Archiv der Kategorie: Der Yoga der Erkenntnis

Verwechslungen und andere übliche Missverständnisse

Das ist mir heute untergekommen:

„Die meisten Menschen scheitern nicht an ihren Zielen, sondern im Umgang mit ihren Ängsten. Für ein freies Leben ist es jedoch entscheidend, nachhaltig und wirkungsvoll damit umzugehen. Die Kursleiterin ist überzeugt, dass ein wertschätzender Umgang mit sich selbst und seinen Gefühlen jeden Menschen wieder in Kontakt mit seiner ursprünglichen Vision und Power bringt. Und von hier aus ist ein authentisches Dasein nicht nur möglich, sondern die logische Schlussfolgerung.“

Wie ich im Thema ja schon sagte, geht es um Verwechslungen und um Missverständnisse. Unsere Kursleiterin, die das sicher selbst geschrieben hat, hat so manches verwechselt hier. Es geht mir nicht darum, irgendjemanden in ihrer Abwesenheit zu verunglimpfen, daher auch keine Namen und keine Quellen. Ich möchte damit nur etwas aufzeigen.

Viele Menschen hören so etwas und überlegen sich, ob sie das Budget dafür haben, sich das beibringen zu lassen. Die Verwechslung der meisten liegt bei Gefühlen und der Begründung und Rechtfertigung dieser Gefühle. Diese Verwechslung ist intellektuell, aber auch ein Ergebnis von Ungenauigkeit. Es fehlt diese klare Trennschärfe. Wenn wir von Gefühlen sprechen, sprechen wir meistens über sie als ihre Begründungen.

Vielleicht denkst du dir, das ist jetzt schon ein wenig übertrieben. Gefühle, Begründungen, das ist doch alles das Gleiche. Das ist doch nur eine Spitzfindigkeit.

Vielleicht ist eine derartige Wort-Schludrigkeit notwendig, wenn man so wenig über so viel wissen will, wie das in unserer modernen medialen Welt vorgeschlagen wird. Aber Worte haben große Macht, wie wir ja alle wissen. Leid und Lied unterscheidet nur ein Buchstabendreher. Der  Bedeutungsunterschied ist aber groß. Wir sind also schon sehr präzise mit Worten, denn wir verstehen, dass ihr ungenauer Gebrauch Verständigung sehr erschweren kann.

Wie kann man einen wertschätzenden Umgang mit einem Gefühl haben? Wie kann man mit Ängsten nachhaltig umgehen? Wenn ich meine Gefühle wertschätze, was mache ich dann genau? (Vielleicht hättest du das ja in dem Kurs mit der oben erwähnten Kursleiterin gelernt, lieber vamdev, magst du denken) Alle Menschen haben die gleichen Gefühle, das zumindest behaupten die Yogatraditonen. Wut, Hass, Liebe, Freude, Neid, Mut, Angst, etc. sind Gefühle, die alle Menschen haben. Sie sind alle in Reinform in uns enthalten, heißt es da. Und zwar dort, wo wir hindeuten, wenn wir auf uns zeigen. Und da zeigt ja keiner auf sein Gehirn, auch der überzeugte Gehirnforscher nicht, der „weiß“, dass unser Bewusstsein im Gehirn ist. Und keine zeigt auf ihr Geschlechtsteil oder ihre Haare etc.

Dort also sind diese Gefühle vorhanden. Ausgelöst werden sie, so kann man in den Yogatexten lesen, von unseren Prägungen. Das geht allen Menschen so. Wie habe ich diesen Gefühlen gegenüber Wertschätzung? Mehr Sinn entsteht, wenn es sich um eine Verwechslung handelt, wenn nicht die Gefühle, sondern ihre Begründungen gemeint sind.

Inzwischen ist mir klar geworden, dass Menschen nicht wirklich unterscheiden können zwischen Gefühlen und deren sofort in ihren aufsteigenden Begründungen und Berechtigungen dieser Gefühle. Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Wenn du eine Hose trägst und einen Gürtel, den du viel zu eng zugemacht hast, und du das Gefühl, dass dir ständig schlecht ist und dein Darm schmerzt, damit begründest, dass du Darmkrebs hast, dann ist dieses Missverständnis für dein Leben in deinem Körper so etwas wie eine rote Karte.

Wenn du Gefühle mit ihren Begründungen verwechselst, dann wirst du auf eine Weise mit ihnen umgehen, die dich nur mehr und mehr in die Begründungen verstricken und begraben.

Wie kann ich Wertschätzung mir gegenüber in einem Atemzug mit der Wertschätzung meinen Gefühlen gegenüber erwähnen? Wenn ich mich mit den Begründungen für meine Gefühle identifiziere, ja, dann stimmt das. Aber wie soll ich so je an meine Kraft herankommen, wenn ich diesen Begründungen so viel Wert und Bedeutung gebe?

Meditation oder Mantra-Wiederholung ist der Schlüssel zur Erkenntnis, dass Gefühle und ihre Begründungen doch eine eher lockere Beziehung mit einander haben. Konzentrierte, entschlossene Mantra-Wiederholung nimmt den Begründungen mit der Zeit ihre Ernsthaftigkeit und ihren Wind aus den Segeln. Du wiederholst das Mantra, Gedankengefühle kommen dazwischen immer wieder auf. Aber du bleibst beim Mantra, mit dem Atem verbunden. Dann wirst du mit der Zeit sehen, wie du Begründungen für flüchtige Gefühle in deiner Psyche baust oder sie das selbst, (scheinbar) automatisch ihren Prägungen gemäß macht.

