Archiv der Kategorie: Der Yoga der Weisheit im Alltag

Das Problem sind NIE die Emotionen!

Ich habe ja zwei kleine Jungs hier zuhause, die mir eindrücklich die folgende yogische Weisheit lehren: Das Problem sind NIE die Emotionen.

Ihre Emotionen sind so wechselhaft, dass ich mit meiner manchmal notwendig erscheinenden Schlichterarbeit nicht nachkomme. Bis ich mir überlegt habe, wie ich ihren Streit jetzt wieder auf ein gutes Gleis bringen könnte, sind sie schon längst weiter und bei der nächsten Emotion angelangt. Genau, wie mein Meister das immer wieder erklärte. Emotionen sind viel zu flüchtig, um sich ihnen ausführlich zu widmen. Denn wenn du bei einer ansetzen willst, sind schon wieder etliche andere aufgetaucht in deiner Psyche.

Seht ihr, es ist wirklich einfach: Es sind nie die Emotionen. Was uns auf längere Zeit, also mehr als ein paar Sekunden, so beeindruckt, sind nicht die Emotionen, sondern unsere innere „Gespräche“ über sie. Wenn du also jemandem erzählst, dass es dir schlecht geht, dass du traurig ist, dass du am Boden bist, etc., dann sind das nicht Gefühle, die dich da bedrängen und dir dein Glück rauben. Es sind die Begründungen und inneren Monologe, mit denen du deine Gefühle erklärst und berechtigst.

Vielleicht meinst du, das ist doch wohl eher eine Argumentation um Worte, nicht so sehr um Inhalte. In der Yogatradition Nordindiens, dem Kaschmir Schiwaismus, gibt es einen grundlegenden Text, die Siva Sutras. Gleich am Anfang gibt es einen Aphorismus, der besagt, dass aus dem Nicht-Verstehen der Kraft des Klangs, die dem Alphabet innewohnt, die Grundlage für begrenztes Wissen liegt. Worte haben große Kraft in unserem Leben. Das scheint mir in allen Sprachen so zu sein. Schon kleine Veränderungen im Klang eines Wortes können die Bedeutung grundlegend ändern. „Biete“ und „bitte“, „Tag“ und „Tal“, etc., der Beispiele gibt es viele.

Wenn ich denke, dass Emotionalität Probleme bereiten kann, dann komme ich zu anderen Herangehensweisen als wenn ich verstehe, dass das, was ich Emotion nenne, in erster Linie Begründungen und Erklärungen der sehr flüchtigen Emotionen sind, die ich erlebe. Ich könnte dann nämlich lernen, den inneren Dialog über das, was ich fühle, zu erkennen und später dann auch zu beeinflussen.

Ich könnte mir vorstellen, dass das auf Grund meiner Wortwahl, etwas hölzern und nicht so richtig spontan und natürlich bei dir ankommt. Worte wie „beeinflussen“ oder gar „kontrollieren“, „bewusst ändern“, etc. hören sich beherrscht und vielleicht gefühlskalt und sogar verdrängend an. Aber das ist ganz und gar nicht der Fall. Wenn deine Emotionalität oder, viel genauer, deine Berechtigungen im Hintergrund deiner Emotionen in dir ihr Eigenleben führen, wirst du nie gefühlsmäßig entspannt sein können. Das bedeutet, dass du immer auf der Hut bist, dass die Pferde nicht in dir durchgehen.

Jemand, der durch die yogische Praxis von Mantrawiederholung und Meditation seine inneren Dialoge hören kann, der lernt mit der Zeit, das Skript dieser Erklärungen und Berechtigungen umschreiben zu können. Diese Fähigkeit zu erwerben, mag etwas dauern und erfordert Wissen und Geduld. Aber stell dir vor, du könntest das. Das würde bedeuten, dass du Emotionalität nicht mehr nur mit angezogener Handbremse zulassen müsstest. Das Gegenteil eben von unterdrückten Gefühlen und einem emotionalen Eiertanz, damit es ja nicht zu viel oder unbeherrschbar wird.

Wie oft habe ich von Menschen gehört, dass sie vorsichtig geworden sind, sich emotional einzulassen. „Ich bin zu oft enttäuscht worden“, „ich muss mich schützen“, etc. Ist das nicht Gefangenschaft? Kann ich mit so einer Einstellung je erhoffen, frei und glücklich zu sein? Oft entschuldigen Menschen, die in dieser Art von Gefangenschaft leben, ihre Unfähigkeit, ihre eigenen Emotionsbegründungen zu verwandeln, als „ihr Herz auf der Zunge“ tragend. Sie meinen, dass sie halt ehrlich sind und direkt, einfach kein Blatt vor den Mund nehmen und dass nicht jeder mit dieser Art zurechtkommt.

Was für ein Unsinn! Sobald du den Unterschied zwischen einem Gefühl (Wut, Freude, Zuneigung, Angst, etc.) und seinen in deiner Psyche erzeugten Berechtigungen für diese Gefühle kennst, merkst du, dass du sehr wohl fühlen kannst, ohne dabei Opfer dieser Gefühle zu werden. Nochmals, es sollte klar sein, dass das wirklich seine Zeit braucht. Es ist wie mit einer körperlichen Fehlhaltung, die du dir abgewöhnen willst: Auch wenn du gut verstanden hast, was du ändern musst, auch wenn dir das jemand genau gezeigt hast, was und wie du das ändern musst, brauchst du trotzdem einige Zeit, um diese Fehlhaltung zu korrigieren. Es braucht Geduld und für diese Geduld braucht es Wissen und um dieses Wissen zu erlangen, musst du immer wieder verstehen lernen, dass du nicht Opfer deiner Gefühle bist, sondern der Geschichten, die meist ganz unbemerkt von dir (anfangs jedenfalls) dir deine eigene Psyche erzählt und mit vielen klaren Begründungen erklärt.

