Archiv der Kategorie: Yoga-Verständnis

Über einen Kommentar zu Lebensfehler… (auch für Nicht-YogInis geeignet)

Jetzt möchte ich doch einen Beitrag schreiben, inspiriert von einem Kommentar zum Artikel „Lebensfehler“. Darin versuche ich, das Thema „Lebensfehler“ aus yogischer Sicht zu bearbeiten.

Dieser ganze Blog wendet sich an Yogaübende, an Yogainteressierte. Er will yogische Einstellung, yogische Methoden, yogisches Verständnis erläutern, untersuchen, anregen. Mir ist dabei vollkommen klar, dass die meisten Menschen mit den meisten Aussagen nicht übereinstimmen werden. Das ist o.k. Natürlich sind wir im öffentlichen Raum, und jeder kann die Texte dieses Blogs finden und sich so seine eigenen Gedanken dazu machen.

Ich verstehe sehr gut, dass jemand, der diese Beträge liest, aber Yoga nicht wirklich praktiziert, (also, Yogapraxis ist hier nicht das Üben von körperlichen Verrenkungen), vieles, was hier zu lesen ist, nicht wirklich verstehen oder gut heißen kann. Daher vielleicht noch einmal ein Text, der auch für Menschen, die Yoga nicht üben, verständlich sein kann.

Yoga ist ein geistiger Weg, der Menschen hilft, sich selbst jenseits von Denken und Fühlen, von Handeln und von Persönlichkeit zu erleben und zu begreifen. Yoga lehrt, dass es die Pflicht eines Menschen ist, herauszufinden, wer er (und das „er“ bezieht sich auf das grammatische Geschlecht von „Mensch“ und hat nichts mit Mann und Frau zu tun) wirklich ist.

Naja, dazu muss ich doch nicht Yoga üben. Wenn dieser Gedanke jetzt bei dir aufsteigt, dann lies bitte den vorherigen Abschnitt noch einmal oder gar mehrmals. „Normale“ Menschen verstehen sich NUR als psycho-soziale Entität. Im Yoga würde man diese Selbstsicht als Auslöser für sehr viel des Leids verstehen, das Menschen erfahren. Nur weil die meisten Menschen sich mit dieser Entität identifizieren, wird diese Identifikation nicht wahrer.

Zu theoretisch? Ja, das mag wohl sein. Aber mit der Praxis wird es auch praktischer.

Aber etwas Anderes ist vielleicht leichter zu begreifen. Solange du Opfer deiner eigenen Psyche bist, solange du den INHALTEN deiner Gedanken und Gefühlen hilflos ausgeliefert bist, hast du keine Chance, in diesem Leben dauerhaft glücklich zu sein. Und jetzt bitte nicht anfangen mit: Aber macht nicht erst das Erleben von Unglück Menschen glücklich? Ich habe noch niemanden getroffen, der mir sagte: Jetzt bin ich schon seit zwei Wochen glücklich, ich hoffe, dass mir sehr bald wieder etwas schreckliches passiert, damit ich auch wieder unglücklich sein kann und mich ausbalancieren kann. Nein, Menschen können ein ganzes Leben glücklich sein.

Dass es so wenige sind, liegt an etwas anderem. Wenn du lernen könntest (oh je, klingt vielleicht noch theoretischer), die Aktivitäten deiner Psyche, die Gedanken und Gefühle, nicht nur als Inhalte, sondern als Energie zu erleben, könntest du verstehen, dass du keineswegs jeden Gedanken und jedes Gefühl, das gerade in dir hochkommt, haben musst. Die Inhaltsebene von Gedanken und Gefühlen nimmt dich viel zu sehr gefangen, als dass du eine innere Distanz ihr gegenüber empfinden kannst.

Zwischen Gedankeninhalten und Gedankenenergie (gilt genauso für Gefühle) unterscheiden zu können, lernt man in der Meditation, die nur unnütze Gedanken (außer dem Mantra) kennt. Wer die Kunst der Meditation mehr und mehr erlernt, erfährt Gedanken und Gefühle viel mehr als energetischen Zustand als als Inhalte, die wir dann sofort als „gefällt mir“/“gefällt mir nicht“ einordnen.

