Archiv der Kategorie: Mein Yoga

Blutmond und mein Mietvertrag

Morgen jährt sich die Unterschrift unter meinen aktuellen Mietvertrag zum 60. Mal. Und so wie eine Wohnung, der man auch bei guter Pflege 60 Jahre Bewohnung ansehen würde, ist meine Behausung in die Jahre gekommen. Und noch dazu zu so einem erstaunlich schönen Naturschauspiel: ein Blutmond zum Geburtstag! Aber halt nur für Frühaufsteher.

Unendlichkeit wird 60 Jahre alt. Wirklich, das ist witzig! Die meisten Menschen meinen ja, dass SIE SELBST altern, Geburtstag haben. Aber was für ein Trugschluss ist das denn! Wenn dein Mietvertrag ausläuft – manche gehen dann freiwillig, die meisten werden rausgeworfen – dann wird deine Wohnung in ihre Bestandteile zerlegt und weiterverarbeitet. Aber was schon gut ist, an diesem Mietvertrag, ist, dass du keine Schönheitsreparaturen ausführen musst, am Ende. Du kannst die Mietsache verlassen, wie sie gerade ist. Hast ja auch keine Kaution bezahlt, die man dann einbehalten könnte. Wenigstens das sollte uns froh stimmen :).

Ich hatte eine Tante, eigentlich war sie meine Großtante, denn in meiner Familie gab es schon immer alte Männer mit jungen Kindern. Sie war 83, als ich sie das letzte Mal besucht habe. Sie war eine lustige Frau, war stadtbekannt als Künstlerin. Sie malte, bis zum Schluss. Sie sagte mir damals: „Weißt du, wenn man so alt ist wie ich, dann wird alles langweilig. Nur noch Wiederholung.“ Ich sagte dazu nichts.

Als ich nach Hause fuhr, dachte ich, wie kann das sein, Langeweile auf Grund des Alters? Heute ist mir das klar. Unsere Prägungen erlauben uns nur eine sehr enge Bandbreite von möglichen Lebenssituationen, sehr, sehr eng. Ist das nicht zum Lachen? Dieses unendliche Universum… und wir können nur so wenig davon erleben. Wenn du darüber nachdenkst, wirst du auch zu diesem Schluss kommen.

Was soll ich sagen? Weder ist mir langweilig noch ist es aufregend. Es macht mir nichts, wenn immer das Gleiche stattfindet. Abwechslung ist einfach überbewertet. Natürlich suchen Menschen, die nie ihre Innenwelten erforscht und erlebt haben, wie von Sinnen nach dieser Abwechslung oder fürchten sie, weil sie ihr mühsam zusammen gehaltenes Gefüge ganz unversehens ins Wanken bringen kann.

Aber für uns Yogis und Yoginis, was nützt uns Abwechslung? Was soll es uns bringen? Mehr Steine, mehr Länder, mehr Flüsse, mehr Tiere, mehr Menschen, mehr Freude, mehr Leid? Was wollen wir mit „mehr“?

Vor vielen Jahren lebte ich bei meinem Meister. Was für ein Lichtpunkt in meinem Leben! Ein Lichtpunkt, der sich in tausend Sonnen vervielfältigt hat, der nicht verglüht ist, wie viele andere Lichtpunkte, um wehmütige Erinnerungen zu erzeugen. Nein, dieses Licht ist voll erstrahlt, und erstrahlt immer weiter. Das allein schon wäre genug für ein Leben. Ein ununterbrochenes Wunder. Und das hat sich auch nicht geändert, als er seinen Körper verließ. Er ließ es mir, der Gute.

Das hat etwas Erstaunliches bewirkt. Mag sein, dass die Außenmauern marode geworden sind und noch mehr werden, aber innen findet Dauerrenovierung statt, und aus einem schönen Ort wird das immer neue Paradies.

Ob das meine Mutter geahnt hat, dass ich so ein Glückspilz werden würde? Sie hat mir gesagt, dass sie, als ich geboren war, vor Glück ohnmächtig wurde (fragt mich nicht, wie das geht!).