Das erscheint dir jetzt etwas zu mühsam? Gut, dann kannst du ja abwarten, bis es das nächste Mal passiert, dass du Opfer deiner eigenen „Emotionen“ wirst. Und glaube dann nicht, dass in dieser Situation das hier Gelesene oder woanders Gehörte gleich zur Stelle sein wird und dein Ausgeliefertsein beenden wird. Jetzt musst du lernen, verstehen und üben, damit du das übermorgen kannst

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Wenn dein Leben voller Aufgaben ist…

heißt das noch lange nicht, dass diese Fülle in dir einen Sturm der inneren Unruhe auslösen muss. Natürlich, wenn du wie alle anderen Menschen denkst und lebst, dann ist das zwangsläufig die Folge. Dann musst du aufpassen, dass du keine Burn-out hast, dass du nicht psychische Probleme bekommst, dass du nicht krank wirst, von all der Überlastung.

Aber für jemandem auf dem Yogaweg ist das nicht zwangsläufig so. Wieso nicht?

Weil wir lernen und immer wieder hören und uns immer wieder daran erinnern, dass das, was „außen“ läuft, nicht zwangsläufig auch in uns stattfinden muss. Ist dir klar, was das bedeutet? Das Leben ist wechselhaft, für alle Menschen. Wie das Wetter. Kurzfristige Änderungen und langfristige Entwicklungen. Das ist ganz normal, ganz gleich, welchen yogischen Zustand man errungen hat. Musst du deshalb auf den innere „Oh mein Gott, was soll ich nur machen“-Modus umschalten? Natürlich nicht, wenn du dir das, was ich yogische Psychologie nenne, angeeignet hast.

Wenn du verstehst, wie deine Psyche wirklich funktioniert, wenn du lernst, dieses erstaunliche Instrument zu verwenden, dann musst du nicht auf diesen Modus umschalten. Die nordindische Yogatradition, auch Shivaismus aus Kaschmir genannt, versteht die Psyche als reines Ich-Bewusstsein, das sich immer mehr verengt und einschränkt. (Prajnabhijna hrdayam, Vers 5) Diese Verengung und Zusammenziehung, so wird gelehrt, findet statt, wenn die Psyche sich nach außen richtet, auf (und jetzt wird es interessant) von ihr selbst nach außen projizierte „Objekte“, deren Form sie dann annimmt. Zu kompliziert? Dann lass uns das genauer ansehen.

Bewusstsein hat, wenn es „bei uns“ angekommen ist, also sich individuell ausformt, zwei Bewegungsrichtungen. Nach „außen“ und nach „innen“. Ich schreibe das in Anführungsstrichen, weil diese Bewegung nur scheinbar ist. Wenn sich die Psyche die „Objekte“ selbst erzeugt und dann darauf ihre Aufmerksamkeit richtet, dann ist dieses Nach-außen-Gerichtetsein ja nicht wirklich. Es ist wie ein Selbstgespräch, wie ein Tagtraum, den wir als solchen, also als Tagtraum, sehen können oder auf dem und mit dem wir reagieren können, als hätte wir eine objektive, faktische Wirklichkeit erlebt.

Nach „innen“ geht es dann, wenn wir erkennen, dass ein „Außen“ nicht wirklich existiert und nur eingebildet ist. Ja, genau, das bedeutet in erster Linie „sich nach innen richten“. Eine derartige Erkenntnis muss natürlich stabilisiert werden, durch die Praxis von Meditation und Mantra-Wiederholung (das ist wirklich die einfachste Methode der Stabilisierung). Die yogisch letztendliche Erkenntnis, dass alles was ist, war, sein wird und alles, was nicht ist und nicht sein wird, von mir ausgeht, ist der Endpunkt auf dem Weg der Verinnerlichung. Es geht also darum, sich von einer Illusion zu befreien.

Ich kann das gar nicht genug betonen. Erst wenn man das wirklich einsehen kann, begreifen kann, dass das „Außen“ nur durch Einbildung und Vergessen (dass es sich nur um eine Einbildung handelt) von dem, was wirklich ist, entsteht, fängt die Heimreise an. Ein großer Meister aus dem 10 Jh. beschrieb das so, als Heimreise. Solange ich aber meine, dass doch ganz bestimmte Dinge doch unabhängig von mir im Außen existieren, kann ich keinen tieferen Einblick in meine Wahrheit, meine Wirklichkeit nehmen.

Hast du Fragen dazu? Dann stell sie hier. Alles Liebe

 

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Der wahre Geschmack der Welt

Einmal trafen sich Buddha, Shankaracharya, der große Meister des Vedanta, und Abhinavagupta, der Shaivaguru, im Himmel. Ein Engel kam und reichte ihnen ein Getränk und sagte: Das ist das Getränk der Welt. Kostet es und sagt mir, wie es schmeckt.