Wenn dein Wissen und deine Entschlossenheit stark genug sind, und glaube mir, dann lernst du sehr wohl und deutlich zwischen Emotionen und ihren Begründungen und Rechtfertigungen zu unterscheiden. Jetzt könntest du auf die Idee kommen, wenn du das langsam erlernt hast, zu versuchen, deiner Art, Rechtfertigungen zu erstellen, auf die Schliche zu kommen. Aber das wäre ein Irrweg, ist völlig uninteressant und nur geeignet, wenn dir sonst alles im Leben ziemlich langweilig ist.

Sonst bringt dir das nichts. Es lenkt dich ab, ab von dir, der wirklich nur so viel an diesem ganzen Prozess beteiligt ist, wie er es will. Da wird mir die Sprache schon wieder ungenau, leider. Wenn du alle „dus“ mit „ich“ ersetzt, passt es ein wenig besser.

Wie aber willst du diesen herrlichen Prozess bewerkstelligen, wenn du meinst du bist deine Gefühle, die du, wie dich selbst auch, wertschätzen solltest? Es wird nicht möglich sein. Und du bleibst auf lange, lange Zeit eine Gefangene deiner eigenen Berechtigungen für Gefühle, die alle Menschen doch mehr oder weniger gleich haben. Besonders individuell sind sie nicht.

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Freude ist IMMER eine Alternative

Vor etlichen Jahren war ich dabei, aus den USA nach Deutschland zurückzukehren. Ich verbrachte meine letzten Tage bei meiner Meisterin und war im Ashram mit meiner Tochter unterwegs. Da sah ich sie aus ihrer Wohnung kommen, einen langen, langen Gang entlang, ein paar Treppen hoch, zu meiner Tochter und mir. Ich war ganz und gar beschäftigt mit meiner Trauer, weil ich meine Tochter zurücklassen würde und mit meiner Sorge um ihr Wohlergehen. Dieses Gefühl hatte mich wie eingedunkelt. Und genau in dieser inneren misslichen Lage kam sie, meine Meisterin, von weitem für mich sichtbar, unvermeidbar auf mich zu. Ich wollte ihr so sicher nicht begegnen, genierte mich (was schon fast lustig anmutet!) in meinem Zustand vor ihr, aber ich konnte einfach nicht von ihm lassen. Ich versuchte, irgendeine Türe zu öffnen, zur Cafeteria, zum Buchladen, zum Tempel, um ihr so aus dem Weg zu gehen. Aber alle waren verschlossen, und sie kam beschwingt und freudvoll auf mich zu.

Meine Tochter war neben mir und freute sich so sehr, meine Meisterin zu sehen, dass sie hüpfend und tanzend auf sie zulief und sie voller Schwung umarmte. „Wie geht es dir?“ rief meine Meisterin meiner Tochter begeistert zu, die mit gleicher Begeisterung „sehr gut“ rief. Und im gleichen Ton und voller Freude fragte sie auch mich, der ein paar Schritte entfernt stand, mit meinem kläglichen Versuch, irgendwie in der Mauer zu verschwinden: „Und dir? Wie geht es dir?“ Mehr als ein gemurmeltes „nicht so gut“ brachte ich nicht raus.

Das muss man sich einmal vorstellen: Es war, was ich damals nur ahnte, bis heute das letzte Mal, dass ich ihr von Person zu Person begegnete.  Und ich war so besetzt von meinen intensiven Gefühlen. Zuerst ging sie an mir vorbei, fast ein wenig hüpfend wie meine Tochter, dann wirbelte sich herum und sah mich intensiv an und sagte: „DU, gerade DU solltest nicht so sein!“ Mir war sofort „klar“, dass sie meinte, ich sollte nicht so fühlen und so entschuldigte ich mich bei ihr, ziemlich erschrocken. Dann stand sie vor mir, fast etwas ungeduldig und schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, nein!“ Dann wandte sie sich an ihre Sekretärin, eine 25-jährige Inderin und sagte gleichzeitig zu ihr und zu mir: „Ihr solltet euch treffen und miteinander reden.“ Dann ging sie weiter. Ihre Sekretärin blieb bei mir, und wir machten einen Termin aus.

Vieles kam bei diesem Treffen zur Sprache. Heute, aus der zeitlichen Distanz betrachtet, war das eines der Schlüsselerlebnisse auf dem Weg für mich. Es war eine großartige Kurskorrektur, fein, klar, kraftvoll. Eine Kurskorrektur hin zu mehr Selbstliebe: Die junge Frau sagte mir, meine Meisterin hätte einmal gesagt: „Von allen Menschen, mit denen du Zeit verbringst, verbringst du die meiste Zeit mit dir. Du musst mit dir die engste Freundschaft schließen“, wie das im Yoga immer der Fall ist.

Was ich heute sagen kann, ist, dass Freude immer eine Alternative ist, zu allen anderen Gefühlslagen. Schwere, Bedeutung, Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit – das sind in scheinbar schwierigen Lebenslagen die Gegenspieler der Freude in uns. Aber es ist möglich, sie außer Acht zu lassen. Meine Meisterin lud mich damals dazu ein, um der Freude des Augenblicks willen, meine Sorgen fallen zu lassen. Was ich nicht konnte. Noch nicht.

Sehr gut kann ich verstehen, dass viele Yogis auf dem Weg das Gefühl haben, dass Freude sicher NICHT immer eine Alternative ist, weil das Leben eben manchmal zu bedrückend, zu sehr eine Herausforderung ist. Menschen, die Yoga nicht praktizieren, würden sogar denken, dass wir den Ernst des Lebens leugnen wollen. Aber das ist nicht so.