Eins ist jedenfalls sicher: Ohne diese Begegnung hätte ich schon vor vielen Jahren meinen Vertrag gekündigt. Und heute? Natürlich empfinde ich es manchmal etwas mühsam, in diesem Altbau zu wohnen (schon allein die sanitären Anlagen !!!), aber verglichen mit dem Wissen „ich bin Shiva“, mit der Erfahrung, dass meine Meisterin mich ganz und gar erfüllt, auch wenn niemand das sehen kann, glauben kann, hören will, ist das eine Mühe, die nicht besonders schwer anzunehmen ist.

60 Jahre und der Blutmond! Was für ein schönes Symbol. Der Vollmond, in seiner größten Ausdehnung wird von der Erde verdeckt! Aber er leuchtet trotzdem – rot. Das passt für mich. Das Verdecktsein ist nur optisch, scheinbar.

Falls du das jetzt kopfschüttelnd bis hierher gelesen hast, vielleicht sogar in der Hoffnung, dass da jetzt noch etwas kommt, was es wert ist gelesen zu werden, tja, was soll ich sagen? Ich hätte mir, als ich 20 war und der Weg in mir begann, nie denken können, dass ich solange hier sein würde. Aber scheinbar wollte ich das von Anfang an, denn mit so einer komischen Persönlichkeit wie der Meinen war schon klar, dass für lange Unterhaltung gesorgt ist.

Im Außen ist das Ganze ja wirklich nicht der Rede wert. Dank meiner Meister war ich bisher immer noch bestens versorgt, mit Materiellem, mit Engeln, mit Widersachern. Alles bestens. So konnte und kann ich relativ unbeschwert meinen Weg gehen. Wenn das nicht ging, waren es immer heftige Stürme in wunderschönen Wassergläsern. Und bestimmt folgen da noch manche oder auch nicht. Irgendwann wird ja der Laufzettel mit all den vorgenommenen Erledigungen kürzer.

Aber im Innen, da bin ich für jede Sekunde Leben dankbar. Wie immer und ohne Unterlass gilt mein Dank meinen Meistern, die mich selbst dann nicht fallen ließen, als ich mir selbst keinen Heller mehr wert war. Sie sind mein Atem, meine Lebenskraft, jede einzelne Regung, die als vamdev daherkommt und so tut, als hätte sie ein Eigenleben.

Alles Liebe an euch alle!

Advertisements

3 Kommentare

Eingeordnet unter Mein Yoga

An der Wurzel

An der Wurzel aller Gedanken
lass Ich bin Shiva stehen.

An der Wurzel aller Handlungen
denke daran:
Ich bin Shiva.

An der Wurzel aller Gefühle
erinnere dich:
Ich bin Shiva.

Auf dem Wogenkamm deiner Träume
entdecke aufs Neue:
Ich bin Shiva.

Auf der Reise ins Tal der Enttäuschungen
vergiss nicht:
Ich bin Shiva.

Das bedeutet nicht, dass du dein Leben, mit all seinem Auf und Ab nicht mehr leben kannst.

Ich bin Shiva.

Das ist weder eine Entschuldigung oder Berechtigung für irgendein Verhalten oder Fehlverhalten.

Ich bin Shiva hört auch nicht auf, nur weil du Fehler machst und dein Körper dir Probleme macht.

Ich bin Shiva widerspricht nicht der Zwiespältigkeit deiner Persönlichkeit.

Ich bin Shiva ist kein Emanzipationsschrei, keine Antwort auf Gefühle von Minderwertigkeit und kein Aufruf zu Überheblichkeit.

Ich bin Shiva ist ganz anders.

Ich bin Shiva ist die Wurzel, und Ich bin Shiva ist die Farbe, das Gewebe, die Kraft, die immer zuerst da ist.

Wenn dir das bewusst wird, wenn Ich bin Shiva in dir zur generellen Einstellung wird, dann siehst du und verstehst, was Ich bin Shiva bedeutet.

