Archiv der Kategorie: Der Yoga der Schülerschaft

Verführerische Vielfalt

Sehr eigenartig mag dieser Text, der jetzt folgt, für manche erscheinen, die den Weg noch nicht als Weg begreifen. Alle die bitte ich, sich zumindest der Möglichkeit zu öffnen, dass hier etwas zu lesen ist, was früher oder später in der eigenen geistigen Entwicklung von Bedeutung sein könnte.

Schon seit vielen Jahren begleite ich Menschen auf dem traditionellen Yogaweg, wie ich ihn über meine Meister kennengelernt habe. Normalerweise würde ich das, worüber ich jetzt schreibe, nur in meinen Kursen erläutern. Da kann man nachfragen, von Angesicht zu Angesicht, und so zu Klarheit gelangen, zumindest für eine gewisse Zeit. Aber manche Eindrücke bestärken mich darin, darüber jetzt hier zu schreiben.

Wie so oft denke ich an die Worte meines Meisters, der sagte, dass dieser (Yoga-)Weg nichts für Menschen ist, die eine schwache Psyche und ein schwaches Herz haben. Damit meinte er nicht das physische Herz, sondern dein emotionales Gewand. Und was eine schwache Psyche ist, das lernte ich erst mit den Jahren verstehen.

Lass dich nicht verführen von den vielen Wegen und Pseudowegen, von den vielen Begriffen und Traditionen! Bleibe einfach in deiner Sicht, in deiner Praxis, in deinem Verständnis. Lerne, ganz klar zu unterscheiden, was von dem bei uns sehr reichhaltigen Angebot von „Spiritualität“ (in Anführungszeichen deshalb, weil das meiste sicher nicht das Papier wert ist, auf dem es gedruckt ist) wertvoll für deinen Weg ist und was nicht. Im Yoga heißt diese Fähigkeit Urteilsvermögen, viveka.

Viveka ist nicht gerade angesagt in einer Kultur, in der nur wenig filternde Meister diesen Sumpf der Meinungen, Lehren und Marketingstrategien für ihre Schüler sichten und ausmisten. Aber ohne viveka wirst du nur schwer erkennen, wie du auf dem Weg am besten dein Verständnis, deine Praxis vertiefen kannst. So viel scheint möglich, so reichhaltig ist das Angebot. Es erscheint fast als übermäßig schlicht daherzukommen, wenn gesagt wird, dass man am besten nur einen Weg, ein Mantra, einen Guru verehren sollte. Die Vielfalt ist, und das habe ich jetzt wirklich oft genug erlebt, verführerisch, unsinnig und überhaupt nicht hilfreich.

Das ist in keiner Weise eine Verurteilung anderer Wege. Denn natürlich gibt es unter den vielen Schwachsinnigkeiten auch Perlen, Wege, die genauso sauber sind, wie der, den ich gehe und vermitteln kann. Aber für dich, für den Menschen, der einen Weg geht, sind auch diese echten Wege nicht vorteilhaft. Jeder Meister, jede Tradition hat auch ein wenig ihre eigene Sprache, ihre eigenen Vorgehensweisen. Das Eine kann man meistens nicht auf das Andere übertragen.

Mein Meister hatte viele Schüler, und es war klar, dass Einige von ihnen den Weg auch zu Ende gegangen sind. Viele taten so als ob, aber Einige waren schon zu seinen Lebzeiten (ein eigenartiges Wort für einen Meister :)) selbst Meister, mit seinem ausdrücklichen Segen. Auch ihre Lehren hatten zu tun mit ihrer Persönlichkeit und nicht alles, was ich von meinem Meister kannte, entsprach dem, was sie lehrten.

In der Guru Gita heißt es (Vers 168): eko deva eka dharma, eka nistha param tapah. Ein Gott, ein geistiges Gesetz, eine innere Einstellung, das ist die höchste Bemühung. Lange habe ich das nicht so richtig verstanden, denn ich hatte das Glück, sehr unbedarft auf den Weg zu kommen. Es bestand keinerlei Grund für mich, mehrere Wege gleichzeitig auszuprobieren. Ich war beschäftigt genug, den einen irgendwie zu begreifen und zu verdauen. Und ich erkannte früh, dass mein Meister durch viele Zitate aus anderen Schriften in genialer Weise uns beim Weiterstudium über seine Bücher und Vorträge hinaus anleitete.

Es gibt einen unglücklichen Zustand, den Menschen erleben, die zu viel von zu vielen Traditionen ausprobieren, vermutlich in der Hoffnung, den Weg noch intensiver, noch schneller gehen zu können. Diesen Zustand bezeichnete mein Meister als spirituellen Dauerdurchfall, eine Art geistiger Verwirrung, die manchmal wirklich so verrückt macht, dass man nicht mehr ein noch aus weiß. Glaubt mir, dass ist nicht irgendein exaltierter Zustand, nicht eine vollständige Öffnung in kosmische Dimensionen, sondern nur schlicht und einfach eine gefährliche Verwirrtheit.

