Archiv der Kategorie: Der Yoga der Erkenntnis

Sich engagieren für eine bessere Welt

Immer wieder höre ich das. Oft warfen Menschen Yoga als Lebensweg vor, ganz egozentrisch zu sein. Damals argumentierten wir, um verständlich zu machen, warum das nicht ist. Heute wäre mir das Argumentieren viel zu mühsam.

Yoga Egozentrik vorzuwerfen ist wie mit Steinen werfen, wenn man im Glashaus sitzt.

Heute gebärden sich viele Menschen als Schützer von allem Möglichen: von der Umwelt, vom Klima, von der Natur, der Erde, wirklich, so viel Schutz wird gefordert, angeboten, diskutiert, beschlossen. Was für ein Unsinn! Fast wäre es ja zum Lachen. Schauen wir uns mal den Klimaschutz an: Glaubt wirklich irgendjemand, dass das Klima geschützt werden muss? Wenn das Klimaschutzabkommen jetzt endlich (mit welch erstaunlicher Selbstbeweihräucherung das in Paris zustande kam, was für ein Witz, wie sich all die sogenannten Führer feierten, weil sie sich dazu bringen konnten, etwas gemeinsam auf ein Papier zu bringen, von dem gleich die Wichtigsten ausgestiegen sind, bei nächst möglicher Gelegenheit) Gültigkeit hat, ist dann das Klima geschützt? Vor uns Menschen? Denkt da jemand nach? Haben wir nicht ein ziemlich (relativ gesehen) großes Gehirn genau dafür? Fürs Nachdenken?

Wir leben auf einem Planeten, der 4,8 Milliarden Jahre alt ist, 12000 km Durchmesser hat und innen eine Temperatur zwischen 4000 und 6000 Grad hat. Glaubt wirklich jemand, ein paar Grad mehr an der Oberfläche dieses riesigen (verglichen mit uns, natürlich nicht mit dem kürzlich „aufgenommenen“ Schwarzen Loch) Planeten machen für ihn irgendeinen Unterschied? Wie könnte sie das überhaupt mitbekommen? Spürst du 1 Hundertstel Grad auf deiner Haut?

Naturschutz, was für ein Begriff! Die Natur braucht unseren Schutz? Wirklich? Wir alle sind die Natur, ein Teil von ihr. Wie die Bakterien in deinem Darm. Von denen du einen erheblichen Anteil täglich über deinen Stuhlgang wieder abgibst. Du entgiftest dich dabei ganz einfach. Auch wenn du nichts gegen deine Bakterien einzuwenden hast. Geschieht einfach automatisch. Ich kann mir nicht, in keiner Weise vorstellen, dass der Planet Erde irgendwelche besonderen Gefühle für uns hat.

Sich so etwas, wie Klima-, Natur-, Tier-, Gewässer- und was sonst noch wir alles schützen wollen, einfallen zu lassen, das können nur wir Menschen, die von ihrer eigenen Egofunktion besessen sind. Welche Unaufrichtigkeit, und alle machen bangen Herzens mit.

Es geht nur um Menschenschutz, ganz und gar egozentrischen Menschenschutz.

Wir schützen ja nicht das Klima, wir wollen erreichen, dass wir weiterhin relativ angenehm auf dieser Welt leben können. Besonders die, die Wirkungsmacht haben. Es geht immer nur um Menschenschutz. Warum stehen wir nicht dazu?

Weil das Ego sich dann vor sich selbst schämen würde, ob all der Egozentrik. Denn wenn das Ego eines unbedingt vermeiden möchte, ist es, dabei ertappt zu werden (es mag ja sowieso nicht und von niemandem ertappt werden), dass es ihm immer nur um sich selbst geht.

Es gab schon so lange Menschen auf dieser Welt, die um die Stellung des Menschen wussten, die versucht haben, wenigstens irgendeine sinnvolle Aufgabe für uns Menschen auf dieser Erde zu finden. Aber der moderne, nennen wir ihn einmal, westliche Mensch gibt sich ja ganz unverhohlen seinem reinen Schmarotzertum hin. Es scheint niemandem aufzufallen, dass wir zu nichts wirklich gut sind, hier auf dieser Welt, außer sich um uns selbst zu kümmern.

Ob sich das Klima menschengemacht verändert oder weil die Erde einfach ein wenig höhere Temperatur hat, um sich von unangenehmen Schmarotzern zu befreien, sei mal dahin gestellt. Ich ganz persönlich sehe auch darin, in dieser Sicherheit der Wissenschaft in der Angelegenheit, die erstaunliche Fähigkeit des Egos, sich selbst als machtvollen Urheber zu sehen. Aber darum geht es mir hier gar nicht.

Ich würde mir wünschen (als ob das jemanden kümmern würde – smile), dass wir einfach ehrlich wären. Wir sind nur daran interessiert, aus reinem abhinivesha, Hängen am Leben im Körper, dass sich das Klima nicht zu sehr verändert. Niemand weiß zwar, was das bewirken würde, hier auf dem Planeten, aber hochgerechnet wird eifrig. Vom alt Bekannten auf das Neue schließen zu können, auch das ist etwas, was das Ego vorgibt zu beherrschen. Dabei ist das Neue NIE aus dem Alten zu berechnen, zu extrapolieren, etc. etc.

