Archiv der Kategorie: Yogische Erlebnisse

Freude ist IMMER eine Alternative

Vor etlichen Jahren war ich dabei, aus den USA nach Deutschland zurückzukehren. Ich verbrachte meine letzten Tage bei meiner Meisterin und war im Ashram mit meiner Tochter unterwegs. Da sah ich sie aus ihrer Wohnung kommen, einen langen, langen Gang entlang, ein paar Treppen hoch, zu meiner Tochter und mir. Ich war ganz und gar beschäftigt mit meiner Trauer, weil ich meine Tochter zurücklassen würde und mit meiner Sorge um ihr Wohlergehen. Dieses Gefühl hatte mich wie eingedunkelt. Und genau in dieser inneren misslichen Lage kam sie, meine Meisterin, von weitem für mich sichtbar, unvermeidbar auf mich zu. Ich wollte ihr so sicher nicht begegnen, genierte mich (was schon fast lustig anmutet!) in meinem Zustand vor ihr, aber ich konnte einfach nicht von ihm lassen. Ich versuchte, irgendeine Türe zu öffnen, zur Cafeteria, zum Buchladen, zum Tempel, um ihr so aus dem Weg zu gehen. Aber alle waren verschlossen, und sie kam beschwingt und freudvoll auf mich zu.

Meine Tochter war neben mir und freute sich so sehr, meine Meisterin zu sehen, dass sie hüpfend und tanzend auf sie zulief und sie voller Schwung umarmte. „Wie geht es dir?“ rief meine Meisterin meiner Tochter begeistert zu, die mit gleicher Begeisterung „sehr gut“ rief. Und im gleichen Ton und voller Freude fragte sie auch mich, der ein paar Schritte entfernt stand, mit meinem kläglichen Versuch, irgendwie in der Mauer zu verschwinden: „Und dir? Wie geht es dir?“ Mehr als ein gemurmeltes „nicht so gut“ brachte ich nicht raus.

Das muss man sich einmal vorstellen: Es war, was ich damals nur ahnte, bis heute das letzte Mal, dass ich ihr von Person zu Person begegnete.  Und ich war so besetzt von meinen intensiven Gefühlen. Zuerst ging sie an mir vorbei, fast ein wenig hüpfend wie meine Tochter, dann wirbelte sich herum und sah mich intensiv an und sagte: „DU, gerade DU solltest nicht so sein!“ Mir war sofort „klar“, dass sie meinte, ich sollte nicht so fühlen und so entschuldigte ich mich bei ihr, ziemlich erschrocken. Dann stand sie vor mir, fast etwas ungeduldig und schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, nein!“ Dann wandte sie sich an ihre Sekretärin, eine 25-jährige Inderin und sagte gleichzeitig zu ihr und zu mir: „Ihr solltet euch treffen und miteinander reden.“ Dann ging sie weiter. Ihre Sekretärin blieb bei mir, und wir machten einen Termin aus.

Vieles kam bei diesem Treffen zur Sprache. Heute, aus der zeitlichen Distanz betrachtet, war das eines der Schlüsselerlebnisse auf dem Weg für mich. Es war eine großartige Kurskorrektur, fein, klar, kraftvoll. Eine Kurskorrektur hin zu mehr Selbstliebe: Die junge Frau sagte mir, meine Meisterin hätte einmal gesagt: „Von allen Menschen, mit denen du Zeit verbringst, verbringst du die meiste Zeit mit dir. Du musst mit dir die engste Freundschaft schließen“, wie das im Yoga immer der Fall ist.

Was ich heute sagen kann, ist, dass Freude immer eine Alternative ist, zu allen anderen Gefühlslagen. Schwere, Bedeutung, Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit – das sind in scheinbar schwierigen Lebenslagen die Gegenspieler der Freude in uns. Aber es ist möglich, sie außer Acht zu lassen. Meine Meisterin lud mich damals dazu ein, um der Freude des Augenblicks willen, meine Sorgen fallen zu lassen. Was ich nicht konnte. Noch nicht.