Lass all das. Wenn mein Meister bestimmte Teile, zum Beispiel der Kularnava Tantra zitierte, weil sie seiner Meinung nach die Meister-Schüler-Beziehung recht gut beschreibt, dann bedeutete das nicht, dass alles, was in dieser zum Teil sehr, sehr skurrilen Schrift steht, studiert werden sollte. Sicher nicht. Aber das hat er nicht eigens betont. Da brauchtest du viveka.

Verständnis im Yoga ist nicht zu verwechseln mit der Pandit-Gelehrsamkeit, die indische Gelehrte gerne an den Tag legen. Ihnen geht es oft auch um die möglichst besondere Zurschaustellung ihres umfangreichen Wissens und ihrer textlichen Präzision. Aber für Yoga-SchülerInnen ist das nicht wichtig. Es geht nur, nur, nur um den Weg. Man möge mich jetzt für einen engstirnigen Yoga-Tyrann halten oder was auch immer (habe da noch viel Schlimmeres gehört), das ist mir egal.

Wenn du Wissen ansammeln willst, dann studiere Politik, Physik, was auch immer, irgend eine handwerkliche Fähigkeit, eine Sprache (nicht unbedingt Sanskrit). Wenn du meinst, dass der Weg deine Psyche nicht mehr auslastet, dann mach irgendetwas. Aber missverstehe das nicht als Offenheit für andere Wege, als Auftakt zu Ausflügen in andere geistige Gefilde. Diese „Langeweile“ mit dem dir möglicherweise ja so vertrauten Weg ist ein Teil der sadhana, der inneren Reinigung. Wenn du das spürst, dann lese die Bücher deines Meisters noch intensiver, immer wieder das Gleiche.

Du musst deine Psyche sauberhalten. Wenn Gedanken und Gefühle zu intensiv werden, dann merke das und wiederhole dein Mantra. Wechsle dein Mantra und deine Methoden der Meditation und des Studiums nur, wenn dir das dein Meister (bitte denke daran, dass ich das Wort „Meister“ nicht männlich oder weiblich meine, sondern nur als „Berufsbezeichnung“ und mir gerne das der/die –In sparen möchte.) sagt. Sonst bleibe immer bei der gleichen Praxis. Wenn du Sehnsucht nach Abwechslung hast, dann fahre immer wieder an einen anderen Ort in den Urlaub, wechsle deine Lieblingsrestaurants, deine Wohnung, dein Land, deine PartnerInnen (wenn damit nicht nur dein Stresspegel steigt), aber lass deine innere Unruhe, die nach Abwechslung sucht, nicht an deinem Yogaweg aus.

Die Tatsache, dass es auch andere, reine Wege gibt, heißt noch lange nicht, dass du sie alle beschreiten kannst, solltest oder musst. Glaub mir, dazu lebst du viel zu wenig lang. Du kannst froh sein, wenn du nach vielen Jahren, mit aller Unterstützung deiner LehrerInnen, deiner Meisterin, der Kundalini Shakti, einen Anflug von Verständnis hast, worum es geht auf dem Yogaweg. Und vielleicht auch, welchen Zustand jemand hat, von dem der Weg sagt, dass er Siddha ist, vollendet.

Es gäbe noch so viel mehr dazu zu schreiben, aber dafür fehlt mir die Zeit. Unser Sprachgebrauch im Deutschen kennt nicht umsonst das Sprichwort: Schuster bleib bei deinen Leisten. Genau, bleib bei EINEM Weg, und mach ihn zu deinem. Wenn dir das jetzt doch etwas zu eng und zu schlicht erscheint, dann wisse, dass diese Worte nicht für dich geschrieben worden sind.

 

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Auf dem Sockel der Befreiung?

Vor vielen Jahren, nach der Trennung von meiner Partnerin, erklärte mir eine Frau in der Schweiz, warum sie jetzt nicht mehr in meine Kurse kommen würde. Sie sagte, dass sie mich vorher immer auf einen Sockel gestellt hatte, aber im Laufe dieser Trennung habe sie mich wieder von diesem Sockel runtergeholt, „auf Augenhöhe“. Spontan sagte ich zu ihr: „Wie schade! Du hättest dich mit auf den Sockel stellen sollen, dich erheben, und nicht mich in dir erniedrigen sollen.“

Immer wieder haben mir Menschen das sogar mit einer gewissen Portion Stolz erzählt, dass sie mich jetzt nicht mehr auf diesen Sockel stellen, dass es für sie wichtig war, mich von diesem Sockel zu stoßen. Na toll! Hast du damit deinen wahren Wert erkannt oder nur mich, der ich ja sowieso nur in deiner Vorstellung als der erscheine, von dem du MEINST, dass ich es bin, auf dein begrenztes Niveau in dir herabgestuft? Was nutzt dir das? In der Welt des Egos ist so ein Vorgang des Sockelsturzes ein Akt der Emanzipation. („Der (oder Die) ist auch nicht besser als ich“). Aber auf dem Yogaweg, wo es um Befreiung geht, um die Erkenntnis deiner Herrlichkeit, was nutzen dir diese Gedanken der Erniedrigung?

