Archiv der Kategorie: Der Yoga der Emotionen

Verwechslungen und andere übliche Missverständnisse

Das ist mir heute untergekommen:

„Die meisten Menschen scheitern nicht an ihren Zielen, sondern im Umgang mit ihren Ängsten. Für ein freies Leben ist es jedoch entscheidend, nachhaltig und wirkungsvoll damit umzugehen. Die Kursleiterin ist überzeugt, dass ein wertschätzender Umgang mit sich selbst und seinen Gefühlen jeden Menschen wieder in Kontakt mit seiner ursprünglichen Vision und Power bringt. Und von hier aus ist ein authentisches Dasein nicht nur möglich, sondern die logische Schlussfolgerung.“

Wie ich im Thema ja schon sagte, geht es um Verwechslungen und um Missverständnisse. Unsere Kursleiterin, die das sicher selbst geschrieben hat, hat so manches verwechselt hier. Es geht mir nicht darum, irgendjemanden in ihrer Abwesenheit zu verunglimpfen, daher auch keine Namen und keine Quellen. Ich möchte damit nur etwas aufzeigen.

Viele Menschen hören so etwas und überlegen sich, ob sie das Budget dafür haben, sich das beibringen zu lassen. Die Verwechslung der meisten liegt bei Gefühlen und der Begründung und Rechtfertigung dieser Gefühle. Diese Verwechslung ist intellektuell, aber auch ein Ergebnis von Ungenauigkeit. Es fehlt diese klare Trennschärfe. Wenn wir von Gefühlen sprechen, sprechen wir meistens über sie als ihre Begründungen.

Vielleicht denkst du dir, das ist jetzt schon ein wenig übertrieben. Gefühle, Begründungen, das ist doch alles das Gleiche. Das ist doch nur eine Spitzfindigkeit.

Vielleicht ist eine derartige Wort-Schludrigkeit notwendig, wenn man so wenig über so viel wissen will, wie das in unserer modernen medialen Welt vorgeschlagen wird. Aber Worte haben große Macht, wie wir ja alle wissen. Leid und Lied unterscheidet nur ein Buchstabendreher. Der  Bedeutungsunterschied ist aber groß. Wir sind also schon sehr präzise mit Worten, denn wir verstehen, dass ihr ungenauer Gebrauch Verständigung sehr erschweren kann.

Wie kann man einen wertschätzenden Umgang mit einem Gefühl haben? Wie kann man mit Ängsten nachhaltig umgehen? Wenn ich meine Gefühle wertschätze, was mache ich dann genau? (Vielleicht hättest du das ja in dem Kurs mit der oben erwähnten Kursleiterin gelernt, lieber vamdev, magst du denken) Alle Menschen haben die gleichen Gefühle, das zumindest behaupten die Yogatraditonen. Wut, Hass, Liebe, Freude, Neid, Mut, Angst, etc. sind Gefühle, die alle Menschen haben. Sie sind alle in Reinform in uns enthalten, heißt es da. Und zwar dort, wo wir hindeuten, wenn wir auf uns zeigen. Und da zeigt ja keiner auf sein Gehirn, auch der überzeugte Gehirnforscher nicht, der „weiß“, dass unser Bewusstsein im Gehirn ist. Und keine zeigt auf ihr Geschlechtsteil oder ihre Haare etc.

Dort also sind diese Gefühle vorhanden. Ausgelöst werden sie, so kann man in den Yogatexten lesen, von unseren Prägungen. Das geht allen Menschen so. Wie habe ich diesen Gefühlen gegenüber Wertschätzung? Mehr Sinn entsteht, wenn es sich um eine Verwechslung handelt, wenn nicht die Gefühle, sondern ihre Begründungen gemeint sind.

Inzwischen ist mir klar geworden, dass Menschen nicht wirklich unterscheiden können zwischen Gefühlen und deren sofort in ihren aufsteigenden Begründungen und Berechtigungen dieser Gefühle. Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Wenn du eine Hose trägst und einen Gürtel, den du viel zu eng zugemacht hast, und du das Gefühl, dass dir ständig schlecht ist und dein Darm schmerzt, damit begründest, dass du Darmkrebs hast, dann ist dieses Missverständnis für dein Leben in deinem Körper so etwas wie eine rote Karte.

Wenn du Gefühle mit ihren Begründungen verwechselst, dann wirst du auf eine Weise mit ihnen umgehen, die dich nur mehr und mehr in die Begründungen verstricken und begraben.