Es geht immer wieder um die gleiche Einstellung: ich kann mit allen Gefühlen als Gefühle umgehen oder als deren Inhalte. Auf der Inhaltsebene muss ich mir quasi die Gründe für die Gefühlslage, die ich verändern möchte, ausreden. Und je nach dem, wie lange diese Gefühle in mir ihre Kreise gezogen haben und mich damit in ihren Bann gezogen haben, ist das wahrhaftig ein schwieriges Unterfangen.

Aber wenn es mir mit der Zeit (durch Meditation, durch Mantra, durch Studium) gelingt, Gefühle als Gefühle zu erfahren, in mir, wird Freude die vorrangige Alternative zu einem Zustand, wie ich ihn damals erlebt habe. Ich wusste sehr wohl, dass ich darin gefangen war, in dieser düsteren Gefühlslage … aber eben diese Gewissheit hat es mir auch unmöglich gemacht, im Angesicht der Freude und Leichtigkeit meiner Meisterin meine Gefühlslage zu ändern, der Realität ihrer Freude zu folgen.

 

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Wenn dein Leben voller Aufgaben ist…

heißt das noch lange nicht, dass diese Fülle in dir einen Sturm der inneren Unruhe auslösen muss. Natürlich, wenn du wie alle anderen Menschen denkst und lebst, dann ist das zwangsläufig die Folge. Dann musst du aufpassen, dass du keine Burn-out hast, dass du nicht psychische Probleme bekommst, dass du nicht krank wirst, von all der Überlastung.

Aber für jemandem auf dem Yogaweg ist das nicht zwangsläufig so. Wieso nicht?

Weil wir lernen und immer wieder hören und uns immer wieder daran erinnern, dass das, was „außen“ läuft, nicht zwangsläufig auch in uns stattfinden muss. Ist dir klar, was das bedeutet? Das Leben ist wechselhaft, für alle Menschen. Wie das Wetter. Kurzfristige Änderungen und langfristige Entwicklungen. Das ist ganz normal, ganz gleich, welchen yogischen Zustand man errungen hat. Musst du deshalb auf den innere „Oh mein Gott, was soll ich nur machen“-Modus umschalten? Natürlich nicht, wenn du dir das, was ich yogische Psychologie nenne, angeeignet hast.

Wenn du verstehst, wie deine Psyche wirklich funktioniert, wenn du lernst, dieses erstaunliche Instrument zu verwenden, dann musst du nicht auf diesen Modus umschalten. Die nordindische Yogatradition, auch Shivaismus aus Kaschmir genannt, versteht die Psyche als reines Ich-Bewusstsein, das sich immer mehr verengt und einschränkt. (Prajnabhijna hrdayam, Vers 5) Diese Verengung und Zusammenziehung, so wird gelehrt, findet statt, wenn die Psyche sich nach außen richtet, auf (und jetzt wird es interessant) von ihr selbst nach außen projizierte „Objekte“, deren Form sie dann annimmt. Zu kompliziert? Dann lass uns das genauer ansehen.

Bewusstsein hat, wenn es „bei uns“ angekommen ist, also sich individuell ausformt, zwei Bewegungsrichtungen. Nach „außen“ und nach „innen“. Ich schreibe das in Anführungsstrichen, weil diese Bewegung nur scheinbar ist. Wenn sich die Psyche die „Objekte“ selbst erzeugt und dann darauf ihre Aufmerksamkeit richtet, dann ist dieses Nach-außen-Gerichtetsein ja nicht wirklich. Es ist wie ein Selbstgespräch, wie ein Tagtraum, den wir als solchen, also als Tagtraum, sehen können oder auf dem und mit dem wir reagieren können, als hätte wir eine objektive, faktische Wirklichkeit erlebt.

Nach „innen“ geht es dann, wenn wir erkennen, dass ein „Außen“ nicht wirklich existiert und nur eingebildet ist. Ja, genau, das bedeutet in erster Linie „sich nach innen richten“. Eine derartige Erkenntnis muss natürlich stabilisiert werden, durch die Praxis von Meditation und Mantra-Wiederholung (das ist wirklich die einfachste Methode der Stabilisierung). Die yogisch letztendliche Erkenntnis, dass alles was ist, war, sein wird und alles, was nicht ist und nicht sein wird, von mir ausgeht, ist der Endpunkt auf dem Weg der Verinnerlichung. Es geht also darum, sich von einer Illusion zu befreien.

Ich kann das gar nicht genug betonen. Erst wenn man das wirklich einsehen kann, begreifen kann, dass das „Außen“ nur durch Einbildung und Vergessen (dass es sich nur um eine Einbildung handelt) von dem, was wirklich ist, entsteht, fängt die Heimreise an. Ein großer Meister aus dem 10 Jh. beschrieb das so, als Heimreise. Solange ich aber meine, dass doch ganz bestimmte Dinge doch unabhängig von mir im Außen existieren, kann ich keinen tieferen Einblick in meine Wahrheit, meine Wirklichkeit nehmen.

Hast du Fragen dazu? Dann stell sie hier. Alles Liebe

 

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Der wahre Geschmack der Welt

Einmal trafen sich Buddha, Shankaracharya, der große Meister des Vedanta, und Abhinavagupta, der Shaivaguru, im Himmel. Ein Engel kam und reichte ihnen ein Getränk und sagte: Das ist das Getränk der Welt. Kostet es und sagt mir, wie es schmeckt.

