Archiv der Kategorie: Der Yoga des Lebensgenusses

Yoga und die Liebe zum Leben

Dem weltlichen Leben entsagen, das Ende der Weltlichkeit, der Gefangenschaft des Lebens in der Welt entsagen, das ist für viele Menschen ein wesentlicher Aspekt des spirituellen Lebens.

Das hat sicherlich auch mit der christlich-abendländischen Kultur zu tun, die sich ja auch nach Kräften verbreitet hat. Jemand, der einen Beruf, eine Familie, gesellschaftliche Verpflichtungen hat und fühlt, dem wurden und werden nur geringe Chancen gegeben, Erlösung zu finden. Kasteiung, Selbstbeschränkung bei allen Dingen, die Spaß machen und Freude bereiten ist angesagt. Vielleicht auch noch ärmlich leben oder Schuldgefühle haben, wenn dein Schicksal dich mit Wohlstand ausgestattet hat: Für so lange Zeit meinten die Menschen in dieser Gegend der Welt, dass Gott Menschen mehr liebt, die so leben, mönchisch, mit möglichst wenig.

Es tut mir leid, das hier so deutlich zu sagen: Aber dies ist totaler Unsinn! Und wie das in der christlichen Religion funktioniert, ist mir bis heute schleierhaft: Wenn man der Genesis glaubt, dann hat ja Gott die Welt mit dem Gefühl geschaffen, dass er da eine gute Sache zu Wege gebracht hat. Und wir meinen dann, dass er da einen Fehler gemacht hat oder wie rechtfertigt man in dieser Religion, dass die von Gott geschaffene Welt nicht seiner Erfahrung und Erkenntnis dienen kann?

Nein, das Leben ist da, um genossen zu werden. Aber halt: Du meinst, das tun doch viele, und die leben ganz bestimmt kein spirituelles Leben? Ja, da magst du schon recht haben. Denn die meisten werden wohl eher vom Leben genossen, sind Opfer der Umstände und ihres Schicksals. Das ist normal, und das ist in meinem Verständnis alles andere als Genuss.

Genuss setzt voraus, dass du in dir ruhst. Nein? Dann lasst uns das mal genauer betrachten: Du hast gerade mit deinem Kletterpartner einen wundervollen Berg bestiegen, aber auf dem letzten Meter zum Gipfel kommt dir irgendwie wieder diese Sache in den Sinn, die deine Frau zu dir gesagt hat, als du gefahren bist. Und das war alles andere als liebenswürdig. Sie war schon fast eifersüchtig auf die Zeit, die du mit deinem Freund da verbringen wirst. Der Gipfel ist erklommen, ihr seid außer Atem, und was bringt dir jetzt das Ganze? Du bist sauer auf deine Frau und durch dein Gehirn jagt ein Monolog nach dem Anderen darüber, was du ihr alles an den Kopf werfen wirst. Solltet ihr euch nicht einfach besser sowieso trennen? Dieses Gezicke… etc.

Und die Aussicht auf dem Berg? Der Lohn für deine Mühen? Nichts davon kannst du genießen. Ohne Kenntnis von Yoga oder welchen Namen diese Fähigkeit auch tragen mag, ist dein Genuss ein reines Lotteriespiel. Kann sein, dass es mal klappt, weil deine Psyche gerade nichts Wesentliches aufzutischen hat oder warum auch immer.

Aber mit Yoga, da beginnt der Genuss des Leben erst. Im Angesicht des völlig absurden Ereignisses in deinem Leben, Tod genannt, dem deine Pläne völlig egal sind, den du nicht um Aufschub bitten kannst, weil du mit deiner Arbeit noch nicht fertig bist oder weil deine Kinder noch nicht für sich selbst sorgen können, ist Lebensgenuss eine große Herausforderung. Yogaübende aber können die Gewissheit über ihren eigenen Tod benutzen, um frei und unbeschwert zu leben. Ihre Gedanken, ihre Gefühle sind nicht auf Autopilot und so können sie Sekunden anhalten und lange Zeit beschleunigen. Sie erleben nicht die Beschleunigung, die mit zunehmendem Alter für alle anderen Menschen erfahrbar ist. Sie geben sich die Muße der langsamen Zeit ohne zwei Stunden an einem Bissen rumzukauen, nur um ihr Leben zu entschleunigen! Wir beschleunigen und entschleunigen nach Belieben. Und da man das mit der Zeit kann, kann man das Leben einfach so lassen, wie es gerade zu kommen scheint.