Ein ander Mal sagte jemand zu mir: „Ich meine, es ist doch klar: Du bist doch nicht erleuchtet!“ Als ich fragte, woher sie das wissen und beurteilen könnte, gab es nur ausweichende Worte. Mit der Folge, dass diese Person später verbreitete, der vamdev behauptet jetzt, dass er erleuchtet ist. Das Gleiche passiert auch anders herum: „Naja, ich bin halt noch nicht so weit wie du.“ So so. Du hast also die Möglichkeit zu beurteilen, wie weit andere Menschen entwickelt sind? Warum tut man das?

Das ist eine alte Geschichte. Im Christentum wird ja geglaubt, dass Jesus Gott in Menschengestalt war/ist. Und seit der Zeit hat man ihm alle möglichen besonders menschlichen Züge angedichtet: Dass er vor lauter Todesangst Blut geschwitzt hat, schon Tage vor seiner Ermordung, dass er in der Stunde des Todes all seine Göttlichkeit in tiefem Zweifel verloren hat: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen!?“ Natürlich wussten die Mystiker, dass diese Worte nicht aus der Verzweiflung kamen, wussten, dass jemand wie Jesus keine Todesangst haben KONNTE. Andere hatten sogar Mitleid mit Jesus, fühlten sich schlecht, weil sie mit ihren Sünden sein Leid verursacht haben. Was für ein grandioses Missverständnis!

Aber im normalen Christentum entstand so eine Solidarität der Begrenztheit zwischen Jesus und den Menschen. Er war auch nur ein Mensch. Genauso wie du und ich, begrenzt, voller Ängste, wütend und unbeherrscht (sein Wutausbruch mit den Händlern im Tempel wird da oft als Beweis herangezogen).

Befreiung oder Emanzipation im Yoga ist nicht das Verständnis, dass alle auch nur mit Wasser kochen. Die Ereignisse im Leben eines Menschen, sein Schicksal, geben keinerlei Aufschluss auf seine inneren Errungenschaften. Denn eines muss klar sein: Wie du jemanden mit seinen Handlungen wahrnimmst, hat in erster Linie mit dir etwas zu tun, mit deinen Prägungen, nicht mit dem Menschen, den du beurteilst oder einschätzt. Wenn du anderen die gleiche Begrenztheit andichtest, in der du dich wähnst, wie soll es je für dich möglich sein, dich zu befreien, von deinen inneren Fesseln, deinen Missverständnissen?

Ja, aber vamdev, das empfinden die Menschen doch nur auf dich bezogen so, magst du jetzt argumentieren. Beim Guru ist das doch sicher nicht so. Meinst du? Das wäre ja großartig, gerne würde ich Platz nehmen, am Fuße all der Sockel, von denen ich herabgezerrt wurde. Aber diese Haltung ist ja in der- oder demjenigen, der das macht, hat mit meiner Person nichts zu tun. Einmal hat mir eine langjährige Schülerin meiner Meistern gesagt: „Also für mich ist sie jetzt eher so etwas, wie eine Schwester.“ Oder jemand anderer, auch über viele Jahre mit meiner Meisterin auf dem Weg, sagte: „Es ist wirklich ein großartiges Gefühl, dem Guru in seiner Mission helfen, sie unterstützen zu können.“ Als ich das hörte, erschrak ich zuerst einmal, damals. Der Guru ist per Definition Shiva, hat alle Begrenzungen überwunden. Und dann meint ein Schüler des Gurus, er könne dem Guru bei seiner Arbeit helfen? Mit freundlichen Grüßen vom Ego wahrscheinlich.

Wenn du jemanden erhebst, dann nutze doch diese kurze Unachtsamkeit deines Egos dafür, dich mit zu erheben. Wenn du meinst, jemand ist erleuchtet, dann assimiliere diesen Zustand, anstatt diese Person in dir mit deiner Farbe einzufärben. Färbe dich in ihrer Farbe. Das Ego ahnt seine Begrenztheit. Manchmal, in seltenen Momenten der Klarheit. Ergreife solche Momente und schwinge dich empor, statt den Spalt des Segens wieder zu schließen mit Gefühlen und Gedanken wie „der ist auch nicht besser als ich“. In der Guru-Schüler-Beziehung ist es entscheidend, wie der Schüler den Guru sieht. Mein Meister sprach da immer von Shishya-krpa, dem Segen des Schülers. Er erklärte immer wieder, dass dieser Segen wichtiger sei als der Segen des Gurus.

Es spielt wirklich keine Rolle, wie weit jemand anderes ist. Die Frage ist, wie weit du befreit bist von deinen Gefangenschaften, von den Fesseln deiner Missverständnisse und vermuteten Unzulänglichkeiten. Was nutzt dir die Erleuchtung eines anderen? Vielleicht, dass dein Verstand glauben kann, dass der Weg wirklich funktioniert und andere in die Freiheit führen kann. Aber wenn dein Verstand seinen Weg darauf aufbaut, dass er für andere schon funktioniert hat, dann wird er auch, im Laufe der Zeit, Begründungen dafür finden, warum es bei dir nicht „klappt“.