Wenn Ich bin Shiva durch deine Persönlichkeit zu wogen beginnt, durch deine Gefühlswelten mit ihre Berechtigungsstädten, durch deine Wichtig- und Unwichtigkeiten klingt, durch alle erfüllten und vergeblichen Hoffnungen, wenn Ich bin Shiva also wirklich als Realität erahnbar wird für dich, dann sieht dein Leben, ganz so, wie es ist, anders aus. Und nichts, aber auch gar nichts muss sich dann noch ändern.

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Der Yoga der Erkenntnis, Mein Yoga

Was gerade für dich richtig ist…

Da nicht alle, die diesem Blog folgen, automatisch über Kommentare oder Kommentardialoge informiert werden, erscheint es mir sinnvoll, manchmal in einem Beitrag auf einen Kommentar zu antworten. Ich hoffe, das ist für euch o.k.

Etwas zögernd schreibe ich jetzt, was ich sagen möchte: Dieser Blog will nicht allen gerecht werden. Der Autor dieses Blog ist nicht daran interessiert, Unwissenheit und Verblendung als gegeben hinzunehmen, weil halt jeder dort steht, wo er steht. Dabei erdreiste ich mich nicht (ich hoffe, das kommt auch bei euch an), auch nur zu behaupten, dass ich die Weisheit für mich gepachtet habe. Ich habe die Yogatradition studiert, studiere sie immer noch, bin am Üben, am Lernen, gebe mein Bestes, um Schüler zu sein. Ich teile über dieses Medium meine Erfahrung, das, was ich gelernt habe und meine Erkenntnis. Ich lade alle ein, mich an Hand der Tradition und der Schriften zu widerlegen oder zu korrigieren, oder zumindest auf Klarheit und Klärung zu dringen. 

Dieser Blog teilt prinzipiell nicht die Meinung oder die Haltung, dass für jeden schon das passiert, was gerade für sie oder ihn richtig ist. Und das nicht einmal, weil ich nicht davon überzeugt bin, dass nur das geschieht, was zu geschehen hat.

Zu Ostern gebe ich eigens einen mehrtägigen Kurs über diese Thematik. Wenn jeder sowieso nur seine eigenen, vorgezeichneten Kreise zieht, welche Sinn hat dann irgendeine Praxis auf geistigem Gebiet oder gar ein Lehrer. Kein Meister würde auch nur ein Wort gelehrt haben (und ich erwähne Meister nicht, um mich klamm heimlich mit ihnen in eine Reihe zu stellen, sondern nur deshalb, weil sogar sie das nicht gemacht haben), wenn er das Verständnis, dass alles, was zu geschehen hat, unausweichlich geschehen wird, und man daher nichts machen kann und auch nichts machen muss. Natürlich kannst du jetzt sagen, aber ihr Lehren war ja Teil ihres Schicksals. Also haben sie nicht gelehrt, weil sie uns etwas beibringen wollten, sondern weil es halt ihre Aufgabe auf dieser Welt war.

Das kann man wohl so sehen. Mein Wunsch, liebe Silke, dass du die Tatsache deines Todes zu Hilfe nehmen mögest, ist keine Besser“wünscherei“, die dir was aufs Auge drücken möchte, was bei dir noch gar nicht oder nicht SO ansteht. Ich wünsche das allen, nicht nur dir im Speziellen. Denn ganz gleich, was bei dir oder irgendjemanden sonst ansteht, der Tod ist dir sicher. Es ist sogar die einzige wirkliche Sicherheit im Leben. Wir verwenden sehr viel Zeit mit Berufsausbildung, mit Beziehungslernen,  mit Kindererziehung (passiv und aktiv :)) und mit allen möglichen Dingen, von denen nur sicher ist, dass ihr Ausgang ungewiss ist. ABER der Tod, der ist dir gewiss. Diese Gewissheit kann man für sich nützen, das zumindest behaupten die Yogis, sie kann den Blick auf das eigene Leben schärfen, dir helfen, das Wesentliche klar vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Und dieser Tatsache war mein Wunsch für dich gewidmet.

