Verführerische Vielfalt

Sehr eigenartig mag dieser Text, der jetzt folgt, für manche erscheinen, die den Weg noch nicht als Weg begreifen. Alle die bitte ich, sich zumindest der Möglichkeit zu öffnen, dass hier etwas zu lesen ist, was früher oder später in der eigenen geistigen Entwicklung von Bedeutung sein könnte.

Schon seit vielen Jahren begleite ich Menschen auf dem traditionellen Yogaweg, wie ich ihn über meine Meister kennengelernt habe. Normalerweise würde ich das, worüber ich jetzt schreibe, nur in meinen Kursen erläutern. Da kann man nachfragen, von Angesicht zu Angesicht, und so zu Klarheit gelangen, zumindest für eine gewisse Zeit. Aber manche Eindrücke bestärken mich darin, darüber jetzt hier zu schreiben.

Wie so oft denke ich an die Worte meines Meisters, der sagte, dass dieser (Yoga-)Weg nichts für Menschen ist, die eine schwache Psyche und ein schwaches Herz haben. Damit meinte er nicht das physische Herz, sondern dein emotionales Gewand. Und was eine schwache Psyche ist, das lernte ich erst mit den Jahren verstehen.

Lass dich nicht verführen von den vielen Wegen und Pseudowegen, von den vielen Begriffen und Traditionen! Bleibe einfach in deiner Sicht, in deiner Praxis, in deinem Verständnis. Lerne, ganz klar zu unterscheiden, was von dem bei uns sehr reichhaltigen Angebot von „Spiritualität“ (in Anführungszeichen deshalb, weil das meiste sicher nicht das Papier wert ist, auf dem es gedruckt ist) wertvoll für deinen Weg ist und was nicht. Im Yoga heißt diese Fähigkeit Urteilsvermögen, viveka.

Viveka ist nicht gerade angesagt in einer Kultur, in der nur wenig filternde Meister diesen Sumpf der Meinungen, Lehren und Marketingstrategien für ihre Schüler sichten und ausmisten. Aber ohne viveka wirst du nur schwer erkennen, wie du auf dem Weg am besten dein Verständnis, deine Praxis vertiefen kannst. So viel scheint möglich, so reichhaltig ist das Angebot. Es erscheint fast als übermäßig schlicht daherzukommen, wenn gesagt wird, dass man am besten nur einen Weg, ein Mantra, einen Guru verehren sollte. Die Vielfalt ist, und das habe ich jetzt wirklich oft genug erlebt, verführerisch, unsinnig und überhaupt nicht hilfreich.

Das ist in keiner Weise eine Verurteilung anderer Wege. Denn natürlich gibt es unter den vielen Schwachsinnigkeiten auch Perlen, Wege, die genauso sauber sind, wie der, den ich gehe und vermitteln kann. Aber für dich, für den Menschen, der einen Weg geht, sind auch diese echten Wege nicht vorteilhaft. Jeder Meister, jede Tradition hat auch ein wenig ihre eigene Sprache, ihre eigenen Vorgehensweisen. Das Eine kann man meistens nicht auf das Andere übertragen.

Mein Meister hatte viele Schüler, und es war klar, dass Einige von ihnen den Weg auch zu Ende gegangen sind. Viele taten so als ob, aber Einige waren schon zu seinen Lebzeiten (ein eigenartiges Wort für einen Meister :)) selbst Meister, mit seinem ausdrücklichen Segen. Auch ihre Lehren hatten zu tun mit ihrer Persönlichkeit und nicht alles, was ich von meinem Meister kannte, entsprach dem, was sie lehrten.

In der Guru Gita heißt es (Vers 168): eko deva eka dharma, eka nistha param tapah. Ein Gott, ein geistiges Gesetz, eine innere Einstellung, das ist die höchste Bemühung. Lange habe ich das nicht so richtig verstanden, denn ich hatte das Glück, sehr unbedarft auf den Weg zu kommen. Es bestand keinerlei Grund für mich, mehrere Wege gleichzeitig auszuprobieren. Ich war beschäftigt genug, den einen irgendwie zu begreifen und zu verdauen. Und ich erkannte früh, dass mein Meister durch viele Zitate aus anderen Schriften in genialer Weise uns beim Weiterstudium über seine Bücher und Vorträge hinaus anleitete.

