So richtig exotisch

So richtig exotisch ist heute, wer auf dem Yogaweg einen Guru hat. Das ist so, als wäre es irgendwann einmal exotisch, eine Mutter oder einen Vater gehabt zu haben. Was für eine unglaubliche Geschichte.

Überall in den Yogatexten wird der Guru und seine Bedeutung erklärt. Seine Notwendigkeit auf dem Yogaweg ist von je her unbestritten – in Indien. Hier im Westen hat man alles von diesem großartigen Weg abgezwackt, was der „Selbstbestimmtheit“ des Übenden im Wege ist, was nur irgendwie nach Hingabe, etc. roch, oder nach Meister und so hat man als Yogi und Yogini keinen Bedarf mehr nach einem Guru.

Einmal sagte mir jemand, dass er „einfach nicht der Typ von Mensch sein, der mit Gurus was am Hut hat“. Eine andere Yogalehrerin erzählte mir bei einem Abendessen beim Inder :), dass Gott ihr Guru sei (zum Glück wird der ihr nicht dazwischenfunken). Oder noch eine gute Ausrede war: „Ich habe Familie und einen guten Beruf hier, ich werde also nicht nach Indien pilgern, nur um dort beim Guru zu leben“. Beispiele dieser Art könnte ich noch sehr viele aufzählen.

Ich habe in diesem Blog schon viele Beiträge über die Notwendigkeit geschrieben, auf diesem Weg Schüler eines Gurus zu sein. Heute geht es mir um etwas anderes.

Das Problem, das wir Menschen im Westen haben, wenn wir uns dann doch durchgerungen haben oder wenn unsere Psyche aus unerdenklichen Gründen uns doch Schüler eines Gurus sein lässt, ist, dass wir nicht wirklich Erfahrung im Umgang mit Gurus haben, ganz abgesehen davon, dass wir auch nicht wissen, was einen Guru ausmacht.

Aber sagen wir einmal, du hast die Hauptkriterien in dem ersten Teil der Kularnava Tantra gelesen, in dem die Charakteristika eines Gurus beschrieben werden, oder auch die Guru Gita studiert, die beschreibt, wer und was der Guru ist. Dann ist es nicht so einfach, zu wissen, zu verstehen, wie das ist, einen Guru anzunehmen, zu tun, was der Guru sagt, Schüler zu sein.

Vielfach habe ich das um meinen Guru erlebt, selbstverständlich bei mir selbst zu allererst. Auf einen Schüler über ein Guru eine magische Anziehung aus. Ja, das ist so, ob uns das jetzt passt oder nicht. Und nicht passen tut es ja sowieso nur denen, die keinen Guru annehmen können.

Jeder hat seinen eigene Beziehung zum Guru, und die Guru Gita und viele andere Texte geben auch Hinweise, wie man zu einem Guru sein sollte. Wenn du wirklich einmal entdeckt hast, wie dir dein Guru in deinem Leben geholfen hat, dann hast du das starke Bedürfnis, zurückzugeben, dich zu bedanken. In Indien ist ziemlich klar, was man da macht und wie das geht. Hier im Westen ist das überhaupt nicht klar.

Menschen haben zu mir gesagt, dass in der Guru Gita steht, das ist der Text, der in meiner Tradition jeden Morgen gesungen wird, dass man dem Guru alles geben sollte, einfach alles. Das empört viele Menschen. Aber wenn man dann genauer hinsieht, heißt es, dass man dem Guru alles weihen sollte. Und weihen, was ist das? Ein so altertümlich anmutendes Wort, dass die meisten Menschen garnicht mehr wissen, was das ist und wie das geht.

Wie verhalte ich mich richtig? Was ich sicher weiß, dass die physische Nähe zum lebenden Guru eine große Herausforderung ist. Man beginnt zu vergessen, dass man mit seinem Guru ist und nicht nur mit jemanden, den man ganz gut kennt. Man verliert die heilsame Ehrfurcht, hat Diskussionen mit dem Guru wie man sie mit anderen Menschen hat. In der Guru Gita steht, dass man nie eine Diskussion mit dem Guru gewinnen sollte. (Alle, die das lesen und sich zu denen zählen, die keine ich-brauch-einen-Guru-Typen sind, sollten jetzt einfach weiterlesen, ohne sich erschüttert abzuwenden).