Also, das Ego schützt sich selbst, und schützt seine Pseudo-Schöpfung, den Körper, mit allem, was es drauf hat. Und da wir nichts anderes von uns wissen, als dass wir dieses Ego sind, werden wir Opfer einer psychischen Funktion, die manchmal nützlich sein kann, die wir aber sicher nicht sind.

Im Außen ist unser Leben so kurz, so bedeutungslos, so lächerlich, wenn es in der Signalfarbe des Egos angemalt ist. Aber, das sagen alle Meister aller Zeiten, in uns, da ist das Wesentliche verborgen, jenseits des Egos, jenseits der Fata Morgana des Getrenntseins, und wir Menschen können das entdecken. Je mehr Yogis ihr eigene Wahrheit entdeckten und entdecken, desto mehr erleben sie eine natürliche Verbundenheit zu allem. Diese Verbundenheit würde den Weg zeigen.

Das Ego kann das nicht. Wenn ich langsam ahne, wie und wie sehr alles von mir ausgeht, ich Schöpfer von allem bin, was ist, desto schwieriger wird es, anderen Leid zuzufügen, denn ich wäre ja immer das erste Opfer. Diese Verbundenheit, die niemandem offen steht, der ganz und gar vom Ego und all seinen Spielchen beherrscht wird, würde uns genau wissen lassen, was zu tun ist und was nicht.

Alles, was auf dieser Welt „daneben“ ist, stammt aus dieser Krankheit, nämlich der tiefen unerschütterlichen Überzeugung, dass wir unser Ego sind. Yoga, wenn es seinen Namen verdient, beendet mit der Zeit diese Wahnvorstellung. So könnte Leid wirklich überwunden werden. Ob das der Erde jetzt viel ausmacht, wenn das Leid überwunden würde? Mein Meister sagte uns, dass sie das spüren würde. Aber wir würden es auf jeden Fall spüren. Und das ist doch auch schon etwas Bemerkenswertes.

Die totale und nicht zu hinterfragende Identifikation mit dem Ego wird uns immer tiefer in Schwierigkeiten bringen. Da helfen auch all die hilflosen Schutzversprechungen des Egos nicht. Ein Übel wird immer wieder vom nächsten abgelöst, das eigentlich ja Erlösung des vorherigen Übel hätte bringen sollen.

 

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Das Problem sind NIE die Emotionen!

Ich habe ja zwei kleine Jungs hier zuhause, die mir eindrücklich die folgende yogische Weisheit lehren: Das Problem sind NIE die Emotionen.

Ihre Emotionen sind so wechselhaft, dass ich mit meiner manchmal notwendig erscheinenden Schlichterarbeit nicht nachkomme. Bis ich mir überlegt habe, wie ich ihren Streit jetzt wieder auf ein gutes Gleis bringen könnte, sind sie schon längst weiter und bei der nächsten Emotion angelangt. Genau, wie mein Meister das immer wieder erklärte. Emotionen sind viel zu flüchtig, um sich ihnen ausführlich zu widmen. Denn wenn du bei einer ansetzen willst, sind schon wieder etliche andere aufgetaucht in deiner Psyche.

Seht ihr, es ist wirklich einfach: Es sind nie die Emotionen. Was uns auf längere Zeit, also mehr als ein paar Sekunden, so beeindruckt, sind nicht die Emotionen, sondern unsere innere „Gespräche“ über sie. Wenn du also jemandem erzählst, dass es dir schlecht geht, dass du traurig ist, dass du am Boden bist, etc., dann sind das nicht Gefühle, die dich da bedrängen und dir dein Glück rauben. Es sind die Begründungen und inneren Monologe, mit denen du deine Gefühle erklärst und berechtigst.

Vielleicht meinst du, das ist doch wohl eher eine Argumentation um Worte, nicht so sehr um Inhalte. In der Yogatradition Nordindiens, dem Kaschmir Schiwaismus, gibt es einen grundlegenden Text, die Siva Sutras. Gleich am Anfang gibt es einen Aphorismus, der besagt, dass aus dem Nicht-Verstehen der Kraft des Klangs, die dem Alphabet innewohnt, die Grundlage für begrenztes Wissen liegt. Worte haben große Kraft in unserem Leben. Das scheint mir in allen Sprachen so zu sein. Schon kleine Veränderungen im Klang eines Wortes können die Bedeutung grundlegend ändern. „Biete“ und „bitte“, „Tag“ und „Tal“, etc., der Beispiele gibt es viele.

Wenn ich denke, dass Emotionalität Probleme bereiten kann, dann komme ich zu anderen Herangehensweisen als wenn ich verstehe, dass das, was ich Emotion nenne, in erster Linie Begründungen und Erklärungen der sehr flüchtigen Emotionen sind, die ich erlebe. Ich könnte dann nämlich lernen, den inneren Dialog über das, was ich fühle, zu erkennen und später dann auch zu beeinflussen.

Ich könnte mir vorstellen, dass das auf Grund meiner Wortwahl, etwas hölzern und nicht so richtig spontan und natürlich bei dir ankommt. Worte wie „beeinflussen“ oder gar „kontrollieren“, „bewusst ändern“, etc. hören sich beherrscht und vielleicht gefühlskalt und sogar verdrängend an. Aber das ist ganz und gar nicht der Fall. Wenn deine Emotionalität oder, viel genauer, deine Berechtigungen im Hintergrund deiner Emotionen in dir ihr Eigenleben führen, wirst du nie gefühlsmäßig entspannt sein können. Das bedeutet, dass du immer auf der Hut bist, dass die Pferde nicht in dir durchgehen.