Als Erster kostete Shankara und spuckte angeekelt wieder aus und rief: Schmeckt einfach nur schlecht. Als nächstes war Buddha an der Reihe. Der Engel reichte ihm den Trank und Buddha nahm einen Schluck. Völlig regungslos bemerkte er: Schmeckt nur nach nichts. Völlig geschmacklos.

Dann war es an Abhinava, zu kosten. Er nahm dem Engel den Becher aus der Hand und trank ihn in einem Zug und sichtlich genüsslich leer. Auch ihn befragte der Engel: Warum hast du mit solchem Genuss getrunken? Abhinava lachte und sagte: Der Geschmack der Welt ist genauso gut oder schlecht oder ganz ohne Geschmack, je nach dem, wie man ihn haben will.

Meine Meisterin sagte uns einmal: Wenn du nach Problemen suchst  wirst du unendlich davon finden. Wenn du nach dem Guten suchst  wirst du unendlich davon finden. Es liegt an dir, was du finden willst. So ist es. Ja, klar, magst du jetzt vielleicht sogar genervt abwinken. Wissen wir doch alle. Aber das dann auch konsequent leben können,  das ist noch etwas ganz anderes. Wie kann man diese Kluft zwischen Wissen und Können überwinden?

Wenn es auf diese Frage so eine richtig glatte, einfache Antwort geben würde, würden die meisten Menschen ihren geistigen Weg zu Ende gehen, was ja nicht der Fall ist. Die Worte der Antwort sind schon einfach: Wenn du weiter dein Mantra praktizierst, meditierst, ernsthaft, mit dieser ganz speziellen Entschlossenheit, die auch flexibel ist, wenn du studierst, über das, was du studiert hast, immer wieder nachsinnst, wenn du kein Problem damit hast, einen Guru zu haben, dann wird dieser Spalt, diese Kluft mit der Zeit verschwinden. Du wirst entdecken, dass immer weitere Bereiche deines Lebens eher mit Freude, mit Zufriedenheit, mit Dankbarkeit gefüllt sind und nicht mehr mit Sorgen und anderen inneren Feinden, wie Missgunst, Habgier, Neid, Eifersucht, Hartherzigkeit und emotionaler Kälte. Mit der Zeit werden Zustände dieser Art kurzlebiger, flacher und damit auch weniger heftig.

Ich dachte ja lange Zeit, dass das sowieso mit dem Alter kommt. Das würde dem Älterwerden eine sehr schöne Komponente hinzufügen. Aber leider ist das nicht so. Wenn du dein Leben lang deine Psyche diesen Räubern überlassen hast, dann solltest du nicht überrascht sein, wenn sie es sich im Alter in deiner Psyche so richtig bequem gemacht haben. Wie sollte es auch anders sein? Dieses den Weg weiter gehen ist entscheidend. Wenn Zweifel auftauchen, weil es vielleicht schon so lange geht, weil dir deine Gedanken einreden wollen, immer wieder, dass sich ja nicht wirklich etwas getan hat auf deinem Weg, dann wende dich an jemanden, der dir aus dieser Misere helfen kann.

Leider haben so manche Missverständnisse leise Pfoten und schleichen sich fast unbemerkt ein. Da braucht es deine Aufmerksamkeit, dein Urteilsvermögen, das im Yoga immer wieder so betont wird. Nur die yogische Art des Studiums kann dieser schleichenden Verwirrung Einhalt gebieten. Daher ist es immer wieder gut, die Worte der Meister zu lesen, deines Meisters, deiner Meisterin zu lesen. Wenn du bemerkst, dass du keine Lust mehr darauf hast, weil du das schon zur Genüge kennst, dann lese erst recht, was dein Guru geschrieben hat. So schleifst du den Edelstein deines Weges, deines Verständnisses mit der Zeit zu vollkommener Schönheit, zu makelloser Perfektion.

Dann ist der Geschmack der Welt köstlich, weil du lernst, überall den Segen von Kundalini Shakti, deines Meisters zu entdecken. Deine Welt ist dann mühelos mit Dankbarkeit erfüllt. Und wenn es Schwierigkeiten gibt, denen du dich stellen musst, dann können sie in dir nicht mehr diese Verzweiflung auslösen, wie das vielleicht früher der Fall war. Vielmehr vertiefen sie die innere Verbindung mit deinem Meister, intensivieren dein Vertrauen auf die Weisheit und Unfehlbarkeit deiner inneren Kraft, Kundalini Shakti.

 

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Verführerische Vielfalt

Sehr eigenartig mag dieser Text, der jetzt folgt, für manche erscheinen, die den Weg noch nicht als Weg begreifen. Alle die bitte ich, sich zumindest der Möglichkeit zu öffnen, dass hier etwas zu lesen ist, was früher oder später in der eigenen geistigen Entwicklung von Bedeutung sein könnte.

Schon seit vielen Jahren begleite ich Menschen auf dem traditionellen Yogaweg, wie ich ihn über meine Meister kennengelernt habe. Normalerweise würde ich das, worüber ich jetzt schreibe, nur in meinen Kursen erläutern. Da kann man nachfragen, von Angesicht zu Angesicht, und so zu Klarheit gelangen, zumindest für eine gewisse Zeit. Aber manche Eindrücke bestärken mich darin, darüber jetzt hier zu schreiben.

Wie so oft denke ich an die Worte meines Meisters, der sagte, dass dieser (Yoga-)Weg nichts für Menschen ist, die eine schwache Psyche und ein schwaches Herz haben. Damit meinte er nicht das physische Herz, sondern dein emotionales Gewand. Und was eine schwache Psyche ist, das lernte ich erst mit den Jahren verstehen.