Wie kann ich Wertschätzung mir gegenüber in einem Atemzug mit der Wertschätzung meinen Gefühlen gegenüber erwähnen? Wenn ich mich mit den Begründungen für meine Gefühle identifiziere, ja, dann stimmt das. Aber wie soll ich so je an meine Kraft herankommen, wenn ich diesen Begründungen so viel Wert und Bedeutung gebe?

Meditation oder Mantra-Wiederholung ist der Schlüssel zur Erkenntnis, dass Gefühle und ihre Begründungen doch eine eher lockere Beziehung mit einander haben. Konzentrierte, entschlossene Mantra-Wiederholung nimmt den Begründungen mit der Zeit ihre Ernsthaftigkeit und ihren Wind aus den Segeln. Du wiederholst das Mantra, Gedankengefühle kommen dazwischen immer wieder auf. Aber du bleibst beim Mantra, mit dem Atem verbunden. Dann wirst du mit der Zeit sehen, wie du Begründungen für flüchtige Gefühle in deiner Psyche baust oder sie das selbst, (scheinbar) automatisch ihren Prägungen gemäß macht.

Wenn dein Wissen und deine Entschlossenheit stark genug sind, und glaube mir, dann lernst du sehr wohl und deutlich zwischen Emotionen und ihren Begründungen und Rechtfertigungen zu unterscheiden. Jetzt könntest du auf die Idee kommen, wenn du das langsam erlernt hast, zu versuchen, deiner Art, Rechtfertigungen zu erstellen, auf die Schliche zu kommen. Aber das wäre ein Irrweg, ist völlig uninteressant und nur geeignet, wenn dir sonst alles im Leben ziemlich langweilig ist.

Sonst bringt dir das nichts. Es lenkt dich ab, ab von dir, der wirklich nur so viel an diesem ganzen Prozess beteiligt ist, wie er es will. Da wird mir die Sprache schon wieder ungenau, leider. Wenn du alle „dus“ mit „ich“ ersetzt, passt es ein wenig besser.

Wie aber willst du diesen herrlichen Prozess bewerkstelligen, wenn du meinst du bist deine Gefühle, die du, wie dich selbst auch, wertschätzen solltest? Es wird nicht möglich sein. Und du bleibst auf lange, lange Zeit eine Gefangene deiner eigenen Berechtigungen für Gefühle, die alle Menschen doch mehr oder weniger gleich haben. Besonders individuell sind sie nicht.

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Freude ist IMMER eine Alternative

Vor etlichen Jahren war ich dabei, aus den USA nach Deutschland zurückzukehren. Ich verbrachte meine letzten Tage bei meiner Meisterin und war im Ashram mit meiner Tochter unterwegs. Da sah ich sie aus ihrer Wohnung kommen, einen langen, langen Gang entlang, ein paar Treppen hoch, zu meiner Tochter und mir. Ich war ganz und gar beschäftigt mit meiner Trauer, weil ich meine Tochter zurücklassen würde und mit meiner Sorge um ihr Wohlergehen. Dieses Gefühl hatte mich wie eingedunkelt. Und genau in dieser inneren misslichen Lage kam sie, meine Meisterin, von weitem für mich sichtbar, unvermeidbar auf mich zu. Ich wollte ihr so sicher nicht begegnen, genierte mich (was schon fast lustig anmutet!) in meinem Zustand vor ihr, aber ich konnte einfach nicht von ihm lassen. Ich versuchte, irgendeine Türe zu öffnen, zur Cafeteria, zum Buchladen, zum Tempel, um ihr so aus dem Weg zu gehen. Aber alle waren verschlossen, und sie kam beschwingt und freudvoll auf mich zu.

Meine Tochter war neben mir und freute sich so sehr, meine Meisterin zu sehen, dass sie hüpfend und tanzend auf sie zulief und sie voller Schwung umarmte. „Wie geht es dir?“ rief meine Meisterin meiner Tochter begeistert zu, die mit gleicher Begeisterung „sehr gut“ rief. Und im gleichen Ton und voller Freude fragte sie auch mich, der ein paar Schritte entfernt stand, mit meinem kläglichen Versuch, irgendwie in der Mauer zu verschwinden: „Und dir? Wie geht es dir?“ Mehr als ein gemurmeltes „nicht so gut“ brachte ich nicht raus.