Jemand, der durch die yogische Praxis von Mantrawiederholung und Meditation seine inneren Dialoge hören kann, der lernt mit der Zeit, das Skript dieser Erklärungen und Berechtigungen umschreiben zu können. Diese Fähigkeit zu erwerben, mag etwas dauern und erfordert Wissen und Geduld. Aber stell dir vor, du könntest das. Das würde bedeuten, dass du Emotionalität nicht mehr nur mit angezogener Handbremse zulassen müsstest. Das Gegenteil eben von unterdrückten Gefühlen und einem emotionalen Eiertanz, damit es ja nicht zu viel oder unbeherrschbar wird.

Wie oft habe ich von Menschen gehört, dass sie vorsichtig geworden sind, sich emotional einzulassen. „Ich bin zu oft enttäuscht worden“, „ich muss mich schützen“, etc. Ist das nicht Gefangenschaft? Kann ich mit so einer Einstellung je erhoffen, frei und glücklich zu sein? Oft entschuldigen Menschen, die in dieser Art von Gefangenschaft leben, ihre Unfähigkeit, ihre eigenen Emotionsbegründungen zu verwandeln, als „ihr Herz auf der Zunge“ tragend. Sie meinen, dass sie halt ehrlich sind und direkt, einfach kein Blatt vor den Mund nehmen und dass nicht jeder mit dieser Art zurechtkommt.

Was für ein Unsinn! Sobald du den Unterschied zwischen einem Gefühl (Wut, Freude, Zuneigung, Angst, etc.) und seinen in deiner Psyche erzeugten Berechtigungen für diese Gefühle kennst, merkst du, dass du sehr wohl fühlen kannst, ohne dabei Opfer dieser Gefühle zu werden. Nochmals, es sollte klar sein, dass das wirklich seine Zeit braucht. Es ist wie mit einer körperlichen Fehlhaltung, die du dir abgewöhnen willst: Auch wenn du gut verstanden hast, was du ändern musst, auch wenn dir das jemand genau gezeigt hast, was und wie du das ändern musst, brauchst du trotzdem einige Zeit, um diese Fehlhaltung zu korrigieren. Es braucht Geduld und für diese Geduld braucht es Wissen und um dieses Wissen zu erlangen, musst du immer wieder verstehen lernen, dass du nicht Opfer deiner Gefühle bist, sondern der Geschichten, die meist ganz unbemerkt von dir (anfangs jedenfalls) dir deine eigene Psyche erzählt und mit vielen klaren Begründungen erklärt.

Das erscheint dir jetzt etwas zu mühsam? Gut, dann kannst du ja abwarten, bis es das nächste Mal passiert, dass du Opfer deiner eigenen „Emotionen“ wirst. Und glaube dann nicht, dass in dieser Situation das hier Gelesene oder woanders Gehörte gleich zur Stelle sein wird und dein Ausgeliefertsein beenden wird. Jetzt musst du lernen, verstehen und üben, damit du das übermorgen kannst

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Verwechslungen und andere übliche Missverständnisse

Das ist mir heute untergekommen:

„Die meisten Menschen scheitern nicht an ihren Zielen, sondern im Umgang mit ihren Ängsten. Für ein freies Leben ist es jedoch entscheidend, nachhaltig und wirkungsvoll damit umzugehen. Die Kursleiterin ist überzeugt, dass ein wertschätzender Umgang mit sich selbst und seinen Gefühlen jeden Menschen wieder in Kontakt mit seiner ursprünglichen Vision und Power bringt. Und von hier aus ist ein authentisches Dasein nicht nur möglich, sondern die logische Schlussfolgerung.“

Wie ich im Thema ja schon sagte, geht es um Verwechslungen und um Missverständnisse. Unsere Kursleiterin, die das sicher selbst geschrieben hat, hat so manches verwechselt hier. Es geht mir nicht darum, irgendjemanden in ihrer Abwesenheit zu verunglimpfen, daher auch keine Namen und keine Quellen. Ich möchte damit nur etwas aufzeigen.

Viele Menschen hören so etwas und überlegen sich, ob sie das Budget dafür haben, sich das beibringen zu lassen. Die Verwechslung der meisten liegt bei Gefühlen und der Begründung und Rechtfertigung dieser Gefühle. Diese Verwechslung ist intellektuell, aber auch ein Ergebnis von Ungenauigkeit. Es fehlt diese klare Trennschärfe. Wenn wir von Gefühlen sprechen, sprechen wir meistens über sie als ihre Begründungen.

Vielleicht denkst du dir, das ist jetzt schon ein wenig übertrieben. Gefühle, Begründungen, das ist doch alles das Gleiche. Das ist doch nur eine Spitzfindigkeit.

Vielleicht ist eine derartige Wort-Schludrigkeit notwendig, wenn man so wenig über so viel wissen will, wie das in unserer modernen medialen Welt vorgeschlagen wird. Aber Worte haben große Macht, wie wir ja alle wissen. Leid und Lied unterscheidet nur ein Buchstabendreher. Der  Bedeutungsunterschied ist aber groß. Wir sind also schon sehr präzise mit Worten, denn wir verstehen, dass ihr ungenauer Gebrauch Verständigung sehr erschweren kann.