Lass dich nicht verführen von den vielen Wegen und Pseudowegen, von den vielen Begriffen und Traditionen! Bleibe einfach in deiner Sicht, in deiner Praxis, in deinem Verständnis. Lerne, ganz klar zu unterscheiden, was von dem bei uns sehr reichhaltigen Angebot von „Spiritualität“ (in Anführungszeichen deshalb, weil das meiste sicher nicht das Papier wert ist, auf dem es gedruckt ist) wertvoll für deinen Weg ist und was nicht. Im Yoga heißt diese Fähigkeit Urteilsvermögen, viveka.

Viveka ist nicht gerade angesagt in einer Kultur, in der nur wenig filternde Meister diesen Sumpf der Meinungen, Lehren und Marketingstrategien für ihre Schüler sichten und ausmisten. Aber ohne viveka wirst du nur schwer erkennen, wie du auf dem Weg am besten dein Verständnis, deine Praxis vertiefen kannst. So viel scheint möglich, so reichhaltig ist das Angebot. Es erscheint fast als übermäßig schlicht daherzukommen, wenn gesagt wird, dass man am besten nur einen Weg, ein Mantra, einen Guru verehren sollte. Die Vielfalt ist, und das habe ich jetzt wirklich oft genug erlebt, verführerisch, unsinnig und überhaupt nicht hilfreich.

Das ist in keiner Weise eine Verurteilung anderer Wege. Denn natürlich gibt es unter den vielen Schwachsinnigkeiten auch Perlen, Wege, die genauso sauber sind, wie der, den ich gehe und vermitteln kann. Aber für dich, für den Menschen, der einen Weg geht, sind auch diese echten Wege nicht vorteilhaft. Jeder Meister, jede Tradition hat auch ein wenig ihre eigene Sprache, ihre eigenen Vorgehensweisen. Das Eine kann man meistens nicht auf das Andere übertragen.

Mein Meister hatte viele Schüler, und es war klar, dass Einige von ihnen den Weg auch zu Ende gegangen sind. Viele taten so als ob, aber Einige waren schon zu seinen Lebzeiten (ein eigenartiges Wort für einen Meister :)) selbst Meister, mit seinem ausdrücklichen Segen. Auch ihre Lehren hatten zu tun mit ihrer Persönlichkeit und nicht alles, was ich von meinem Meister kannte, entsprach dem, was sie lehrten.

In der Guru Gita heißt es (Vers 168): eko deva eka dharma, eka nistha param tapah. Ein Gott, ein geistiges Gesetz, eine innere Einstellung, das ist die höchste Bemühung. Lange habe ich das nicht so richtig verstanden, denn ich hatte das Glück, sehr unbedarft auf den Weg zu kommen. Es bestand keinerlei Grund für mich, mehrere Wege gleichzeitig auszuprobieren. Ich war beschäftigt genug, den einen irgendwie zu begreifen und zu verdauen. Und ich erkannte früh, dass mein Meister durch viele Zitate aus anderen Schriften in genialer Weise uns beim Weiterstudium über seine Bücher und Vorträge hinaus anleitete.

Es gibt einen unglücklichen Zustand, den Menschen erleben, die zu viel von zu vielen Traditionen ausprobieren, vermutlich in der Hoffnung, den Weg noch intensiver, noch schneller gehen zu können. Diesen Zustand bezeichnete mein Meister als spirituellen Dauerdurchfall, eine Art geistiger Verwirrung, die manchmal wirklich so verrückt macht, dass man nicht mehr ein noch aus weiß. Glaubt mir, dass ist nicht irgendein exaltierter Zustand, nicht eine vollständige Öffnung in kosmische Dimensionen, sondern nur schlicht und einfach eine gefährliche Verwirrtheit.

Lass all das. Wenn mein Meister bestimmte Teile, zum Beispiel der Kularnava Tantra zitierte, weil sie seiner Meinung nach die Meister-Schüler-Beziehung recht gut beschreibt, dann bedeutete das nicht, dass alles, was in dieser zum Teil sehr, sehr skurrilen Schrift steht, studiert werden sollte. Sicher nicht. Aber das hat er nicht eigens betont. Da brauchtest du viveka.

Verständnis im Yoga ist nicht zu verwechseln mit der Pandit-Gelehrsamkeit, die indische Gelehrte gerne an den Tag legen. Ihnen geht es oft auch um die möglichst besondere Zurschaustellung ihres umfangreichen Wissens und ihrer textlichen Präzision. Aber für Yoga-SchülerInnen ist das nicht wichtig. Es geht nur, nur, nur um den Weg. Man möge mich jetzt für einen engstirnigen Yoga-Tyrann halten oder was auch immer (habe da noch viel Schlimmeres gehört), das ist mir egal.

Wenn du Wissen ansammeln willst, dann studiere Politik, Physik, was auch immer, irgend eine handwerkliche Fähigkeit, eine Sprache (nicht unbedingt Sanskrit). Wenn du meinst, dass der Weg deine Psyche nicht mehr auslastet, dann mach irgendetwas. Aber missverstehe das nicht als Offenheit für andere Wege, als Auftakt zu Ausflügen in andere geistige Gefilde. Diese „Langeweile“ mit dem dir möglicherweise ja so vertrauten Weg ist ein Teil der sadhana, der inneren Reinigung. Wenn du das spürst, dann lese die Bücher deines Meisters noch intensiver, immer wieder das Gleiche.