Wer also verstehen möchte, was ich da schreibe, muss meditieren lernen. Und auch, wenn dir die Meditation beibringt, wie meditieren geht, gibt es doch viele Konzepte, die man kennen und verstehen sollte, wenn man Meditation üben will.

Wenn es dir möglich wird, Gedanken und Gefühle zu HABEN oder nicht zu haben, dann kannst du mit Fehlern, schlechten Erfahrungen und Unglück frei (freier) umgehen: Du kannst Gedanken und Gefühle, die in dir dazu gespeichert sind, immer wieder hochholen oder vergessen. Es liegt an dir, du hast dann diese Freiheit.

Ohne meditieren zu können, kannst du das nicht lernen. Es geht nicht.

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Transformation – das Geschenk des Yogawegs (Neujahr 2016/17)

Transformation — wirklich, das ist ein Wort mit sieben Siegeln für die meisten Menschen.  Im Duden wird das Wort beschrieben mit Verwandlung, Umwandlung. Was bedeutet Transformation im Yoga? Was wird da verwandelt?

Manche Schriften geben ihre Antwort auf diese Frage: jiva wird zu Shiva. Das Individuum wird zum universellen Wesen. Das begrenzte Ich wird zum universellen Ich-Bewusstsein. Also ich finde diese Erklärungen schon sehr abstrakt, auch wenn sie stimmen mögen. Und ich sehe Möglichkeiten, das allgemein verständlich zu erklären.

Wenn es tatsächlich möglich sein sollte, mit dem Yogaweg vollkommene Freiheit zu erlangen, dann ist Transformation unumgänglich. Alles, was uns einschränkt, alles war uns trennt, muss verschwinden oder verwandelt werden. Was schränkt uns ein? Die Welt? Die Zeit? Unsere Kultur? Unsere Herkunft? Unser Körper? Man kann diese Frageliste noch ziemlich lange weiterführen, wenn man alles aufzählen möchte, wovon sich Menschen eingeschränkt fühlen.

Wer hier im Blog liest, weiß oder ahnt schon, dass der Yogaweg nicht propagiert, dass dadurch deine Freiheit eingeschränkt wird. Das yogische Augenmerk liegt vielmehr auf inneren Prozessen, denn die sind viel eher beeinflussbar als äußere.  Wenn ich das Gefühl habe, dass ich schwach, unfähig und ohnmächtig bin, dann ist klar, dass diese Empfindungen nicht befreiend sind. Wenn ich das Gefühl habe, besser als andere, klüger, schöner, etc. zu sein, dann ist vielleicht nicht so ganz klar, dass auch diese Empfindungen selbst angelegte Fesseln sind, die Menschen, die sich schwach wähnen, ironischer Weise oft sehr intensiv anstreben.

Diese Empfindungen werden auf dem Yogaweg transformiert, wenn du ihn nur lange genug und mit genug Begeisterung gehst. Wie sieht das konkret aus, magst du dich fragen. Gefühle von Unzulänglichkeit werden transformiert in die aufkeimende Ahnung deiner Großartigkeit, die nicht aus dem Ego kommt, dass sich in dir über dich lustig macht oder dich dir mit Gefühlen von Überheblichkeit und Dünkel anbiedert. Dass das möglich ist, diese Ahnung deiner Herrlichkeit, das ist das Geschenk der Transformation.

Die tiefe innere Unruhe, geboren aus der intensiven Beurteilung deiner Taten und Eigenschaften, wird einer besonderen Art von Gleichmut weichen, der aus dem Studium der Yogatexte aufsteigt, aus der Meditation, aus der langjährigen Praxis der Mantrawiederholung. Dieser Gleichmut eröffnet dir den Zugriff auf deine Emotionen auf eine neue Art: Wenn du ihn einmal vollständig erfahren hast (und ich behaupte, dass du das dann auch weißt), dann wirst du nicht mehr lange Opfer dieser beurteilenden Tendenz deiner Psyche sein. Du wirst dich schnell wieder an diesen Gleichmut erinnern und deine eigenen Urteile nicht mehr ernst nehmen.

