, hat es sich als praktisch erwiesen, nicht gleich alle Konzepte auf einmal ersatzlos zu streichen.

Die Psyche kann das nicht ertragen. Es wäre so, als hättest du 6 Monate einen Beingips getragen und würdest plötzlich, ohne diese Stütze, gehen müssen. Es wird nicht funktionieren. Du wirst zuerst einmal einige Zeit mit Krücken gehen müssen. Die sind nicht schlecht oder unnötig, nur weil du sie irgendwann einmal nicht mehr brauchen wirst.

Du kannst die Phase, in denen du sie brauchst, auch nicht einfach überspringen. Es braucht einen Weg, eine Lehre, wie eine Straße, die dich zu deinem Haus führt. Natürlich wirst du in dein Haus gehen und damit die Straße verlassen. Aber das bedeutet nicht, dass es keine Straße braucht, die dich nach Hause bringt.

Ein faszinierendes Konzept, das die Missverständnisse, die du über dich hast („wie kommst du dazu, zu sagen, dass ich Missverständnisse über mich habe?“ magst du denken, „vielleicht projizierst du halt einfach deine Begrenztheit auf mich?“ Aus Tausenden von Kursen über fast 40 Jahre mit Tausenden von Menschen und ja, auch aus meiner eigenen Erfahrung), zumindest so weit erklärt, dass du leichter von ihnen lassen kannst, ist die Lehre, die im 14. Kapitel der Bhagavad Gita ausgebreitet wird:

Die Lehre der drei Gunas oder Grundeigenschaften.

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Die Bedeutung und Auflösung der Elemente

In allen Kulturen haben Menschen von Elementen gesprochen, von grundlegenden Bausteinen es Daseins in dieser Welt.

Ich war noch ziemlich jung, als ich das erste Mal von den 5 Elementen im Yoga gehört habe. Als jemand, der in der westlich-wissenschaftlichen Tradition erzogen wurde, mutete die Vorstellung der fünf grobstofflichen Elemente schon sehr einfach und archaisch an. Wir lernten über 100 Elementen im Chemieunterricht, und jetzt sollten wir etwas über die fünf Elemente lernen. Und weil sie „grobstofflich“ hießen, war das Ganze noch etwas verwirrender.

Dann wurde aber klar, dass, obwohl wir von den fünf grobstofflichen Elementen, den maha bhutas sprachen, es sich doch um etwas ganz anderes handelte. Warum befassten wir uns damit? Wie passt da „Ich bin Shiva“ dazu? Sind Shiva die Elemente von Bedeutung? Ja, sind sie.

In vielen Yogaschriften, die darauf eingehen, wird davon gesprochen, wie ein Mensch auf dem Yogaweg die Schöpfungskaskade wieder zurückwandert, wie er oder sie jede Stufe der Schöpfung in sich sozusagen auflöst. Auch das war mir überhaupt nicht vorstellbar. Wie sollte das gehen? Bricht einem da nicht der Boden unter den Füßen weg? Heute kann ich sagen, nein, natürlich nicht. Es ist so, als würdest du dich immer weiter verfeinern, ohne die Tuchfühlung mit dem äußeren „normalen“ Leben zu verlieren. Anders ausgedrückt könnte man sagen, dass du dein Bewusstsein ERWEITERST (nicht nur verschiebst).

Die erste Ebene jenseits der chemisch-physikalischen Welt sind die fünf Elemente, die maha bhutas. Sie sind die Kräfte, die diese Welt steuern. Zumindest könnte man das so verstehen. Mit dem Auge sieht man Erde, eine Stoffansammlung aus Lebewesen, Mineralien, verrotteter Materie und vieles mehr. Aber Erde als Element ist das Feste, ist Geruch, ist Dichte, ist Schwere, ist Stabilität. Dieses Element wirkt in deinem Körper, aber auch in deiner Psyche. Ständig. Manchmal mehr, manchmal weniger. Wie überwindet man das Element Erde, wie „löst man es in sich auf“? Das hat viele, viele Aspekte, die für Menschen auf dem Yogaweg der Befreiung bedenkenswert sind:

Jemand, der, wie die meisten Menschen, die sich spirituell nicht entwickeln können (bei uns ist das auch ein Informationsproblem, man weiß ja gar nichts davon), vom Element Erde gefangen gehalten wird, ist allem mehr oder weniger verfallen, was damit zu tun hat: Wohlstand und Armut und alles, was damit zu tun hat: Wohnraum, Möbel, physischer Besitz, etc., Körperlichkeit (übermäßige Beschäftigung mit dem Äußeren, mit Gesundheit, mit Fitness, etc.), Haptik, also, wie etwas sich anfühlt, traumloser Schlaf, Trägheit, starke Heimatverbundenheit (man achte auf das Wort!). Was sonst hält uns fest, wenn das Element Erde nicht „erlöst“ in uns wirkt?