Meine Erfahrung mit der Lehrtätigkeit meines Meisters war intensiv und ich bin voller Dankbarkeit, dass er nicht die Hände in den Schoß gelegt hat (weil ja doch alles wie geplant kommt), dass er ein geduldiger, oft auch schlitzohriger Lehrer war, der mir NIE meine Unbelehrbarkeit abgenommen hat. Manchmal kam es mir so vor, als hätte er mich belauert, geduldig darauf gewartet, bis sich eine klitzekleine Öffnung für Unterweisung ergab, die er dann in großem Stil nutzte. Am Ende seines Lebens hat er einen Wunsch geäußert: „Möge diese Welt eine Welt voll Heiliger und Erleuchteter sein!“ Mir hat dieser Wunsch zu denken gegeben. War ihm nicht klar, dass das hier der Ort der Widersprüche und Gegensätze ist? Dass es genauso viel Verblendung wie Weisheit gibt?

Meine Meisterin sagte einmal: Segen kann man immer brauchen. Da gibt es nie zu viel. Vielleicht ist es das.

Die meisten Meister Indiens behaupteten, dass es das GEBURTSRECHT des Menschen sei, frei zu sein, glücklich zu sein. Dass sich so viele Menschen die meiste Zeit weder frei noch glücklich fühlen, schränkt dieses Recht nicht ein. Da ich der Überzeugung bin, dass es nicht nur unser Geburtsrecht ist, sondern unser Naturell, glücklich und frei zu sein, werde ich mich bemühen (es sei denn, meine Meisterin sagt mir, ich soll damit aufhören), alle Unklarheiten und Missverständnisse, die der Erfahrung von Freiheit und Glück im Wege stehen, so weit aufzuzeigen, dass man sie überwinden kann. Das mag ein recht unbeholfenes Unterfangen sein, aber dazu ist nun einmal dieser Blog da.

2 Kommentare

Eingeordnet unter Der Yoga der Weisheit im Alltag, Mein Yoga

Das größte Wunder dieser Welt – Nachspiel

Dieser Beitrag ist eine Antwort auf einen Kommentar von Philipp zu meinem Beitrag „Das größte Wunder dieser Welt“, der sich mit dem Tod befasst. Philipps Frage finde ich wichtig und ich bin froh, dass er sie gestellt hat.

Hallo vamdev,
ich freue mich, dass Du das Thema hier aufgreifst. Ich habe schon öfter über dieses Thema nachgedacht und auch studiert. Ich sehe da eine Schwierigkeit: Graceful exits beschreibt, wie voll entfaltete Meister gestorben sind. Andere Schriften beschreiben, dass der Meister dich begleitet. Wieder andere sagen, es wäre wichtig so zu leben, dass du nichts bereust. Mir fällt es schwer, darin eine pragmatische Lösung für das Problem der eigenen Sterblichkeit zu finden. Wenn sich ein Boxer auf einen großen Kampf vorbereitet, dann ist sicher nicht die Hauptarbeit, darüber zu lesen, wie andere Boxkämpfe gewonnen haben. Weiter wird er sich auch nicht darauf beschränken, so zu leben, dass er es nicht bereut brutal verprügelt zu werden. Ich sehe hier den Weg nicht. Was wäre eine sinnvolle Vorbereitung? Danke und ganz liebe Grüße

Lieber  Philipp,

das Beispiel mit dem Boxer ist das Problem. Das funktioniert nicht beim Thema „Tod“. Viele Dinge stimmen da nicht. Sterben ist für die meisten Menschen ein Kaltstart. „Für alle“ kann man auch sagen, aber das weiß ich halt nicht wirklich. Und wie bei Kaltstarts üblich, kann man nicht so einfach auf selbst gemachte Erfahrungen zurückgreifen. Dann sucht man nach Ähnlichem: Tiefschlaf soll sich ähnlich anfühlen. Man beschäftigt sich mit den Aussagen von Menschen, die vielleicht generell als weise gelten, also auf anderen Gebieten sich als wissend und erfahren ausgewiesen haben.