Das muss man sich einmal vorstellen: Es war, was ich damals nur ahnte, bis heute das letzte Mal, dass ich ihr von Person zu Person begegnete.  Und ich war so besetzt von meinen intensiven Gefühlen. Zuerst ging sie an mir vorbei, fast ein wenig hüpfend wie meine Tochter, dann wirbelte sich herum und sah mich intensiv an und sagte: „DU, gerade DU solltest nicht so sein!“ Mir war sofort „klar“, dass sie meinte, ich sollte nicht so fühlen und so entschuldigte ich mich bei ihr, ziemlich erschrocken. Dann stand sie vor mir, fast etwas ungeduldig und schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, nein!“ Dann wandte sie sich an ihre Sekretärin, eine 25-jährige Inderin und sagte gleichzeitig zu ihr und zu mir: „Ihr solltet euch treffen und miteinander reden.“ Dann ging sie weiter. Ihre Sekretärin blieb bei mir, und wir machten einen Termin aus.

Vieles kam bei diesem Treffen zur Sprache. Heute, aus der zeitlichen Distanz betrachtet, war das eines der Schlüsselerlebnisse auf dem Weg für mich. Es war eine großartige Kurskorrektur, fein, klar, kraftvoll. Eine Kurskorrektur hin zu mehr Selbstliebe: Die junge Frau sagte mir, meine Meisterin hätte einmal gesagt: „Von allen Menschen, mit denen du Zeit verbringst, verbringst du die meiste Zeit mit dir. Du musst mit dir die engste Freundschaft schließen“, wie das im Yoga immer der Fall ist.

Was ich heute sagen kann, ist, dass Freude immer eine Alternative ist, zu allen anderen Gefühlslagen. Schwere, Bedeutung, Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit – das sind in scheinbar schwierigen Lebenslagen die Gegenspieler der Freude in uns. Aber es ist möglich, sie außer Acht zu lassen. Meine Meisterin lud mich damals dazu ein, um der Freude des Augenblicks willen, meine Sorgen fallen zu lassen. Was ich nicht konnte. Noch nicht.

Sehr gut kann ich verstehen, dass viele Yogis auf dem Weg das Gefühl haben, dass Freude sicher NICHT immer eine Alternative ist, weil das Leben eben manchmal zu bedrückend, zu sehr eine Herausforderung ist. Menschen, die Yoga nicht praktizieren, würden sogar denken, dass wir den Ernst des Lebens leugnen wollen. Aber das ist nicht so.

Es geht immer wieder um die gleiche Einstellung: ich kann mit allen Gefühlen als Gefühle umgehen oder als deren Inhalte. Auf der Inhaltsebene muss ich mir quasi die Gründe für die Gefühlslage, die ich verändern möchte, ausreden. Und je nach dem, wie lange diese Gefühle in mir ihre Kreise gezogen haben und mich damit in ihren Bann gezogen haben, ist das wahrhaftig ein schwieriges Unterfangen.

Aber wenn es mir mit der Zeit (durch Meditation, durch Mantra, durch Studium) gelingt, Gefühle als Gefühle zu erfahren, in mir, wird Freude die vorrangige Alternative zu einem Zustand, wie ich ihn damals erlebt habe. Ich wusste sehr wohl, dass ich darin gefangen war, in dieser düsteren Gefühlslage … aber eben diese Gewissheit hat es mir auch unmöglich gemacht, im Angesicht der Freude und Leichtigkeit meiner Meisterin meine Gefühlslage zu ändern, der Realität ihrer Freude zu folgen.

 

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Liebe, und was man alles dazu sagen kann

Also, ich lade euch einmal ein, dieses Interview zu lesen, über Liebe. Da kann man gut erkennen, was „Liebe“ so alles sein soll. Schon interessant.

Hier ist der Link: http://www.swr.de/swr2/kultur-info/kulturgespraech/entzauberung-eines-beziehungsideals/-/id=9597128/did=13180980/nid=9597128/cgfpfi/index.html

Alles Liebe, bis bald

 

 

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Wechselbad und Tiefe

Heute hörte ich eine CD-Besprechung von musikalisierten Gedichten eines Lyrikers, den ich als Teenager sehr liebte. Seine Sprache war, wie ich damals, voller Melancholie und einer leisen, traurigen Schwere. Ach, wie ich das liebte.