Als Erster kostete Shankara und spuckte angeekelt wieder aus und rief: Schmeckt einfach nur schlecht. Als nächstes war Buddha an der Reihe. Der Engel reichte ihm den Trank und Buddha nahm einen Schluck. Völlig regungslos bemerkte er: Schmeckt nur nach nichts. Völlig geschmacklos.

Dann war es an Abhinava, zu kosten. Er nahm dem Engel den Becher aus der Hand und trank ihn in einem Zug und sichtlich genüsslich leer. Auch ihn befragte der Engel: Warum hast du mit solchem Genuss getrunken? Abhinava lachte und sagte: Der Geschmack der Welt ist genauso gut oder schlecht oder ganz ohne Geschmack, je nach dem, wie man ihn haben will.

Meine Meisterin sagte uns einmal: Wenn du nach Problemen suchst  wirst du unendlich davon finden. Wenn du nach dem Guten suchst  wirst du unendlich davon finden. Es liegt an dir, was du finden willst. So ist es. Ja, klar, magst du jetzt vielleicht sogar genervt abwinken. Wissen wir doch alle. Aber das dann auch konsequent leben können,  das ist noch etwas ganz anderes. Wie kann man diese Kluft zwischen Wissen und Können überwinden?

Wenn es auf diese Frage so eine richtig glatte, einfache Antwort geben würde, würden die meisten Menschen ihren geistigen Weg zu Ende gehen, was ja nicht der Fall ist. Die Worte der Antwort sind schon einfach: Wenn du weiter dein Mantra praktizierst, meditierst, ernsthaft, mit dieser ganz speziellen Entschlossenheit, die auch flexibel ist, wenn du studierst, über das, was du studiert hast, immer wieder nachsinnst, wenn du kein Problem damit hast, einen Guru zu haben, dann wird dieser Spalt, diese Kluft mit der Zeit verschwinden. Du wirst entdecken, dass immer weitere Bereiche deines Lebens eher mit Freude, mit Zufriedenheit, mit Dankbarkeit gefüllt sind und nicht mehr mit Sorgen und anderen inneren Feinden, wie Missgunst, Habgier, Neid, Eifersucht, Hartherzigkeit und emotionaler Kälte. Mit der Zeit werden Zustände dieser Art kurzlebiger, flacher und damit auch weniger heftig.

Ich dachte ja lange Zeit, dass das sowieso mit dem Alter kommt. Das würde dem Älterwerden eine sehr schöne Komponente hinzufügen. Aber leider ist das nicht so. Wenn du dein Leben lang deine Psyche diesen Räubern überlassen hast, dann solltest du nicht überrascht sein, wenn sie es sich im Alter in deiner Psyche so richtig bequem gemacht haben. Wie sollte es auch anders sein? Dieses den Weg weiter gehen ist entscheidend. Wenn Zweifel auftauchen, weil es vielleicht schon so lange geht, weil dir deine Gedanken einreden wollen, immer wieder, dass sich ja nicht wirklich etwas getan hat auf deinem Weg, dann wende dich an jemanden, der dir aus dieser Misere helfen kann.

Leider haben so manche Missverständnisse leise Pfoten und schleichen sich fast unbemerkt ein. Da braucht es deine Aufmerksamkeit, dein Urteilsvermögen, das im Yoga immer wieder so betont wird. Nur die yogische Art des Studiums kann dieser schleichenden Verwirrung Einhalt gebieten. Daher ist es immer wieder gut, die Worte der Meister zu lesen, deines Meisters, deiner Meisterin zu lesen. Wenn du bemerkst, dass du keine Lust mehr darauf hast, weil du das schon zur Genüge kennst, dann lese erst recht, was dein Guru geschrieben hat. So schleifst du den Edelstein deines Weges, deines Verständnisses mit der Zeit zu vollkommener Schönheit, zu makelloser Perfektion.

Dann ist der Geschmack der Welt köstlich, weil du lernst, überall den Segen von Kundalini Shakti, deines Meisters zu entdecken. Deine Welt ist dann mühelos mit Dankbarkeit erfüllt. Und wenn es Schwierigkeiten gibt, denen du dich stellen musst, dann können sie in dir nicht mehr diese Verzweiflung auslösen, wie das vielleicht früher der Fall war. Vielmehr vertiefen sie die innere Verbindung mit deinem Meister, intensivieren dein Vertrauen auf die Weisheit und Unfehlbarkeit deiner inneren Kraft, Kundalini Shakti.

 

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Verführerische Vielfalt

Sehr eigenartig mag dieser Text, der jetzt folgt, für manche erscheinen, die den Weg noch nicht als Weg begreifen. Alle die bitte ich, sich zumindest der Möglichkeit zu öffnen, dass hier etwas zu lesen ist, was früher oder später in der eigenen geistigen Entwicklung von Bedeutung sein könnte.

Schon seit vielen Jahren begleite ich Menschen auf dem traditionellen Yogaweg, wie ich ihn über meine Meister kennengelernt habe. Normalerweise würde ich das, worüber ich jetzt schreibe, nur in meinen Kursen erläutern. Da kann man nachfragen, von Angesicht zu Angesicht, und so zu Klarheit gelangen, zumindest für eine gewisse Zeit. Aber manche Eindrücke bestärken mich darin, darüber jetzt hier zu schreiben.

Wie so oft denke ich an die Worte meines Meisters, der sagte, dass dieser (Yoga-)Weg nichts für Menschen ist, die eine schwache Psyche und ein schwaches Herz haben. Damit meinte er nicht das physische Herz, sondern dein emotionales Gewand. Und was eine schwache Psyche ist, das lernte ich erst mit den Jahren verstehen.