Tiefe, umfassende Missverständnisse werden von der Transformation erfasst und verwandelt: die Identifikation mit deinem Körper, deinem Ego, deinem Intellekt, deinen Sinnen. Hier wirkt die transformierende Kraft im Yoga ihre größten Wunder. Denn dieses Missverständnis, dass uns meinen lässt, wir sind unser Körper und unser Ego, wird langsam mit dem Lösungsmittel der Kundalini-Kraft, des Segens des Meisters aufgeweicht. Mit der Zeit der Praxis (Meditation, Studium der Texte/Schriften des Yoga) wird dir immer klarer und einleuchtender, dass du nicht sein kannst, was du hast. Du wirst erkennen, dass das Ego dir gehört (wenn überhaupt) und dass du es nicht sein kannst. Du wirst den Körper als Behausung verstehen, nicht nur theoretisch, als saloppe spirituelle Floskel.

Diese Kraft der Transformation im Yoga überwindet für immer das Gefühl der Einsamkeit, für immer die tiefen Selbstzweifel, weil sie deine Missverständnisse in Vertrauen verwandelt, das sich nicht auf die Hoffnung stützt, dass sicher alles gut ausgehen wird, sondern auf das Wissen, der tiefen Einsicht, wer du wirklich bist.

Das Geschenk dieser Transformation ist, dass du sie erleben und durchleben kannst, ohne dass du dein normales Leben aufgeben musst, auch wenn sich die eine oder andere Angewohnheit auflöst.

 

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Die Bedeutung und Auflösung der Elemente

In allen Kulturen haben Menschen von Elementen gesprochen, von grundlegenden Bausteinen es Daseins in dieser Welt.

Ich war noch ziemlich jung, als ich das erste Mal von den 5 Elementen im Yoga gehört habe. Als jemand, der in der westlich-wissenschaftlichen Tradition erzogen wurde, mutete die Vorstellung der fünf grobstofflichen Elemente schon sehr einfach und archaisch an. Wir lernten über 100 Elementen im Chemieunterricht, und jetzt sollten wir etwas über die fünf Elemente lernen. Und weil sie „grobstofflich“ hießen, war das Ganze noch etwas verwirrender.

Dann wurde aber klar, dass, obwohl wir von den fünf grobstofflichen Elementen, den maha bhutas sprachen, es sich doch um etwas ganz anderes handelte. Warum befassten wir uns damit? Wie passt da „Ich bin Shiva“ dazu? Sind Shiva die Elemente von Bedeutung? Ja, sind sie.

In vielen Yogaschriften, die darauf eingehen, wird davon gesprochen, wie ein Mensch auf dem Yogaweg die Schöpfungskaskade wieder zurückwandert, wie er oder sie jede Stufe der Schöpfung in sich sozusagen auflöst. Auch das war mir überhaupt nicht vorstellbar. Wie sollte das gehen? Bricht einem da nicht der Boden unter den Füßen weg? Heute kann ich sagen, nein, natürlich nicht. Es ist so, als würdest du dich immer weiter verfeinern, ohne die Tuchfühlung mit dem äußeren „normalen“ Leben zu verlieren. Anders ausgedrückt könnte man sagen, dass du dein Bewusstsein ERWEITERST (nicht nur verschiebst).