Es geht auf dem Yogaweg ja nicht darum, Shiva zu jiva zu machen, sondern umgekehrt, das begrenzte Individuum aus seiner Begrenztheit zu führen zu Shivas Unendlichkeit. Mach dir also keine Gedanken darüber, ob jemand anderes den Weg zu Ende gegangen ist, sondern gehe du ihn zu Ende. Wenn du von jemandem lernen willst, wie zum Beispiel von vamdev, dann überprüfe in dir, ob das, was er lehrt, mit den Schriften übereinstimmt, mit den Worten der Meister. Und dann wende an, was du lernst. Lass dich nicht ein auf Diskussionen über die Zustände anderer.

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Wüstenimpressionen

Meine Meisterin sagte einmal, als sie ein Neujahrsprogramm in der Wüste Kaliforniens abhielt, dass die Wüste die Wahrheit ans Licht bringt.

Das ist auch in der Wegetappe, die ich „Wüste“ in meinem Buch „Liebe, Glück und Freiheit“ (zur Zeit nicht erhältlich) genannt habe.

Was mich immer wieder in Begegnungen und Gesprächen mit YogInis, die schon lange auf dem Weg zu sein scheinen, erstaunt, ist, wie der Geist über die Zeit seinen Fokus verlieren kann. Bei vielen SchülerInnen meiner Meisterin beobachte ich das auch. Die meisten kommen sowieso nie über die Phase der psychischen Läuterung hinaus, weil sie der gefühlten Intensität des Prozesses nicht standhalten können. Sie sind nicht in der Lage, ihre Brennkraft aufrecht zu erhalten, halten sich andere Wege und Möglichkeiten offen und übersehen dabei völlig, dass sie so die Identifikation mit ihrem eigenen, kleinen, begrenzten Ego nicht loswerden können.

Aber andere, die mit echter Vehemenz und mit Fokus den Weg durch die Wirren dieses Teils der inneren Läuterung finden und in der Wüste ankommen, verspielen dann ihr ganzes „Kapital“ erstaunlich unbedacht und leichtfertig. Du hast die Begleitung eines echten Meisters, einer echten Meisterin genossen, von Anfang an vielleicht, und dann meinst du, du weißt Bescheid. Du hast die Bücher, die sie aus Liebe und Mitgefühl für ihre SchülerInnen geschrieben haben oder schreiben ließen, gelesen und meinst jetzt, das genügt. Du hast das Mantra wiederholt und Vorteile daraus gezogen, du hast den Guru vermeintlich in all deine Lebensbereiche eingelassen und seine Hilfe genossen. Und du hast es zu etwas gebracht. Wie ein Teenie, der meint, mit 14 langsam alles kapiert zu haben, zu wissen, wie die Welt tickt und auch, wie man das Ganze besser machen könnte.

Jetzt kommt deine alte Freundin und empfiehlt dir das neueste Engelbuch von soundso, und dann diskutiert ihr dieses Geschwafel als wäre es in irgendeiner Form den Worten deiner Meister ebenbürtig. Du „entdeckst“ dann neue Aspekte des geistigen Wegs, die du in deiner Tradition nicht gefunden hast. Du überlegst dir in keinem Moment, dass dein Meister das vielleicht aus sehr gutem Grund nicht lehrt oder gelehrt hat. Du entdeckst also eine Art Lücke in deinem Weg, die du ja recht einfach selber mit neuer Info ausfüllen kannst. Schließlich ist das ja DEIN Weg, der sicher auch DEINEN Input zur Vervollständigung brauchen kann.

Die Wüste bringt die Wahrheit an den Tag. Du hast deine Hausaufgaben nicht gemacht, von Anfang an nicht. Du hast die Beziehung zu deinem Guru nicht tief genug verstanden, nicht mit Hingabe gepflegt und vertieft. Sonst würde dich keine Information über Engel und dem ganzen anderen Esokram, der so mit viel Hokuspokus angeboten wird, interessieren. Und diese Bücher, etc. würden dir gar nicht angeboten, denn allen und allem wäre sowieso klar, dass dich das nicht interessiert.

Manchmal bin ich schon erstaunt, wie schnell wir vergessen können. Oder wie oberflächlich wir diesen Weg gehen können. Wie die Zeit aus Großartigkeit Banalität machen kann, wie das immer Neue alt wird, weil wir nicht genug verstehen, worum es geht.

Dass das am Anfang nicht so klar ist, kann man nachvollziehen, aber nach 10 Jahren? Nach 15 Jahren? Nach 20?!? So oft höre ich von diesen „Alteingesessenen“, wenn sie überhaupt noch mit mir reden wollen („der vamdev ist einfach zu fanatisch, usw.“), wie sie das Ganze satt haben, wie sich nichts mehr „tut“, wie der Guru in wichtigen Lebensherausforderungen eben nicht geholfen hat. Wie bitte? Ist der Guru ein Anwalt, der dich bei schwierigen Rechtslagen wieder rauspaukt, obwohl du dir das vielleicht sogar selbst eingebrockt hast? Ist der Guru verantwortlich für das Geradebügeln unseres Lebens? Ist der Guru der Wunderheiler, der dich, schwuppsdiwupps von selbst versuchtem Leid befreit? Ist der Guru ein Magier, ein Butler, dein Generaldirektor? Ist der Guru verantwortlich dafür, dass du deinen Weg gehst? Ich weiß, manchmal scheint er das alles zu sein, am Anfang, ein wenig.