Ich selbst hatte nur kurz die Gelegenheit, nahe mit meinem Guru zu sein, hautnah sozusagen. Es war magisch, unglaublich. Ist mir immer noch frisch in Erinnerung, obwohl das schon viele Jahre her ist. Aber wenn man das täglich haben kann, dann braucht es einen sehr starken Verstand, um die Schuhe des Gurus nicht einfach zu tragen, statt sie zu verehren, wenn doch der Guru noch sagt, trag sie. (siehe „Spiel des Bewusstseins“, die spirituelle Autobiografie meines Gurus).

Bei manchen entsteht sogar Eifersucht um die Aufmerksamkeit des Gurus. Man hat sich so an die Nähe zu seinem Körper gewöhnt, dass man das als normal empfindet. Manche Gurus haben Familie, in Indien was das in manchen Traditionen sogar ein wichtiges Merkmal des Gurus, dass er sich im normalen Leben zurechtfand. Und wenn Gurus Familien hatten, dann hatten sie auch auf dieser Welt ihr Schicksal damit.

Sie hatten Kinder, und der erleuchtete König Janaka hatte angeblich 700 Königinnen, die mit ihm am Hof lebten. Der Weise Yajnavalkya hatte zumindest zwei Frauen, mit denen er in einem Haushalt lebte.

Jetzt stell dir vor, du hättest so einen Guru. Und du missverstehst den Guru immer noch als seinen Körper, was ja den meisten so geht. Aber dann kommst du, was dein Verhalten betrifft, eventuell zu falschen Schlüssen. Und wiederum kann eine scheinbare Nähe deine Schülerrolle verwischen. So nah bei einem lebenden Guru zu sein, ist meiner Meinung nach eine große, schicksalshafte Herausforderung.

Wie du vielleicht schon erahnst, ist das alles nicht so einfach. Der Guru ist für den Schüler immer der Guru, ganz egal, was er macht und wie er sich benimmt. Das ist ja das Problem mit der Suche nach einem Guru, und vor allem seiner Überprüfung durch den Schüler. Wenn du da nicht sorgfältig warst, dann kannst du in ganz komischen Geschichten hineingeraten. Oh je. Wir hier in unserer Kultur sind da einfach sehr, sehr naiv und unerfahren.

Die Guru Gita hilft, zu verstehen, wie du dich verhalten sollst, was das für eine Beziehung ist. Eins muss klar sein: Sie ist wie keine andere in deinem Leben. Und kluge Schüler des Gurus stellen den Guru allein an die erste Stelle in ihrem Leben.

Aber das ist ja ein perfektes Rezept für kultische Hörigkeit, magst du jetzt denken. Nein, das stimmt so nicht. Diese Stellenausschreibung für den Guru ist eine innere Stelle. Niemand muss je davon wissen. Aber es wird dir helfen, diese Beziehung so zu leben, dass sie dich befreit.

Wenn du bei deinem Guru bist und dir ein „nein, das stimmt nicht“ über die Lippen kommt, dann weißt du noch nicht, wie das geht. Wenn du bei deinem Guru bist und neugierig in seinem Leben schmökerst, dann weißt du noch nicht, wie das geht. Es ist verständlich, das Schüler Sehnsucht haben nach Neuigkeiten über ihren Guru, aber dein Verstand muss hellwach bleiben dabei, damit diese Sehnsucht nicht in Tratsch und Respektlosigkeit mündet.

Dein Guru ist nicht dein Lebensberater, er ist dein Befreiungsgarant, das ist etwas anderes. Dein Guru ist nicht dein Wahrsager, auch wenn er manchmal etwas über deine Zukunft sagt. Der Guru ist nicht dein Partnerschaftscoach, auch wenn er viele Tipps für dich parat hat, in dieser Richtung. Der Guru ist auch nicht eine wandelnde Yoga-Enzykopädie, auch wenn er die Schriften kennt und zitiert.

Verstehst du, was ich meine? Morgen wird dieser Körper 63 Jahre alt, kaum zu glauben, dass er so lange durchgehalten hat. Heute weiß ich, dass es ein Geschenk ist, ein unglaubliches Geschenk, das Glück gehabt zu haben, einen Guru im Leben zu haben, schon so lange Zeit, über so viele Lebensberge und -täler hinweg. Jeden Tag bin ich dankbar dafür. Schon allein dafür empfinde ich mein (für mich als sehr skurril empfundenes) Leben lebenswert, jedes Jahr, jeden Tag, jede Sekunde.

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Yoga-Verständnis

Eine Antwort zu “So richtig exotisch

  1. Rüdiger

    Der Artikel gefällt mir. Danke Vamdev

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