Verwechslungen und andere übliche Missverständnisse

Das ist mir heute untergekommen:

„Die meisten Menschen scheitern nicht an ihren Zielen, sondern im Umgang mit ihren Ängsten. Für ein freies Leben ist es jedoch entscheidend, nachhaltig und wirkungsvoll damit umzugehen. Die Kursleiterin ist überzeugt, dass ein wertschätzender Umgang mit sich selbst und seinen Gefühlen jeden Menschen wieder in Kontakt mit seiner ursprünglichen Vision und Power bringt. Und von hier aus ist ein authentisches Dasein nicht nur möglich, sondern die logische Schlussfolgerung.“

Wie ich im Thema ja schon sagte, geht es um Verwechslungen und um Missverständnisse. Unsere Kursleiterin, die das sicher selbst geschrieben hat, hat so manches verwechselt hier. Es geht mir nicht darum, irgendjemanden in ihrer Abwesenheit zu verunglimpfen, daher auch keine Namen und keine Quellen. Ich möchte damit nur etwas aufzeigen.

Viele Menschen hören so etwas und überlegen sich, ob sie das Budget dafür haben, sich das beibringen zu lassen. Die Verwechslung der meisten liegt bei Gefühlen und der Begründung und Rechtfertigung dieser Gefühle. Diese Verwechslung ist intellektuell, aber auch ein Ergebnis von Ungenauigkeit. Es fehlt diese klare Trennschärfe. Wenn wir von Gefühlen sprechen, sprechen wir meistens über sie als ihre Begründungen.

Vielleicht denkst du dir, das ist jetzt schon ein wenig übertrieben. Gefühle, Begründungen, das ist doch alles das Gleiche. Das ist doch nur eine Spitzfindigkeit.

Vielleicht ist eine derartige Wort-Schludrigkeit notwendig, wenn man so wenig über so viel wissen will, wie das in unserer modernen medialen Welt vorgeschlagen wird. Aber Worte haben große Macht, wie wir ja alle wissen. Leid und Lied unterscheidet nur ein Buchstabendreher. Der  Bedeutungsunterschied ist aber groß. Wir sind also schon sehr präzise mit Worten, denn wir verstehen, dass ihr ungenauer Gebrauch Verständigung sehr erschweren kann.

Wie kann man einen wertschätzenden Umgang mit einem Gefühl haben? Wie kann man mit Ängsten nachhaltig umgehen? Wenn ich meine Gefühle wertschätze, was mache ich dann genau? (Vielleicht hättest du das ja in dem Kurs mit der oben erwähnten Kursleiterin gelernt, lieber vamdev, magst du denken) Alle Menschen haben die gleichen Gefühle, das zumindest behaupten die Yogatraditonen. Wut, Hass, Liebe, Freude, Neid, Mut, Angst, etc. sind Gefühle, die alle Menschen haben. Sie sind alle in Reinform in uns enthalten, heißt es da. Und zwar dort, wo wir hindeuten, wenn wir auf uns zeigen. Und da zeigt ja keiner auf sein Gehirn, auch der überzeugte Gehirnforscher nicht, der „weiß“, dass unser Bewusstsein im Gehirn ist. Und keine zeigt auf ihr Geschlechtsteil oder ihre Haare etc.

Dort also sind diese Gefühle vorhanden. Ausgelöst werden sie, so kann man in den Yogatexten lesen, von unseren Prägungen. Das geht allen Menschen so. Wie habe ich diesen Gefühlen gegenüber Wertschätzung? Mehr Sinn entsteht, wenn es sich um eine Verwechslung handelt, wenn nicht die Gefühle, sondern ihre Begründungen gemeint sind.

Inzwischen ist mir klar geworden, dass Menschen nicht wirklich unterscheiden können zwischen Gefühlen und deren sofort in ihren aufsteigenden Begründungen und Berechtigungen dieser Gefühle. Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Wenn du eine Hose trägst und einen Gürtel, den du viel zu eng zugemacht hast, und du das Gefühl, dass dir ständig schlecht ist und dein Darm schmerzt, damit begründest, dass du Darmkrebs hast, dann ist dieses Missverständnis für dein Leben in deinem Körper so etwas wie eine rote Karte.

Wenn du Gefühle mit ihren Begründungen verwechselst, dann wirst du auf eine Weise mit ihnen umgehen, die dich nur mehr und mehr in die Begründungen verstricken und begraben.

Wie kann ich Wertschätzung mir gegenüber in einem Atemzug mit der Wertschätzung meinen Gefühlen gegenüber erwähnen? Wenn ich mich mit den Begründungen für meine Gefühle identifiziere, ja, dann stimmt das. Aber wie soll ich so je an meine Kraft herankommen, wenn ich diesen Begründungen so viel Wert und Bedeutung gebe?

Meditation oder Mantra-Wiederholung ist der Schlüssel zur Erkenntnis, dass Gefühle und ihre Begründungen doch eine eher lockere Beziehung mit einander haben. Konzentrierte, entschlossene Mantra-Wiederholung nimmt den Begründungen mit der Zeit ihre Ernsthaftigkeit und ihren Wind aus den Segeln. Du wiederholst das Mantra, Gedankengefühle kommen dazwischen immer wieder auf. Aber du bleibst beim Mantra, mit dem Atem verbunden. Dann wirst du mit der Zeit sehen, wie du Begründungen für flüchtige Gefühle in deiner Psyche baust oder sie das selbst, (scheinbar) automatisch ihren Prägungen gemäß macht.

Wenn dein Wissen und deine Entschlossenheit stark genug sind, und glaube mir, dann lernst du sehr wohl und deutlich zwischen Emotionen und ihren Begründungen und Rechtfertigungen zu unterscheiden. Jetzt könntest du auf die Idee kommen, wenn du das langsam erlernt hast, zu versuchen, deiner Art, Rechtfertigungen zu erstellen, auf die Schliche zu kommen. Aber das wäre ein Irrweg, ist völlig uninteressant und nur geeignet, wenn dir sonst alles im Leben ziemlich langweilig ist.

Sonst bringt dir das nichts. Es lenkt dich ab, ab von dir, der wirklich nur so viel an diesem ganzen Prozess beteiligt ist, wie er es will. Da wird mir die Sprache schon wieder ungenau, leider. Wenn du alle „dus“ mit „ich“ ersetzt, passt es ein wenig besser.

Wie aber willst du diesen herrlichen Prozess bewerkstelligen, wenn du meinst du bist deine Gefühle, die du, wie dich selbst auch, wertschätzen solltest? Es wird nicht möglich sein. Und du bleibst auf lange, lange Zeit eine Gefangene deiner eigenen Berechtigungen für Gefühle, die alle Menschen doch mehr oder weniger gleich haben. Besonders individuell sind sie nicht.

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Eingeordnet unter Der Yoga der Emotionen, Der Yoga der Erkenntnis

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