Sehr gut kann ich verstehen, dass viele Yogis auf dem Weg das Gefühl haben, dass Freude sicher NICHT immer eine Alternative ist, weil das Leben eben manchmal zu bedrückend, zu sehr eine Herausforderung ist. Menschen, die Yoga nicht praktizieren, würden sogar denken, dass wir den Ernst des Lebens leugnen wollen. Aber das ist nicht so.

Es geht immer wieder um die gleiche Einstellung: ich kann mit allen Gefühlen als Gefühle umgehen oder als deren Inhalte. Auf der Inhaltsebene muss ich mir quasi die Gründe für die Gefühlslage, die ich verändern möchte, ausreden. Und je nach dem, wie lange diese Gefühle in mir ihre Kreise gezogen haben und mich damit in ihren Bann gezogen haben, ist das wahrhaftig ein schwieriges Unterfangen.

Aber wenn es mir mit der Zeit (durch Meditation, durch Mantra, durch Studium) gelingt, Gefühle als Gefühle zu erfahren, in mir, wird Freude die vorrangige Alternative zu einem Zustand, wie ich ihn damals erlebt habe. Ich wusste sehr wohl, dass ich darin gefangen war, in dieser düsteren Gefühlslage … aber eben diese Gewissheit hat es mir auch unmöglich gemacht, im Angesicht der Freude und Leichtigkeit meiner Meisterin meine Gefühlslage zu ändern, der Realität ihrer Freude zu folgen.

 

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Verehrung der Form – ein Beitrag zum Ashram auf Zeit im August (aber auch ganz allgemein zu lesen)

Oft gab es Fragen an meinen Meister, ob er ein Anhänger der Form sei. Mit dem Wort „Form“ sind Eigenschaften und Namen gemeint, die dem zugeschrieben werden, was wir als Gott bezeichnen: Shiva, Shakti, Vishnu, Krishna, etc.

Das Wort „Gott“ gibt es ja im Sanskrit nicht, denn das wäre vermutlich viel zu abstrakt gewesen, bei den Erlebnissen, die die YogInis hatten und haben. Die Antwort meines Meisters auf die eingangs erwähnte Frage war fast immer die Gleiche: Wenn alles, was ist, aus Ich-Bewusstsein entstanden ist, aus atman, warum sollte er/sie sich nicht auch in allen möglichen Formen manifestieren können?

Wenn man sich selbst einmal genauer betrachtet, kann man vermutlich feststellen, dass Formen und Gestalten unser Dasein prägen. Daher ist es den meisten Menschen nicht so einfach möglich, Bewusstsein an sich, formlos und unbeschreiblich, zu verehren. Viel praktischer auf dem Weg ist es, Bewusstsein in einer Form zu ehren und zu verehren. Wenn alles eins ist, das Dünne und das Dicke, das Kluge und das Dumme, das Schöne und das Hässliche, das Gute und das Böse, dann ist es auch möglich, dass sich Bewusstsein in manchen Formen besonders leicht wahrnehmbar verkörpert.

Der „Umweg“ zum Formlosen, Eigenschaftslosen, Unbeschreiblichen über die unzähligen herausgehobenen Formen von Bewusstsein ist also vernünftig und nachvollziehbar. In unserer westlichen Kultur ist das noch am besten durch die Verehrung der Heiligen erhalten, aber so ganz passt es nicht.

Ich selbst habe mehrere dieser – ich nenne sie einmal, Energieformen – in Meditation erlebt. Dieses Erlebnis war erstaunlich und hat auch einen tiefen Eindruck auf mich hinterlassen und mein Verständnis dieser Kräfte grundlegend verändert.

Es war auch nicht so, was ich der Klarheit willen noch einmal betonen möchte, dass diese Kräft „in mich eindrangen“, mich ergriffen haben, etc., sondern ich WAR (bin?) diese Kräfte, aus meiner Mitte her hatte sich das ausgebreitet, sehr überraschend und überwältigend. Und es waren weibliche UND männliche Kräfte. Diese Erlebnisse passierten, als es ganz still in meiner Meditation war. Sie tauchten auf, als ich erst ein paar Jahre auf dem Weg war.