Und wer weiß schon Bescheid? Es gibt die Geschichte eines Zen-Meisters, der von seinen Schülern gebeten wurde, etwas über den Tod zu erzählen. „Darüber weiß ich nichts“, war seine Antwort. Darauf die Schüler: „Aber du bist doch ein Zen-Meister!“ „Aber kein toter Zen-Meister“, war seine Antwort.

Das Einzige, was ich auf Grund dieser misslichen Kaltstart-Situation als sinnvoll erachten kann, ist wirklich, über den Tod zu lernen, von Meistern und Weisen, die sonst auch stimmig und nachvollziehbar lehren.

Dann ist da natürlich auch noch der körperliche Alterungsprozess. Mit ihm und anderem körperlichen Leid ist der Tod eher eine Verheißung als eine Bedrohung (wie etwa bei einem bevorstehenden schweren Boxkampf). Solange dieser Prozess noch im Erträglichen abläuft, mag auch die Aussicht (wie mein Meister das nannte) „auf einen jungen, frischen Körper“ verlockend sein, und daher die Beschäftigung mit Karma und Reinkarnation als Verdrängung von möglicher Endlichkeit tröstlich sein. Aber wenn das Ding, das wir Körper nennen, nur noch Stress macht und Mühe, dann ist man schon froh, das endlich los zu sein. Was auch immer danach passiert.

Aber bei vielen bleibt doch die Angst. Da man auf dem Yogaweg lernt, dass Gefühle und Gedanken in uns sind, kann man ja lernen, zu wählen, was in uns im Alltag abläuft. Und, ganz egal ob endlich oder weiter reinkarnierend, ich kann mich trainieren, Freude zu empfinden, ich kann Gelassenheit trainieren oder kann mich mit Angst wie das Kaninchen vor der Schlange verhalten.

Es gibt viele logische Gründe von einer Fortführung von Unvollendetheiten auszugehen. Die Idee des Weiterexistierens nach dem Tod ist eine entsprechende Folge dieser Gründe. Aber WISSEN, wie ich weiß, dass es draußen gerade 2 Grad hat, wer kann das schon mit Fug und Recht von sich behaupten? Ich gebe für mich zumindest zu, dass mir das auch egal ist. Für mich ist das Wissen um meinen Tod, und da hoffe ich jetzt, niemanden zu verstören, einzig und allein dazu da, mich daran zu erinnern, dass ich mein Leben genießen muss, dass ich meine Zeit nutzen möchte, um mich wohl zu fühlen und glücklich zu sein. Enjoy the Ride!

Ich hoffe, das nützt. Alles Liebe und danke für diese direkte Frage (würde auch nichts anderes von dir erwarten :)!

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Der Yoga der inneren Heilung, Der Yoga der Köperlichkeit, Mein Yoga

Wie viel?

Wie viele Mantras
passen in eine Gedankenkaskade
voller Sorgen?

Wie viel Dankbarkeit
kannst du in einem Nachmittag voller
berechtigter Wut unterbringen?

Wie viel Zufriedenheit
passt in einen Abend mit
hoffnungsvollen Zukunftsplänen?

Wie viel Freude kannst du
in einen See der Trauer gießen
und ihn in Nektar verwandeln?

Wie viel liebevolle Hingabe
ist nötig,
um die steifen Rechthabereien
des Egos zu erweichen?

Wie viel Lachen passt
in einen grauen Tag,
wie viel Liebe,
wie viel Licht,
wie viel deiner Herrlichkeit?

Es gibt so viel Platz im Leben
für Freude, für Zufriedenheit, für Dankbarkeit.

Wer will das schon auf Dauer vergessen?

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Der Yoga der Weisheit im Alltag, Mein Yoga, Yoga-Verständnis

Veränderungen

sind nicht einfach. Das haben wohl die meisten hier schon bemerkt.

„Die Zähne zusammenbeißend, gegen alle Versuchungen, wieder in alte Fahrwasser zu geraten, verändert sich der Yogi mit Willenskraft und Disziplin.“ Als ich das zum ersten Mal las, hatte ich große Zweifel an meiner Fähigkeit, diesen Weg zu gehen. Bei vielen Dingen fiel es mir leicht, mich zu ändern, ja sogar eine strenge Disziplin war mir in vielen Dingen möglich: Von heute auf morgen änderte ich meine Diät, lebte vegetarisch, nachdem ich Jahre lang möglichst viel und ausgiebig Fleisch und Fisch, etc. gegessen hatte. Kein Problem, damit aufzuhören.