Die erste Ebene jenseits der chemisch-physikalischen Welt sind die fünf Elemente, die maha bhutas. Sie sind die Kräfte, die diese Welt steuern. Zumindest könnte man das so verstehen. Mit dem Auge sieht man Erde, eine Stoffansammlung aus Lebewesen, Mineralien, verrotteter Materie und vieles mehr. Aber Erde als Element ist das Feste, ist Geruch, ist Dichte, ist Schwere, ist Stabilität. Dieses Element wirkt in deinem Körper, aber auch in deiner Psyche. Ständig. Manchmal mehr, manchmal weniger. Wie überwindet man das Element Erde, wie „löst man es in sich auf“? Das hat viele, viele Aspekte, die für Menschen auf dem Yogaweg der Befreiung bedenkenswert sind:

Jemand, der, wie die meisten Menschen, die sich spirituell nicht entwickeln können (bei uns ist das auch ein Informationsproblem, man weiß ja gar nichts davon), vom Element Erde gefangen gehalten wird, ist allem mehr oder weniger verfallen, was damit zu tun hat: Wohlstand und Armut und alles, was damit zu tun hat: Wohnraum, Möbel, physischer Besitz, etc., Körperlichkeit (übermäßige Beschäftigung mit dem Äußeren, mit Gesundheit, mit Fitness, etc.), Haptik, also, wie etwas sich anfühlt, traumloser Schlaf, Trägheit, starke Heimatverbundenheit (man achte auf das Wort!). Was sonst hält uns fest, wenn das Element Erde nicht „erlöst“ in uns wirkt?

In der Meditation ist es auch das starke Festhalten an den physischen Begebenheiten: Nur wenn du immer an der selben Stelle sitzt, fühlst du dich wohl. Nur wenn dein Asana oder Decke richtig liegt und sitzt und riecht, kannst du meditieren, du verstehst, was ich meine. Überhaupt ist das wichtig, alles muss „richtig“ riechen, sich anfühlen.

Das Element Wasser, das nächst feinere Element, kennen wir alle gut: Natürlich ist es Wasser, H2O, das im der chinesischen Tradition „das freundliche Element“ genannt wird. Es ist instabil, in fließender Bewegung. Es ist das Element, aus dem unser Körper hauptsächlich besteht. Wasser als Element ist das Bindende. Mörtelpulver macht erst einmal gar nichts. Mit Wasser verbunden wird es eine formbare Masse, die Verbindungen und Bindungen schaffen kann, die lange halten. Wasser ist anhaftend, verbindend. Logischerweise wird diesem Element der Geschmacksinn zugeordnet, denn Geschmack wird von Flüssigkeit transportiert. Menschen, die vom Element Wasser gefangen sind, können nur schwer loslassen, sie sind Substanzen, Umständen, Menschen nicht nur verbunden, sondern von ihnen gefangen. Auf dem Yogaweg, wenn das Element Wasser sich in einem selbst „auflöst“, kann man sich binden, aber auch wieder loslassen. Die Fähigkeit, sich zu verbinden ist ganz anders als ein Verbundensein. Darüber könnte man gut nachdenken.

Das Element Feuer kennen kommt als nächst feineres Element. Es ist das Ergebnis unter anderem von Reibung. Feuer ist Licht, ist die Kraft der Transformation, der Verdauung, auf allen Ebenen, von Essen bis zu Gedanken, Gefühlen, Konzepten. Feuer wird als heiß, scharf, trocken, leicht und fein dargestellt. Feuer durchdringt. Ihm ist der Sehsinn zugeordnet. Wut, Zorn, Hass sind ihm zugeordnet, aber auch die Kraft, etwas zu verdauen, auch im übertragenen Sinn, etwas zu verarbeiten und zu transformieren. Menschen, die dieses Element noch nicht in sich „lösen“ konnten, sind voll vom Sehen überwältigt, von Licht, aber auch von Intellektualität, vom abstrakten Denken, von Theorien. Wenn dieses Element transformiert hat, dessen Intelligenz kann in Einfachheit leuchten, die ständige Unruhe der Augen ist nicht mehr zwangsläufig, er oder sie kann sie jeder Zeit abstellen. Die Furcht vor dem Dunklen verschwindet. Es gibt noch viele Eigenschaften mehr, die vom Feuerelement betroffen sind.