Wir können wirklich leben. Direkt, wie es unserem Naturell entspricht, ohne unter diesem Naturell zu leiden, wenn wir das nicht wollen.

Wenn Gedankenwildwuchs nicht mehr allein unser Leben regiert, dann kannst du deinen Kaffee in der Altstadt unendlich genießen, einen vollkommenen Moment in alle Ewigkeit ausdehnen. Was für ein Erlebnis.

Und ich werde mich jetzt beherrschen und nicht wieder seitenweise Loblieder auf den Meister singen, der diese Erfahrung erst ermöglicht. Schade, dass das in unserer Kultur eher fremd ist. Was geht uns da ab!

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Namenlosigkeit – des Egos größter Alptraum

Der letzte große Philosoph des Daoismus, Dschuang-Tse schrieb einmal: „Ein Namenloser unter vielen Namenlosen sein, wer will das schon.  Er wird fließend sein, wie das Dao. Man bemerkte ihn nicht. Ohne Namen, ohne Haus ist er genauso wie das Leben selbst. Er ist einfach, ohne Rangabzeichen. Die Erfolgreichen nennen ihn Narr. Seine Schritte hinterlassen keine Spuren. Er hat keine Macht. Er schafft kein großes Werk und er hat keinen Namen. Da er nicht über andere urteilt, lässt man ihn in Ruhe. Er ist der vollkommene Mensch.“

Mich hat das immer beeindruckt, seitdem ich das vor vielen Jahren zu lesen bekam. Wie eine große Erleichterung kam es mir vor, so zu leben. Nichts anstreben im Leben, seinen geistigen Weg gehen, sich anleiten lassen, was ja nicht schwer ist, wenn man „namenlos“ ist. Wenn du niemand bist, wenn du ohne Wichtigkeit und Bedeutung bist, was ist dann schwierig daran, sich etwas sagen zu lassen?

Vor kurzem verabschiedete sich jemand von mir mit so markigen Worten wie, „Ich wünsche dir, dass deine Hoffnungen sich in diesem Leben erfüllen werden.“ Welche Hoffnungen kann ein 60-jähriger denn haben, der seine Sinne und seinen Verstand beisammen hat? Ich musste richtig lachen, als ich das las. Und ich meine damit kein sarkastisches Lachen, nein, ein sehr vergnügliches. Auf das Sterben braucht man nicht zu hoffen, dass ist Teil der Stellenausschreibung als Mensch. Das ist für alle unvermeidlich.

Nein, nein, ich kann schon manche denken hören: „Deutet der vamdev damit vielleicht sein unmittelbar bevorstehendes Ende an?!?“ „Jein“, kann ich da nur sagen. Verglichen mit dem Alter des Universums, ja, verglichen mit meinen Lebensjahren, eher nein. Das ist auch sicher keine morbide Redensart, eher ein ganz lustiger Realismus.

Hoffnungen auf die Erfüllung von Hoffnungen – was für eine Vorstellung! Wenn man Namenlosigkeit in Kauf nimmt, dann ist der Tag einfach erfüllt mit sich selbst, voller 24 Stunden. Mehr Beschäftigung braucht es nicht. Wo wäre da Platz für Hoffnungen? Wer hat für solchen Unsinn dann noch Zeit?

Lebensträume, Nachlass, damit das Leben dann doch noch Wert hat, etwas für andere zurücklassen – wie lächerlich ist das denn? Lebensträume sollte man sich machen, BEVOR man seine Lebensrolle annimmt. Danach, wenn die Geburt gelaufen ist und man seine Rolle spielt, kann es doch nur noch darum gehen, die Rolle mit viel Freude, mit Gusto, mit Elan zu spielen, wie mein Meister das oft sagte: „Spiele deine Rolle gut, so gut, dass alle am Ende „Zugabe, Zugabe“ rufen.

Ein Namenloser unter Namenlosen sein: Nur das Ego ist ernsthaft an Rang und Namen interessiert, für Yogis auf dem Weg wäre beides ja eher eine vergnügliche Belästigung :). Nicht erreichen, nichts darstellen im Leben, keinen guten oder schlechten Ruf verteidigen zu müssen – welch beruhigende Vorstellung!