Wie kann man einen wertschätzenden Umgang mit einem Gefühl haben? Wie kann man mit Ängsten nachhaltig umgehen? Wenn ich meine Gefühle wertschätze, was mache ich dann genau? (Vielleicht hättest du das ja in dem Kurs mit der oben erwähnten Kursleiterin gelernt, lieber vamdev, magst du denken) Alle Menschen haben die gleichen Gefühle, das zumindest behaupten die Yogatraditonen. Wut, Hass, Liebe, Freude, Neid, Mut, Angst, etc. sind Gefühle, die alle Menschen haben. Sie sind alle in Reinform in uns enthalten, heißt es da. Und zwar dort, wo wir hindeuten, wenn wir auf uns zeigen. Und da zeigt ja keiner auf sein Gehirn, auch der überzeugte Gehirnforscher nicht, der „weiß“, dass unser Bewusstsein im Gehirn ist. Und keine zeigt auf ihr Geschlechtsteil oder ihre Haare etc.

Dort also sind diese Gefühle vorhanden. Ausgelöst werden sie, so kann man in den Yogatexten lesen, von unseren Prägungen. Das geht allen Menschen so. Wie habe ich diesen Gefühlen gegenüber Wertschätzung? Mehr Sinn entsteht, wenn es sich um eine Verwechslung handelt, wenn nicht die Gefühle, sondern ihre Begründungen gemeint sind.

Inzwischen ist mir klar geworden, dass Menschen nicht wirklich unterscheiden können zwischen Gefühlen und deren sofort in ihren aufsteigenden Begründungen und Berechtigungen dieser Gefühle. Warum ist diese Unterscheidung so wichtig? Wenn du eine Hose trägst und einen Gürtel, den du viel zu eng zugemacht hast, und du das Gefühl, dass dir ständig schlecht ist und dein Darm schmerzt, damit begründest, dass du Darmkrebs hast, dann ist dieses Missverständnis für dein Leben in deinem Körper so etwas wie eine rote Karte.

Wenn du Gefühle mit ihren Begründungen verwechselst, dann wirst du auf eine Weise mit ihnen umgehen, die dich nur mehr und mehr in die Begründungen verstricken und begraben.

Wie kann ich Wertschätzung mir gegenüber in einem Atemzug mit der Wertschätzung meinen Gefühlen gegenüber erwähnen? Wenn ich mich mit den Begründungen für meine Gefühle identifiziere, ja, dann stimmt das. Aber wie soll ich so je an meine Kraft herankommen, wenn ich diesen Begründungen so viel Wert und Bedeutung gebe?

Meditation oder Mantra-Wiederholung ist der Schlüssel zur Erkenntnis, dass Gefühle und ihre Begründungen doch eine eher lockere Beziehung mit einander haben. Konzentrierte, entschlossene Mantra-Wiederholung nimmt den Begründungen mit der Zeit ihre Ernsthaftigkeit und ihren Wind aus den Segeln. Du wiederholst das Mantra, Gedankengefühle kommen dazwischen immer wieder auf. Aber du bleibst beim Mantra, mit dem Atem verbunden. Dann wirst du mit der Zeit sehen, wie du Begründungen für flüchtige Gefühle in deiner Psyche baust oder sie das selbst, (scheinbar) automatisch ihren Prägungen gemäß macht.

Wenn dein Wissen und deine Entschlossenheit stark genug sind, und glaube mir, dann lernst du sehr wohl und deutlich zwischen Emotionen und ihren Begründungen und Rechtfertigungen zu unterscheiden. Jetzt könntest du auf die Idee kommen, wenn du das langsam erlernt hast, zu versuchen, deiner Art, Rechtfertigungen zu erstellen, auf die Schliche zu kommen. Aber das wäre ein Irrweg, ist völlig uninteressant und nur geeignet, wenn dir sonst alles im Leben ziemlich langweilig ist.

Sonst bringt dir das nichts. Es lenkt dich ab, ab von dir, der wirklich nur so viel an diesem ganzen Prozess beteiligt ist, wie er es will. Da wird mir die Sprache schon wieder ungenau, leider. Wenn du alle „dus“ mit „ich“ ersetzt, passt es ein wenig besser.

Wie aber willst du diesen herrlichen Prozess bewerkstelligen, wenn du meinst du bist deine Gefühle, die du, wie dich selbst auch, wertschätzen solltest? Es wird nicht möglich sein. Und du bleibst auf lange, lange Zeit eine Gefangene deiner eigenen Berechtigungen für Gefühle, die alle Menschen doch mehr oder weniger gleich haben. Besonders individuell sind sie nicht.

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Freude ist IMMER eine Alternative

Vor etlichen Jahren war ich dabei, aus den USA nach Deutschland zurückzukehren. Ich verbrachte meine letzten Tage bei meiner Meisterin und war im Ashram mit meiner Tochter unterwegs. Da sah ich sie aus ihrer Wohnung kommen, einen langen, langen Gang entlang, ein paar Treppen hoch, zu meiner Tochter und mir. Ich war ganz und gar beschäftigt mit meiner Trauer, weil ich meine Tochter zurücklassen würde und mit meiner Sorge um ihr Wohlergehen. Dieses Gefühl hatte mich wie eingedunkelt. Und genau in dieser inneren misslichen Lage kam sie, meine Meisterin, von weitem für mich sichtbar, unvermeidbar auf mich zu. Ich wollte ihr so sicher nicht begegnen, genierte mich (was schon fast lustig anmutet!) in meinem Zustand vor ihr, aber ich konnte einfach nicht von ihm lassen. Ich versuchte, irgendeine Türe zu öffnen, zur Cafeteria, zum Buchladen, zum Tempel, um ihr so aus dem Weg zu gehen. Aber alle waren verschlossen, und sie kam beschwingt und freudvoll auf mich zu.