Luft ist das nächst feinere Element. Bewegung und Dynamik, Berührung und Unstetigkeit sind einige seiner Eigenschaften. Sie ist das Trocknende, das Leichte: Das Element Luft löst das Element Feuer aus. Es hält den Körper ständig in Bewegung. Wer ihm unterworfen ist, muss sich bewegen. Wenn dieses Element nicht assimiliert ist, treibt es deine innere Unruhe voran, immer mehr, immer intensiver. Man kommt, wie es so schön heißt, vom Hundertsten zum Tausendsten. Es hört nie auf, man ist total von Berührung abhängig, um sich lebendig zu fühlen. Wenn du dieses Element in dir auflöst, merkst du, dass diese prinzipielle innere Unruhe nachlässt, dein innerer Sturm kommt zur Ruhe, wenn du das willst. Was für eine Erleichterung macht sich in dir breit!

Das Feinste aller Elemente ist der Raum, auch das wird als Element gesehen, das Prinzip des Raumes. Ohne es gibt es keine Schöpfung. Manche Yogaschriften bezeichnen den Raum als das Erste aus der kosmischen Psyche entsteht. Im Raum findet Schöpfung statt. Für die meisten Menschen ist Raum so elementar, dass sie keine Erfahrung der Gefangenschaft im Raum haben. Es ist auch schwer vorstellbar, wie das wohl ist, wenn dieses Gefangensein aufhört. Es steht in den fünf Elementen für das Prinzip der Einschränkung, für Klang, für Hören. Klang, der jeden direkt betrifft. Wie will man Raum integrieren, in sich auflösen. Was heißt „frei von Raum“?

Darüber gälte es nachzudenken, zu forschen. Die fünf maha bhutas, die großen Elemente, sind wie die Eingangstüren in inneren Welten.

In der Natur, der Kraft der maha bhutas, ist ihr Studium etwas einfacher, in der Stille , in der Balance.

Zu Ostern werden wir das heuer untersuchen.

 

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Der Lernprozess

Meist hören wir, dass es Geduld erfordert, den Yogaweg zu gehen, dass wir darauf achten sollten, dass wir den Mut nicht verlieren, dass wir die inneren Weichen so stellen sollten, dass wir nicht bei jeder Kleinigkeit gleich ins Abseits fahren.

Aber die wirkliche Geduld ist von den Lehrern, von den Meistern gefordert. Das ist einfach so. Dafür allein schon sollte unsere Dankbarkeit unendlich sein. Die Lehren der Meister sind einfach, klar und ohne wirkliche Widersprüche, wenn man nur genau und aufmerksam zuhören könnte.

Vor einiger Zeit habe ich einen Vortrag meiner Meisterin gehört, und es waren einige ihrer SchülerInnen anwesend. Dann gab es Chai, etwas zu essen, und ich wollte den Vortrag pausieren, denn jedes Wort, jeder Satz war voller Bedeutung für den Weg, voller Anregungen zum Nachsinnen. Aber alle wollten weiter hören, wollten diese Worte genießen.

Da ich die persönlichen Umstände mancher Anwesenden gut kannte, bemerkte ich, dass der Vortrag mehrfach auf Dinge einging, die gerade im Leben einzelner BesucherInnen stattfanden. Aber ich hatte den Eindruck, dass die Betroffenen das nicht hörten, weil sie sich über andere Dinge unterhielten. So sagte ich: Hast du das gehört, das war für dich! Ja, ja, habe ich gehört. Schon klar.

So ist das. Wir hören, aber es dringt nicht tief ein. DESHALB brauchen wir diese endlosen Wiederholungen, immer die gleichen Themen, immer die gleichen Worte, die gleichen Schriften, keine Abwechslung. Denn wir HÖREN nicht. Wie kann das sein? Die meisten Menschen, mit denen ich das Glück habe, zu arbeiten, sind klug, intelligent, willens.