Falls dich diese Worte jetzt eher verstört haben, du dir Fragen stellst wie: „Ja, soll ich jetzt nicht mehr nach Erleuchtung streben, etc.?“, dann bitte ich dich, einfach einmal in das Gefühl einer derartigen Namenlosigkeit hineinzugehen, es auszukosten. Und genießen, wie einfach dann alles wird.

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Was zu geschehen hat, WIRD geschehen.

Immer wieder werde ich angesprochen auf problematische Zukunftsprognosen. Viele Menschen glauben zu WISSEN, was uns bevorsteht, oder zumindest mit an (eine köstliche deutsche Redeweise) Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit.

Menschen verlassen sich auf Prognosen von Karten, Zahlen, Symbolen, oder einfach Intuitionen von Menschen, die vorgeben oder glauben, dass sie die Zukunft sehen können. Ich habe darüber schon einige Beiträge geschrieben, scheinbar mit mäßigem Erfolg, denn dieser Glaube begegnet mir immer wieder. Es ist fast so wie mit dem Mann, der zum Psychiater geht, weil er meint, eine Maus zu sein. Der Psychiater redet ihm in vielen Sitzungen schließlich diese Wahnvorstellung aus. Als er dann notfallmäßig ein paar Wochen nach dem erfolgreichen Abschluss der Therapie wieder zur Wohnung des Mannes gerufen wird, sieht er ein erstaunliches Bild: Der Mann kauert unter seinem Wohnzimmertisch, vor ihn eine Katze. Auf die Frage des Therapeuten, was das jetzt wieder soll, sagt der Mann flüsternd. „Ja natürlich weiß ich, dass ich keine Maus bin, aber ob das die Katze auch weiß?“

Vor vielen Jahren sagte mir einmal meine Meisterin: „Das Einzige, was zwischen dir und Selbstverwirklichung (im yogischen Sinne) steht, ist dein Karma. Und DAS musst du ausleben.“ Bedeutet: Auch wenn dir alle Astrologen und Weissager, etc. der Welt deine Zukunft vorhersagen, ausleben musst du dein Programm so oder so.

Und jetzt kommt das Entscheidende: Wenn es tatsächlich möglich wäre, die Zukunft zu sehen (hören, fühlen, wie auch immer) und sich darüber zu äußern, dann wäre das der Beweis der Unmöglichkeit solcher Vorhersagen. Versteht ihr das? Durch das Darüber-Reden verändert sich ja schon die vorher angekündigte Zukunft. Also, wer sich über das, was er oder sie als Zukunft sieht, äußert, beweist, dass er oder sie die Zukunft  nicht vorhersagen kann. Die, die das können, reden nicht mehr darüber und sind weit jenseits der Identifikation mit Ort, Zeit und Umständen. Ihnen ist es egal, was kommt im Leben, alles hat seinen guten, berechtigten Platz. So wären sie auch gar nicht daran interessiert, irgendetwas zu ändern.

Das bedeutet jetzt bitte nicht, dass man Fehlentwicklungen nicht verhindern sollte. Wenn ich jeden Tag zwei Liter Wasser brauche, aber nur einen Vorrat von 100 Litern habe, dann macht es Sinn, sich Gedanken zu machen, was nach 50 Tagen zu tun ist. Wenn ich weiß, dass ich in zwei Monaten kein Geld mehr haben werde, aber auch dann noch Miete bezahlen muss, dann macht es Sinn, sich wahrscheinlich schon viel früher Gedanken über diese Situation zu machen.

Kommt der große Crash? Kommt endlich dein persönlicher Durchbruch? Es gibt Dinge, die man planen kann, abschätzen kann. Aber vieles ist einfach nicht vorhersagbar. Wer behauptet, dass das geht, der hat entweder wirklich neue Möglichkeiten entdeckt, etwas vorhersagbar zu machen, wie das Beispiel mit dem Wasser oder er oder sie machen anderen Menschen, die ihnen glauben, einfach etwas vor.

Ok… aber das ist doch gar nicht das Problem!!! Alles, was dich auf dieser Welt betrifft, betrifft deinen Körper. Die Gefühle und Gedanken, die du dir machst, kannst du lernen, zu steuern, oder zumindest kannst du üben, nicht mehr zu leiden unter deinen eigenen Gedanken und Gefühlen. Ein großer Dichter-Heiliger Indiens sang einmal: „Lass den Körper fallen oder lass ihn aufstehen. Was macht das schon, wenn du deinen Blick fest auf deinen Guru in deinem Herzen gerichtet hast.“ Allerdings kann man das nicht so einfach machen, „den Blick fest auf den Guru im Herzen richten“, das wird man, so weit ich das überblicken kann, wohl lernen müssen. Aber mit der Zeit ist es möglich, Gefühle und Gedanken von ihren Inhalten zu trennen und sie an sich in uns wahrzunehmen. Das hat den großen Vorteil, dass man dann mit Gedanken und Gefühlen hantieren kann. Ist das verständlich?