Ich hörte auf, Alkohol zu trinken, nachdem ich „mit Mühe“ Trinkfestigkeit erworben hatte (wie schade, übrigens). Ich verlor, auch ganz ohne Zähneknirschen, an vielen Dingen die Lust, die mich, so wie ich die Yogatexte verstanden hatte, auf dem Weg behindern würden.

Aber dann gab es die Eigenheiten, die ich so gerne aufgegeben hätte, die ich als GROSSE Behinderungen auf meinem Yogaweg ausgemacht hatte, die ich nicht so leicht aufgeben konnte. Ich wollte zwar, aber offenbar nicht so richtig. Denn wenn es darauf ankam, übernahm meine Verhaltens“rille“, und irgendwie erschien es mir nicht sooo wichtig, das jetzt zu ändern. Mit der Zeit erkannte ich, dass es mit dem Zähneknirschen nicht wirklich funktionierte mit mir.

Es kam eine Zeit der Gebete, der Anflehungen, der Guru Gitas, mit der intensiven Bitte um Befreiung von diesen Makeln und Fehlern. Rückblickend kann ich für mich sagen, dass das alles nichts genützt hat, zumindest nicht so, wie ich es mir damals  sehnlichst erhofft habe.

Und ich wollte sicher NICHT eine Unehrlichkeit in mir und um mich herum, zumindest was meine Errungenschaften auf dem Weg und meine Unzulänglichkeiten betraf, verbreiten. Lieber nichts sein, lieber als nichts erscheinen als als etwas, was ich nicht war. Das war mir damals (heute auch noch?) wichtig. Wer mich jenseits der Kurse und des Ashrams kannte, wusste um all meine vermeintlichen Schwächen.

Veränderungen und der starke Wunsch nach ihnen, das wurde mir klar, waren keine einfache Angelegenheit. Immer wieder sah ich WeggefährtInnen um mich herum, die diese Veränderungen scheinbar dank ihrer Willenskraft zuwege brachten. Ich bewunderte das, genauso, wie ich als Kind stillere Mitschüler, die mir cool und abgeklärt erschienen, genau um diese Eigenschaften beneidete.

Mit den Jahren verlor ich die Hoffnung. Es war auch ein trauriges Gefühl – das Gefühl, wohl zumindest in diesem Leben, nicht so ganz genügen zu können, für den Weg nicht recht geeignet zu sein. Obwohl ich das doch so sehr wollte! Gottseidank machte ich nicht die nicht erfüllten Gebete und Guru Gitas und in vielen Feuerzeremonien verbrannten Wunschzettel für das Scheitern meiner Veränderungswünsche verantwortlich. Ich weiß nicht, warum ich das nicht tat. Denn ich tat ja, wie mir schien, alles, was ich in den Schriften als notwendige Voraussetzung für Veränderungen gelesen hatte, mal von dem Willenseinsatz abgesehen :).

Es folgte eine gewisse Erleichterung, die ich aber mit Argusaugen beobachtete – sie könnten ja nichts weiter als eine billige Ausrede sein.

Was soll ich sagen? Etwas ganz anderes machte sich breit. Nach der Erleichterung kamen viele freudvolle und leidvolle Erfahrungen, alle hausgemacht, nur von mir selbst – wir Yogis würden sagen, meinen Prägungen, verursacht. Am Anfang einer dieser freudvollen Erfahrungen, die aufstieg mit der bedrohlichen Morgenröte des Leidens am Horizont, empfahl mir meine Meisterin, „auch einmal Hilfe von außen“ anzunehmen, um scheinbar unüberwindliche Hindernisse von einer anderen Seite her zu betrachten. Das tat ich, wobei ich innerlich die Forderung stellte, dass sie mir die Hinweise auf solche Methoden mit ihrer für mich deutlich wahrnehmbaren Präsenz eröffnen müsste. Das geschah auch tatsächlich.

