Psychische Dynamik im Yoga

Das Konzept der psychischen Dynamik ist ein zentrales im Yoga. Um es zu verstehen, bedarf es einiger Grundlagen.

In der yogischen Psychologie bin ich der Besitzer der Psyche, der sie sozusagen bedient. Aber so, wie das Betriebssystem eines Smartphones zum Beispiel nur erfassbar und wirklich sichtbar wird, wenn man sie auf ein Smartphone aufspielt, so brauche ich die Psyche wie eine Art Hardware, um definitive Erlebnisse zu haben.

Die Psyche wiederum ist die Software des Körpers, der erst durch sie ein dienendes Instrument für mich wird, der mir alle möglichen Erfahrungen schenkt. Man könnte also, um beim Technikbeispiel zu bleiben, sagen, dass ich wie der Nutzer des Körpers, des Smartphones bin, der aber die Psyche oder das Betriebssystem braucht, damit mit ihm wie bei einem Smartphone irgendetwas passieren kann.

So weit so klar? Ja, genau, im Yoga ist die Psyche mit ihren Ablegern, Vernunft, Ego und Erinnerungsspeicher das Betriebssystem, nicht „ich“. Und der Körper ist das Instrument der Psyche.

Stell dir das als eine sehr vehemente, dynamische Bewegung von innen nach außen vor. Wie ein Schwall, der aus dir herauskommt, mit großer Kraft. Dieser Schwall, der so schnell und heftig ist, geht von dir über deine Psyche aus deinem Körper. Man könnte jetzt annehmen, dass ich das alles erfahre, was die Psyche über den Körper an Erlebnissen einholt, wie ein Fischer Fische über sein Netz einholt.

Das Problem ist, dass im Prozess des Nach-außen-Strömens ich mich so mitreißen lasse, dass ich vergesse, dass ich der Initiator von allem, was ich erfahre, bin.

Dieses Vergessen ist nicht wie „ich habe meinen Schlüssel vergessen“ oder „ich habe deinen Geburtstag vergessen“. Es ist tief gehend, umfassend, vollständig. In diesem Vergessen werde ich zum Opfer von dem, was mir „passiert“. Im Yoga heißt es, „was mir zu passieren SCHEINT“, wie das Wasser in einer Fata Morgana. Das geht so weit, und das ist die normale Lebenserfahrung der Menschen, dass ich mich als Opfer, hilflos, ohnmächtig fühle, ausgesetzt. Opfer wovon? Opfer der Fische, die der Fischer (meine Psyche) gefangen hat.

Hört sich sehr kryptisch, theoretisch, etc. an? Kann ich mir gut vorstellen. Aber wenn du das aufmerksam liest (und ich keinen logischen oder Verständnisfehler gemacht habe), wird es klarer.

Was kann ich da machen? Wie kann ich da etwas ändern, wenn mein Vergessen so vollständig ist?

Da kommt diese psychische Dynamik ins Spiel. Wenn die Fische im Boot sind, kannst du dich nicht mehr beschweren, dass du fischen gefahren bist. Wenn du das nicht willst, musst du viel früher anfangen. Und viel früher ist auch einfach:er Du musst einfach nicht mit dem Vorsatz aus dem Haus gehen, zu fischen.

Klingt etwas banal, aber es zeigt, dass wir dort anfangen sollten, etwas zu ändern, wo es möglich ist. Oft scheint mir unsere Kultur sich viel zu sehr mit den Fischen zu befassen, um im Bild zu bleiben.

Mein Meister hat oft mit uns über diese psychische Dynamik gesprochen. Wenn du aufhören willst, zu rauchen, dann kauf dir keine Zigaretten und geh nicht mehr in deinen Raucherclub. (ja, ich weiß, das ist jetzt etwas vereinfacht.) Wenn du fasten willst, dann leere vor dem Fastenanfang deinen Kühlschrank. 🙂

Meditiere. Wiederhole das Mantra. Lerne mit der Zeit zwischen Gedanken als Inhalt („ich mag diesen Typen einfach nicht“) und Gedanken als Energie (Dynamik) zu unterscheiden: Die Enge, die Hitze, das Herzklopfen, das flache Atmen, etc., was du halt spürst, wenn du so einen Gedanken hast.

Das Gefühl, von dem du meinst, dass es der Inhalt des Gedankens auslöst, wird aufrecht erhalten durch ständige Wiederholung der Begründung und Berechtigung des Gefühls in deiner Psyche. Sätze wie „das geht doch allen so mit dem“ oder „das ist doch ganz klar“ oder „es ist einfach Fakt“ bedeuten, dass dieser Begründungsprozess schon ein Weile in deiner Psyche sein Unwesen getrieben hat. Wenn das lange genug in deiner Psyche so gelaufen ist, wirst du in irgendeiner Weise zu Handlungen, auf den Inhalt deiner Gefühle bezogen, gezwungen.

Je selbstverständlicher dir dieser Vorgang erscheint („aber das geht doch allen normalen Menschen so“), desto schwerer wirst du dich tun, dich von den Inhalten abzuwenden, indem du dich der Energie dieser Gedanken und Gefühle zuwendest.

Wenn du einmal probieren möchtest, deine Aufmerksamkeit auf die Energie und nicht mehr auf die Inhalte zu lenken, versuche es mit einfachen, nicht allzu heftigen und alten Gefühlen/Gedanken.

Fragen bisher? Stell sie mir gerne.