Aber willst du immer noch mit 30 von deiner Mama an der Hand über jede Straße geführt werden?

Erinnerung, Erinnerung, Erinnerung – darauf kommt es an. Du vergisst und lässt das Vergessen wuchern mit all seinen giftigen Keimen, wie Zweifel (dessen Wurzel aber nicht angezweifelt wird), Nachlässigkeit, Verstrickung, die nach außen gerichtete Sicht des Lebens, Nachlässigkeit in deinem Denken und Fühlen.

Was soll man da machen? Zu nichts werden, die Verbindung zum Guru vertiefen (nein, das heißt nicht intensivierte internationale Reisetätigkeit, das ist ein Herzensprozess, das ist die Bitte um und das Üben von Hingabe), deinem Geist nicht erlauben, deinen Weg zu banalisieren, zu verflachen, zu normalisieren. Mantra, immer wieder Mantra. Ich bin Shiva, das muss mit der Zeit alles überstrahlen können. Wenn du in dir die Voraussetzung dafür nicht schaffst, immer wieder, wird das NIE gehen.

Wenn die Distanz zum Weg und zum Guru in dir wächst, wenn es gerade anfängt, dann wende dich an Schüler, die stark sind auf dem Weg und suche dir keine Zweifelskumpane.

Alles Liebe, wie immer.

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Die Worte, die verwandeln

Meine Meisterin gibt seit Jahren so etwas wie eine Botschaft aus für das neue, kommende Jahr. Ich war vor langer Zeit in Indien dabei, wo diese Tradition ihren Ursprung nahm, als jemand aus dem Publikum fragte, a, kurz nach Mitternacht, am Ende unserer Neujahrsfeier, ob sie uns nicht eine Botschaft für das Neue Jahr mitgeben könnte.

Heute, mit moderner Technologie, geht das sogar über das Internet über Live Stream und zum Nachhören. Was mich erstaunt an den Worten, an den Lehren der Meister, ist, dass sie eine derartige Bandbreite von Schülern führen und inspirieren können, wie das bei meiner Meisterin der Fall ist. Etliche von uns hat sie sozusagen ererbt von ihrem Meister, dann kommen Menschen zu ihr, die zum ersten Mal etwas mit Yoga zu tun bekommen. Alle lernen, können sich weiter entfalten.

Ich finde es so schade, dass es in unserer Kultur nicht mehr die Institution der spirituellen Meisterschaft gibt. Wenn jetzt jemand meint, ich läge da falsch, dann liegt das wohl daran, dass nicht klar ist, was einen Meister wirklich auszeichnet. Und sogar viele Schüler von echten Meistern vergessen das auch wieder im Laufe der Zeit, dichten dem Meister ihre eigenen Unzulänglichkeiten an, unter dem Mantel des Menschlichen. Kann man ja verstehen, die sind ja auch nur Menschen. Na denn!

Für uns ist es schier unvorstellbar, dass es unter Menschen Vollkommenheit geben kann. Zu sehr ist unser Ego in der Lage, schnell und unleugbar zu beweisen, dass wir Menschen einfach unzureichend sind, milde ausgedrückt. Und so finden wir uns ab mit diesem allzu menschlichen Gewöhnlichen, mit Größe, die nur die eigenen Abgründe bedeckt, mit angelesener Weisheit, mit pseudoheiligen Worten, mit scheinbar liebenswürdiger Nachsicht und einer Vorsicht, die dem Wandeln auf rohen Eiern gleicht, nur damit uns niemand zu Nahe tritt, weil wir das auch nicht tun.

Dann ist da der Guru, der die Fahne des wahren Möglichkeiten des Menschseins hochhält, der sich nicht beeindrucken lässt von unserer Überzeugung von Mickrigkeit, der unnachgiebig den Weg zeigt und in uns unsere eigene Transformation vorantreibt.

Als Schüler ist es natürlich, von den Worten des eigenen Meisters berührt zu sein, sie tief in sich einzulassen. Wenn ein Mensch die Rolle des Schülers eines Gurus annimmt, dann erteilt er, bewusst oder unbewusst, diesem Meister weitreichende Vollmachten, die aber jederzeit widerrufbar sind, was ja auch viele immer wieder tun. Meist liegt das daran, dass ihnen nicht klar ist, was das für eine Verbindung zwischen Meister und Schüler ist, was ein Schüler ist, was ein Meister ist und wie sie zusammenwirken.

1986 hat mir meine Meisterin einmal gesagt, ich solle ein Buch schreiben über den Guru, aber ein gesellschaftspolitische Buch, kein spirituelles. Denn alle Probleme der modernen westlichen Gesellschaft und vor allem auch die Probleme, die wir so freizügig in den Rest der Welt exportieren, stammten vom Ego, über dem kein Meister mehr steht. Die große Sehnsucht der Hingabe, die nur ein Guru stillen kann, versuchen wir in Arbeit, in Beziehungen, in Besitz und Macht zu beruhigen. Wie aber soll das gelingen? Eine Kultur ohne Meister ist wie ein Huhn, dem der Kopf abgeschlagen wurde. Es macht noch ein paar wilde Bewegungen, aber sein Leben ist in Wahrheit schon zu Ende.