Das Ergebnis war mager. Ich hatte viele, zu tiefst ergreifende Erlebnisse. Aber wirkliche innere Wandlung brachte das Ganze nur indirekt. Ich erkannte das, was mir ein lieber Mentor schon vor vielen Jahren, als ich noch am Anfang meines Weges stand, gesagt hatte: Von der spirituellen Sicht aus kann man sich all diese Maßnahmen einfach ersparen. Sie führen nicht weiter.

Jetzt ist mir das klar: Veränderungswünsche sind alles Wege weg von der Selbstliebe. Meine Meister haben NIE gesagt, dass ich mich achten, lieben, wertschätzen solle, NACHDEM ich all das verändert habe, was mich an mir so sehr störte. Sie haben mich nicht gelehrt, dass ich erst dann Shiva bin, wenn ich meine inneren Hindernisse mit Willenskraft überwunden habe, zumindest nicht so, wie ich das am Anfang verstanden habe.

Meine erste Erfahrung von „ich bin alldurchdringend, überall, zu jeder Zeit“ hatte ich schon 1977, nachdem ich gerade ein paar Jahre auf dem Weg war. Heute weiß ich, dass der Weg der Selbstliebe aufräumt mit Unzulänglichkeiten, nicht, weil sie notwendiger Weise verschwinden, sondern weil sie an Bedeutung verlieren verglichen mit der unglaublichen Wahrheit meiner Selbst.

Es ist DIESE Erfahrung, die alles andere, was man auf dem Weg erlebt, in den Schatten stellt. Zutiefst wünsche ich allen dieses Erlebnis, die Gewissheit, dass keine noch so große Schwäche dein Shivasein beeinträchtigen kann. Diese Ahnung allerdings mag erst möglich sein, nachdem man trotz aller intensiven Versuche, die eigenen Fehler zu überwinden, gescheitert ist. Ob so ein Text manche meiner LeserInnen vor dieser leidvollen Erfahrung bewahren kann, weiß ich nicht, aber ich würde es mir sehr wünschen.

Alles Liebe euch allen!

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Mein Yoga

Heute, am 2. Oktober

vor vielen Jahren, war die erste Nacht meines Lebens, in der ich keinen Schlaf finden konnte. Ich war im Ashram meines Meisters, in Indien, und konnte nicht einschlafen. Dann, gegen Mitternacht, klopfte es an meiner Tür, und eine Frau, die ich gut kannte, sagte nur: „Baba hat Herzprobleme, komm, wir singen.“ Meine ersten Gedanken waren, „was nützt unser Singen, wenn sein Herz Probleme macht, er hat vollkommene Macht über seinen Körper“. Aber ich zog mich an und ging nach unten, in den wunderschönen, nächtlichen Innenhof, der, das spürte ich sofort, irgendwie anders war. Er war erleuchtet, aber nicht festlich, sondern einfach nüchtern, still.

Was am erstaunlichsten war, dass die Wohnung meines Meisters, die im Erdgeschoß auf den Innenhof führte, weit offen war, hell erleuchtet. Auf dem Weg zum sogenannten Tempel, von dem aus ich Mantrasingen hörte, begegnete mir der Astrologe meines Meisters. Fast ohne Emotionen, so schien es mir, sagte er: „Baba has taken samadhi (Baba hat samadhi genommen, seinen Körper verlassen)“. Ich konnte das überhaupt nicht glauben, nicht fassen. Wie nach einem schlechten Witz schüttelte ich nur den Kopf.

Dann wurde es langsam klar, was geschehen war. Jemand stellte ein Bild auf seinen Stuhl, da war mir das Undenkbare klar. Vorher, am 18 Uhr, hatte ich mit meinem Meister zu tun gehabt, er war pünktlich und mit seinem intensiven Elan in den Kuhstall gekommen, in dem ich meine Seva, meinen Dienst, verrichtete. Wie immer.