 

 

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7 Kommentare

Eingeordnet unter Yoga-Verständnis

7 Antworten zu “Psychische Dynamik im Yoga

  1. Lisa

    Danke für deinen Beitrag! Ich habe ihn mehrmals gelesen und versucht, die Energie hinter den Gedanken/Gefühlen zu erkunden. Ich habe gemerkt, dass da wie ein Strudel ist, ein wilder Strudel, der sich Gedanken kreiert. Die Gedanken sind völlig willkürlich und absolut nicht notwendig, der Strudel kann aber nicht anders und greift sich irgendetwas. Wenn ich mich auf den Strudel konzentrierte, waren die Gedanken und damit verbundenen Gefühle wieder weg. Ist es das, was du damit gemeint hast?

  2. Liebe Lisa, es ist wirklich nicht die Energie HINTER den Gedanken/Gefühlen. Wenn du dir diese Gedanken-Gefühle als Münze vorstellen würdest, dann ist eine Seite Inhalt und die andere die Energie, wie ich das nenne, man könnte auch das Gewand, die Form, Hülle, etc. dazu sagen. Aber es ist nicht vorne oder hinten. Das ist mir wichtig, weil das die beiden unterschiedlichen Herangehensweisen darstellt. Es ist eine Betrachtungsweise, eine Verschiebung deiner Aufmerksamkeit.

    Deine Vorgehensweise, wie du sie im Kommentar beschrieben hast, ist genau richtig. Mit der Zeit wird es dir immer früher auffallen, dass deine Psyche an Begründungen für irgendwelche Gefühle baut.

  3. Tulsi

    Lieber Vamdev, danke für deine ausführlichen Erklärungen.
    Ich glaube, Gefühle in Form von Energie zu kennen. Beim Meditieren kann ich ihnen manchmal auf den Grund gehen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Energie dann erst zu z.B. Angst wird, wenn ich sie so benenne, aber eigentlich ist sie reine Freude. Kann es sein, dass ich aus einer Art Gewohnheit heraus, diese Energie negativ als Trauer oder allgemein als „Depression“ wahrnehme? Und wie kann ich das aufhören? Oder ist es so, wie ich mir das auch manchmal erkläre, dass die Energie tatsächlich eingepfercht, beengt und einfach unfrei ist durch irgendwelche alten, unbewussten Geschichten, und ich muss einfach warten bis die Kundalini ihre Arbeit vollendet. Je länger ich den Weg gehe, desto unerträglicher wird für mich dieses Gefühl der Unfreiheit bzw. Ohnmacht von der du sprichst.
    Noch eine Frage zu mir und der Psyche: Wenn ich richtig verstanden habe, hast du gemeint, dass ich nur durch meine Psyche und dem Körper als mein Instrument etwas erfahren kann? Aber um mich selbst als „existent wahrzunehmen“ brauche ich die Psyche nicht, oder kommt das sowieso nur zusammen vor? Es heißt ja auch, dass der Geist als Spiegel dient. Wie hängt das zusammen?

    • Liebe Tulsi,

      Ich kann mir nicht vorstellen, wie man irgendetwas in der Meditation auf den Grund gehen kann. Also bei mir ist da nur das Mantra oder nichts, was man beschreiben kann. Das mit dem Benennen ist so eine Sache. Ich spreche davon, dass der Gedanke wie zwei Formen hat: Eine Inhaltliche, da ist Benennung sicher entscheidend, und dann die Energetische. Wenn ich deinen Kommentar lese, dann habe ich den Eindruck, dass das für dich Vermischt ist. Die Energie ist nicht eingepfercht, sondern diese Energie, wenn man sie körperlich beschreiben würde, was für die meisten am klarsten ist, mag sich „wie eingepfercht“ oder eng, etc. anfühlen. Das ist nicht inhaltlich. Das ist eher wie eine mehr oder weniger nüchterne Analyse. Wenn ich da immer noch mit Gedankeninhalten wie alte Geschichten, etc. hantiere, verlasse ich ja das Energetische und bin wieder beim Inhalt. Auch ein Gefühl als „reine Freude“ zu bezeichnen, ist inhaltlich. Menschen sind unfrei, wenn man den Yogatexten und den Gurus Glauben schenken mag, weil sie vergessen haben, wer sie sind. Wenn die Kundalini in dir arbeitet und läutert, dann beseitigt sie diese Unwissenheit.

      Und ja, der Intellekt, ein Teil des psychischen Instruments, wie die Yogatexte das nennen, ist der Spiegel, in dem man sehen kann, was ist oder besser: wer ist. Er wird durch yogisches Üben, Mantra, Meditation, Seva, Studium, etc. geläutert. Alles Gute

      • Tulsi

        Lieber Vamdev,
        danke für deine Antwort. Könntest du vielleicht nochmal erklären: Was ist ein geläuterter Intellekt genau, bzw. was macht der nicht mehr? Warum Spiegel? Das ist mir nicht so ganz klar.
        Liebe Grüße

      • Liebe Tulsi,

        ein geläuterter Intellekt hat das Interesse an all dem verloren, was entzweit. Selbst wenn er umständehalber damit zu tun hat, ist sein Interesse nur sehr oberflächlich. Das Verbindende, das Gemeinsame findet er viel spannender und natürlicher als das Trennende. Er hat eine natürliche Affinität zur Schülerschaft, findet es spannend und interessant, sich den Worten der Schriften und der Meister gegenüber zu öffnen. Tratsch und oberflächliches Gerede findet er eher mühsam und sicher nicht unterhaltsam. Er wird nicht nervös, wenn er einmal allein ist, ohne Gesellschaft. Er hat die Affinität zur Weltlichkeit (siehe letzter Kurs im Herbst 2017) ganz verloren.

        Vielleicht gibt dir das eine Ahnung davon. Alles Liebe

      • Liebe Tulsi, ich finde deine Frage so wichtig, dass ich den Kurs im Herbst diesem Thema widmen möchte. 🙂
        Danke.

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