Und der Kommentator erlebte auch das Hörbuch der Gedichte so. Aber heute, als ich hörte, wie dieser Sprecher von der melancholischen Tiefe dieser Gedichte sprach, musste ich fast lachen! Was ist an Melancholie bitte TIEF? Emotionen, Emotionen, „sagst du mir deine Emotionen, dann weiß ich, dass du mich tiiiiiieeef in dein Inneres hast blicken lassen“. Und wenn du mir dann noch über deine (ganz, ganz geheime) Sexualität erzählst, dann weiß ich, dass du dich mir ganz geöffnet hast.

Wie bitte? Das ist die TIEFE unserer Kultur? Als der Sprecher dann noch von der sehr persönlichen, höchst ungewöhnlichen Gefühlslage des Autors zu brabbeln begann, da musste ich wirklich lauthals (allein im Auto!) lachen! Gibt es jetzt beim modernen Menschen Verwachsungen im Herzchakra, so dass die Angst und die Wut und die Freude und der Mut plötzlich ganz anders und vor allem unterschiedlich daherkommen?

Alle Menschen haben alle Gefühle, manche sind sich dessen etwas bewusster oder überhaupt bewusst, andere nicht oder nur teilweise. Das ist so, wie jetzt, da ich mit den Fingern tippe, aber meine Füße, wenn auch im süßen Müßiggang verharrend, immer noch in ihrer Gesamtheit vorhanden sind. Also, was ist denn sooooo tiiiieeef und persönlich an Gefühlen, die jeder hat? Gibt es eine typisch chinesische Eifersucht und eine klassisch afrikanische Wut? Wohl kaum.

Und dann natürlich das Tabuthema Sexualität, das, wenn doch angesprochen, im vertraulichen Rahmen, versteht sich, seinem Gegenüber zeigt, dass man sich ganz offenbart. Egos HASSEN Offenbarung, und wenn sie sich aber trotzdem offen äußern, dann nur als besonderen Vertrauensbeweis. Also, jemand redet mit dir über „seine“ Sexualität, vielleicht sogar leicht errötend, weil es ja soooo persönlich ist.

Denken wir mal darüber nach: unser Körper hat in der Sexualität seinen Ursprung (bei den meisten zumindest stimmt das,) Also, sind wir fast alle auf die selbe Weise auf die Welt gekommen. Durch Sex. Und wieso ist das dann so seeeeehhhr persönlich? Vielleicht mag man nicht mit allen darüber reden, aber persönlich ist da nichts daran und auch nicht individuell. Die Möglichkeiten sind begrenzt, rein physisch, und dann kommen da noch  die Prägungen dazu und dann sind es noch viel weniger. Also, doch eher Allgemeingut und nicht wirklich so sehr individuell und persönlich.

Und doch definieren sich viele Menschen darüber: jemand IST hetero oder homo oder trans oder wie auch immer sexuell. Und dafür kann man sogar in manchen Gebieten dieser Welt die Todesstrafe erhalten. Und manche sterben dafür. Was für ein Unsinn! Und fast alle hier im Westen meinen, dass man sich doch in seiner Echtheit und Tiefe ausleben können soll. Und ich frage mich, von welcher Tiefe reden die denn?

Also, wenn du auf einmal bemerkst, dass du locker mit jemandem über deine Gemütszustände reden kannst, dann sei nicht erstaunt, wenn dein Gegenüber große, erstaunte Augen bekommt, und dir sehr berührt für deine Offenheit dankt. Aber lustig, lustig ist das allemal. 🙂

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Ein Teil oder das Ganze und weitere Gefühle :)

In einem Beitrag hat Barbara geschrieben, „Du bist Teil davon, von der Großartigkeit des Lebens…“

Darauf möchte ich eingehen. Auch auf die Gefahr hin, dass sich das für manche als etwas theoretisch anhört, sind mir da ein paar klärende Worte wichtig.

Das sogenannte normale Bewusstsein kann sich maximal als Teil von etwas fühlen. In ihrem Kommentar hat Barbara lustiger Weise auch geschrieben, „du bist die Göttlichkeit“, warum dann danach über den Teil schreiben?

Das, was ich unter normalem Bewusstsein verstehe, ist der Zustand, in dem alle Energien nach außen gerichtet sind, unwillkürlich, das heißt, wir haben in diesem Zustand keine Alternative. Und dieser Zustand kommt uns dann so normal vor, dass alle, die in diesem Zustand meine Worte lesen, sich vermutlich an den Kopf greifen und, diesen schüttelnd, weiterklicken. Gut so!