Nach ein paar Runden eines Mantras hielt es mich nicht mehr auf meiner asana, meiner Meditationsdecke, aus. Da seine Wohnung offen war, ging ich (zugegebener Maßen mit bebendem Herzen) hinein und sah seinen Leichnam, sitzend, wobei ein Mann sein Kinn hielt. Sofort war mir klar, dass er für immer seinen Körper verlassen hatte. Ich jedenfalls (das ging anderen allerdings ganz anders) hatte das Gefühl, dass er niemehr in diesen Körper zurückkehren würde. Bis heute war der tote Körper meines Gurus die einzige Leiche, die ich in meinem Leben gesehen habe, obwohl ich mich nicht bemüht habe, keine Toten zu sehen.

Es war eine unbeschreiblich eigenartige Stimmung in dem Raum. Es war still, sehr still. Jemand „regelte“ etwas unbeholfen den „Verkehr“. Als ich vor seinem Körper stand, spürte ich kaum Trauer oder eine ähnliche Regung. Das erstaunte mich und ich hörte die Stimme meines Meisters. Er sagte, diesmal IN mir: „Du siehst, nichts, aber auch gar nichts hat sich geändert. Ich spreche immer noch mit dir, wie eh und je.“ Mit dieser Gewissheit wandte ich mich ab, ging nach draußen, es war eine Stunde nach Mitternacht.

Ein paar Männer aus der Schreinerei kamen zu mir und baten mich, ihnen zu helfen. Wir waren alle befreundet (ein Wort, das für mich auf Beziehungen im Ashram nicht so recht zutrifft). Wir sollten (keine Ahnung, wer der Urheber dieses Auftrags war) eine Art Box zimmern, in die der Körper meines Gurus gesetzt werden sollte. Die Maße waren klar, und wir machten uns an die Arbeit, irgendwie ganz euphorisch, was mir im nachhinein schon bemerkenswert erscheint.

Es stellte sich bei mir keine Trauer ein. Vielmehr Dankbarkeit und viele zärtliche Gefühle. Aber ich spürte seine Gegenwart weiterhin, spüre sie immer noch, wie damals. Die Yogatexte sagen, dass es die höchte Erfahrung ist, die ein Mensch in seinem Körper machen kann, beim Tod des eigenen Gurus gegenwärtig zu sein. Das hörte ich noch in dieser Nacht von einem seiner langjährigen Schüler. Ich war dankbar für mein Schicksal in dieser Nacht. Ging gegen 4 auf mein Zimmer, setzte mich vor meine Puja, wo ich Bilder meines Meisters und anderer Meister seiner Tradition und mir wertvolle Utensilien von meinem Meister aufbewahrte, und sagte: „Was auch immer in meinem Leben geschehen mag, ich will immer, immer und NUR dir dienen.“ Es war nicht das erste Mal, dass ich darum gebeten habe, aber diesmal hörte ich aus mir heraus seine Stimme und er sagte: „Ja, tu das.“

Heute also jährt sich diese Nacht, die in mir so lebendig geblieben ist, zum 31. Mal. Die Schriften sagen, dass ein Sadguru, der seinen Körper verlässt, in jedem seiner Schüler eingeht, entsprechend ihrer eigenen Kapazität, zu empfangen, was er zu geben hat. Viele von uns haben das sehr konkret gespürt, an den Tagen, die dem 2. Oktober folgten.

Manche Schüler meines Gurus hängen immer noch an seiner Form, praktizieren historischen Yoga, denken an die (gute, alte) Zeit zurück mit ihm, sind stehen-, steckengeblieben. Aber die Kraft, die alles durchdringt, liebt die Entfaltung, so wie sich das Universum immer schneller ausdehnt. Diese Kraft, Chiti Shakti genannt, bleibt nicht stehen, entfaltet sich weiter in sich selbst hinein, als Ich, als Wonne, als unglaubliche Liebe.

Dieser Tag, der 2. Oktober, ist für mich auch eine zauberhafte Erinnerung an mein Potenzial und ich hoffe, an dein Potenzial im gleichen Maße.

Shubh mahasamadhi, Baba!

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Mein Yoga