Lass dich nicht verführen von den vielen Wegen und Pseudowegen, von den vielen Begriffen und Traditionen! Bleibe einfach in deiner Sicht, in deiner Praxis, in deinem Verständnis. Lerne, ganz klar zu unterscheiden, was von dem bei uns sehr reichhaltigen Angebot von „Spiritualität“ (in Anführungszeichen deshalb, weil das meiste sicher nicht das Papier wert ist, auf dem es gedruckt ist) wertvoll für deinen Weg ist und was nicht. Im Yoga heißt diese Fähigkeit Urteilsvermögen, viveka.

Viveka ist nicht gerade angesagt in einer Kultur, in der nur wenig filternde Meister diesen Sumpf der Meinungen, Lehren und Marketingstrategien für ihre Schüler sichten und ausmisten. Aber ohne viveka wirst du nur schwer erkennen, wie du auf dem Weg am besten dein Verständnis, deine Praxis vertiefen kannst. So viel scheint möglich, so reichhaltig ist das Angebot. Es erscheint fast als übermäßig schlicht daherzukommen, wenn gesagt wird, dass man am besten nur einen Weg, ein Mantra, einen Guru verehren sollte. Die Vielfalt ist, und das habe ich jetzt wirklich oft genug erlebt, verführerisch, unsinnig und überhaupt nicht hilfreich.

Das ist in keiner Weise eine Verurteilung anderer Wege. Denn natürlich gibt es unter den vielen Schwachsinnigkeiten auch Perlen, Wege, die genauso sauber sind, wie der, den ich gehe und vermitteln kann. Aber für dich, für den Menschen, der einen Weg geht, sind auch diese echten Wege nicht vorteilhaft. Jeder Meister, jede Tradition hat auch ein wenig ihre eigene Sprache, ihre eigenen Vorgehensweisen. Das Eine kann man meistens nicht auf das Andere übertragen.

Mein Meister hatte viele Schüler, und es war klar, dass Einige von ihnen den Weg auch zu Ende gegangen sind. Viele taten so als ob, aber Einige waren schon zu seinen Lebzeiten (ein eigenartiges Wort für einen Meister :)) selbst Meister, mit seinem ausdrücklichen Segen. Auch ihre Lehren hatten zu tun mit ihrer Persönlichkeit und nicht alles, was ich von meinem Meister kannte, entsprach dem, was sie lehrten.

In der Guru Gita heißt es (Vers 168): eko deva eka dharma, eka nistha param tapah. Ein Gott, ein geistiges Gesetz, eine innere Einstellung, das ist die höchste Bemühung. Lange habe ich das nicht so richtig verstanden, denn ich hatte das Glück, sehr unbedarft auf den Weg zu kommen. Es bestand keinerlei Grund für mich, mehrere Wege gleichzeitig auszuprobieren. Ich war beschäftigt genug, den einen irgendwie zu begreifen und zu verdauen. Und ich erkannte früh, dass mein Meister durch viele Zitate aus anderen Schriften in genialer Weise uns beim Weiterstudium über seine Bücher und Vorträge hinaus anleitete.

Es gibt einen unglücklichen Zustand, den Menschen erleben, die zu viel von zu vielen Traditionen ausprobieren, vermutlich in der Hoffnung, den Weg noch intensiver, noch schneller gehen zu können. Diesen Zustand bezeichnete mein Meister als spirituellen Dauerdurchfall, eine Art geistiger Verwirrung, die manchmal wirklich so verrückt macht, dass man nicht mehr ein noch aus weiß. Glaubt mir, dass ist nicht irgendein exaltierter Zustand, nicht eine vollständige Öffnung in kosmische Dimensionen, sondern nur schlicht und einfach eine gefährliche Verwirrtheit.

Lass all das. Wenn mein Meister bestimmte Teile, zum Beispiel der Kularnava Tantra zitierte, weil sie seiner Meinung nach die Meister-Schüler-Beziehung recht gut beschreibt, dann bedeutete das nicht, dass alles, was in dieser zum Teil sehr, sehr skurrilen Schrift steht, studiert werden sollte. Sicher nicht. Aber das hat er nicht eigens betont. Da brauchtest du viveka.

Verständnis im Yoga ist nicht zu verwechseln mit der Pandit-Gelehrsamkeit, die indische Gelehrte gerne an den Tag legen. Ihnen geht es oft auch um die möglichst besondere Zurschaustellung ihres umfangreichen Wissens und ihrer textlichen Präzision. Aber für Yoga-SchülerInnen ist das nicht wichtig. Es geht nur, nur, nur um den Weg. Man möge mich jetzt für einen engstirnigen Yoga-Tyrann halten oder was auch immer (habe da noch viel Schlimmeres gehört), das ist mir egal.

Wenn du Wissen ansammeln willst, dann studiere Politik, Physik, was auch immer, irgend eine handwerkliche Fähigkeit, eine Sprache (nicht unbedingt Sanskrit). Wenn du meinst, dass der Weg deine Psyche nicht mehr auslastet, dann mach irgendetwas. Aber missverstehe das nicht als Offenheit für andere Wege, als Auftakt zu Ausflügen in andere geistige Gefilde. Diese „Langeweile“ mit dem dir möglicherweise ja so vertrauten Weg ist ein Teil der sadhana, der inneren Reinigung. Wenn du das spürst, dann lese die Bücher deines Meisters noch intensiver, immer wieder das Gleiche.