Meine Tochter war neben mir und freute sich so sehr, meine Meisterin zu sehen, dass sie hüpfend und tanzend auf sie zulief und sie voller Schwung umarmte. „Wie geht es dir?“ rief meine Meisterin meiner Tochter begeistert zu, die mit gleicher Begeisterung „sehr gut“ rief. Und im gleichen Ton und voller Freude fragte sie auch mich, der ein paar Schritte entfernt stand, mit meinem kläglichen Versuch, irgendwie in der Mauer zu verschwinden: „Und dir? Wie geht es dir?“ Mehr als ein gemurmeltes „nicht so gut“ brachte ich nicht raus.

Das muss man sich einmal vorstellen: Es war, was ich damals nur ahnte, bis heute das letzte Mal, dass ich ihr von Person zu Person begegnete.  Und ich war so besetzt von meinen intensiven Gefühlen. Zuerst ging sie an mir vorbei, fast ein wenig hüpfend wie meine Tochter, dann wirbelte sich herum und sah mich intensiv an und sagte: „DU, gerade DU solltest nicht so sein!“ Mir war sofort „klar“, dass sie meinte, ich sollte nicht so fühlen und so entschuldigte ich mich bei ihr, ziemlich erschrocken. Dann stand sie vor mir, fast etwas ungeduldig und schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, nein!“ Dann wandte sie sich an ihre Sekretärin, eine 25-jährige Inderin und sagte gleichzeitig zu ihr und zu mir: „Ihr solltet euch treffen und miteinander reden.“ Dann ging sie weiter. Ihre Sekretärin blieb bei mir, und wir machten einen Termin aus.

Vieles kam bei diesem Treffen zur Sprache. Heute, aus der zeitlichen Distanz betrachtet, war das eines der Schlüsselerlebnisse auf dem Weg für mich. Es war eine großartige Kurskorrektur, fein, klar, kraftvoll. Eine Kurskorrektur hin zu mehr Selbstliebe: Die junge Frau sagte mir, meine Meisterin hätte einmal gesagt: „Von allen Menschen, mit denen du Zeit verbringst, verbringst du die meiste Zeit mit dir. Du musst mit dir die engste Freundschaft schließen“, wie das im Yoga immer der Fall ist.

Was ich heute sagen kann, ist, dass Freude immer eine Alternative ist, zu allen anderen Gefühlslagen. Schwere, Bedeutung, Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit – das sind in scheinbar schwierigen Lebenslagen die Gegenspieler der Freude in uns. Aber es ist möglich, sie außer Acht zu lassen. Meine Meisterin lud mich damals dazu ein, um der Freude des Augenblicks willen, meine Sorgen fallen zu lassen. Was ich nicht konnte. Noch nicht.

Sehr gut kann ich verstehen, dass viele Yogis auf dem Weg das Gefühl haben, dass Freude sicher NICHT immer eine Alternative ist, weil das Leben eben manchmal zu bedrückend, zu sehr eine Herausforderung ist. Menschen, die Yoga nicht praktizieren, würden sogar denken, dass wir den Ernst des Lebens leugnen wollen. Aber das ist nicht so.

Es geht immer wieder um die gleiche Einstellung: ich kann mit allen Gefühlen als Gefühle umgehen oder als deren Inhalte. Auf der Inhaltsebene muss ich mir quasi die Gründe für die Gefühlslage, die ich verändern möchte, ausreden. Und je nach dem, wie lange diese Gefühle in mir ihre Kreise gezogen haben und mich damit in ihren Bann gezogen haben, ist das wahrhaftig ein schwieriges Unterfangen.

Aber wenn es mir mit der Zeit (durch Meditation, durch Mantra, durch Studium) gelingt, Gefühle als Gefühle zu erfahren, in mir, wird Freude die vorrangige Alternative zu einem Zustand, wie ich ihn damals erlebt habe. Ich wusste sehr wohl, dass ich darin gefangen war, in dieser düsteren Gefühlslage … aber eben diese Gewissheit hat es mir auch unmöglich gemacht, im Angesicht der Freude und Leichtigkeit meiner Meisterin meine Gefühlslage zu ändern, der Realität ihrer Freude zu folgen.

 

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Wenn dein Leben voller Aufgaben ist…

heißt das noch lange nicht, dass diese Fülle in dir einen Sturm der inneren Unruhe auslösen muss. Natürlich, wenn du wie alle anderen Menschen denkst und lebst, dann ist das zwangsläufig die Folge. Dann musst du aufpassen, dass du keine Burn-out hast, dass du nicht psychische Probleme bekommst, dass du nicht krank wirst, von all der Überlastung.

Aber für jemandem auf dem Yogaweg ist das nicht zwangsläufig so. Wieso nicht?

Weil wir lernen und immer wieder hören und uns immer wieder daran erinnern, dass das, was „außen“ läuft, nicht zwangsläufig auch in uns stattfinden muss. Ist dir klar, was das bedeutet? Das Leben ist wechselhaft, für alle Menschen. Wie das Wetter. Kurzfristige Änderungen und langfristige Entwicklungen. Das ist ganz normal, ganz gleich, welchen yogischen Zustand man errungen hat. Musst du deshalb auf den innere „Oh mein Gott, was soll ich nur machen“-Modus umschalten? Natürlich nicht, wenn du dir das, was ich yogische Psychologie nenne, angeeignet hast.