Du musst deine Psyche sauberhalten. Wenn Gedanken und Gefühle zu intensiv werden, dann merke das und wiederhole dein Mantra. Wechsle dein Mantra und deine Methoden der Meditation und des Studiums nur, wenn dir das dein Meister (bitte denke daran, dass ich das Wort „Meister“ nicht männlich oder weiblich meine, sondern nur als „Berufsbezeichnung“ und mir gerne das der/die –In sparen möchte.) sagt. Sonst bleibe immer bei der gleichen Praxis. Wenn du Sehnsucht nach Abwechslung hast, dann fahre immer wieder an einen anderen Ort in den Urlaub, wechsle deine Lieblingsrestaurants, deine Wohnung, dein Land, deine PartnerInnen (wenn damit nicht nur dein Stresspegel steigt), aber lass deine innere Unruhe, die nach Abwechslung sucht, nicht an deinem Yogaweg aus.

Die Tatsache, dass es auch andere, reine Wege gibt, heißt noch lange nicht, dass du sie alle beschreiten kannst, solltest oder musst. Glaub mir, dazu lebst du viel zu wenig lang. Du kannst froh sein, wenn du nach vielen Jahren, mit aller Unterstützung deiner LehrerInnen, deiner Meisterin, der Kundalini Shakti, einen Anflug von Verständnis hast, worum es geht auf dem Yogaweg. Und vielleicht auch, welchen Zustand jemand hat, von dem der Weg sagt, dass er Siddha ist, vollendet.

Es gäbe noch so viel mehr dazu zu schreiben, aber dafür fehlt mir die Zeit. Unser Sprachgebrauch im Deutschen kennt nicht umsonst das Sprichwort: Schuster bleib bei deinen Leisten. Genau, bleib bei EINEM Weg, und mach ihn zu deinem. Wenn dir das jetzt doch etwas zu eng und zu schlicht erscheint, dann wisse, dass diese Worte nicht für dich geschrieben worden sind.

 

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Respekt und Liebe – der Yoga der Menschlichkeit

pare prem se aur sanman se sabko hrdik svagat – „mit großer Liebe und Hochachtung heiße ich euch alle von ganzem Herzen willkommen“ – so begann mein Meister alle seine Vorträge, die ich von ihm gehört habe. Und weiter sagte er dann: „Anderen Menschen mit Respekt und Liebe zu begegnen, ist wahre Geschwisterlichkeit, wahre Menschlichkeit.“ Meist schob er dann noch nach, dass er das nicht sage, weil er uns schön tun wollte, sondern weil er das Licht reinen Bewusstseins immer zuerst sehe, bevor er die Form um das Licht herum wahrnehme.

Das Logo des Ashrams, in dem ich mit ihm lebte, waren gefaltete Hände, dem indischen Gruß entsprechend, mit dem Satz: „Seht Gott ineinander“. Jetzt praktiziere und lehre ich ja schon ziemlich lange, über 40 Jahre. Aber bei diesem Punkt sehe ich viele Yoginis und Yogis kläglich scheitern. Warum wohl? Yoga als Weg der Läuterung, der Transformation, der Überwindung von Gegensätzen ist, sobald die innere Kraft, Kundalini Shakti, aktiv ist, nicht nur eine Meditations-, Mantra- und Verständnispraxis, sondern auch eine Übung dieser Haltung anderen Menschen gegenüber. Das, vermute ich einmal, vergessen viele immer wieder. Sie finden sich irgendwie damit ab, dass es halt im Alltag nicht so einfach ist, (Liebe und Respekt anderen gegenüber) und man ja doch auch mal wütend sein darf und alle anderen Gefühle anderen gegenüber haben darf. Man sei doch auch noch Mensch, oder?

Die Frage ist, was Menschsein heißt? In einer Schrift heißt es: „Menschsein heißt Emotionen haben“. Gut, HABEN, aber doch nicht ihr Opfer sein. Und vielleicht dieses Opfersein dann noch mit einer Mischung aus westlicher Laienpsychologie und östlicher Spiritualität erklären und berechtigen. Respekt und Liebe sind eine yogische Disziplin, die ihre Kraft aus dem tiefen Wissen um wahre Menschlichkeit zieht. Als der Sage nach das vorherige Zeitalter – die indische Tradition spricht von vier Weltzeitaltern, die zyklisch immer wieder auftauchen – zu Ende ging, suchten die Yoginis und Yogis bei dem großen Weisen Vyasa Unterstützung für die Frage:  Wie kann man im schwarzen, schwierigen Zeitalter am besten leben? Vyasa soll sich der Sage nach in ein tanzendes Wesen verwandelt haben, schwarz wie dieser Kali Yuga (wörtlich: schwarzes Zeitalter). Er tanzte und hielt mit einer Hand seine Zunge fest, mit der anderen bedeckte er sein Geschlecht. Die Versammlung der Yoginis und Yogis war verblüfft: Was wollte Vyasa zeigen? Er nahm seine eigene Form wieder an und erklärte: „Wenn du deine Zunge und deine Begierden im Griff haben kannst, ist das Leben im Kali Yuga ein genussvoller Tanz.“