In der Meditation ist es auch das starke Festhalten an den physischen Begebenheiten: Nur wenn du immer an der selben Stelle sitzt, fühlst du dich wohl. Nur wenn dein Asana oder Decke richtig liegt und sitzt und riecht, kannst du meditieren, du verstehst, was ich meine. Überhaupt ist das wichtig, alles muss „richtig“ riechen, sich anfühlen.

Das Element Wasser, das nächst feinere Element, kennen wir alle gut: Natürlich ist es Wasser, H2O, das im der chinesischen Tradition „das freundliche Element“ genannt wird. Es ist instabil, in fließender Bewegung. Es ist das Element, aus dem unser Körper hauptsächlich besteht. Wasser als Element ist das Bindende. Mörtelpulver macht erst einmal gar nichts. Mit Wasser verbunden wird es eine formbare Masse, die Verbindungen und Bindungen schaffen kann, die lange halten. Wasser ist anhaftend, verbindend. Logischerweise wird diesem Element der Geschmacksinn zugeordnet, denn Geschmack wird von Flüssigkeit transportiert. Menschen, die vom Element Wasser gefangen sind, können nur schwer loslassen, sie sind Substanzen, Umständen, Menschen nicht nur verbunden, sondern von ihnen gefangen. Auf dem Yogaweg, wenn das Element Wasser sich in einem selbst „auflöst“, kann man sich binden, aber auch wieder loslassen. Die Fähigkeit, sich zu verbinden ist ganz anders als ein Verbundensein. Darüber könnte man gut nachdenken.

Das Element Feuer kennen kommt als nächst feineres Element. Es ist das Ergebnis unter anderem von Reibung. Feuer ist Licht, ist die Kraft der Transformation, der Verdauung, auf allen Ebenen, von Essen bis zu Gedanken, Gefühlen, Konzepten. Feuer wird als heiß, scharf, trocken, leicht und fein dargestellt. Feuer durchdringt. Ihm ist der Sehsinn zugeordnet. Wut, Zorn, Hass sind ihm zugeordnet, aber auch die Kraft, etwas zu verdauen, auch im übertragenen Sinn, etwas zu verarbeiten und zu transformieren. Menschen, die dieses Element noch nicht in sich „lösen“ konnten, sind voll vom Sehen überwältigt, von Licht, aber auch von Intellektualität, vom abstrakten Denken, von Theorien. Wenn dieses Element transformiert hat, dessen Intelligenz kann in Einfachheit leuchten, die ständige Unruhe der Augen ist nicht mehr zwangsläufig, er oder sie kann sie jeder Zeit abstellen. Die Furcht vor dem Dunklen verschwindet. Es gibt noch viele Eigenschaften mehr, die vom Feuerelement betroffen sind.

Luft ist das nächst feinere Element. Bewegung und Dynamik, Berührung und Unstetigkeit sind einige seiner Eigenschaften. Sie ist das Trocknende, das Leichte: Das Element Luft löst das Element Feuer aus. Es hält den Körper ständig in Bewegung. Wer ihm unterworfen ist, muss sich bewegen. Wenn dieses Element nicht assimiliert ist, treibt es deine innere Unruhe voran, immer mehr, immer intensiver. Man kommt, wie es so schön heißt, vom Hundertsten zum Tausendsten. Es hört nie auf, man ist total von Berührung abhängig, um sich lebendig zu fühlen. Wenn du dieses Element in dir auflöst, merkst du, dass diese prinzipielle innere Unruhe nachlässt, dein innerer Sturm kommt zur Ruhe, wenn du das willst. Was für eine Erleichterung macht sich in dir breit!

Das Feinste aller Elemente ist der Raum, auch das wird als Element gesehen, das Prinzip des Raumes. Ohne es gibt es keine Schöpfung. Manche Yogaschriften bezeichnen den Raum als das Erste aus der kosmischen Psyche entsteht. Im Raum findet Schöpfung statt. Für die meisten Menschen ist Raum so elementar, dass sie keine Erfahrung der Gefangenschaft im Raum haben. Es ist auch schwer vorstellbar, wie das wohl ist, wenn dieses Gefangensein aufhört. Es steht in den fünf Elementen für das Prinzip der Einschränkung, für Klang, für Hören. Klang, der jeden direkt betrifft. Wie will man Raum integrieren, in sich auflösen. Was heißt „frei von Raum“?