Wenn du verstehst, wie deine Psyche wirklich funktioniert, wenn du lernst, dieses erstaunliche Instrument zu verwenden, dann musst du nicht auf diesen Modus umschalten. Die nordindische Yogatradition, auch Shivaismus aus Kaschmir genannt, versteht die Psyche als reines Ich-Bewusstsein, das sich immer mehr verengt und einschränkt. (Prajnabhijna hrdayam, Vers 5) Diese Verengung und Zusammenziehung, so wird gelehrt, findet statt, wenn die Psyche sich nach außen richtet, auf (und jetzt wird es interessant) von ihr selbst nach außen projizierte „Objekte“, deren Form sie dann annimmt. Zu kompliziert? Dann lass uns das genauer ansehen.

Bewusstsein hat, wenn es „bei uns“ angekommen ist, also sich individuell ausformt, zwei Bewegungsrichtungen. Nach „außen“ und nach „innen“. Ich schreibe das in Anführungsstrichen, weil diese Bewegung nur scheinbar ist. Wenn sich die Psyche die „Objekte“ selbst erzeugt und dann darauf ihre Aufmerksamkeit richtet, dann ist dieses Nach-außen-Gerichtetsein ja nicht wirklich. Es ist wie ein Selbstgespräch, wie ein Tagtraum, den wir als solchen, also als Tagtraum, sehen können oder auf dem und mit dem wir reagieren können, als hätte wir eine objektive, faktische Wirklichkeit erlebt.

Nach „innen“ geht es dann, wenn wir erkennen, dass ein „Außen“ nicht wirklich existiert und nur eingebildet ist. Ja, genau, das bedeutet in erster Linie „sich nach innen richten“. Eine derartige Erkenntnis muss natürlich stabilisiert werden, durch die Praxis von Meditation und Mantra-Wiederholung (das ist wirklich die einfachste Methode der Stabilisierung). Die yogisch letztendliche Erkenntnis, dass alles was ist, war, sein wird und alles, was nicht ist und nicht sein wird, von mir ausgeht, ist der Endpunkt auf dem Weg der Verinnerlichung. Es geht also darum, sich von einer Illusion zu befreien.

Ich kann das gar nicht genug betonen. Erst wenn man das wirklich einsehen kann, begreifen kann, dass das „Außen“ nur durch Einbildung und Vergessen (dass es sich nur um eine Einbildung handelt) von dem, was wirklich ist, entsteht, fängt die Heimreise an. Ein großer Meister aus dem 10 Jh. beschrieb das so, als Heimreise. Solange ich aber meine, dass doch ganz bestimmte Dinge doch unabhängig von mir im Außen existieren, kann ich keinen tieferen Einblick in meine Wahrheit, meine Wirklichkeit nehmen.

Hast du Fragen dazu? Dann stell sie hier. Alles Liebe

 

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Der wahre Geschmack der Welt

Einmal trafen sich Buddha, Shankaracharya, der große Meister des Vedanta, und Abhinavagupta, der Shaivaguru, im Himmel. Ein Engel kam und reichte ihnen ein Getränk und sagte: Das ist das Getränk der Welt. Kostet es und sagt mir, wie es schmeckt.

Als Erster kostete Shankara und spuckte angeekelt wieder aus und rief: Schmeckt einfach nur schlecht. Als nächstes war Buddha an der Reihe. Der Engel reichte ihm den Trank und Buddha nahm einen Schluck. Völlig regungslos bemerkte er: Schmeckt nur nach nichts. Völlig geschmacklos.

Dann war es an Abhinava, zu kosten. Er nahm dem Engel den Becher aus der Hand und trank ihn in einem Zug und sichtlich genüsslich leer. Auch ihn befragte der Engel: Warum hast du mit solchem Genuss getrunken? Abhinava lachte und sagte: Der Geschmack der Welt ist genauso gut oder schlecht oder ganz ohne Geschmack, je nach dem, wie man ihn haben will.

Meine Meisterin sagte uns einmal: Wenn du nach Problemen suchst  wirst du unendlich davon finden. Wenn du nach dem Guten suchst  wirst du unendlich davon finden. Es liegt an dir, was du finden willst. So ist es. Ja, klar, magst du jetzt vielleicht sogar genervt abwinken. Wissen wir doch alle. Aber das dann auch konsequent leben können,  das ist noch etwas ganz anderes. Wie kann man diese Kluft zwischen Wissen und Können überwinden?

Wenn es auf diese Frage so eine richtig glatte, einfache Antwort geben würde, würden die meisten Menschen ihren geistigen Weg zu Ende gehen, was ja nicht der Fall ist. Die Worte der Antwort sind schon einfach: Wenn du weiter dein Mantra praktizierst, meditierst, ernsthaft, mit dieser ganz speziellen Entschlossenheit, die auch flexibel ist, wenn du studierst, über das, was du studiert hast, immer wieder nachsinnst, wenn du kein Problem damit hast, einen Guru zu haben, dann wird dieser Spalt, diese Kluft mit der Zeit verschwinden. Du wirst entdecken, dass immer weitere Bereiche deines Lebens eher mit Freude, mit Zufriedenheit, mit Dankbarkeit gefüllt sind und nicht mehr mit Sorgen und anderen inneren Feinden, wie Missgunst, Habgier, Neid, Eifersucht, Hartherzigkeit und emotionaler Kälte. Mit der Zeit werden Zustände dieser Art kurzlebiger, flacher und damit auch weniger heftig.