Als ich diese Geschichte zum ersten Mal hörte, fühlte ich mich nicht besonders, ich wiegelte in mir ab, sozusagen. Ich war noch so am Anfang, sagte ich mir, dass ich da einfach noch nicht so weit war, das umzusetzen. Natürlich war das eine Ausrede, und als solche in Ordnung, aber keine Lösung. Mit den Jahren entdeckte ich, dass Worte unglaubliche Macht haben, auch leichtfertig gesagte. Dass ungezügelte Begierden eine unnötige innere Unruhe erschaffen, die ich dann mit allen möglichen yogischen Übungen wieder in den Griff bekommen musste, war mir bei genauerem Hinschauen auch bald klar. Anderen mit Respekt und Liebe zu begegnen, sind also nicht nur schöne und rührselige Worte, in einer Zeit der öffentlichen Respektlosigkeiten etwas altbacken. Sie sind auch kein Gegenmodell zur Gegenwartskultur öffentlichen Hasses und weit verbreiteten persönlichen Beleidigungen. Das mag eine Nebenwirkung sein, aber sicher nicht, worum es geht.

Wenn du ernsthaft dieser Disziplin folgen willst, mit Liebe und Hochachtung anderen zu begegnen, dann wirst du merken, dass du auf eine neue Art aufpassen musst, dass du sozusagen eine Vorderbandkontrolle für dein Reden installieren musst, dass nicht einfach alles an Worten aus dir raussprudeln kann, was in dir aufsteigt. „Aber das ist doch total unehrlich, so uncool und ohne Spontaneität“, magst du einwerfen. Ich vermute einmal, dass das ein Anfänger-Einwand ist. Denn mit ein klein wenig Nachsinnen wird klar, dass diese Übung, diese Vorderbandkontrolle, von unschätzbarem Wert ist, für dich und deine yogische Transformation. Du merkst dann sicherlich, wie alles zusammenpasst: Deine Meditation, in der du lernst, einen bewussten Gedanken (Mantra) den unzähligen unwillkürlichen Gedanken entgegenzusetzen, deine Mantra-Übung, die in der Lage ist, dich immer wieder ins Hier und Jetzt zu bringen, raus aus deinen Dauertagträumen, und eben diese Fähigkeit, dass nicht mehr alles einfach so aus dir rausquellen kann, als hättest du keine Kontrolle über deinen emotionalen Schließmuskel.

Ich selbst bin beschimpft worden von Menschen, die schon lange auf dem Yogaweg waren, habe erlebt, wie sie schlecht über mich, über meine Arbeit, über meine Familie gesprochen haben. Damit umzugehen, ist Teil meines Lebens und an sich ja auch eine wunderbare Übung, und das meine ich nicht ironisch oder sarkastisch. Es ist ein Geschenk meines Gurus. Aber bei denen, die beschimpfen und schlecht über andere reden, sich aufschwingen, beurteilen zu können, wie weit oder meist ja nicht weit andere auf ihrem Weg sind – bei denen ist es an der Zeit, sich an paraspara devo bhava – seht Gott ineinander zu erinnern, ihre Übung diesbezüglich ernsthaft aufzunehmen und zu lernen, sich ihrer Stimme zu enthalten, wenn, was sie sagen möchten, nicht erhebt und glücklich macht. Es mag in dir rumoren, weil du diese deine Schwäche vielleicht über Jahre hinweg als „Ehrlichkeit“, „Direktheit“ und deine Art, die halt „sehr geradeheraus“ ist, entschuldigt und damit berechtigt hast. Aber nur Liebe ist direkt, ehrlich und geradeheraus. Alles andere ist eine heftige Umweltverschmutzung, die das Ego allen in der Umgebung angedeihen lässt.

Ich schreibe das nicht, als Verhaltenskritik oder um dir deinen Fortschritt abzusprechen. Ich schreibe das, weil ich dich unterstützen möchte, auch auf diesem Gebiet mit Entschlossenheit und Intensität zu üben. Wie kann die Erfahrung von Ich bin Shiva je sich in einem Menschen ausbreiten, der seinen eigenen Worten und Gefühlen gegenüber so machtlos ist, dass er sie nur rauslassen kann, ganz gleich, wie schrecklich oder unangenehm die Folgen dieser Worte und Gefühle sein mögen. In Liebe, mit Respekt.

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Transformation – das Geschenk des Yogawegs (Neujahr 2016/17)

Transformation — wirklich, das ist ein Wort mit sieben Siegeln für die meisten Menschen.  Im Duden wird das Wort beschrieben mit Verwandlung, Umwandlung. Was bedeutet Transformation im Yoga? Was wird da verwandelt?

Manche Schriften geben ihre Antwort auf diese Frage: jiva wird zu Shiva. Das Individuum wird zum universellen Wesen. Das begrenzte Ich wird zum universellen Ich-Bewusstsein. Also ich finde diese Erklärungen schon sehr abstrakt, auch wenn sie stimmen mögen. Und ich sehe Möglichkeiten, das allgemein verständlich zu erklären.

Wenn es tatsächlich möglich sein sollte, mit dem Yogaweg vollkommene Freiheit zu erlangen, dann ist Transformation unumgänglich. Alles, was uns einschränkt, alles war uns trennt, muss verschwinden oder verwandelt werden. Was schränkt uns ein? Die Welt? Die Zeit? Unsere Kultur? Unsere Herkunft? Unser Körper? Man kann diese Frageliste noch ziemlich lange weiterführen, wenn man alles aufzählen möchte, wovon sich Menschen eingeschränkt fühlen.