Darüber gälte es nachzudenken, zu forschen. Die fünf maha bhutas, die großen Elemente, sind wie die Eingangstüren in inneren Welten.

In der Natur, der Kraft der maha bhutas, ist ihr Studium etwas einfacher, in der Stille , in der Balance.

Zu Ostern werden wir das heuer untersuchen.

 

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Der Lernprozess

Meist hören wir, dass es Geduld erfordert, den Yogaweg zu gehen, dass wir darauf achten sollten, dass wir den Mut nicht verlieren, dass wir die inneren Weichen so stellen sollten, dass wir nicht bei jeder Kleinigkeit gleich ins Abseits fahren.

Aber die wirkliche Geduld ist von den Lehrern, von den Meistern gefordert. Das ist einfach so. Dafür allein schon sollte unsere Dankbarkeit unendlich sein. Die Lehren der Meister sind einfach, klar und ohne wirkliche Widersprüche, wenn man nur genau und aufmerksam zuhören könnte.

Vor einiger Zeit habe ich einen Vortrag meiner Meisterin gehört, und es waren einige ihrer SchülerInnen anwesend. Dann gab es Chai, etwas zu essen, und ich wollte den Vortrag pausieren, denn jedes Wort, jeder Satz war voller Bedeutung für den Weg, voller Anregungen zum Nachsinnen. Aber alle wollten weiter hören, wollten diese Worte genießen.

Da ich die persönlichen Umstände mancher Anwesenden gut kannte, bemerkte ich, dass der Vortrag mehrfach auf Dinge einging, die gerade im Leben einzelner BesucherInnen stattfanden. Aber ich hatte den Eindruck, dass die Betroffenen das nicht hörten, weil sie sich über andere Dinge unterhielten. So sagte ich: Hast du das gehört, das war für dich! Ja, ja, habe ich gehört. Schon klar.

So ist das. Wir hören, aber es dringt nicht tief ein. DESHALB brauchen wir diese endlosen Wiederholungen, immer die gleichen Themen, immer die gleichen Worte, die gleichen Schriften, keine Abwechslung. Denn wir HÖREN nicht. Wie kann das sein? Die meisten Menschen, mit denen ich das Glück habe, zu arbeiten, sind klug, intelligent, willens.

So oft und so lange arbeiten wir an der Erfahrung des Augenblicks. Dann lädt uns die Natur ein, diesen Augenblick, den einzigen, den einen, zu genießen! Es könnte unser letzter sein, in diesem Leben. Aber wir denken daran, wie schade es ist, dass wir unseren Badeanzug, unser Snowboard, unsere Freundin, unser Kind, oder was auch immer vergessen haben. Wir sind überhaupt nicht dabei, nicht da! Dann ist der Ort schuld, wenn wir nicht genießen können, die Zeit, die anderen Leute, was auch immer. Wir schwören uns, dass wir wieder kommen, mit der richtigen Ausrüstung, und dann, dann werden wir es wirklich genießen.

So so, werden wir das? Natürlich nicht, denn wir haben unsere Lektionen immer noch nicht kapiert. Nach all den Jahren lassen wir unsere Psyche plappern und plappern und plappern. Wir nehmen es nicht ernst. Unsere Meister und Lehrer lehren uns, dass wir das weltliche Leben aufgeben sollten.

Oh mein Gott, denken wir, wie weltfern, da kann ich ja nichts mehr genießen, wie soll ich da noch leben? Etc. etc. Wir denken nicht tiefer darüber nach, wir verstehen die Liebe hinter diesen Worten nicht, weil wir gar nicht genau zuhören. Was heißt das? Wir denken nur, DAS kann ich nicht. Da muss ich ja meinen Job kündigen, mein Auto verkaufen und nur noch trockenes Brot essen, Pizza, Chai und Croissant adé! Glauben wir wirklich, unsere Meister sind dazu da, uns das Leben schwer zu machen?