So oft und so lange arbeiten wir an der Erfahrung des Augenblicks. Dann lädt uns die Natur ein, diesen Augenblick, den einzigen, den einen, zu genießen! Es könnte unser letzter sein, in diesem Leben. Aber wir denken daran, wie schade es ist, dass wir unseren Badeanzug, unser Snowboard, unsere Freundin, unser Kind, oder was auch immer vergessen haben. Wir sind überhaupt nicht dabei, nicht da! Dann ist der Ort schuld, wenn wir nicht genießen können, die Zeit, die anderen Leute, was auch immer. Wir schwören uns, dass wir wieder kommen, mit der richtigen Ausrüstung, und dann, dann werden wir es wirklich genießen.

So so, werden wir das? Natürlich nicht, denn wir haben unsere Lektionen immer noch nicht kapiert. Nach all den Jahren lassen wir unsere Psyche plappern und plappern und plappern. Wir nehmen es nicht ernst. Unsere Meister und Lehrer lehren uns, dass wir das weltliche Leben aufgeben sollten.

Oh mein Gott, denken wir, wie weltfern, da kann ich ja nichts mehr genießen, wie soll ich da noch leben? Etc. etc. Wir denken nicht tiefer darüber nach, wir verstehen die Liebe hinter diesen Worten nicht, weil wir gar nicht genau zuhören. Was heißt das? Wir denken nur, DAS kann ich nicht. Da muss ich ja meinen Job kündigen, mein Auto verkaufen und nur noch trockenes Brot essen, Pizza, Chai und Croissant adé! Glauben wir wirklich, unsere Meister sind dazu da, uns das Leben schwer zu machen?

Meine Meisterin hat einmal gesagt, dass sie jemand fragte, ob es ok ist, wenn man schon alle Gnade empfangen hat, um noch mehr Gnade, also etwas spezifischer, zu fragen? Sagen wir, dass wir einen Job bekommen, ein Haus, ein Auto, einen Mann, eine Frau, ich könnte das ganze Internet vollschreiben mit all dem, worum man da noch fragen könnte. Ich kenne so viele SchülerInnen meiner Meisterin, die alle Gnade erhalten haben. Ich bin mir auch sicher, dass sie das auf Anfrage sagen würden. Aber dann…. vielleicht doch noch schnell eine Guru Gita für den neuen Job, für die Wohnung, für die Kinder? Sicherheitshalber ein paar weitere einführende Mantras, wer weiß, ob die Gnade das so GENAU checkt, was wir brauchen.

Mein Meisterin gab allen Ernstes, eben die Geduld der Lehrer und Meister, eine Antwort, eine wundervolle Antwort. Ich kenne so viele Menschen, die diese Antwort auch kennen, aber immer noch meinen, es wäre besser, vielleicht doch noch für eine ganz spezielle, sehr spezifische Sache um Gnade zu bitten.

Was anderes willst du tun, wenn alle Gnade in dein Leben Einzug gehalten hat, als um die Gnade zu bitten, dich an die Fülle der Gnade zu erinnern, deine eigene Psyche um die Gnade der Erinnerung zu bitten? Der Guru ist kein Karma-Reparateur, sie repariert nicht deine Folgen, die du dir verdient hast, nicht die Angenehmen und auch nicht die Unangenehmen.

Naja, das nächste Mal, wenn wir uns sehen, denke daran, der Augenblick, er ist voll, er ist ganz, er duldet keine Erinnerung, nur den umfassenden Genuss. Wenn es schön ist, sehne dich nicht nach etwas anderem. Gewöhne das deiner Psyche ab. Dein Mantra ist jetzt, dein Guru ist jetzt, dein Leben ist NUR jetzt, dein Genuss ist jetzt. Verschwende diese Geschenke nicht so leichtfertig! Alles Liebe, mögen diese Worte dir dienen auf dem Weg!

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von Mäusen und Elefanten

„Wenn dich eine Maus anpiepst, musst du dir doch vor lauter Angst nicht gleich in die Hose machen!“ Mein Meister sagte das desöfteren zu uns, um uns zu verdeutlichen, dass man nicht unbedingt schwach und schnell überfordert sein muss.