Im August geht es mir um diese Erlebnisse. Sie sind Hilfestellungen auf dem Weg, sie sind aber auch der Anfang des Auftauchens meiner eigenen Herrlichkeit und der Gong, der die Selbstzweifel und Minderwertigkeitsgefühle in die letzte Runde schickt. Die künstlerischen Darstellungen dieser Kräfte haben in Indien immer noch eine große Bedeutung. Sie sind voller symbolischer Details, die mich nicht im Einzelnen interessieren. Aber in ihrer Gesamtheit, auch weil auf Genauigkeit so großen Wert gelegt wird, können sie diese Bewusstseinsebene in uns aktivieren.

In dieser Sommerwoche im August ist der Devi in all ihren Aspekten gewidmet. Manche Frauen haben da gleich das Gefühl, dass das insbesondere mit ihnen zu tun hat, aber dem ist nicht so. Mein erstes Erlebnis in dieser Richtung war Kali. Die körperliche Geschlechtlichkeit spielt auf der Ebene dieser Energien wirklich keinerlei Rolle. Menschen, die sagen, dass das mit Mann und Frau zu tun hat, haben wahrscheinlich keinerlei persönliche Erfahrung damit, denn sonst könnten sie das nicht behaupten.

Als ich das erste Mal nach Indien kam und all diese Figuren, auch im Ashram meines Meisters sah, empfand ich das alles als ziemlich abstrakt bis sehr merkwürdig. Wenn ich das nicht dort gesehen hätte, wäre ich wohl eher ablehnend dem Ganzen gegenüber gewesen. Ich kann also gut nachvollziehen, wenn ihr damit auch nicht so viel anfangen könnt. Aber das dann einmal zu erleben, das ist ziemlich umwerfend. Interessanter Weise hat das meine Hingabe zu Shiva, zu Hanuman, zu Durga oder Kali erst erschaffen. Interessant deshalb für mich, weil ich die ja WAR!

Seitdem verstehe ich auch, warum die Yogatexte aus Nordindien behaupten, dass man Shiva nur dann verehren kann, wenn man zu Shiva wird („shiva shivena sadhanah!“).

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Nochmals: Yogische Erfahrungen

Zu erst einmal möchte ich allen LeserInnen nachträglich alles Gute für 2013 wünschen. Offensichtlich ist dem Verfasser des Mayakalenders doch  wohl nur die Schreibgrundlage ausgegangen… (sorry :))

Zwei Kurse hintereinander, das war ein voll erfüllter Jahreswechsel mit vielen Fragen, manchen Antworten und neuen Fragen. Nach einer längeren Pause möchte ich heute nochmals etwas zu yogischen Erfahrungen schreiben.

Eines ist klar: Wenn deine innere Kraft, die Kundalini Shakti, erwacht, sind diese Erfahrungen unvermeidbar und genauso individuell. Es gibt drei Aspekte dieser erstaunlichen Kraft in uns, die dementsprechend unterschiedliche Erlebnisse hervorbringen können:

Prana Kundalini, Chit Kundalini und Para Kundalini. Je nach „Vorkenntnissen“ (damit sind Errungenschaften aus früheren Leben gemeint :)) wirken diese Aspekte im Yogi. Prana Kundalin bringen Erfahrungen, die in gewissen Hinsicht körperlich sind, Herzklopfen, Pulsieren, etc. etc., die Liste wäre viel zu lang, um sie hier aufzuführen. Der „Sitz“ dieses Aspekts der Kundalini ist Muladhara Chakra.

Chit Kundalini bringt deutlich andere Erlebnisse, sie „sitzt“ im Anahata cakra (das bei uns oft fälschlicher Weise als „Herzchakra“ übersetzte Zentrum des klanglosen Klangs). Ihre Erfahrungen sind psychischer Art (Gedanken und Gefühle). Das kann man als Achterbahn der Gefühle erleben, als Gedankenrasen, als Läuterung von Emotionen, etc. Auch diese Erlebnisse sind so vielfältig, – und die Auswahl, die ich hier erwähne, ist rein zufällig, also nicht meinen, das kenne ich nicht, also stimmt etwas bei mir nicht! – dass ich sie hier nicht aufzählen kann.