Aber dieser Normalzustand führt zu einem Leben, das wir dann runterleben, mit Auf und Ab, mit Stürmen in allen möglichen Wassergläsern, in glücklichen und unglücklichen Partnerschaften, und immer schön gefangen in den uralten Prägungen, die unsere Sinne lenken und leiten und nichts außerhalb zulassen. Wer um Himmels willen möchte DAS?

Der Zustand, den Yogis beschreiben, ist der, wie sie so oft betonen, WAHRE Zustand, wo du erkennst, dass alles, was ist und was nicht ist, alles was sein wird und scheinbar war, dass all das von dir ausgeht und nichts anderes als ein Ausdruck von dir ist. Auch wenn dieser Zustand sich offenbart, so ist doch eine Vorbereitungsarbeit notwendig, damit wir ihn aushalten können, sich ihm hingeben können und nicht gleich zum Arzt rennen müssen, um ihn uns wegmachen zu lassen wie ein Muttermal.

Auf diesem Weg, den wir Yogis sadhana (wörtlich: Mittel, um etwas zu erreichen) nennen wird man natürlich irgendwann einmal erkennen, dass dieses nach außen gerichtete Bewusstsein mit seinen Welterlebnissen nicht mehr so recht passt. Und dann entstehen Gefühle und Gedanken, die Menschen, die noch ganz im Normalbewusstsein sind, meist erschrocken als depressiv oder finster, etc. betrachten. Das ist nicht so.

Nur ist es dabei wichtig, zu verstehen, dass das vorübergehende Erfahrungen sind. Das Leuchten der Morgensonne, das Vibrieren des Lebens in allem Lebendigen, die Schöpfungskraft in allem, in Steinen, im Blau des Himmels, um nur weniges zu nennen, zu erleben, taucht für viele nicht gleich mit der ersten Meditation auf (aber das kann ohne weiteres sein, war bei mir so :)). Manche erhalten einen Ausblick auf das, was wirklich ist. Aber dann schmeckt das „Normale“ manchmal umso schaler.

Ich nenne diese Stimmungen, wie sie Satchidananda und Lilie beschrieben haben, psychische Kriyas, die kommen und wieder vergehen. Mit der Zeit merkt man nämlich ganz gut, dass diese Stimmungen es sind, die unsere Welt färben, und dass wir außerhalb dieser Stimmungen keine Welterfahrung haben. Mit der Zeit und der regelmäßigen Praxis von Mantra, Meditation und Kontemplation macht sich eine neue „Stimmung“ breit, die viel tiefer ihren Ursprung hat, als die, die man als Kriyas erleben kann.

Meistens ist das auch eine ganz einfach Sache. Vielleicht hilft ja diese Geschichte weiter.

Eines Tages  hatte Sheikh Nasrudin den ganzen Tag nichts zu essen bekommen, Fatima, seine Frau, war bei Verwandten und ihm war das Geld ausgegangen. So setzte er sich am Abend, etwas müde vom Betteln, in den Schatten eines Baumes. Geplagt von Hunger beschloss er, sich einfach im Geist eine Mahlzeit zu kochen.

Zuerst setzte er den Reis auf – er war der Reiskoch-Experte in seiner Familie, und schon beim bloßen Gedanken an den Duft von frisch gekochtem Basmatireis lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Und dann, ja dann gab es Gemüse, er wählte nur die besten, teuersten Zutaten aus und beim Abkosten stellte er fest, dass ihm da wieder ein Meisterwerk gelungen war. Schnell noch den Dal, das Linsengemüse, gekocht und alles servieren und endlich….. ESSEN! Mit geschlossenen Augen stellte er sich vor, in der Mitte der Reis, umgeben von köstlich duftenden Inseln aus Sabji (Gemüse) mit einem feinen, hellen, Uriddal, einer Art dicke Linsensuppe. Das war’s. Er hätte auch nicht länger warten können, sein Hunger war übermächtig.

