Solange du noch Hoffnung hast,

sagte mein Meister einmal zu mir, bleibt dir die Vollkommenheit des Augenblicks verborgen. Damals dachte ich mir, klar, das macht Sinn. Aber in seiner ganzen Tragweite wurde das erst viel später klar.

Hoffnung ist für viele religiöse Menschen in der westlichen Kultur eine Möglichkeit, mit den Unwegsamkeiten der erlebten Gegenwart zurecht zu kommen. Wenn wir nicht genug haben, hoffen wir, dass es in Zukunft besser wird. Wenn wir Beziehungsprobleme haben, hoffen wir, dass es später besser wird. Wenn wir berufliche Probleme haben, hoffen wir, dass sich auch das mit der Zeit schon wieder bessern wird. Man könnte diese Reihe noch weiter fortsetzen. Es gibt viele Gründe, zu hoffen.

Aber wie genau funktioniert Hoffnung? Du hast ja nur dann Hoffnung, wenn etwas nicht gut läuft in deinem Leben, in dem, was du erlebst oder wovon du meinst/weißt, dass es ist. Die Erfahrung des Krieges lässt die Hoffnung auf Frieden wachsen. Ein als schwierig wahrgenommenes Leben jetzt lässt Menschen auf ein besseres Leben danach hoffen. Hoffnung ist also immer eine Reaktion auf das, was ist. Wer hofft, wendet sich in der Hoffnung immer vom hier und jetzt ab.

Um zu hoffen, auf diese Weise, muss man ein wirklich tiefgreifendes Missverständnis über das, was man erlebt, haben. Man versteht den Zusammenhang zwischen dem, was man erlebt, und dem, was man sozusagen mitbringt, nicht richtig. Was eine Situation, einen Menschen, einen Ort für dich zu einem negativen Ergebnis macht, sind Prägungen, also innere Gründe.

Moment, magst du denken. Und was ist mit Krieg, mit Mord, mit all den schrecklichen Dingen, die wir Menschen erleben? Ich möchte ganz bestimmt nicht sagen, dass schreckliche Dinge nur schlecht geredete Ereignisse sind. Aber Hoffnung ist nie eine gute Antwort auf derartige Erlebnisse. Warum nicht? Hilfe sie einem nicht über die momentanen Schrecken hinweg?

Nein, tut sie nicht. Sie lenkt ab, lenkt auch ab, von dem, was zu tun ist, jetzt. Hoffnung ist kein guter Handlungsimpuls bei schrecklichen Situationen. Die Vertröstung auf ein Paradies im Jenseits ist die Möglichkeit, Menschen einzureden, dass sie alles einfach erdulden sollen, weil es ja danach besser wird und es hier sowieso nicht gut sein kann und wird.

Und das tut genau das, was ich vorhin beschrieben habe: Es lenkt dich ab von dem, was jetzt zu tun ist. Manche missverstehen Yoga da vielleicht. Sie meinen, dass jemand, der sein Schicksal annimmt, passiv, duldsam und eine Art Opferlamm ist, das sich lieb und brav zur Schlachtbank führen lässt.

So habe ich jedenfalls die Worte Yogatradition nicht verstanden. Wenn du im Augenblick präsent sein kannst und nicht hin und hergerissen wirst von dein Verlangen deiner Sinne, kannst du sehr wohl effektiv und angemessen reagieren. Du kannst zutreffend einschätzen, was du tun kannst und was nicht.

Wenn du gelernt hast, nicht mehr Opfer deiner Gedanken und Gefühle zu sein, bist du effektiv in dem, was du tust. Und kannst traurig sein, wenn die Umstände es erfordern und lustig und mutig und stark.

Und deshalb: Lass es einfach, das Hoffen. Es ist reine Zeitverschwendung. Es ist das Ende der Gegenwart. Und der Anfang der Wiederholung der alten Gewohnheiten. Aber ohne Hoffnung leben, dann ist doch alles dunkel und schrecklich, oder? Das magst du dir denken. Aber nur, weil du nicht weiter, nicht tiefer über den inneren Prozess beim Hoffen nachgedacht hast.

 

 

 

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Yoga-Verständnis

2 Antworten zu “Solange du noch Hoffnung hast,

  1. Lisa

    Lieber Vamdev
    Was ist der Unterschied zwischen Hoffnung und Zuversicht? Sollte man auch keine Zuversicht haben?
    Alles Liebe

    • Liebe Lisa, das sind wirklich zwei ganz verschiedene Dinge. Spirituell gesehen zumindest. Im täglichen Wortgebrauch werden die meisten vielleicht nicht so unterscheiden bei diesen beiden Begriffen. Zuversicht ist ein wunderbarer ZUSTAND. Es ist geboren aus einem tiefen Wissen. Für Yogis ist es das Wissen „Ich bin Shiva“, die Quelle aller Zuversicht. Hoffnung ist etwas anderes. Sie ist, wie im Artikel beschrieben, geboren aus einer Gegenwart, die hoffentlich in Zukunft besser wird. 🙂

      Alles Liebe und Gute dir!!!!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.