Wer hier im Blog liest, weiß oder ahnt schon, dass der Yogaweg nicht propagiert, dass dadurch deine Freiheit eingeschränkt wird. Das yogische Augenmerk liegt vielmehr auf inneren Prozessen, denn die sind viel eher beeinflussbar als äußere.  Wenn ich das Gefühl habe, dass ich schwach, unfähig und ohnmächtig bin, dann ist klar, dass diese Empfindungen nicht befreiend sind. Wenn ich das Gefühl habe, besser als andere, klüger, schöner, etc. zu sein, dann ist vielleicht nicht so ganz klar, dass auch diese Empfindungen selbst angelegte Fesseln sind, die Menschen, die sich schwach wähnen, ironischer Weise oft sehr intensiv anstreben.

Diese Empfindungen werden auf dem Yogaweg transformiert, wenn du ihn nur lange genug und mit genug Begeisterung gehst. Wie sieht das konkret aus, magst du dich fragen. Gefühle von Unzulänglichkeit werden transformiert in die aufkeimende Ahnung deiner Großartigkeit, die nicht aus dem Ego kommt, dass sich in dir über dich lustig macht oder dich dir mit Gefühlen von Überheblichkeit und Dünkel anbiedert. Dass das möglich ist, diese Ahnung deiner Herrlichkeit, das ist das Geschenk der Transformation.

Die tiefe innere Unruhe, geboren aus der intensiven Beurteilung deiner Taten und Eigenschaften, wird einer besonderen Art von Gleichmut weichen, der aus dem Studium der Yogatexte aufsteigt, aus der Meditation, aus der langjährigen Praxis der Mantrawiederholung. Dieser Gleichmut eröffnet dir den Zugriff auf deine Emotionen auf eine neue Art: Wenn du ihn einmal vollständig erfahren hast (und ich behaupte, dass du das dann auch weißt), dann wirst du nicht mehr lange Opfer dieser beurteilenden Tendenz deiner Psyche sein. Du wirst dich schnell wieder an diesen Gleichmut erinnern und deine eigenen Urteile nicht mehr ernst nehmen.

Tiefe, umfassende Missverständnisse werden von der Transformation erfasst und verwandelt: die Identifikation mit deinem Körper, deinem Ego, deinem Intellekt, deinen Sinnen. Hier wirkt die transformierende Kraft im Yoga ihre größten Wunder. Denn dieses Missverständnis, dass uns meinen lässt, wir sind unser Körper und unser Ego, wird langsam mit dem Lösungsmittel der Kundalini-Kraft, des Segens des Meisters aufgeweicht. Mit der Zeit der Praxis (Meditation, Studium der Texte/Schriften des Yoga) wird dir immer klarer und einleuchtender, dass du nicht sein kannst, was du hast. Du wirst erkennen, dass das Ego dir gehört (wenn überhaupt) und dass du es nicht sein kannst. Du wirst den Körper als Behausung verstehen, nicht nur theoretisch, als saloppe spirituelle Floskel.

Diese Kraft der Transformation im Yoga überwindet für immer das Gefühl der Einsamkeit, für immer die tiefen Selbstzweifel, weil sie deine Missverständnisse in Vertrauen verwandelt, das sich nicht auf die Hoffnung stützt, dass sicher alles gut ausgehen wird, sondern auf das Wissen, der tiefen Einsicht, wer du wirklich bist.

Das Geschenk dieser Transformation ist, dass du sie erleben und durchleben kannst, ohne dass du dein normales Leben aufgeben musst, auch wenn sich die eine oder andere Angewohnheit auflöst.

 

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Im Angesicht

des sicheren Todes eines jeden Menschen ist das Leben absurd. Zielstrebigkeit, die Fähigkeit zu planen, das Gegenwärtige in die Zukunft zu projizieren sind schwerlich ernst zu nehmen, wenn man bedenkt, dass das Ende unseres Lebens in diesem Körper völlig unabhängig von allem ist, was wir im Leben für wichtig halten können.

Noch niemand hat wegen noch nicht zu Ende geführter Projekte Aufschub erhalten, so viel ich informiert bin. Dicke sterben genauso wie Dünne, Reiche wie Arme gleichermaßen. Wenn deine Zeit abgelaufen ist, dann nützt all dein Reichtum nichts mehr, all deine Intelligenz, dein Tatendrang und dein Ansehen bei anderen Menschen. Ihren Körper haben bisher noch alle verlassen, die in einem gewohnt haben, freiwillig oder per Rauswurf. Körperseitig ist das Ergebnis bei allen gleich. Am Ende musst du ausziehen.

Niemand fragt dich dann, ob es dir gerade in den Kram passt. Niemand interessieren dann deine Pläne, deine Vorhaben, dein Gestaltungswille, deine Kinder und die Tatsache, dass sie dich brauchen. Es ist völlig belanglos, ändert nichts an deinem Tod.

Ist das nicht faszinierend? Vielleicht denkst du dir jetzt, wenn du regelmäßig in diesem Blog liest, der schreibt doch immer wieder von diesem Thema, vielleicht hat er ja ein Problem damit. Vielleicht ist er vom Tod ja wie besessen. Du etwa nicht? Er steht dir sicher bevor. Viele traditionelle Kulturen ermuntern Menschen, sich damit zu befassen. Wenn man sich sogenannte Naturkatastrophen ansieht, dann wird die Absurdität des Lebens klar. Mitten in was auch immer du tust, kann es dich erwischen, jetzt, morgen, irgendwann. Und nur eines ist klar. Es WIRD dich erwischen.