Du musst deine Psyche sauberhalten. Wenn Gedanken und Gefühle zu intensiv werden, dann merke das und wiederhole dein Mantra. Wechsle dein Mantra und deine Methoden der Meditation und des Studiums nur, wenn dir das dein Meister (bitte denke daran, dass ich das Wort „Meister“ nicht männlich oder weiblich meine, sondern nur als „Berufsbezeichnung“ und mir gerne das der/die –In sparen möchte.) sagt. Sonst bleibe immer bei der gleichen Praxis. Wenn du Sehnsucht nach Abwechslung hast, dann fahre immer wieder an einen anderen Ort in den Urlaub, wechsle deine Lieblingsrestaurants, deine Wohnung, dein Land, deine PartnerInnen (wenn damit nicht nur dein Stresspegel steigt), aber lass deine innere Unruhe, die nach Abwechslung sucht, nicht an deinem Yogaweg aus.

Die Tatsache, dass es auch andere, reine Wege gibt, heißt noch lange nicht, dass du sie alle beschreiten kannst, solltest oder musst. Glaub mir, dazu lebst du viel zu wenig lang. Du kannst froh sein, wenn du nach vielen Jahren, mit aller Unterstützung deiner LehrerInnen, deiner Meisterin, der Kundalini Shakti, einen Anflug von Verständnis hast, worum es geht auf dem Yogaweg. Und vielleicht auch, welchen Zustand jemand hat, von dem der Weg sagt, dass er Siddha ist, vollendet.

Es gäbe noch so viel mehr dazu zu schreiben, aber dafür fehlt mir die Zeit. Unser Sprachgebrauch im Deutschen kennt nicht umsonst das Sprichwort: Schuster bleib bei deinen Leisten. Genau, bleib bei EINEM Weg, und mach ihn zu deinem. Wenn dir das jetzt doch etwas zu eng und zu schlicht erscheint, dann wisse, dass diese Worte nicht für dich geschrieben worden sind.

 

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Auf dem Sockel der Befreiung?

Vor vielen Jahren, nach der Trennung von meiner Partnerin, erklärte mir eine Frau in der Schweiz, warum sie jetzt nicht mehr in meine Kurse kommen würde. Sie sagte, dass sie mich vorher immer auf einen Sockel gestellt hatte, aber im Laufe dieser Trennung habe sie mich wieder von diesem Sockel runtergeholt, „auf Augenhöhe“. Spontan sagte ich zu ihr: „Wie schade! Du hättest dich mit auf den Sockel stellen sollen, dich erheben, und nicht mich in dir erniedrigen sollen.“

Immer wieder haben mir Menschen das sogar mit einer gewissen Portion Stolz erzählt, dass sie mich jetzt nicht mehr auf diesen Sockel stellen, dass es für sie wichtig war, mich von diesem Sockel zu stoßen. Na toll! Hast du damit deinen wahren Wert erkannt oder nur mich, der ich ja sowieso nur in deiner Vorstellung als der erscheine, von dem du MEINST, dass ich es bin, auf dein begrenztes Niveau in dir herabgestuft? Was nutzt dir das? In der Welt des Egos ist so ein Vorgang des Sockelsturzes ein Akt der Emanzipation. („Der (oder Die) ist auch nicht besser als ich“). Aber auf dem Yogaweg, wo es um Befreiung geht, um die Erkenntnis deiner Herrlichkeit, was nutzen dir diese Gedanken der Erniedrigung?

Ein ander Mal sagte jemand zu mir: „Ich meine, es ist doch klar: Du bist doch nicht erleuchtet!“ Als ich fragte, woher sie das wissen und beurteilen könnte, gab es nur ausweichende Worte. Mit der Folge, dass diese Person später verbreitete, der vamdev behauptet jetzt, dass er erleuchtet ist. Das Gleiche passiert auch anders herum: „Naja, ich bin halt noch nicht so weit wie du.“ So so. Du hast also die Möglichkeit zu beurteilen, wie weit andere Menschen entwickelt sind? Warum tut man das?

Das ist eine alte Geschichte. Im Christentum wird ja geglaubt, dass Jesus Gott in Menschengestalt war/ist. Und seit der Zeit hat man ihm alle möglichen besonders menschlichen Züge angedichtet: Dass er vor lauter Todesangst Blut geschwitzt hat, schon Tage vor seiner Ermordung, dass er in der Stunde des Todes all seine Göttlichkeit in tiefem Zweifel verloren hat: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen!?“ Natürlich wussten die Mystiker, dass diese Worte nicht aus der Verzweiflung kamen, wussten, dass jemand wie Jesus keine Todesangst haben KONNTE. Andere hatten sogar Mitleid mit Jesus, fühlten sich schlecht, weil sie mit ihren Sünden sein Leid verursacht haben. Was für ein grandioses Missverständnis!

Aber im normalen Christentum entstand so eine Solidarität der Begrenztheit zwischen Jesus und den Menschen. Er war auch nur ein Mensch. Genauso wie du und ich, begrenzt, voller Ängste, wütend und unbeherrscht (sein Wutausbruch mit den Händlern im Tempel wird da oft als Beweis herangezogen).

Befreiung oder Emanzipation im Yoga ist nicht das Verständnis, dass alle auch nur mit Wasser kochen. Die Ereignisse im Leben eines Menschen, sein Schicksal, geben keinerlei Aufschluss auf seine inneren Errungenschaften. Denn eines muss klar sein: Wie du jemanden mit seinen Handlungen wahrnimmst, hat in erster Linie mit dir etwas zu tun, mit deinen Prägungen, nicht mit dem Menschen, den du beurteilst oder einschätzt. Wenn du anderen die gleiche Begrenztheit andichtest, in der du dich wähnst, wie soll es je für dich möglich sein, dich zu befreien, von deinen inneren Fesseln, deinen Missverständnissen?