Der Weg und das Leben sind manchmal eine Herausforderung, die ihren alleinigen Ursprung – das wird aber leider erst viel später auf dem Weg klar – ganz allein in uns selbst hat. Für manche ist schon allein dieses Eingeständnis ein Problem, was aber nichts an den Tatsachen ändert. Das Ego steht bei den Menschen in so hohem Ansehen. Nichts und niemand darf es berühren, bloß stellen, verärgern, oder, Gott behüte, es auch nur an den Rand eines Nachweises seines Unvermögens bringen.

Fast alle Menschen lassen ihre Lebensentscheidungen von dieser völlig überforderten Untereinheit ihrer Psyche bestimmen. Selbst wenn du dann endlich auf dem Yogaweg die entsprechenden Infos erhalten hast, was das Ego ist und dass du nicht das Ego bist, sondern eines hast, verdrehen viele YogaanfängerInnen ganz schnell mal die Aussagen der Yogameister und -schriften so, damit das Ego sich wieder wehren kann und muss gegen vermeintliche Anschuldigungen und ihn angetanen Ungerechtigkeiten.

Manchmal erscheint es mir so, als würden viele Menschen wie rohe Eier durch die Welt laufen, ständig darauf bedacht, unversehrt zu bleiben. Ein für wahr schreckliches Leben!

Wenn du auf dem Yogaweg bist, wirklich auf dem Weg bist, und nicht nur so tust, weil du (bzw. dein Ego, das sich damit neue Schutz- und Trutzmechanismen erhofft) mit manchen Konzepten so ganz einverstanden bist, dann wirst du dich lösen MÜSSEN vom Herrschaftsanspruch deines Egos, dann wirst du lernen müssen, offen zu bleiben, empfangsbereit zu sein, auch wenn dein Ego meint, sich gegen irgendetwas, was du gehört oder gelesen hast, wehren zu müssen.

Wenn man fähig wäre, seine Vernunft, die ja laut yogischer Psychologie jenseits des Egos angesiedelt ist, zu verwenden, um Yoga tief zu verstehen, würde man, auch wenn es manchmal schwer fällt, das Ego nicht mehr allein entscheiden lassen, was jetzt gut ist auf dem Weg und was nicht. Leider erlebe ich immer wieder, dass das offensichtlich sehr schwer ist.

Meine Person bietet da, wie mir scheint, für viele Egos eine gute Angriffsfläche, weil ich mir nicht die Mühe machen will, als süßer, kleiner Plastikyogi durch die Welt zu stapfen und überall um mich herum nur Wohlwollen und eitel Sonnenschein zu verbreiten. Das habe ich noch nie gemacht. Also ist es einfach, zu sagen, ich lehne dich ab, weil du Dinge sagst, die mir nicht gefallen. Das Ego ist sehr erleichtert, wenn derartige Gedanken und Entscheidungen bei dir getroffen worden sind.

Es ist Yoga los, wenn auch nur in der Person des Autors. 🙂

Was soll man dazu sagen? Mit der Belehrbarkeit ist es bei vielen ganz schnell vorbei, wenn auch nur ein klein wenig an der Allmacht des Egos gekratzt wird. Und Yoga kratzt da nicht nur ein wenig, sondern zerstört mit manchmal großer Vehemenz die verblendete Vorstellung, dass du und dein Ego eins sind.

Wie gesagt, oft wird aus einer Maus ein Elefant und umgekehrt. Das Ego mag ja vieles sein, aber in der Lage, Wirklichkeit wahrzunehmen ist es nicht. Auch wenn das die meisten Menschen genauso handhaben.

 

 

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Heute …

als ich Zähne putzend vorm Spiegel stand, in dem ich mein Gesicht betrachtete, das jetzt schon bald 60 Jahre diesen Körper ziert, dachte ich daran, dass mein Meister so alt war wie ich jetzt, als er das erste Mal in den Westen ging, ein wenig älter war er.