Meine Meisterin hat einmal gesagt, dass sie jemand fragte, ob es ok ist, wenn man schon alle Gnade empfangen hat, um noch mehr Gnade, also etwas spezifischer, zu fragen? Sagen wir, dass wir einen Job bekommen, ein Haus, ein Auto, einen Mann, eine Frau, ich könnte das ganze Internet vollschreiben mit all dem, worum man da noch fragen könnte. Ich kenne so viele SchülerInnen meiner Meisterin, die alle Gnade erhalten haben. Ich bin mir auch sicher, dass sie das auf Anfrage sagen würden. Aber dann…. vielleicht doch noch schnell eine Guru Gita für den neuen Job, für die Wohnung, für die Kinder? Sicherheitshalber ein paar weitere einführende Mantras, wer weiß, ob die Gnade das so GENAU checkt, was wir brauchen.

Mein Meisterin gab allen Ernstes, eben die Geduld der Lehrer und Meister, eine Antwort, eine wundervolle Antwort. Ich kenne so viele Menschen, die diese Antwort auch kennen, aber immer noch meinen, es wäre besser, vielleicht doch noch für eine ganz spezielle, sehr spezifische Sache um Gnade zu bitten.

Was anderes willst du tun, wenn alle Gnade in dein Leben Einzug gehalten hat, als um die Gnade zu bitten, dich an die Fülle der Gnade zu erinnern, deine eigene Psyche um die Gnade der Erinnerung zu bitten? Der Guru ist kein Karma-Reparateur, sie repariert nicht deine Folgen, die du dir verdient hast, nicht die Angenehmen und auch nicht die Unangenehmen.

Naja, das nächste Mal, wenn wir uns sehen, denke daran, der Augenblick, er ist voll, er ist ganz, er duldet keine Erinnerung, nur den umfassenden Genuss. Wenn es schön ist, sehne dich nicht nach etwas anderem. Gewöhne das deiner Psyche ab. Dein Mantra ist jetzt, dein Guru ist jetzt, dein Leben ist NUR jetzt, dein Genuss ist jetzt. Verschwende diese Geschenke nicht so leichtfertig! Alles Liebe, mögen diese Worte dir dienen auf dem Weg!

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Eigentlich würde ich ja gerne

auch auf diesem Blog diese Daumen hoch-Daumen runter-Funktion abstellen.

Ob jemandem gefällt, was ich schreibe oder nicht, hat nur mit den Prägungen der LeserInnen zu tun. Gefallen tut nur das, was in Übereinstimmung ist mit unseren eigenen Einstellungen. Da springt unser Herz, und wir wissen, dass die Person, die das geschrieben hat, die Wahrheit spricht. Dann schnell den Daumen hoch dahinter, mit dem Gefühl, da hat jemand endlich mal wieder begriffen, worum es geht.

Gefällt mir, gefällt mir nicht, gefällt mir, gefällt mir nicht, und so weiter, das ganze Leben lang. Du läufst durch die Welt und alles durchläuft den Scanner. Eine ständige Slalomfahrt zwischen Vermeidung von allem, was nicht gefällt und suchen nach dem, was gefällt. Und niemand hält inne und frägt sich, WARUM etwas gefällt und anderes nicht. Wo ist der innere Maßstab?

Die meisten Menschen vermuten dahinter irgendwelche Tiefen der Seele, höhere und höchste Selbste, wenn möglich dann noch Eingebungen von irgendwelchen Aufgestiegenen. Aber wenn du das einmal nüchtern sehen würdest, wäre klar, dass der Scanner die Summe vorgefasster Meinungen ist, von Prägungen und alten Mustern. Also, die übliche Endlosschleife, nichts „Wahres“ oder „Tiefes“.

Ist das nicht eigenartig? Menschen, die gerne frei sein wollen, selbstbestimmt, unabhängig, laufen in diesen Endlosschleifen und verkaufen sich das dann selbst als ihre eigene Einflussnahme (weil sie so offen ihre Meinung – „gefällt mir – gefällt mir nicht“ kundtun) und Meinungsfreiheit. Natürlich haben sie dann keine Führung, keinen Meister, keine Methode notwendig, die nicht aus ihrer eigenen Vorstellung stammt.

Sie wähnen sich auf einem guten Weg – ewiger Kreisverkehr, der nur eine Einfahrt, aber keine Ausfahrt hat. Wenn es nicht so dramatisch tragisch wäre, wäre es schon sehr, sehr witzig. Das, was von vielen als Freiheit angesehen wird, ist wie die Story im Film „Und ewig grüßt das Murmeltier“, dauerhafte Wiederholung der Grundsätze der eigenen Unfreiheit.