In meinem Leben habe ich  immer wieder überzeugend klingende Vorhersagen über die „großen“ Veränderungen, die großen zukünftigen Ereignisse gehört. Von klugen und sehr beredten Menschen. Keine einzige dieser Vorhersagen ist eingetroffen. Wenn man diese Leute daraufhin anspricht, dann kommen oft Sätze wie „damals hat eine Entwicklung angefangen, die man erst viel später wirklich begreifen können wird.“ Ich kann darüber nur schmunzeln. 

Wenn du deine Kraft sammeln würdest, um die Fähigkeit, deinen Geist im Augenblick verweilen zu lassen, zu entwickeln, dann wäre deine Lebenszeit besser ausgenützt als wegen bevorstehender Unglücke, wirtschaftlicher Zusammenbrüche und zukünftiger Weltkriege Waffenarsenale und Lebensmittelvorräte zu bunkern. Schau voraus, aber nicht mit der Brille von „impending doom“, wie meine Meisterin das immer wieder nennt („kurz bevorstehender Weltuntergang“), sondern mit einem Lächeln, mit Freude, mit Zuversicht.

Wer einen Guru hat, sollte sich seines Glücks bewusst sein, beschützt zu sein, in jeder Lebenslage! Darauf deine Hoffnungen zu richten – das ist für mich der einzige sinnvolle Verwendungszweck von Hoffnung. Wander nicht aus aus vor der Zukunft, verlasse deine Familie nicht, ändere nicht deinen Beruf, weil du Angst hast, dass es bald ganz schrecklich zugehen wird auf dieser Welt.

Ich weiß eins: Mein Guru beschützt mich, und nichts, aber auch gar nichts, was nicht zu geschehen hat, wird JE geschehen. Was zu geschehen hat, wird durch nichts und niemanden zu verhindern sein. Mehr muss man wirklich über das, was kommt oder kommen mag, nicht wissen.

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„Die Freiheit, die wir meinen“

Wenn mich niemand daran hindert, MEIN Leben zu leben, wenn ich tun und lassen kann, was ich will, wenn es keine Macht gibt, keine politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche oder sonstige, die mich in meinem Selbstausdruck behindern kann, dann lebe ich frei, in Freiheit.

Das würden die meisten Menschen sofort unterschreiben, genauso, wie die Einschätzung, dass Freiheit essentiell ist, für alle Menschen auf allen Kontinenten. Die, die rufen, dass Freiheit in ihrer Kultur anders funktioniert, sind meist ja nur diejenigen, die diese oben beschriebene Freiheit auf den Schultern der meisten anderen ausleben und jetzt ein wenig Bange haben, dass diese westliche Idee von Freiheit ihnen endlich ihre unberechtigten Privilegien nehmen wird.

Alle WÜNSCHEN sich, SEHNEN sich nach Freiheit. Manche Menschen hier behaupten, dass es noch nie eine Kultur gab wie die westliche, der es gelungen ist, ihren Menschen so viel Freiraum zur Verfügung zu stellen, ohne dass es immer gleich um Leben und Tod geht, wenn man diesen Freiraum betritt. Und doch: Fühlen sich Menschen hier wirklich frei, so wie sie sich das wünschen? Es scheint nicht so zu sein. Viele haben sogar das Gefühl, dass sie immer weniger Spielräume haben und immer mehr Sachzwänge. Wie kann das nur so sein? Wenn man sich einmal vor Augen hält, wie sehr unsere Vorfahren kämpfen mussten, damit wir diese Freiräume wie selbstverständlich betreten können, heutzutage, dann muss es uns traurig stimmen, wie wenig wir das genießen können, wie selten die winzigen Freiheitsflocken sind, die hin und wieder einmal in unseren Schoß zu fallen scheinen.

