Wenn nichts dabei rauskommt – die beste Ego-Therapie im Yoga

Mein Meister hatte eine wundervolle Art, uns zu lehren, immer wieder aufs Neue. Einmal erlebte ich einen Austausch zwischen einem Ashram-Besucher und ihm. Der Mann klagte darüber, dass er sich immer als so besonders fühle. Mein Meister lachte ermutigend und sagte: „Aber du bist doch besonders.“ Und nach einer kleinen Pause sagte er dann: „Und alle anderen sind es auch.“ Ich könnte noch viele weitere Episoden wie diese erzählen.

Ich selbst hatte als junger Mensch, schon als Kind, oft das Gefühl, zu etwas Besonderem berufen zu sein. Ich fühlte mich immer irgendwie anders als die Anderen. Es war schon erstaunlich. Ich kam aus einfachem Hause, wie fast alle Menschen. Ich konnte das Besondere nicht erkennen, und doch: Dieses Gefühl einer besonderen Berufung hielt sich wacker in mir. Auch als ich meinen Meister traf, und schon noch viele Jahre auf dem Weg war, hatte ich immer wieder Träume, Eingebungen und so manch andere Hinweise auf etwas ganz Besonderes.

Mit der Zeit aber dämmerte es mir, dass es auch sein könnte, dass nichts dergleichen wahr werden könnte. Mir war klar, dass nichts an meinem Leben so ungewöhnlich anders war, als das meiner Mitmenschen. Anfangs war dieses Gefühl des völlig Normalen gewöhnungsbedürftig, um es milde zu formulieren. Es stellte sich die Vermutung ein, dass mein Alltag und mein Leben doch eher überschaubar bescheiden und gewöhnlich sein könnten. Was erst ernüchternd wirkte, machte Platz für Erleichterung.

Es zeigte sich, dass ein starkes Streben verschwand. Es musste wirklich nichts Erwähnenswertes rauskommen, am Ende meines Lebens. Das Banale, das Schlichte kam mir eher als einleuchtendes Ergebnis meines Lebens vor. Und das fühlte sich mit den Jahren immer besser an. Inzwischen bin ich froh, dass dieses Gefühl, für nichts Besonderes auf der Welt zu sein, in mir Platz genommen hat. Es ist nur vernünftig, dass sich mein Leben verflüchtigen wird, wie der chinesische Weise Dschuang-Tse es nannte: Ein Namenloser unter Namenlosen sein: Wer will das schon? Aber das sein zu können, das ist es.“

Beachtung, Bedeutung, Wichtigkeit – das alles sind Hindernisse auf dem Weg der inneren Freiheit. Auf dem Yogaweg brauchen wir niemand zu sein, zu werden, es muss nichts Besonderes rauskommen aus unserem Leben. Wenn man das so langsam erkennt, dann kann man getrost drauflos leben. Dann merkst du, dass du wirklich nicht deinen Lebenssinn aus deiner Arbeit holen musst, aus deinen Beziehungen, aus deinen Reisen, aus deinem Wissen über die Welt, aus deinem Denken und aus der „Tiefe“ deiner Gefühle.

Gelassen kannst du dann erkennen, dass all diese Dinge, die dich täglich beschäftigen, nur dazu da sind, deinem Leben einen Rahmen, eine Form zu geben. Das ist keine  Einengung, sondern nur das Schachbrett, auf dem du spielst.

Das ganz Besondere muss nicht überleben im Leben eines Yogis. Wir müssen uns keine Gedanken darüber machen, was wohl unsere materielle und geistige Hinterlassenschaft für diese Welt sein wird. Wir können ein Leben führen, wie in einem Hotel. Wenn Abreisetag ist, einfach alles packen, Schlüssel abgeben – das wars.

Wer hauptsächlich aus seinem Ego lebt, für den/die mag das erbärmlich klingen: Keine Spuren hinterlassen zu wollen, nicht für etwas zu arbeiten, was überdauert, wie Mozart, dessen Musik man auch 200 Jahre nach seinem Tod noch mit Begeisterung hört. Es mag sich anhören, als wäre keine Lebensfreude in so einem Leben.

Aber weit gefehlt. Dann wird es erst lustig. Im Außen haben Menschen schon nur eine sehr geringe Wirkung. Aber für uns ist es möglich, ganz und gar zu erkennen, wer wir sind, uns aus der Mickrigkeit zu verabschieden und zu erkennen, was ist.

Wer weiß, dass er alles ist, dass alles, was ist, sein Werk ist, wie kann so jemand auch nur einen Augenblick Interesse an Bedeutung und Besonderheit haben?

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Yoga-Verständnis

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.