Ich kann mir gut das Aufatmen des Egos vorstellen, wenn es dich wieder einmal davon abgehalten hat, deine Pseudo-Selbstbestimmung aufzugeben oder auch nur infrage zu stellen.

Einen Meister, einen Guru zu akzeptieren und ihm oder ihr zu folgen, ist ein Akt von Intelligenz und nicht von der Unfähigkeit, „für sich selbst“ entscheiden zu können, wo es lang geht.

Wie willst du JE deine von dir selbst geschaffenen Gefängniswände einbrechen, wenn du keinerlei Werkzeuge dafür hast? Wie willst du hinauswachsen über das, was dich für dich ausmacht? Wie willst du dich befreien von all dem, was du und viele andere als selbstbestimmend, dich ausmachend, ansiehst?

Und jetzt wird es noch etwas komplizierter. Natürlich gibt es ein Wissen, eine Ahnung von dem, was WAHR ist. Oder doch nicht? Selbst wenn es das gäbe, könnten die Meisten nicht aus dieser Ebene wissen und erkennen, weil das Ego in seinem „gefällt mir – gefällt mir nicht“-Gehabe eine Art innere Lehmschicht eingezogen hat, die es unmöglich macht, an diese Ebene der Wahrheit zu kommen. Ich hoffe, das ist soweit verständlich ausgedrückt.

Oberhalb der Egoschicht ist alles nur Prägung, alles nur x-mal Erlebtes, Vorgekautes. Daher ist alles, was aus dieser Ebene kommt, nicht befreiend, sondern eine Festigung des Geworfenseins, wie man einen Stein wirft, der nicht anders kann, als dort liegen zu bleiben.

Ohne Initiation, die diesen Namen verdient – das muss man heute leider immer wieder hinzufügen, weil ja jetzt alle möglichen Leute „initiieren“ – bleibt diese Lehmschicht des Egos unbeeinträchtigt. Vielleicht geht dir die Frage durch den Kopf, wie kann das sein, wie kann „Ich bin Shiva“ so sehr verschollen gehen, dass es nicht mehr aufzufinden ist. Verschiedene Yogatexte begründen das auf ähnliche Weise: So wie Wasser Feuer löscht und der Wind das Feuer entfachen kann, so wie der Himmel oben ist und die Erde unten, so ist der Guru die Kraft der Offenbarung, die die Erfahrung von Begrenztheit ein für alle Mal auslöscht und sie mit Ich bin Shiva auf Dauer ersetzt.

 

 

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Blutmond und mein Mietvertrag

Morgen jährt sich die Unterschrift unter meinen aktuellen Mietvertrag zum 60. Mal. Und so wie eine Wohnung, der man auch bei guter Pflege 60 Jahre Bewohnung ansehen würde, ist meine Behausung in die Jahre gekommen. Und noch dazu zu so einem erstaunlich schönen Naturschauspiel: ein Blutmond zum Geburtstag! Aber halt nur für Frühaufsteher.

Unendlichkeit wird 60 Jahre alt. Wirklich, das ist witzig! Die meisten Menschen meinen ja, dass SIE SELBST altern, Geburtstag haben. Aber was für ein Trugschluss ist das denn! Wenn dein Mietvertrag ausläuft – manche gehen dann freiwillig, die meisten werden rausgeworfen – dann wird deine Wohnung in ihre Bestandteile zerlegt und weiterverarbeitet. Aber was schon gut ist, an diesem Mietvertrag, ist, dass du keine Schönheitsreparaturen ausführen musst, am Ende. Du kannst die Mietsache verlassen, wie sie gerade ist. Hast ja auch keine Kaution bezahlt, die man dann einbehalten könnte. Wenigstens das sollte uns froh stimmen🙂.

Ich hatte eine Tante, eigentlich war sie meine Großtante, denn in meiner Familie gab es schon immer alte Männer mit jungen Kindern. Sie war 83, als ich sie das letzte Mal besucht habe. Sie war eine lustige Frau, war stadtbekannt als Künstlerin. Sie malte, bis zum Schluss. Sie sagte mir damals: „Weißt du, wenn man so alt ist wie ich, dann wird alles langweilig. Nur noch Wiederholung.“ Ich sagte dazu nichts.