Es gibt einen unglücklichen Zustand, den Menschen erleben, die zu viel von zu vielen Traditionen ausprobieren, vermutlich in der Hoffnung, den Weg noch intensiver, noch schneller gehen zu können. Diesen Zustand bezeichnete mein Meister als spirituellen Dauerdurchfall, eine Art geistiger Verwirrung, die manchmal wirklich so verrückt macht, dass man nicht mehr ein noch aus weiß. Glaubt mir, dass ist nicht irgendein exaltierter Zustand, nicht eine vollständige Öffnung in kosmische Dimensionen, sondern nur schlicht und einfach eine gefährliche Verwirrtheit.

Lass all das. Wenn mein Meister bestimmte Teile, zum Beispiel der Kularnava Tantra zitierte, weil sie seiner Meinung nach die Meister-Schüler-Beziehung recht gut beschreibt, dann bedeutete das nicht, dass alles, was in dieser zum Teil sehr, sehr skurrilen Schrift steht, studiert werden sollte. Sicher nicht. Aber das hat er nicht eigens betont. Da brauchtest du viveka.

Verständnis im Yoga ist nicht zu verwechseln mit der Pandit-Gelehrsamkeit, die indische Gelehrte gerne an den Tag legen. Ihnen geht es oft auch um die möglichst besondere Zurschaustellung ihres umfangreichen Wissens und ihrer textlichen Präzision. Aber für Yoga-SchülerInnen ist das nicht wichtig. Es geht nur, nur, nur um den Weg. Man möge mich jetzt für einen engstirnigen Yoga-Tyrann halten oder was auch immer (habe da noch viel Schlimmeres gehört), das ist mir egal.

Wenn du Wissen ansammeln willst, dann studiere Politik, Physik, was auch immer, irgend eine handwerkliche Fähigkeit, eine Sprache (nicht unbedingt Sanskrit). Wenn du meinst, dass der Weg deine Psyche nicht mehr auslastet, dann mach irgendetwas. Aber missverstehe das nicht als Offenheit für andere Wege, als Auftakt zu Ausflügen in andere geistige Gefilde. Diese „Langeweile“ mit dem dir möglicherweise ja so vertrauten Weg ist ein Teil der sadhana, der inneren Reinigung. Wenn du das spürst, dann lese die Bücher deines Meisters noch intensiver, immer wieder das Gleiche.

Du musst deine Psyche sauberhalten. Wenn Gedanken und Gefühle zu intensiv werden, dann merke das und wiederhole dein Mantra. Wechsle dein Mantra und deine Methoden der Meditation und des Studiums nur, wenn dir das dein Meister (bitte denke daran, dass ich das Wort „Meister“ nicht männlich oder weiblich meine, sondern nur als „Berufsbezeichnung“ und mir gerne das der/die –In sparen möchte.) sagt. Sonst bleibe immer bei der gleichen Praxis. Wenn du Sehnsucht nach Abwechslung hast, dann fahre immer wieder an einen anderen Ort in den Urlaub, wechsle deine Lieblingsrestaurants, deine Wohnung, dein Land, deine PartnerInnen (wenn damit nicht nur dein Stresspegel steigt), aber lass deine innere Unruhe, die nach Abwechslung sucht, nicht an deinem Yogaweg aus.

Die Tatsache, dass es auch andere, reine Wege gibt, heißt noch lange nicht, dass du sie alle beschreiten kannst, solltest oder musst. Glaub mir, dazu lebst du viel zu wenig lang. Du kannst froh sein, wenn du nach vielen Jahren, mit aller Unterstützung deiner LehrerInnen, deiner Meisterin, der Kundalini Shakti, einen Anflug von Verständnis hast, worum es geht auf dem Yogaweg. Und vielleicht auch, welchen Zustand jemand hat, von dem der Weg sagt, dass er Siddha ist, vollendet.

Es gäbe noch so viel mehr dazu zu schreiben, aber dafür fehlt mir die Zeit. Unser Sprachgebrauch im Deutschen kennt nicht umsonst das Sprichwort: Schuster bleib bei deinen Leisten. Genau, bleib bei EINEM Weg, und mach ihn zu deinem. Wenn dir das jetzt doch etwas zu eng und zu schlicht erscheint, dann wisse, dass diese Worte nicht für dich geschrieben worden sind.