Ja, aber vamdev, das empfinden die Menschen doch nur auf dich bezogen so, magst du jetzt argumentieren. Beim Guru ist das doch sicher nicht so. Meinst du? Das wäre ja großartig, gerne würde ich Platz nehmen, am Fuße all der Sockel, von denen ich herabgezerrt wurde. Aber diese Haltung ist ja in der- oder demjenigen, der das macht, hat mit meiner Person nichts zu tun. Einmal hat mir eine langjährige Schülerin meiner Meistern gesagt: „Also für mich ist sie jetzt eher so etwas, wie eine Schwester.“ Oder jemand anderer, auch über viele Jahre mit meiner Meisterin auf dem Weg, sagte: „Es ist wirklich ein großartiges Gefühl, dem Guru in seiner Mission helfen, sie unterstützen zu können.“ Als ich das hörte, erschrak ich zuerst einmal, damals. Der Guru ist per Definition Shiva, hat alle Begrenzungen überwunden. Und dann meint ein Schüler des Gurus, er könne dem Guru bei seiner Arbeit helfen? Mit freundlichen Grüßen vom Ego wahrscheinlich.

Wenn du jemanden erhebst, dann nutze doch diese kurze Unachtsamkeit deines Egos dafür, dich mit zu erheben. Wenn du meinst, jemand ist erleuchtet, dann assimiliere diesen Zustand, anstatt diese Person in dir mit deiner Farbe einzufärben. Färbe dich in ihrer Farbe. Das Ego ahnt seine Begrenztheit. Manchmal, in seltenen Momenten der Klarheit. Ergreife solche Momente und schwinge dich empor, statt den Spalt des Segens wieder zu schließen mit Gefühlen und Gedanken wie „der ist auch nicht besser als ich“. In der Guru-Schüler-Beziehung ist es entscheidend, wie der Schüler den Guru sieht. Mein Meister sprach da immer von Shishya-krpa, dem Segen des Schülers. Er erklärte immer wieder, dass dieser Segen wichtiger sei als der Segen des Gurus.

Es spielt wirklich keine Rolle, wie weit jemand anderes ist. Die Frage ist, wie weit du befreit bist von deinen Gefangenschaften, von den Fesseln deiner Missverständnisse und vermuteten Unzulänglichkeiten. Was nutzt dir die Erleuchtung eines anderen? Vielleicht, dass dein Verstand glauben kann, dass der Weg wirklich funktioniert und andere in die Freiheit führen kann. Aber wenn dein Verstand seinen Weg darauf aufbaut, dass er für andere schon funktioniert hat, dann wird er auch, im Laufe der Zeit, Begründungen dafür finden, warum es bei dir nicht „klappt“.

Es geht auf dem Yogaweg ja nicht darum, Shiva zu jiva zu machen, sondern umgekehrt, das begrenzte Individuum aus seiner Begrenztheit zu führen zu Shivas Unendlichkeit. Mach dir also keine Gedanken darüber, ob jemand anderes den Weg zu Ende gegangen ist, sondern gehe du ihn zu Ende. Wenn du von jemandem lernen willst, wie zum Beispiel von vamdev, dann überprüfe in dir, ob das, was er lehrt, mit den Schriften übereinstimmt, mit den Worten der Meister. Und dann wende an, was du lernst. Lass dich nicht ein auf Diskussionen über die Zustände anderer.

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Respekt und Liebe – der Yoga der Menschlichkeit

pare prem se aur sanman se sabko hrdik svagat – „mit großer Liebe und Hochachtung heiße ich euch alle von ganzem Herzen willkommen“ – so begann mein Meister alle seine Vorträge, die ich von ihm gehört habe. Und weiter sagte er dann: „Anderen Menschen mit Respekt und Liebe zu begegnen, ist wahre Geschwisterlichkeit, wahre Menschlichkeit.“ Meist schob er dann noch nach, dass er das nicht sage, weil er uns schön tun wollte, sondern weil er das Licht reinen Bewusstseins immer zuerst sehe, bevor er die Form um das Licht herum wahrnehme.

Das Logo des Ashrams, in dem ich mit ihm lebte, waren gefaltete Hände, dem indischen Gruß entsprechend, mit dem Satz: „Seht Gott ineinander“. Jetzt praktiziere und lehre ich ja schon ziemlich lange, über 40 Jahre. Aber bei diesem Punkt sehe ich viele Yoginis und Yogis kläglich scheitern. Warum wohl? Yoga als Weg der Läuterung, der Transformation, der Überwindung von Gegensätzen ist, sobald die innere Kraft, Kundalini Shakti, aktiv ist, nicht nur eine Meditations-, Mantra- und Verständnispraxis, sondern auch eine Übung dieser Haltung anderen Menschen gegenüber. Das, vermute ich einmal, vergessen viele immer wieder. Sie finden sich irgendwie damit ab, dass es halt im Alltag nicht so einfach ist, (Liebe und Respekt anderen gegenüber) und man ja doch auch mal wütend sein darf und alle anderen Gefühle anderen gegenüber haben darf. Man sei doch auch noch Mensch, oder?