Die Worte eines Gurus haben die Kraft zu verwandeln, von innen heraus, wenn man das zulassen kann. Was haben wir denn schon zu verlieren? Unsere Unabhängigkeit? Und woraus besteht die bitte? Dass wir immer mehr und ungebremst unseren Prägungen anheim fallen?Dass wir ertrinken in Wünschen und Gelüsten, im Immer Mehr des Immer Mehr?

Viele Menschen auf den geistigen Wegen, wenn man das überhaupt so nennen kann, verschanzen sich hinter zusammengeschusterten Gruppen von Lehrern, denen sie dann als Gesamtheit Guruqualitäten zuschreiben. Ein Einlassen ist so erfolgreich verhindert. Das eigene Ego ist immer noch Dirigent und Orchester und Kritiker in einem. Nichts Wesentliches kann passieren, zumindest nicht, was durch die Guru-Schüler-Beziehung möglich war.

Du magst dich jetzt fragen: Wie kann der das alles nur so (frech) behaupten? Nun, das Ego ist entweder am Drücker oder es ist es nicht. Ohne Guru wird es seine Vormacht nicht aufgeben. Wie sollte es auch? Kann mir das jemand erklären, der meint, das ging auch ohne? Alles Liebe

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Wenn die innere Kraft erwacht

ändert sich alles. Ohne das Erwachen der Kundalini Shakti, dieser inneren Kraft allerdings ist das Leben eines Menschen ziemlich belanglos. Es ist so, als würde man das Potenzial des menschlichen Lebens in keiner Weise ausnützen.

Wenn die Kundalini Shakti im Menschen aktiv wird, dann, so heißt es in den Yogatexten, beginnt ein zweites Leben. Kundalini verändert dann alles, jeder Lebensbereich ist betroffen und man sollte besser wissen, was da genau passiert, um sich nicht mit Missverständnissen zu verwirren.

Wieso passiert da überhaupt etwas? Nun, die Kundalini ist die Kraft in uns, die uns von alten psychischen, unerledigten Erfahrungen, die aus Urzeiten und aus jüngster Vergangenheit herrühren können, befreit. Die Yogameister nannten das immer Läuterung. Während wir im grobstofflichen, physischen Bereich mit Fehlernährung allerlei Dinge in unserem Körper einlagern, die er nicht so ohne weiteres wieder abbauen kann, so lagern wir im feinstofflichen „Software“-Körper alle möglichen psychischen, nicht richtig oder vollständig verarbeiteten Erlebnisse ein. Wie diese Erlebnisse GANZ verarbeitet werden können, dazu später.

NUR die Kundalini hat die Fähigkeit, diese Läuterung durchzuführen. Ein „Cakra“-Therapeut, der da behauptet, reinigend, entblockend oder wie auch immer tätig zu werden, hält seine Klienten und sich selbst nachhaltig zum Narren. Die „Verunreinigung“ des feinstofflichen Systems ist vierdimensional und die Verästelung dieser Ablagerungen ist unendlich komplex, viel zu komplex für den menschlichen Verstand, für die menschliche Psyche. Auch jemand, der alle möglichen medialen Fähigkeiten hat, kann das nicht leisten.

Wenn solche „Cakra-Arbeit“ tatsächlich wirken würde, läuternd wirken würde, dann würde es immer wieder zu fatalen Folgen kommen. Und nur weil man dann „doch etwas spürt“, heißt das noch lange nicht, dass auf der CAKRA-Ebene etwas passiert ist. Wer die Komplexität verstehen oder erahnen möchte, der lese doch die Shat-Cakra-Nirupana, zu der eine deutsche Übersetzung im Buch „Die Schlangenkraft“ existiert. Das ganze, hoch komplizierte Buch ist ein Kommentar zu diesem ziemlich kurzen Text.

Die Kundalini Shakti hat die umfassende Intelligenz, um diese Läuterung so durchzuführen, dass du nebenbei, sozusagen, auch noch ein ziemlich „normales“ Leben führen kannst. Nur, du wirst auch deinen Teil dazu beitragen müssen. Und der besteht aus Studium. Du musst über die Wirkweise dieser Kraft lesen, und nicht die schönen bunten Cakra-Bücher à la „Das große Chakra-Buch“ etc. Es gibt ein paar gute Werke, die einigermaßen verständlich beschreiben, was da genau passiert. Eines ist von Swami Kripananda, dann gibt es ein Buch, das heißt Devatma Shakti, das fast schon katalogartig die möglichen Erlebnisse aufzählt, die die Kundalini auf ihrem Weg durch den feinstofflichen Körper hervorruft.