Und ich dachte an seine erstaunliche Errungenschaft, und daran, wo ich stehe. Ich hörte seine Stimme in mir, die mir versicherte, dass er immer auf mich aufpassen würde, sich immer um mich kümmern würde, dass es mir nie an etwas fehlen würde. Ich musste ein wenig lachen, ob dieser liebevollen Worte. Wie kann jemandem wie mir etwas fehlen? Ich meine, WIRKLICH fehlen? Ich liebe seine Fürsorge, die alle Bereiche des Lebens umfasst. Wenn man das nur immer sehen könnte, wenn man meint, es würde nicht genügen …

Weiter sah ich im Spiegel dieses alternde Gesicht. Und ich dachte daran, was wohl wäre, nach meinem Tod, mit meiner Familie, mit den Menschen in meinen Kursen, was wohl wäre. Ich sah kurz mein Begräbnis und musste auf einmal lauthals lachen. Auch wenn ich das jetzt schreibe, muss ich lachen. Wie kann man nur interessiert sein, was nach dem Tod mit der eigenen Leiche geschieht? Wenn damit, entgegen der Lehren des Yoga, alles vorbei wäre, dann ist jeder Gedanke an ein „Danach“ wirklich zum Lachen. Wenn es ein „Danach“ gibt, dann hat man ja mit deutlich Wichtigerem zu tun, als über einem Körper ohne Leben nachzudenken.

Also, ich kann euch sagen, das war ein amüsantes Zähneputzen heute Nacht. Manche mögen solche Gedanken und Worte als morbide, als sehr eigenartig empfinden. Aber probier’s doch mal, das nächste Mal, wenn du in den Spiegel schaust. Und lach mit.

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Bitte lesen: Antworten auf „Yogische Geisteshaltung im Alltag: Was ist das?

Da ich mir nicht sicher bin, ob irgendjemand durch den Blog bei Antworten auf Kommentare informiert wird, möchte ich alle LeserInnen einladen, meine Kommentare oder besser gesagt: meine Antworten auf zwei Kommentare zum oben erwähnten Kapitel zu lesen.

Eine kleine Ergänzung zu meiner Antwort auf Philipps Kommentar zu diesem Beitrag:

Wenn einem Menschen ganz klar ist, dass Gefühle und Gedanken in ihm selbst sind und dort von niemandem und nicht „hineingetan“ werden, dann kann man damit anfangen, die Dinge, die Welt, die Menschen so zu sehen, wie man will. Ich meine dabei gar nicht (obwohl das vielleicht auch sein könnte), dass man dann die Ereignisse seines Lebens beeinflussen kann. Sicher aber kann man dann die Art und Weise beeinflussen, wie sich diese Ereignisse anfühlen.

Ganz egal, was geschieht, ob es ein außen gibt, oder, wie das ja die Yogaschriften mehrheitlich sagen, alles nur in uns stattfindet, mehr noch, ALS uns stattfindet, wie es sich anfühlt, das liegt dann, wenn das eben klar ist, in unserer Hand. Alte Gewohnheiten werden noch einige Zeit weiter bestehen. Manchen fällt es schwer, Leid und Schwierigkeiten, die sie jahrelang vielleicht anderen oder irgendwelchen Umständen zugeschrieben haben, plötzlich als eine Erfahrung zu sehen, die in ihnen ist und die sie daher bestimmen können.

Das scheint im Widerspruch zu „Dein Wille geschehe“ oder „Ich tue, was du mir sagst“ (Ende der Bhagavad Gita) zu stehen. Denn man übernimmt ja endlich Verantwortung für sein eigenes Leben und gibt anderen nicht mehr die Schuld für das, was man erlebt. Aber „Täterschaft“ ist das noch nicht. Zumindest nicht, wie ich dieses Wort verstehe. Täterschaft wäre für mich das bewusste Erschaffen vom Innen UND Außen auf der Ebene, wo es innen und außen gibt.

Ist das verständlich? Falls nicht, bitte nachfragen.

Und: der Kurs im Herbst wird sich auch mit diesen Fragen beschäftigen. Und noch etwas: Das Buch gibt es noch zwei Tage zum günstigen Einführungspreis. Danach über den Buchhandel. Hier bestellen: buchbestellung@svayoga.de

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