Als er so in seiner Vorstellung zu essen anfing, bemerkte er, zu seinem Gram, dass er den Dal viel zu scharf gewürzt hatte. Voller Schmerz fächelte er sich mit der Hand vor dem Mund herum. Ein Mann, der neben ihm unter dem Baum Schatten und Ruhe gesucht hatte, war erstaunt. Was machte der Mullah da neben ihm? Er schubste Nasrudin etwas und als der die Augen öffnete, fragte der Mann: „Oh Mullah, was ist los?“ Nasrudin gab mürrisch zur Antwort: „Ach was, ich hab einfach den Dal zu scharf gewürzt!“ Das erstaunte den Mann noch mehr, denn er sah keinen Dal. Nasrudin erklärte ihm seine schlimme Lage und auch, dass er sich in Gedanken verwürzt habe. Der Mann traute seinen Ohren nicht und murmelte: „Aber warum hast du dir dann nicht auch eine Süßigkeit erdacht, damit die Schärfe deines Dals nicht so unerträglich ist?“ (Denn in Indien gleicht man Schärfe oft mit einer quietschsüßen Nachspeise aus :))

Also, anstatt „ich kann das alles nicht mehr ab“ Gefühlen mehr und mehr Raum zu geben, fülle diese Zeiträume mit Mantra, mit Dankbarkeit, mit „Ich bin Shiva“. Ich meine das sehr konkret so, wie ich es schreibe. Sonst redet dich dein Geist noch in Gefühlslöcher, aus denen du nicht mehr so leicht rauskommst. 🙂

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Fühlen ohne Grund?

Für die meisten Menschen ist das nicht wirklich vorstellbar.

Ich denke da an ein Seminar, das ich vor Jahren in den USA mitmachte. Es war sehr intensiv, was damals gerade „in“ war und ich lernte eine ganze Menge über alle möglichen Dinge. Offensichtlich hatte der Trainer einen yogischen Hintergrund, wie sich an folgender Szenerie herausstellte (in einer Pause bestätigte er mir lächelnd sein Studium in östlicher Psychologie):

Mitten während eines Prozesses stand er auf und bat uns, das Gleiche zu tun. Als wir dann alle standen, sah er auf seine Uhr, um anzudeuten, dass wir jetzt eine zeitlich exakt abgegrenzte Übung machen würden.

Mit neutralem Gesicht sagte er dann: Wir werden jetzt fünf Minuten lachen. (Damals wusste man normalerweise noch nichts von dem so genannten „Lach-Yoga“). Er sah auf seine Uhr und gab uns mit der Hand ein Zeichen und sagte: „Los auf drei: Eins, zwei, DREI!“ Im Raum machte sich höchst betretenes Schweigen breit, während er aufmerksam und geduldig auf seine Uhr sah. Das Schweigen schien für viele unbeschreiblich unangenehm zu sein. Schließlich brach es aus einem älteren Herrn hervor: „Ich kann doch nicht einfach so lachen, ohne Grund“, rief er.

Der Trainer lächelte und sagte knapp: „Dann erfind dir doch einfach einen Grund. Sonst machst du es doch auch so.“ Dann brach er die Übung ab und wir diskutierten die für die meisten erstaunliche Tatsache, dass Emotionen und ihr Existenzgrund zwei voneinander getrennte Dinge sind.

Damals schon dachte ich mir, das können nur Yogis verstehen, ich meine damit Menschen, die gelernt haben/lernen, in der Meditation, dass Gedankengefühle ständig in uns aufsteigen und dass ihre Begründung nicht zwangsläufig und vor allem unlösbar mit ihnen verbunden sein muss.

Ohne Meditation ist das nur theoretisch, wenn überhaupt, klar. Sonst würden viele Menschen, die angeblich spirituell „unterwegs“ sind, ihren Gefühlen, die NUR durch ihre Begründung oder Rechtfertigung Dauer erlangen, nicht eine derartige Bedeutung geben. Es gäbe dann auch keinen Grund, die Muster dieser Gefühlsgedanken zu erkennen, und es gäbe auch keinen Grund, dieser Fata Morgana entgegen zu wirken.

Für uns Yogis ist das erst mit der Zeit so deutlich zu sehen. Zu sehr drängt uns Kultur und Erziehung zu emotionaler Unbeweglichkeit. Erst mit der Zeit können wir sehen, das man ohne weiteres Begründung und Emotionen trennen kann, mehr noch, sie sogar anders zusammenbauen kann.

Wenn du aber immer noch ganz davon ausgehst, dass dich Gefühle und Gedanken, und die daraus resultierenden Taten als Mensch ausmachen, dass das das Wesenhafte an dir ist, dann sind die von mir erläuterten psychologischen Möglichkeiten undenkbar, vielleicht sogar herzlos und menschenverachtend.