Diese Kraft ist nicht eine Kraft wie Strom oder Wind oder eine andere natürliche Kraft. Sie ist DIE Schöpfungskraft, aus der, so behaupten die Yogatexte, das ganze All hervorgegangen ist. Quasi die Kraft HINTER dem Urknall, wobei sie, wie die Yogis des Kaschmirischen Schivaismus behauptet haben, unzählige Universen auf einmal erschaffen hat. Im Menschen findet ihre Ausdehnung, Schöpfung genannt, ihren Ruhepunkt. Und dort ruht sie dann, bis sie entweder spontan oder durch einen Shaktipat-Meister erwacht.

Mein Meister, meine Meisterin sind Shaktipat-Gurus. Das ist nicht nur eine Behauptung eines Schülers, sondern das sind die Erlebnisse vieler, vieler Menschen. Selbst wenn die Kundalini-Shakti spontan erwacht ist, weil für einmal in deinem Leben die positiven und negativen Schicksalskräfte exakt im Lot waren, ist es unabdingbar, dass man den Schutz und die Anleitung eines Gurus, der es verdient, diesen Titel zu tragen, sucht und annimmt. So jemand sollte in der Lage sein, sich mit der Kundalinienergie seiner SchülerInnen zu verbinden und sie von innen her zu leiten. Wem das zu abgefahren klingt, den mag ich beruhigen. Auch wenn das nicht möglich wäre, ist es doch von Nöten, mit jemanden diese Entwicklung durchzuleben, der sich total damit auskennt. Diese Person sollte wissen, was mit dir passiert, sollte deine Erlebnisse für dich einordnen können und dir helfen können, sie in deinen Lebensalltag zu integrieren.

Warum die intelligente Kundalini das nicht alles selber macht, fragst du dich vielleicht. Vielleicht war das in Kulturen so, wo es kultureller Standard war, über diese Kraft und ihre Wirkweisen zu wissen. Bei uns allerdings ist das schon lange nicht mehr so. Es besteht allerlei werbemäßig gut verpacktes Pseudowissen (siehe „Cakra-Arbeit“) und kein originäres Verständnis über den Prozess der sich ausdehnenden Kundalini-Kraft.

Der Verstand, oder genauer gesagt, der Geist MUSS das, was da passiert RICHTIG verstehen, er muss sich NEUE Interpretationen aneignen, sonst kann er nicht anders, als in seinen Erinnerungen zu graben, wenn du eine der unendlichen Kundalini-Erfahrungen hast. Was er dir dann als Erklärung auftischen wird, ist völlig unbrauchbar und meist mit unnötigen Sorgen verbunden.

Bald mehr darüber.

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Wenn der Weg historische Züge annimmt.

Viele Traditionen, die sich auf eine historische Person beziehen, werden mit der Zeit immer problematischer. Sie verfallen in der Regel einem Historizismus, der sie zwingt, Dinge zu tun, zu glauben, zu lehren, die auch mit nur ein klein wenig gesunden Menschenverstand unsinnig sind.

Leider haben fast alle gängigen Religionen dieses Problem. Sie beziehen sich auf Religionsstifter, die vor langer Zeit in ganz anderen Umständen gelebt haben. Wie sollen sie zeitgemäß die Themen unserer Epoche bearbeiten und uns im Leben unterstützen können?

Geistige Weg, wie ja auch Yoga einer ist, brauchen Meister, die heute leben und aus ihrem befreiten, voll entfaltetem Menschsein, ihre SchülerInnen heute auf dem Weg führen können. Rückwärts gerichtete Weg können diese Unterstützung nicht bieten, was meist dazu führt, dass die ja zu allen Zeiten vorhandenen spirituellen Bedürfnisse des Menschen immer mehr mit Wegen Marke Eigenbau befriedigt werden. Oder zumindest versucht man das. Meister und Meisterinnen, die diese Bezeichnung auch verdienen werden von historischen Wegen nicht hervorgebracht. Dieser Mangel führt zu großer Verwirrtheit, zur Vermischung von Dingen, die nicht vermischt werden müssen: Macht, Wohlstand, Moral haben mit den persönlichen Schicksalen zu tun, nicht mit den geistigen Wegen. Bitte das genau lesen. Spiritualität ist im Wesentlichen ein Weg, im Leben und im Alltag zu vollständiger Selbst-Erkenntnis zu gelangen, zu unerschütterlichen Gewissheit, dass ich vollkommen, allumfassend und eins bin (siehe Beiträge über Sprachprobleme, wer sich an dieser Wortwahl stört). Dein Schicksal, dass dir alle möglichen Umstände beschert und die mehr oder weniger ausgeprägte Fähigkeit, diese zu meistern, ist persönlich, vielleicht noch gesellschaftlich relevant, aber nicht spirituell.

Unter allen Umständen ist Shiva immer Shiva. Es kann also kein Hindernis geben, im Leben, das zu erkennen. Es kann keins geben. Es stimmt eben NICHT, dass ein Kamel eher durch ein Nadelöhr gehen kann als dass ein „Reicher in den Himmel kommt“. Denn Shivavyapti, Shivasicht, bedarf nicht der Besitzlosigkeit, um DIE Wirklichkeit zu erkennen. Der Regen bedarf nicht der Wettervorhersagen, um dich nass zu machen. Wenn du dir etwas sagen lassen kannst, wenn du deine Unterscheidungsfähigkeit durch Studium und Hingabe, durch Praxis und Besinnung ausweitest, dann kannst du diesen Weg gehen, jetzt und heute. 