Natürlich ist das nachvollziehbar: Dass wir auf Dauer in den Genuss der Freiheitserfahrung kommen, wird durch eine schreckliche Eigenheit unserer Psyche verhindert: Vergessen – was für eine Last, was für ein Geschenk. So schrecklich sie ist, so praktisch ist sie auch, wenn man ein normales, ganz nach außen gerichtetes Leben führen muss. Auf der einen Seite zwingt sie dich zum Beispiel, ein Mantra tausendfach zu wiederholen, bis es langsam einzusickern beginnt. Auch wenn Gott oder dein Guru sich in dir in aller Herrlichkeit zeigen – deine Vergesslichkeit lässt auch diese Herrlichkeit mit der Zeit mehr oder weniger, ja sogar ganz verblassen.

Fähigkeiten – beruflich, geistig, emotional – verkümmern, wenn du sie nicht ständig verwendest – Vergessen. Und wer wäre nicht froh, dass wir vergessen, was wir als schrecklich empfunden haben, als banal, als unbedeutend? Vergessen ist die Zeit, die alle Wunden heilen soll, angeblich. Genauso aber gebiert sie auch die Unfähigkeit, die Herrlichkeit des Augenblicks auszudehnen, so lange, wie wir es wollen. Wie kann ich Freiheit erfahren, die Freiräume nutzen, die mir im Außen geboten werden, so lange meine inneren Zwänge, meine psychischen Konditionierungen mich immer wieder in Verhaltensschienen und Gefühlskreisläufen zwingen?

Eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird, ist, ob es überhaupt möglich ist, irgendetwas auf Dauer zu empfinden, ob es nicht die Abwechslung, das Auf und Ab erst ist, die das Leben interessant und lebenswert macht. Das beschäftigt mich, immer noch. Wie kann man das sein, immer glücklich, immer zufrieden? Selbst wenn alle Prägungen überwunden sind, sprich: meine Selbsterfahrung nicht mehr ausfüllen, wer sagt, dass es dann besser ist? Bemerkenswert ist es doch, dass die Yoga- und viele andere Traditionen behaupten, dass dieses Auf und Ab gar nicht das Lebenswerte am Leben ist. Es verhindert, so heißt es, dass wir uns wirklich erfahren, dass wir wissen, wer wir sind.

Über viele Jahrhunderte haben unzählige Lehrer, Meister des Yoga gelehrt, dass wir uns nach innen wenden sollten, wenn wir wirklich Freiheit erfahren wollen. Nur damit wir uns richtig verstehen: Es handelt sich hier nicht um ein Entweder-Oder: entweder nur kurze Freiheitserfahrungen im Außen oder die Freiheit in sich suchen. Viele Yogis haben auch für diese äußeren Freiräume gekämpft, sorgten dafür, dass Menschen nicht in Knechtschaft leben müssen. Aber sie lehren auch, dass wirkliche Freiheit nur dann zu erfahren ist, wenn wir unsere Aufmerksamkeit AUCH nach innen richten können.

Das beständig zu tun, eröffnet eine ganz andere Möglichkeit, zu leben. Ich kann das gar nicht genug betonen: Es ist nicht so wichtig, dass dein Verstand nur das Eine denkt, NUR das Mantra, NUR an den Guru, etc. sondern was viel wichtiger ist, dass mit der Zeit klarer wird, wer ich wirklich bin. Es ist ein stetiger Prozess, keine einzelne Technik, kein Spezial-Mantra. Es gibt keine Freiheitsmeditation im Yoga. Aber mit der Zeit der Meditationspraxis, der Mantraübung, des Studiums der Texte der YogameisterInnen verblassen die Begrenzungen, die unserer Freiheitserfahrung durch Gewohnheit und Vergesslichkeit gesetzt sind. Unsere Prägungen werden dadurch in ihrer Wirkung abgeschwächt. Unser Vergessen kann sich nicht mehr über Stunden, Tage, Wochen erstrecken.

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Weg-Fragen

Wir Menschen kommen mit bestimmten Absichten auf die Welt. Zumindest behaupten das viele Kulturen. Wem „Absicht“ zu konkret ist, der kann auch „Aufgaben“, „Prägungen“, „Veranlagung“ und ähnliches dazu sagen.