Ich dachte ja lange Zeit, dass das sowieso mit dem Alter kommt. Das würde dem Älterwerden eine sehr schöne Komponente hinzufügen. Aber leider ist das nicht so. Wenn du dein Leben lang deine Psyche diesen Räubern überlassen hast, dann solltest du nicht überrascht sein, wenn sie es sich im Alter in deiner Psyche so richtig bequem gemacht haben. Wie sollte es auch anders sein? Dieses den Weg weiter gehen ist entscheidend. Wenn Zweifel auftauchen, weil es vielleicht schon so lange geht, weil dir deine Gedanken einreden wollen, immer wieder, dass sich ja nicht wirklich etwas getan hat auf deinem Weg, dann wende dich an jemanden, der dir aus dieser Misere helfen kann.

Leider haben so manche Missverständnisse leise Pfoten und schleichen sich fast unbemerkt ein. Da braucht es deine Aufmerksamkeit, dein Urteilsvermögen, das im Yoga immer wieder so betont wird. Nur die yogische Art des Studiums kann dieser schleichenden Verwirrung Einhalt gebieten. Daher ist es immer wieder gut, die Worte der Meister zu lesen, deines Meisters, deiner Meisterin zu lesen. Wenn du bemerkst, dass du keine Lust mehr darauf hast, weil du das schon zur Genüge kennst, dann lese erst recht, was dein Guru geschrieben hat. So schleifst du den Edelstein deines Weges, deines Verständnisses mit der Zeit zu vollkommener Schönheit, zu makelloser Perfektion.

Dann ist der Geschmack der Welt köstlich, weil du lernst, überall den Segen von Kundalini Shakti, deines Meisters zu entdecken. Deine Welt ist dann mühelos mit Dankbarkeit erfüllt. Und wenn es Schwierigkeiten gibt, denen du dich stellen musst, dann können sie in dir nicht mehr diese Verzweiflung auslösen, wie das vielleicht früher der Fall war. Vielmehr vertiefen sie die innere Verbindung mit deinem Meister, intensivieren dein Vertrauen auf die Weisheit und Unfehlbarkeit deiner inneren Kraft, Kundalini Shakti.

 

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Verführerische Vielfalt

Sehr eigenartig mag dieser Text, der jetzt folgt, für manche erscheinen, die den Weg noch nicht als Weg begreifen. Alle die bitte ich, sich zumindest der Möglichkeit zu öffnen, dass hier etwas zu lesen ist, was früher oder später in der eigenen geistigen Entwicklung von Bedeutung sein könnte.

Schon seit vielen Jahren begleite ich Menschen auf dem traditionellen Yogaweg, wie ich ihn über meine Meister kennengelernt habe. Normalerweise würde ich das, worüber ich jetzt schreibe, nur in meinen Kursen erläutern. Da kann man nachfragen, von Angesicht zu Angesicht, und so zu Klarheit gelangen, zumindest für eine gewisse Zeit. Aber manche Eindrücke bestärken mich darin, darüber jetzt hier zu schreiben.

Wie so oft denke ich an die Worte meines Meisters, der sagte, dass dieser (Yoga-)Weg nichts für Menschen ist, die eine schwache Psyche und ein schwaches Herz haben. Damit meinte er nicht das physische Herz, sondern dein emotionales Gewand. Und was eine schwache Psyche ist, das lernte ich erst mit den Jahren verstehen.

Lass dich nicht verführen von den vielen Wegen und Pseudowegen, von den vielen Begriffen und Traditionen! Bleibe einfach in deiner Sicht, in deiner Praxis, in deinem Verständnis. Lerne, ganz klar zu unterscheiden, was von dem bei uns sehr reichhaltigen Angebot von „Spiritualität“ (in Anführungszeichen deshalb, weil das meiste sicher nicht das Papier wert ist, auf dem es gedruckt ist) wertvoll für deinen Weg ist und was nicht. Im Yoga heißt diese Fähigkeit Urteilsvermögen, viveka.

Viveka ist nicht gerade angesagt in einer Kultur, in der nur wenig filternde Meister diesen Sumpf der Meinungen, Lehren und Marketingstrategien für ihre Schüler sichten und ausmisten. Aber ohne viveka wirst du nur schwer erkennen, wie du auf dem Weg am besten dein Verständnis, deine Praxis vertiefen kannst. So viel scheint möglich, so reichhaltig ist das Angebot. Es erscheint fast als übermäßig schlicht daherzukommen, wenn gesagt wird, dass man am besten nur einen Weg, ein Mantra, einen Guru verehren sollte. Die Vielfalt ist, und das habe ich jetzt wirklich oft genug erlebt, verführerisch, unsinnig und überhaupt nicht hilfreich.

Das ist in keiner Weise eine Verurteilung anderer Wege. Denn natürlich gibt es unter den vielen Schwachsinnigkeiten auch Perlen, Wege, die genauso sauber sind, wie der, den ich gehe und vermitteln kann. Aber für dich, für den Menschen, der einen Weg geht, sind auch diese echten Wege nicht vorteilhaft. Jeder Meister, jede Tradition hat auch ein wenig ihre eigene Sprache, ihre eigenen Vorgehensweisen. Das Eine kann man meistens nicht auf das Andere übertragen.

