Vom Yoga der äußeren Form zum inneren Yoga – die große Herausforderung

Es genügt nicht, die Übungen im Yoga zu machen, heilige Asche aufzulegen, sich zu scheren, darauf zu achten, immer reine yogische Begriffe zu verwenden. Du sitzt vor den Fotos deiner Meister, die du überall um dich herum hast, du singst die Gita, meditierst, liest die Texte. Aber kommst über das Bittstellertum nicht hinaus. Du tust doch alles, was gelehrt wird, aber beim „Die Welt ist so, wie du sie siehst“ (Yoga Vasishta), bei „Ich bin Shiva“, bei „Gott wohnt in dir als DU“, da würdest du schon gerne noch ein wenig diskutieren. Da kann man es sich, sagst du, schon auch sehr leicht machen.

Und bei alle dem bemerkst du, dass deine Emotionen immer noch Katz und Maus mit dir spielen, obwohl du das doch schon mal so gut gekonnt hast, das Beherrschen dieser Eruptionen. Deine negativen Gefühle hast du schon verbannt geglaubt, aber dann, dann brechen sie wieder hervor, ungezügelt, deine Wut, deine Ressentiments, deine abschätzigen Worte über andere. Jetzt wird es natürlich schwierig: So lange auf dem Weg und so neben den Schuhen sein (Gruß an meine Schweizer LeserInnen): Dein ganzes spirituelles Sortiment muss herhalten, um das zu erklären, zu berechtigen, diese Unzulänglichkeit, dieses Nicht-anwenden-können der Lehre.

Und dann ist da (wie kann man dafür je genug dankbar sein, als Yogi auf dem Weg!) die Kraft der Gnade, ihre glorreiche spielerische Sicherheit im Zerstören deiner Begrenztheiten. Ich weiß nicht, ob du schon von Durga gehört hast, die mit wahrer Eleganz und Leichtigkeit ganze Riesenheere von Dämonen ausgelöscht hat, mit einem sanften, fast verschmitzten Lächeln. Sie macht keine halben Sachen. Sie wird dein Ego immer wieder liebevoll in die Falle locken, in der es sich offenbart, ungewollt und doch gewollt. Sie wird nicht ruhen, bis dein Weg von außen nach innen gewandert ist … solange du irgendwie weiter mitmachst.

Den Weg in dich hineinzubringen, das ist nicht so einfach. Viele Menschen verlassen lieber ganz den Weg, klagen den Weg und seine LehrerInnen an, halten den Guru in heiliger Distanz und lassen ihre Wut an anderen aus. Sie klammern sich mit allem, was sie zu haben meinen, an das, was ihnen bedeutend und wichtig ist. Das ist nur zu verständlich.

Einmal beschimpfte mich ein Kursteilnehmer wütend, als ich versuchte, das Mantra OM namah Shivaya so zu schreiben, dass es in ungefähr richtig auszusprechen war: Ohm namma Schiwahja. Was mir eigentlich einfiele, schimpfte er, diese heilige Schreibweise (OM namah Shivaya) so zu verunglimpfen mit dieser Schreibweise.

Dabei wusste er offensichtlich nicht, dass diese Schreibweise in lateinischer Schrift der Versuch war, die Silben des Devanagari (ॐ नमः शिवाय) irgendwie in eine englische Aussprache zu bringen. Und auch nicht, dass schon Devanagari eine Erfindung eines indischen Königs war, noch dazu ein Buddhist, der diese Schrift ca. 200 a.D. entwickelt und eingeführt hatte. Brahmanen, die traditionellen Hüter des Sanskrit, aus dieser Sprache stammt das Mantra, sind vielfach der Meinung, dass Sanskrit gar nicht geschrieben werden sollte, sondern nur mündlich ausgesprochen werden kann.

Aber das Ego liebt es, sich in Äußerlichkeiten und Wichtigkeiten niederzulassen. Es liebt die formale Perfektion. Daher ist das mit dem Ego und dem Meister so eine verflixte Geschichte. Der Meister liebt doch auch die Formen. Er, denkt sich das Ego, hat sie uns doch überhaupt erst gelehrt. Wo man, wie man, warum man sitzt, wie man Ganesha verehrt, welches Sitzkissen am besten ist, warum man den rechten Fuß zuerst über die Schwelle eines heiligen Ortes setzt. „Davon“, sagte das Ego, „wussten wir doch vorher gar nichts.“

Und dann passt es doch wieder nicht. „Jetzt mach ich es endlich einmal richtig, und dann ist es schon wieder falsch. Ich kann es einfach nicht recht machen.“ Das Ego rollt die Augen und erklärt sich das Ganze schließlich so: „Wahrscheinlich soll ich das alles nicht so wichtig, so ernst nehmen.“ Das Ego ist erleichtert, endlich hat es eine Möglichkeit für sich entdeckt, mit dem Wichtigen und mit den Regeln und der Tatsache, dass sich gerade um den Meister herum immer wieder Leute nicht an die Regeln halten, umzugehen.

Nach Jahren dieser Praxis winkt das Ego einfach ab, wenn der Meister wieder mit etwas Neuem kommt. „Kennen wir doch alles, haben wir schon gehabt, ich warte mal, bis die Welle wieder vorbei ist.“ Es verkennt vollkommen, dass das ganze großartige Spiel, das der Meister aufzieht, nur bewirkt, dass der Besitzer des Egos endlich wieder die Zügel in die Hand nimmt. Was das Ende des Egos, „wie wir es kennen“, bedeutet.

Für das Ego geht es nämlich nicht darum, die äußeren Formen nicht so wichtig zu nehmen, sondern sich selbst nicht wichtig zu nehmen. Mit nur ein klein wenig Distanz betrachtet, ist das wirklich eine herrliche Komödie.

 

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Yoga-Verständnis

Eine Antwort zu “Vom Yoga der äußeren Form zum inneren Yoga – die große Herausforderung

  1. Anne Marie

    Lieber Uwe
    Innerhalb von drei Stunden hast du mir/uns zwei Texte geschenkt, die auch für „alte Füchsinnen“ wie mich bedenkenswert sind. Ich werde die Beiträge mehrmals lesen. Sie sind mir kostbar.
    Mit einem herzlichen Dankeschön grüsst dich us Bärn
    Anne Marie

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