Meines Erachtens sind alle dieser Vorhaben zuerst einmal neutral zu betrachten. „Gut“ und „böse“, „falsch“ und „richtig“ sind Dinge, die im Nachhinein hinzugefügt werden. Ist es ein Ausprobieren? Sind es Experimente? Sind es zwanghafte Versuche, alte Wunden zu heilen, ungelösten Dramen ein Happy End zu verpassen? Inwiefern ist Freiwilligkeit im Spiel, inwiefern ein Geworfensein, eine Unausweichlichkeit? Wer mag das letztendlich, ein für alle Mal beantworten? Die, die es könnten, sagen nichts dazu.

Manche arbeiten sich am Macht-Ohnmacht-Dilemma ab, andere an Liebe und Täuschung, an Zugehörigkeit und Ausgeschlossensein, an Wissen und Borniertheit, an Erkenntnis und Hybris, an Heiligkeit und Scheinheiligkeit. Das sind alles legitime Versuche. Die Yogatexte, die sich damit befassen, und viele tun das wie selbstverständlich, in Nebensätzen und mitten in Texten, die anderes zum Thema haben, sprechen von einem Drang zum Ausgleich, der letztlich nur in Liebe möglich ist. Und dabei ist nicht die Liebe gemeint, die ab- und zunimmt, die Gründe hat, die in Hass umschwenken kann, die mit Anziehung und Zuneigung zu tun hat.

Mit etwas lockerer Distanz betrachtet, ist unser Leben ein großes Labor. Mein Meister nannte das Leben eine Universität, an der man lernt und studiert. Was man studiert, ist, wie an der Uni, unterschiedlich.

Manche aber erreichen einen Punkt in diesen „Versuchsreihen“, da sich auf einmal oder mit der Zeit herauskristallisiert, dass all diese Versuche wohl eher Nebensachen sind, weil sie wichtige, immer brennendere Fragen nicht beantworten können. Wenn Beziehung, Wohlstand, Wissen, Macht, Familie, Ansehen, etc. NICHT glücklich machen, so könnten zum Beispiel eine Frage lauten, was ist es dann, was mich antreibt, was will ich denn wirklich? Was ist Glück, was ist Zufriedenheit? Die yogischen Texte sagen uns, dass jeder Mensch seine Wünsche erfüllt sehen wird, samt den Folgen der aus ihnen resultierenden Taten. Und dann gibt es Situationen, wo du endlich erreicht hast, was du gesucht hast, und merkst dann, dass es das doch nicht war. Was für ein böses Erwachen! Nach all der Mühe, all der Entschlossenheit, all dem Training, ist das Ergebnis nur ganz kurz befriedigend, besonders im Vergleich zur Mühe.

Du willst Reichtum und sagst, lass den vamdev doch schreiben, und gib mir… (welche Summe auch immer), das genügt mir. Man kann ja sagen, dass einem Statistiken gleichgültig sind, weil man anders als alle anderen ist. Die Statistiken bei Lottogewinnern sprechen aber eine klare Sprache. 70 Prozent aller Gewinner von Millionenbeträgen stehen wenige Jahre später finanziell schlechter da als vor dem großen Los. Auch haben Lottomillionäre eine besonders hohe Selbstmordrate.

Wunscherfüllung? Wohl eher Wunschverführung! Manchmal fragen mich Menschen, welche Ziele ich im Leben habe, welche Träume. Dann verweise ich vorsichtig auf mein Alter. Aber das mag sie nicht abbringen von ihren Fragen. Was will ich mit Träumen und Zielen, was soll man damit? Jede und jeder, so heißt es in einem alten Shaivatext, lebt sein Schicksal aus. Also, was nützt mir da das Wollen und Träume haben? Liegen meine Wünsche und Träume mit meinem Schicksal, meinem Karma auf einer Linie, dann heißt es, der hat es geschafft, mit eigener Willenskraft, er lebt seine Träume. Wenn das nicht der Fall ist, heißt es, dass man gescheitert ist.

Für Yogis und Yoginis gibt es kein Scheitern. Wir sind auf dem Weg, wir verstehen langsam die Zusammenhänge hinter allem, wir erkennen mit der Zeit, dass all das, was wir so lange als sehr wichtig und essentiell angesehen haben, nur Beilagen zum eigentlichen Gericht des Lebens sind. Warum nicht die Folgen der alten Wünsche, Träume und Handlungen, die ja deine Lebenszeit ausfüllen, nicht mit tiefer Einsicht in die Zusammenhänge und mit Vehemenz ausleben – runterleben, kann man da auch salopp sagen.