 

Advertisements

4 Kommentare

Eingeordnet unter Der Yoga der Erkenntnis, Der Yoga der Schülerschaft, Der Yoga der Stetigkeit auf dem Weg, Der Yoga der Weisheit im Alltag

4 Antworten zu “Verführerische Vielfalt

  1. Anne Marie

    Lieber Vamdev
    Schön, wieder von dir zu lesen!
    Es hat mich viel Energie gekostet, meine Leisten zu suchen. Sie wurden mir geschenkt – einfach so – zack- und ich bleibe bei meinen Leisten. Sie passen seit 1983.
    Herzlichen Dank für deine mir kostbaren Blogeinträge.
    Anne Marie

  2. Astrid

    Lieber Vamdev,
    Auch ich freue mich, wieder einen neuen Text in deinem Blog zu finden.
    Du sprichst ein wichtiges Thema an. Wenn man beginnt, einen anderen neuen Weg zu gehen, weil das Herz und der Intellekt Nahrung sucht, und man hat das Glück, auf einen Lehrer wie dich zu stoßen, dann ist es bestimmt ganz normal, dass man die Lehren rund um den Yoga aufsaugt wie ein trockener Schwamm. Schon deswegen, weil er Antworten auf die Fragen des Lebens gibt. Irgendwann bleibt der Suchende dann bei einer Lehre und einem Lehrer hängen. Und erkennt, dass die Essenz der Lehre eigentlich ganz einfach ist—-auf den ersten Blick 🙂 (Vielleicht ist das Sichannähern auch wie eine Spirale, die der Suchende bis zur Mitte abwandern muss? )Wie du schreibst: Vertraue dem Dharma, dem Mantra, der Praxis. Der Intellekt kommt zur Ruhe und jetzt ist nur noch das Vertrauen wichtig.
    Eigentlich hat die Suche damit ein Ende. Man ist angekommen. Der eine oder andere mag es vielleicht gar nicht glauben. Der Verstand ist noch nicht zur Ruhe gekommen und war es ja bis jetzt gewohnt, hierhin und dahin zu Switchen. Wir leben ja auch in einer unsteten Welt. Und je mehr man nachdenkt und ausprobiert, umso mehr entgeht man der Schwierigkeit, sich am Ende der Suche mit sich selbst auseinanderzusetzen. Eigentlich sehr menschlich, nicht wahr?!
    Deswegen danke ich dir, dass du darauf hinweist, dass nach der Suche eigentlich das Vertrauen kommt. Und dass der Weg einspitzig gegangen werden muss.
    Eine Frage habe ich zu viveka: Inwieweit ist im Urteilsvermögen das Vertrauen beinhaltet? Ergänzt es sich ? Oder besteht es aus mehreren Teilen?
    Danke dir schon jetzt für eine Erklärung!
    Herzlichst , Astrid

    • Liebe Astrid,
      die Welt ist nicht unstet, nur die eigenen Psyche. Auch ist mein Menschenbild nicht so, dass es nur zu menschlich ist, dass man Schwierigkeiten damit hat, sich mit sich auseinanderzusetzen. Wieso denn auch? Und das ist auch nicht das Thema des spirituellen, und ganz sicher nicht, des Yogawegs. Du setzt dich nicht mir dir auseinander, denn du weiß ja noch gar nicht, wer du bist. Die Schwierigkeit besteht nur darin, sich wirklich unterweisen zu lassen. DAS ist das Problem. Und da versucht das Ego halt, zu kneifen und dieses Kneifen mit guten, berechtigten Gründen zu unterfuttern. Nach der Suche kommt das Machen, das den Weg-gehen. Viel wichtiger als Vertrauen ist Verständnis. Vertrauen ist da eher eine Folgeerscheinung. Ich hoffe sehr für dich, dass du deine wertvolle Lebenszeit nicht damit verbringst, dich mit dir auseinanderzusetzen. Denn das wäre dann die Superparty für dein Ego. 🙂

      Viveka braucht Wissen, Studium, einen wachen, hellen Verstand und ein starkes Herz. Vertrauen hat mit viveka nichts zu tun. Wie kannst du einem Weg vertrauen, wenn du nicht weißt, worum es wirklich geht? Also, lernen, lernen und wieder lernen. Und sich unterweisen lassen. Und das ist nicht wie beim Aldi einkaufen: möglichst preiswert und mit großer Auswahl, und einfach und ganz schnell durch die Kasse :)))).

      Also, alles Gute dir, vamdev

  3. Pingback: Yoga in Berlin › Schlafgold

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s