Und was nützt es einem, wenn man das weiß, wenn man darüber nachdenkt? Ist das nicht zu tiefst deprimierend? Eben nicht! Es ist der größte, der beste, der herrlichste Witz, den man sich nur ausdenken kann. Wenn dir das wirklich klar ist, so wie dir klar ist, dass du existierst, ganz selbstverständlich, dann kannst du dich und deine Probleme einfach nicht mehr so todernst nehmen. Dann planst du vielleicht immer noch, aber doch mit einem Augenzwinkern. Dann erfüllst du und erkennst du deine Verpflichtungen, aber doch nicht mehr mit dieser Bürde von Verantwortung und Pflichterfüllung. Es wird viel lustiger.

Wer sich nicht Gedanken über seinen eigenen Tod macht, für den kommt das Sterben immer ungelegen, zeitlich und situationell unpassend. Auch mit 80, 90, 100 Jahren. Wenn dir der Körper gehörig auf die Nerven geht, wenn es dir immer mühsamer erscheint, in diesem Haus zu leben, wenn es dann so weit ist, ihn zu verlassen, dann passt es halt doch nicht so gut, gerade jetzt, in diesem Augenblick. Aber wenn dir klar ist, dass es gar nicht passen muss, wenn dir klar ist, dass durch dieses Ereignis, Tod genannt, alle anderen Aktivitäten ziemlich unwichtig werden, dann musst du nicht Zeter und Mordio schreien, nur weil es so weit ist. Dann hast du innerlich immer schon deine Koffer gepackt.

Vor Jahre bat mich einmal eine Kursteilnehmerin zu sich ins Krankenhaus. Ihr ging es schlecht, wurde mir gesagt. Als ich sie sah, war klar, dass ihr Körper am Ende war. Sie nicht. Sie war wach und ziemlich klar. Ein paar Sätze lang wollte sie mir noch von den Hoffnungen der Ärzte erzählen, was sie noch versuchen konnten. Ich musste fast lachen. Ich deutete auf ihren Haut-und-Knochen-Körper, mit großem aufgequollenem Bauch und sagte: „Glaubst du, das Ding wird je wieder werden?“ „Nein“, sagte sie, „wohl kaum.“ „Du hast doch ein gutes Leben geführt, du hast deine Pflicht als Mutter, als Partner, als Frau erfüllt. Es ist doch gut. Du kannst doch gehen.“ „Aber es ist so endgültig“, sagte sie.

Wer weiß das schon, und, wen juckt das? Menschen GLAUBEN an ein Leben nach dem Tod. Manche haben das so verinnerlicht, dass sie es „wissen“. Ist das wichtig? Ich finde gar nicht. Einmal kamen Schüler zu ihrem Zen-Meister und fragten ihn: „Meister, sprich mit uns über den Tod. Erzähle uns vom Tod.“ Der Meister erwiderte: „Ja, was soll ich sagen? Davon weiß ich nichts.“ Die Schüler waren erstaunt. „Aber du bist doch ein Zen-Meister!“ sagten sie. „Ja“, meinte er da, „aber kein toter Zen-Meister.“

Jetzt, schon heute und in deiner Situation hilft dir das Wissen darum, dass du aus deinem Körper früher oder später ausziehen musst, ob der Termin gerade passt oder nicht. Alle Verantwortung ist mit dem Moment vorbei, wenn du aus deinem Körper bist. Niemand kann dich dann anklagen, anzeigen, dich bestrafen, dich mobben, niemand kann dich beschenken mit Besitz oder Macht oder kann dir das wegnehmen.

Es gibt im Sanskrit eine Sutra, die übersetzt heißt: „Wie hier, so auch sonst wo.“ Deshalb ist es gut, hier und jetzt ein Leben zu führen, das nicht von heftigen Wünschen und Unzufriedenheiten geprägt ist. Du wirst keine Fleißbildchen bekommen, nur weil du es dir besonders schwer machst (und darunter dann auch noch besonders leidest). Hab keine Angst. Es WIRD zu Ende gehen. 🙂 Das ist die wirklich gute Nachricht. Und die schlechte, wenn du nicht bei Zeiten lockerer wirst. Denk daran: Gescheiterte und Erfolgreiche sterben gleichermaßen. Dumme und Superkluge sterben gleichermaßen. Alte und Junge sterben gleichermaßen. Hässliche und Schöne.

Wenn du die Unverhandelbarkeit deines Todes klar verstanden hast, dann musst du immer wieder schmunzeln, wenn du dir selbst bei den Mühen des Alltags zusiehst, bei deinen Wichtigkeiten und der Belastung deiner Unzulänglichkeiten. Dann wirst du dich immer weniger selbst klein machen, dich selbst nicht mehr verurteilen. Du wirst sehen, wie witzig das alles ist. Und wie die Tatsache, die wirklich einzige, die man im Leben als solche bezeichnen kann, dass dein letztes Stündchen irgendwann einmal schlagen wird, dir im Leben über Tiefen UND Höhen hinweghilft.

Seit mir das klar ist, verstehe ich die Worte meines Meisters: „Am Ende bleibt nur noch Lachen, Lachen, Lachen“ sehr viel konkreter als damals, als ich sie live aus seinem Munde hörte. Was für ein Spiel!

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