Am besten angewandt sind diese yogischen Grundsätze bei einem persönlich. Wenn ich überhaupt über gesellschaftliche, kulturelle Dinge spreche, dann nur, um unsere eigene psychologische Umstände verständlich zu machen.

Es geht mir auch nicht um die Beurteilung der Zuständen „normaler“ Menschen (ein Begriff aus den Spanda Karikas), sondern eher darum, zu verdeutlichen, warum es nicht einfach ist, die Fähigkeit der Trennung von Emotion und Begründung zu erlernen und anzuwenden. Auch halte ich es für wichtig für unseren Alltag, sich klar zu machen, dass normalen Menschen diese Trennung nicht einmal im Ansatz möglich ist.

Es entspricht meinem Studium und meiner eigenen Erfahrung auf dem Yogaweg, dass ohne die Hilfe eines initiierenden Meisters diese Fähigkeit nicht erlernbar ist, weil sich unser Interesse, das zu lernen, erst gar nicht entwickeln kann. Die Information allein, so scheint es mir, erweckt in uns noch lange nicht die starke Vision der Freiheit, die man braucht, um den Weg lange genug zu gehen, damit es grundsätzlich immer möglich ist, Gefühl und Grund zu trennen oder frei zusammen zu bringen.

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2. Gedankengefühle sind flüchtige Gebilde

Meine Lieben,

Yoga verwendet ja viele Methoden, um uns die Möglichkeit zu geben, nicht mehr NUR Opfer unseres Denkens und Fühlens zu sein.

Wie bitte? würden die meisten denken. Wie soll das gehen? Ich will doch nicht meine tiefen Gefühle unterdrücken, verdrängen! Lehrt Yoga dann, KEINE Gefühle mehr zu haben? Die Menschen, die bei uns hier Yoga praktizieren, und so denken, bemühen sich sehr, weniger zu fühlen, weniger tiefe Emotionen zu haben. Einmal sagte mir eine Yogalehrerin, dass es ihr immer mehr gelinge, diese hohen Höhen und die tiefen Tiefen langsam zu reduzieren in ihrer Gefühlswelt. WAS? Yogis sind also emotionale Zombies, die alles immer mehr kalt lässt?

Was soll das? Das bedeutet doch nur, dass jemand seinen Gefühlen große Macht einräumt, die mächtigen Yogamethoden einsetzt, um weniger diese übermächtigen Gefühlstumulte zu haben. Glaubt mir, darum geht es sicher nicht im Yoga. Menschen, die das versuchen, praktizieren nicht Yoga, sondern benutzen die Methoden des Yoga, wobei sie nicht im Geringsten aufhören, Opfer ihrer Emotionalität zu sein.

Also, Gefühle sind Gefühle, nichts weiter. Sie haben große Kraft und sind flüchtiger als das leichteste ätherische Öl. Wenn unser Verstand aber seine Gedankenarbeit aufnimmt und Gefühle mit Berechtigung und Erklärungen unterfüttert, dann ist das vergleichbar mit der Wirkung auf Kälte und Gasen. Sie können vollkommen erstarren und hart werden. Ihre Flüchtigkeit ist verloren. Berechtigte Gefühle sind wie Trockeneis. Und sie lassen auch alles andere um sie herum mit erhärten. Gefühle verlieren so ihre eigentliche Natur. Mit genug Berechtigung und Erklärung können aus diesen wolkenhaften Gebilden, Emotionen genannt, Handlungszwänge entstehen, die meistens großes Unglücklichsein bewirken.

Dann ist es nur mehr schwer möglich, diese Gedanken und Gefühle abzubauen, ihnen ihre Flüchtigkeit zurückzugeben. Sie hinterlassen tiefe Spuren, Prägungen im Yoga genannt, und wie bei einem tief eingefahrenen Hohlweg rutschen wir immer wieder rein, in diese Gedankengefühle, und mit jedem Reinrutschen werden sie tiefer und tiefer. Ein ziemlich perfieder Teufelskreis.

Wenn Gefühle und Gedanken ihrer Natur nach flüchtig sein könnten, dann hätten wir mehr Freiheit in unserem inneren Zuhause. Solange nicht klar ist, dass das Problem in der Verfestigung von Gedanken und Gefühlen liegt, wir mein Yogaweg diese Zwangshaftigkeit und Verstarrung der Gefühle nur noch vertiefen.

Fortsetzung folgt 🙂

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