Wenn du Rennfahrer bist, dann fährst du möglich gut auf einem vorgegebenen Kurs, du machst nicht Geraden rein, wo Kurven sind und fährst auch nicht mal einfach so in die andere Richtung. So kann man das Leben auch sehen. Der Kampf um Aufstieg und Abstieg, gesellschaftlich, materiell, intellektuell, ist wohl eher ein Scheingefecht, ein Kampf mit Windmühle, mühsam, heftig, aber wenig wirkungsvoll.

Wir können unseren Neigungen nicht entkommen, unsere Prägungen. Brauchen wir auch nicht. Wer das versucht, der schenkt ihnen viel zu viel Aufmerksamkeit, wie eine Ein-Personen-Gondel, in die eine Fußballmannschaft einsteigen soll: viel zu viel Gewicht. In Wirklichkeit ist das Leben das GROSSE Geschenk, das wir uns selbst, Shiva, schenken, jede Sekunde aufs Neue. Und zu diesem Leben gehören nicht nur die scheinbar äußeren Ereignisse, sondern auch unsere Art und Weise, sich mit ihnen und in ihren zu bewegen.

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Herbstwespen

Vielleicht ist es dir in den letzten paar Tagen auch so ergangen: Du sitzt irgendwo in einem Café, genießt die Sonne, vielleicht bei einem Tee oder Kaffee und einem Stück Kuchen.

Ich jedenfalls saß vor ein paar Tagen an der Straße mit einem Kaffee und aß meinen Zwetschgendatschi (Plaumenweihe in der Schweiz, Pflaumenkuchen überall in Deutschland außer Bayern). Da kamen die Wespen. Ein paar von ihnen, nicht nur zu mir, sondern auch zu den anderen Gästen, die erschrocken, verärgert, empört die Tiere zu vertreiben suchten.

Nun ist das so mit den Wespen (habe ich in einer wissenschaftlichen Veröffentlichung gelesen): Sie verspeisen nicht, wie Bienen vielleicht, Süßes, sondern in erster Linie Eiweißhaltiges. Ihr ganzes Leben lang, oder genauer gesagt: FAST ihr ganzes Leben lang. Denn 4-6 Wochen vor ihrem Arbeiterlebensende gehen sie sozusagen in Pension. Sie verändern dann auch ihre Nahrungsaufnahme und werden zu Naschkatzen. Völlig untypisch zu ihrem bisherigen Verhalten suchen sie jetzt Süßes. Und genießen es. So quasi Rentnerinnen-Freunden.

Ich finde diese Vorstellung schon sehr lustig und auch anrührend. Seitdem ich das gelesen habe, hat sich meine Einstellung zu den Herstwespen grundlegend geändert. Ich versuche nur noch sicherzustellen, dass ich keine verschlucke, während ich meinen Kuchen esse und meinen Kaffee trinke (den mögen sie nämlich auch, wenn er nur süß genug ist, da ähneln wir uns:)). Ich finde sie überhaupt nicht mehr lästig. Sie schnabulieren ein wenig, und ich freu mich, dass die alten Damen noch ihren Spaß haben, zum Ende ihres Lebens.

Das führt zu einer interessanten Situation. Offensichtlich ist an meinem Tisch keine große Unruhe, und sie kommen halt, ein paar von ihnen, sind ruhig, und wenn sie ein wenig gegessen haben, fliegen sie weiter. Bei den anderen Gästen findet Krieg statt, sie schlagen wild um sich, rufen auch mal die Bedienung und beschweren sich ungehalten über die Belästigung. Die Bedienung ist – wem wundert’s – ratlos und hilflos, was die Entrüstung nur noch verstärkt.

Alles nur, weil ein paar Rentnerinnen zum Lebensende noch ein wenig Spaß haben wollen und dürfen.

Man sieht, ein geändertes Verständnis hat tiefgreifende Wirkung, denn an meinem Tisch ist keine Unruhe und kein Kampf. Daher ist es, wie in allen Schriften zu lesen ist, wichtiger als alle Praxis in der Welt. Wenn ich „Verständnis“ sage, meine ich NICHT Theorie, über die kann man sich ja den Kopf rauchig reden. Ich meine Erkenntnis, Einsicht, Klarheit.

In diesem Sinne, genießt die wundervollen Herbsttage.

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Unausweichlich

Denkt ihr manchmal nach über euer Sterben? Über das Unausweichliche?