Die Frage ist, was Menschsein heißt? In einer Schrift heißt es: „Menschsein heißt Emotionen haben“. Gut, HABEN, aber doch nicht ihr Opfer sein. Und vielleicht dieses Opfersein dann noch mit einer Mischung aus westlicher Laienpsychologie und östlicher Spiritualität erklären und berechtigen. Respekt und Liebe sind eine yogische Disziplin, die ihre Kraft aus dem tiefen Wissen um wahre Menschlichkeit zieht. Als der Sage nach das vorherige Zeitalter – die indische Tradition spricht von vier Weltzeitaltern, die zyklisch immer wieder auftauchen – zu Ende ging, suchten die Yoginis und Yogis bei dem großen Weisen Vyasa Unterstützung für die Frage:  Wie kann man im schwarzen, schwierigen Zeitalter am besten leben? Vyasa soll sich der Sage nach in ein tanzendes Wesen verwandelt haben, schwarz wie dieser Kali Yuga (wörtlich: schwarzes Zeitalter). Er tanzte und hielt mit einer Hand seine Zunge fest, mit der anderen bedeckte er sein Geschlecht. Die Versammlung der Yoginis und Yogis war verblüfft: Was wollte Vyasa zeigen? Er nahm seine eigene Form wieder an und erklärte: „Wenn du deine Zunge und deine Begierden im Griff haben kannst, ist das Leben im Kali Yuga ein genussvoller Tanz.“

Als ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte, fühlte ich mich nicht besonders, ich wiegelte in mir ab, sozusagen. Ich war noch so am Anfang, sagte ich mir, dass ich da einfach noch nicht so weit war, das umzusetzen. Natürlich war das eine Ausrede, und als solche in Ordnung, aber keine Lösung. Mit den Jahren entdeckte ich, dass Worte unglaubliche Macht haben, auch leichtfertig gesagte. Dass ungezügelte Begierden eine unnötige innere Unruhe erschaffen, die ich dann mit allen möglichen yogischen Übungen wieder in den Griff bekommen musste, war mir bei genauerem Hinschauen auch bald klar. Anderen mit Respekt und Liebe zu begegnen, sind also nicht nur schöne und rührselige Worte, in einer Zeit der öffentlichen Respektlosigkeiten etwas altbacken. Sie sind auch kein Gegenmodell zur Gegenwartskultur öffentlichen Hasses und weit verbreiteten persönlichen Beleidigungen. Das mag eine Nebenwirkung sein, aber sicher nicht, worum es geht.

Wenn du ernsthaft dieser Disziplin folgen willst, mit Liebe und Hochachtung anderen zu begegnen, dann wirst du merken, dass du auf eine neue Art aufpassen musst, dass du sozusagen eine Vorderbandkontrolle für dein Reden installieren musst, dass nicht einfach alles an Worten aus dir raussprudeln kann, was in dir aufsteigt. „Aber das ist doch total unehrlich, so uncool und ohne Spontaneität“, magst du einwerfen. Ich vermute einmal, dass das ein Anfänger-Einwand ist. Denn mit ein klein wenig Nachsinnen wird klar, dass diese Übung, diese Vorderbandkontrolle, von unschätzbarem Wert ist, für dich und deine yogische Transformation. Du merkst dann sicherlich, wie alles zusammenpasst: Deine Meditation, in der du lernst, einen bewussten Gedanken (Mantra) den unzähligen unwillkürlichen Gedanken entgegenzusetzen, deine Mantra-Übung, die in der Lage ist, dich immer wieder ins Hier und Jetzt zu bringen, raus aus deinen Dauertagträumen, und eben diese Fähigkeit, dass nicht mehr alles einfach so aus dir rausquellen kann, als hättest du keine Kontrolle über deinen emotionalen Schließmuskel.

Ich selbst bin beschimpft worden von Menschen, die schon lange auf dem Yogaweg waren, habe erlebt, wie sie schlecht über mich, über meine Arbeit, über meine Familie gesprochen haben. Damit umzugehen, ist Teil meines Lebens und an sich ja auch eine wunderbare Übung, und das meine ich nicht ironisch oder sarkastisch. Es ist ein Geschenk meines Gurus. Aber bei denen, die beschimpfen und schlecht über andere reden, sich aufschwingen, beurteilen zu können, wie weit oder meist ja nicht weit andere auf ihrem Weg sind – bei denen ist es an der Zeit, sich an paraspara devo bhava – seht Gott ineinander zu erinnern, ihre Übung diesbezüglich ernsthaft aufzunehmen und zu lernen, sich ihrer Stimme zu enthalten, wenn, was sie sagen möchten, nicht erhebt und glücklich macht. Es mag in dir rumoren, weil du diese deine Schwäche vielleicht über Jahre hinweg als „Ehrlichkeit“, „Direktheit“ und deine Art, die halt „sehr geradeheraus“ ist, entschuldigt und damit berechtigt hast. Aber nur Liebe ist direkt, ehrlich und geradeheraus. Alles andere ist eine heftige Umweltverschmutzung, die das Ego allen in der Umgebung angedeihen lässt.

Ich schreibe das nicht, als Verhaltenskritik oder um dir deinen Fortschritt abzusprechen. Ich schreibe das, weil ich dich unterstützen möchte, auch auf diesem Gebiet mit Entschlossenheit und Intensität zu üben. Wie kann die Erfahrung von Ich bin Shiva je sich in einem Menschen ausbreiten, der seinen eigenen Worten und Gefühlen gegenüber so machtlos ist, dass er sie nur rauslassen kann, ganz gleich, wie schrecklich oder unangenehm die Folgen dieser Worte und Gefühle sein mögen. In Liebe, mit Respekt.

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