Wie wollen rückwärts gewandte Wege da helfen, wenn dann nicht erleuchtete Pseudo-Gelehrte, die sich, in ihrem Ego fest verankert, erdreisten, diese Brücken aus dem 6. Jh. in die heutige Zeit zu schlagen? Da gab es keine Bürgerrechte, keine Autos, keine Kunststoffe, etc. etc. Ist die Zeit wichtig? Brauchen wir Uhren? Die gab es damals noch nicht. Wer mit einem Sadguru, einem echten Meister, einer echten Meisterin (diese Funktion hat aber nichts mit Geschlechtlichkeit zu tun) als Schüler folgt, hat diese Probleme mit oben genannten Fragen nicht. An der Art und Weise, wie so ein Meister in der Welt lebt, kann man erkennen, was geht und was nicht geht, was nicht hilfreich ist auf dem Weg. 

Wenn du dich also zurücksehnst, nach einem Meister, der nicht mehr im Körper ist, nach der Art und Weise, wie man das früher gemacht hat, dann bist du auf einem Weg, der dich nicht zu Freiheit, Shiva-Verwirklichung führen kann. Ich schreibe absichtlich nicht Selbstverwirklichung, weil Menschen heute ja schon meinen selbstverwirklicht zu sein, weil sie ein paar Lichter gesehen haben und sich mit ihren Prägungen und Abhängigkeiten ETWAS wohler fühlen, oder weil sie endlich ihre Verstrickungen ohne schlechtes Gewissen ausleben. 

Alles Liebe!

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Vom Komplizierten zum Einfachen

Als Vorbereitung auf meinen Kurs zu Pfingsten lese ich zur Zeit Kommentare über die Bhagavad Gita, einem zentralen Text der Yogatradition. Und dann lese ich von in einem Buch, das mein Meister verfasst hat, wo er ausführlich Textstellen der Bhagavad Gita auslegt. Das ist übrigens eine zentrale Funktion eines Meisters im Yoga, dass er oder sie die zentralen Yogatexte auslegt, in so weit sie für ihre SchülerInnen von Bedeutung sind.

Mich hat das immer fasziniert, wie manche Texte betont werden, andere nicht so sehr, oder nur in Teilen.

Shankara war einer der bedeutenden Meister der Yogatradition. Er hatte (hat?) die geistige Kraft, aus den zum Teil sehr kryptischen Upanishad-Texten die Lebensweise des Vedanta zu kreieren. Obwohl er damit nicht etwas Neues geschaffen hat, denn er hat sich ja nur auf Texte bezogen, die zu seiner Lebenszeit schon sehr bekannt waren, so waren seine Auslegungen doch klärend und zeigten die Bedeutung von Erkenntnis für Yogis, die ihren Weg zu Ende gehen wollten.

Er muss scheinbar das Argumentieren geliebt haben. Seine intellektuelle Brillanz und seine geistige Errungenschaft ermöglichten es ihm, seine Lehre bis ins kleinste Detail zu belegen.

Da ich also über den letzten Satz im Dialog der Bhagavad Gita (zwischen dem Meister und seinem Schüler), „ich will tun, was du mir sagst“, lehren möchte, habe ich auch bei meinem Meister nachgelesen, der nicht über Teile der Bhagavad Gita geschrieben hat, sondern auch über Shankaras Kommentar zu diesem Text. Ich finde die Fähigkeit meines Meisters, in Einfachheit zu lehren, ohne dass vieles Wichtige wegfällt und ins Banale abrutscht, faszinierend. Wenn man Shankara liest, dann braucht man schon sehr viel Geduld und, obwohl ich es ja gewohnt bin, schon seit vielen Jahren, Texte dieser Art zu lesen, muss ich doch etliche Stellen mehrmals lesen, um überhaupt zu begreifen, wovon er spricht. Aber wenn ich bei meinem Meister darüber lese, dann ist es immer klar und einfach.

Das ist für mich das Geschenk, das ein (echter!) Meister, eine (echte!) Meisterin seinen und ihren SchülerInnen gibt: Mit klaren Worten können sie Komplexitäten entwirren, schwer Nachvollziehbares im Alltag lebbar machen. Manchmal frage ich mich, wie Menschen so einen Weg gehen wollen, ohne die Unterstützung eines Meisters, einer Meisterin, zu dessen und deren SchülerIn sie  sich gemacht haben.

Nur das Ego im Vordergrund und als entscheidender Identitätsstifter wird sich die ausgestreckte Hand des Meisters verbitten und auf seine „Das-muss-auch-alleine-gehen“-Haltung pochen. Es wird sich in Befürchtungen ergehen, seine Unabhängigkeit und seine Freiheit zu verlieren, und wird mit abstrusen Argumenten („ich bin vielleicht einfach nicht der Typ, der mit einem Guru arbeiten kann“) echte Belehrbarkeit gar nicht erst aufkommen lassen. Wie schade!

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