Viele Menschen, mit denen ich privat und in meinen Kursen über das Unausweichliche gesprochen habe, über Sterben und Tod, sagten mir, dass das Unausweichliche doch wirklich nicht wert sei, bedacht zu werden, nach dem Motto, „glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“.

Für uns Yogis könnte es doch einen Sinn ergeben, über dieses Unausweichliche nachzudenken, entgegen aller Logik und Liedtexte.

Es stimmt, zumindest, so weit man das aus Erfahrung beurteilen kann: Wer geboren wird, stirbt. Es gibt da kein anderes Ende zu dieser Geschichte. Geburt und Tod sind Fixpunkte unseres Lebens. Man kann das mögen, hassen, ablehnen, sich dagegen auflehnen, es hinnehmen, darüber unglücklich sein, oder man kann diese Tatsache bedenken, erforschen, für sich verwenden.

Wie bedenkt man das? Man könnte sich die Frage stellen, was das Ganze soll, worum es geht. Yogis sprechen davon, dass man sich unbedingt auf den Tod vorbereiten sollte. Früher (vielleicht heute immer noch?) gab es auch hier Mönche, die ihren eigenen Sarg mit herum trugen, um sich selbst ständig an das Unausweichliche zu erinnern. Aber das ist eine Methode, die doch im Alltag etwas sperrig werden könnte.

Nehmen wir einmal an, der einzige Zweck eines Menschenlebens ist, was die Yogaschriften und viele anderen Traditionen auch behaupten: Sich selbst vollkommen zu erkennen. Für diese Behauptung spricht meines Erachtens der Verlauf eines Lebens. Gegen Ende hin lösen sich viele der Pseudo-Zwecke, die man mit viel Verve, mit viel Mühe und Enthusiasmus verfolgt hat, wieder auf. Die Kinder verlassen das Haus, ab einem gewissen Alter verliert man wieder Macht und Ansehen, Sinnesfreuden verlieren auch an Bedeutung, weil die Physis an Kraft verliert.

Aber Halt, möchtest du vielleicht sagen, liebe Leserin, liebe Leser. ICH kann da doch etwas tun, den von dir beschrieben Ablauf verzögern, aufschieben. Dazu kann ich nur sagen, dass ich seit meinem 20. Lebensjahr ein sehr diszipliniertes Leben geführt habe, ohne Alkohol, vegetarisch, biologisch, höchste Essensqualität. Die Ausnahmen kann ich in 38 Jahren an meinen Fingern abzählen. Ich spreche nicht von PHASEN, in denen ich so gelebt habe. Nein, das war durchgehend, ohne Unterbrechung. Aber mein Körper zeigt Abnützungserscheinungen. Und ganz gleich, wie sehr du dich bemühst, früher oder später lösen sich die Pseudo-Zwecke auf, erweisen sich als Fata Morganas. Mein Meister sagte uns immer: „Ganz gleich, was du tust, am Ende bist du einfach nur müde.“

Wenn man also sein Leben in erster Linie mit Pseudo-Zwecken vergeudet, bleibt am Ende nur die bittere Einsicht, dass alles umsonst war, füa nüüt, wie die Schweizer so schön sagen.

Aber anders gesehen, wenn ich begreife, dass bis in die Details meines Alltags hinein, bis in die ganz persönlichen, intimen Bereiche hinein, mein Leben am BESTEN zur Erkenntnis von „ich bin Shiva“ zu verwenden ist, dann kann ich beobachten, erleben, verstehen, dass mein Leben perfekt zu diesem Zweck passt. Wie eine Kuchenform, die dem Kuchen genau die richtige Form gibt. (falls du meinst, dass wäre jetzt schon sehr banal, bitte ich dich, das nochmals genau zu überdenken, denn banal ist dieses Beispiel gar nicht).

In der glorreichen Spanne von Geburt und Tod, in dieser Form, kann ich meinen Kuchen der Selbsterkenntnis backen. Und ob eine Form geschwungener ist,  flacher, höher, braun oder silbern oder wie auch immer: so lange sie dicht ist und sauber, kannst du darin deinen „Kuchen“ backen. Die Lebenskuchenform ist nicht geeignet, um damit Handball zu spielen, auch als Segelflugzeug wird sie nichts taugen. Aber Kuchenbacken, das geht wirklich gut darin.

Dann kann man erkennen, dass die beiden Fixpunkte wie Anker sind, zwischen Himmel und Erde, die stark genug sind, um dir das Klettern nach oben zu ermöglichen.

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