Als ich nach Hause fuhr, dachte ich, wie kann das sein, Langeweile auf Grund des Alters? Heute ist mir das klar. Unsere Prägungen erlauben uns nur eine sehr enge Bandbreite von möglichen Lebenssituationen, sehr, sehr eng. Ist das nicht zum Lachen? Dieses unendliche Universum… und wir können nur so wenig davon erleben. Wenn du darüber nachdenkst, wirst du auch zu diesem Schluss kommen.

Was soll ich sagen? Weder ist mir langweilig noch ist es aufregend. Es macht mir nichts, wenn immer das Gleiche stattfindet. Abwechslung ist einfach überbewertet. Natürlich suchen Menschen, die nie ihre Innenwelten erforscht und erlebt haben, wie von Sinnen nach dieser Abwechslung oder fürchten sie, weil sie ihr mühsam zusammen gehaltenes Gefüge ganz unversehens ins Wanken bringen kann.

Aber für uns Yogis und Yoginis, was nützt uns Abwechslung? Was soll es uns bringen? Mehr Steine, mehr Länder, mehr Flüsse, mehr Tiere, mehr Menschen, mehr Freude, mehr Leid? Was wollen wir mit „mehr“?

Vor vielen Jahren lebte ich bei meinem Meister. Was für ein Lichtpunkt in meinem Leben! Ein Lichtpunkt, der sich in tausend Sonnen vervielfältigt hat, der nicht verglüht ist, wie viele andere Lichtpunkte, um wehmütige Erinnerungen zu erzeugen. Nein, dieses Licht ist voll erstrahlt, und erstrahlt immer weiter. Das allein schon wäre genug für ein Leben. Ein ununterbrochenes Wunder. Und das hat sich auch nicht geändert, als er seinen Körper verließ. Er ließ es mir, der Gute.

Das hat etwas Erstaunliches bewirkt. Mag sein, dass die Außenmauern marode geworden sind und noch mehr werden, aber innen findet Dauerrenovierung statt, und aus einem schönen Ort wird das immer neue Paradies.

Ob das meine Mutter geahnt hat, dass ich so ein Glückspilz werden würde? Sie hat mir gesagt, dass sie, als ich geboren war, vor Glück ohnmächtig wurde (fragt mich nicht, wie das geht!).

Eins ist jedenfalls sicher: Ohne diese Begegnung hätte ich schon vor vielen Jahren meinen Vertrag gekündigt. Und heute? Natürlich empfinde ich es manchmal etwas mühsam, in diesem Altbau zu wohnen (schon allein die sanitären Anlagen !!!), aber verglichen mit dem Wissen „ich bin Shiva“, mit der Erfahrung, dass meine Meisterin mich ganz und gar erfüllt, auch wenn niemand das sehen kann, glauben kann, hören will, ist das eine Mühe, die nicht besonders schwer anzunehmen ist.

60 Jahre und der Blutmond! Was für ein schönes Symbol. Der Vollmond, in seiner größten Ausdehnung wird von der Erde verdeckt! Aber er leuchtet trotzdem – rot. Das passt für mich. Das Verdecktsein ist nur optisch, scheinbar.

Falls du das jetzt kopfschüttelnd bis hierher gelesen hast, vielleicht sogar in der Hoffnung, dass da jetzt noch etwas kommt, was es wert ist gelesen zu werden, tja, was soll ich sagen? Ich hätte mir, als ich 20 war und der Weg in mir begann, nie denken können, dass ich solange hier sein würde. Aber scheinbar wollte ich das von Anfang an, denn mit so einer komischen Persönlichkeit wie der Meinen war schon klar, dass für lange Unterhaltung gesorgt ist.

Im Außen ist das Ganze ja wirklich nicht der Rede wert. Dank meiner Meister war ich bisher immer noch bestens versorgt, mit Materiellem, mit Engeln, mit Widersachern. Alles bestens. So konnte und kann ich relativ unbeschwert meinen Weg gehen. Wenn das nicht ging, waren es immer heftige Stürme in wunderschönen Wassergläsern. Und bestimmt folgen da noch manche oder auch nicht. Irgendwann wird ja der Laufzettel mit all den vorgenommenen Erledigungen kürzer.

Aber im Innen, da bin ich für jede Sekunde Leben dankbar. Wie immer und ohne Unterlass gilt mein Dank meinen Meistern, die mich selbst dann nicht fallen ließen, als ich mir selbst keinen Heller mehr wert war. Sie sind mein Atem, meine Lebenskraft, jede einzelne Regung, die als vamdev daherkommt und so tut, als hätte sie ein Eigenleben.

Alles Liebe an euch alle!

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