Mein Meister hatte viele Schüler, und es war klar, dass Einige von ihnen den Weg auch zu Ende gegangen sind. Viele taten so als ob, aber Einige waren schon zu seinen Lebzeiten (ein eigenartiges Wort für einen Meister :)) selbst Meister, mit seinem ausdrücklichen Segen. Auch ihre Lehren hatten zu tun mit ihrer Persönlichkeit und nicht alles, was ich von meinem Meister kannte, entsprach dem, was sie lehrten.

In der Guru Gita heißt es (Vers 168): eko deva eka dharma, eka nistha param tapah. Ein Gott, ein geistiges Gesetz, eine innere Einstellung, das ist die höchste Bemühung. Lange habe ich das nicht so richtig verstanden, denn ich hatte das Glück, sehr unbedarft auf den Weg zu kommen. Es bestand keinerlei Grund für mich, mehrere Wege gleichzeitig auszuprobieren. Ich war beschäftigt genug, den einen irgendwie zu begreifen und zu verdauen. Und ich erkannte früh, dass mein Meister durch viele Zitate aus anderen Schriften in genialer Weise uns beim Weiterstudium über seine Bücher und Vorträge hinaus anleitete.

Es gibt einen unglücklichen Zustand, den Menschen erleben, die zu viel von zu vielen Traditionen ausprobieren, vermutlich in der Hoffnung, den Weg noch intensiver, noch schneller gehen zu können. Diesen Zustand bezeichnete mein Meister als spirituellen Dauerdurchfall, eine Art geistiger Verwirrung, die manchmal wirklich so verrückt macht, dass man nicht mehr ein noch aus weiß. Glaubt mir, dass ist nicht irgendein exaltierter Zustand, nicht eine vollständige Öffnung in kosmische Dimensionen, sondern nur schlicht und einfach eine gefährliche Verwirrtheit.

Lass all das. Wenn mein Meister bestimmte Teile, zum Beispiel der Kularnava Tantra zitierte, weil sie seiner Meinung nach die Meister-Schüler-Beziehung recht gut beschreibt, dann bedeutete das nicht, dass alles, was in dieser zum Teil sehr, sehr skurrilen Schrift steht, studiert werden sollte. Sicher nicht. Aber das hat er nicht eigens betont. Da brauchtest du viveka.

Verständnis im Yoga ist nicht zu verwechseln mit der Pandit-Gelehrsamkeit, die indische Gelehrte gerne an den Tag legen. Ihnen geht es oft auch um die möglichst besondere Zurschaustellung ihres umfangreichen Wissens und ihrer textlichen Präzision. Aber für Yoga-SchülerInnen ist das nicht wichtig. Es geht nur, nur, nur um den Weg. Man möge mich jetzt für einen engstirnigen Yoga-Tyrann halten oder was auch immer (habe da noch viel Schlimmeres gehört), das ist mir egal.

Wenn du Wissen ansammeln willst, dann studiere Politik, Physik, was auch immer, irgend eine handwerkliche Fähigkeit, eine Sprache (nicht unbedingt Sanskrit). Wenn du meinst, dass der Weg deine Psyche nicht mehr auslastet, dann mach irgendetwas. Aber missverstehe das nicht als Offenheit für andere Wege, als Auftakt zu Ausflügen in andere geistige Gefilde. Diese „Langeweile“ mit dem dir möglicherweise ja so vertrauten Weg ist ein Teil der sadhana, der inneren Reinigung. Wenn du das spürst, dann lese die Bücher deines Meisters noch intensiver, immer wieder das Gleiche.

Du musst deine Psyche sauberhalten. Wenn Gedanken und Gefühle zu intensiv werden, dann merke das und wiederhole dein Mantra. Wechsle dein Mantra und deine Methoden der Meditation und des Studiums nur, wenn dir das dein Meister (bitte denke daran, dass ich das Wort „Meister“ nicht männlich oder weiblich meine, sondern nur als „Berufsbezeichnung“ und mir gerne das der/die –In sparen möchte.) sagt. Sonst bleibe immer bei der gleichen Praxis. Wenn du Sehnsucht nach Abwechslung hast, dann fahre immer wieder an einen anderen Ort in den Urlaub, wechsle deine Lieblingsrestaurants, deine Wohnung, dein Land, deine PartnerInnen (wenn damit nicht nur dein Stresspegel steigt), aber lass deine innere Unruhe, die nach Abwechslung sucht, nicht an deinem Yogaweg aus.

Die Tatsache, dass es auch andere, reine Wege gibt, heißt noch lange nicht, dass du sie alle beschreiten kannst, solltest oder musst. Glaub mir, dazu lebst du viel zu wenig lang. Du kannst froh sein, wenn du nach vielen Jahren, mit aller Unterstützung deiner LehrerInnen, deiner Meisterin, der Kundalini Shakti, einen Anflug von Verständnis hast, worum es geht auf dem Yogaweg. Und vielleicht auch, welchen Zustand jemand hat, von dem der Weg sagt, dass er Siddha ist, vollendet.

Es gäbe noch so viel mehr dazu zu schreiben, aber dafür fehlt mir die Zeit. Unser Sprachgebrauch im Deutschen kennt nicht umsonst das Sprichwort: Schuster bleib bei deinen Leisten. Genau, bleib bei EINEM Weg, und mach ihn zu deinem. Wenn dir das jetzt doch etwas zu eng und zu schlicht erscheint, dann wisse, dass diese Worte nicht für dich geschrieben worden sind.

 

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