Para Kundalini sitzt im Ajna cakra (dem machtvollen, überaus leuchtenden, unvorstellbar herrlichen subtilen Zentrum zwischen den Augenbrauen im feinstofflichen Körper situiert). Sie führt den Yogi, die Yogini in die Sphären unbegrenzten Bewusstseins; NUR ein Guru, der seinen Namen auch verdient, ein Sadguru, kann diesen Aspekt der Kundalini erwecken. Eigene Praxis reicht nicht bis dorthin.

Das Buch Kundalini Shakti – die göttliche Kraft von Swami Kripananda ist dazu ein hervorragendes Nachschlagewerk, genauso wie Devatma Shakti, allerdings auf Englisch und sehr kompliziert, was die Terminologie betrifft.

So, jetzt, wo das klar ist, können wir uns dem UMGANG mit diesen Erfahrungen widmen. Was mache ich, wenn ich so etwas erlebe? Natürlich muss ich zuerst einmal genug WISSEN, um das richtig einordnen zu können. Mit den Jahren wird das Einordnen völlig unwichtig, aber für die ersten Jahre, Jahrzehnte, mag das von großer Bedeutung sein, weil der Verstand natürlich eine Auslegung von dem, was da in uns geschieht, vornehmen wird, und wenn du ihm keine NEUEN Inhalte gibst, wird er auf alte, völlig unzutreffende Interpretationen zurückgreifen, und dann ist der Verwirrung Tür und Tor geöffnet.

Also, klar, man muss sich bilden. Zu dieser Bildung könnte auch dieser Blog gehören. Du solltest sehr genau überlegen, woher du deine Bildung nimmst. Du gehst ja auch nicht in ein Nähstudio, um das Autofahren zu erlernen. Viel ist zu diesem Thema auch hier im Westen geschrieben worden, das meiste ist Unsinn. Haltet euch fern von den historisierten Infos. Brauch ich die? Muss ich wirklich wissen, wann welcher Autor was geschrieben hast und in welcher Tradition er/sie historisch steht? Manchmal schon, aber meistens wohl nicht.

Und dann sitze ich in Meditation und plötzlich fängt mein Körper an, zu beben, zu kreisen, etc. etc. Was machen? Du wirst vermutlich sehr schnell merken, dass die Begeisterung und Kommentierung deines Verstands derartige Erlebnisse abstellt (was du ja nicht unbedingt möchtest). Also, Mantra wiederholen. Weiter wiederholen. Aber du könntest auch, wenn dein Verstand nicht Purzelbäumen schlägt vor lauter Aufregung, deine Aufmerksamkeit GANZ auf das jeweilige Erlebnis geben. Bei der ersten Regung (sprich: Interpretation) deiner Gedanken wiederhole das Mantra. Und dann beobachte, was geschieht.

ALLE diese Erfahrungen sind Ergebnis der läuternden Arbeit der Kundalini Shakti, die auf dem Weg zu „Ich bin Shiva“ alles Hindernde verzehrt. Das tut sie mit unbeschreiblicher Genialität, dir entsprechend und unaufhörlich. Für ihre Arbeit ist deine Meditation nicht von Nöten, aber für deinen Geist wohl :).

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Zustanddiskussionen

Wer welchen Zustand (schon oder nicht mehr) hat, wie weit jemand ist, ob jemand die Inkarnation Gottes ist oder nicht – solche Diskussionen sind so beliebt in Yoga- und anderen geistigen Kreisen.

Wie unnütz! Was nützt es dir, wenn es kalt draußen ist und deine Hände frieren, ob jemand in Alaska sehr warme Handschuhe gekauft? Oder wird dein Hunger kleiner, nur weil jemand einen Lebensmittelladen aufgemacht hat? Hilft es dir in einem langen, ermüdenden Verkehrsstau, wenn du im Radio hörst, dass der Verkehr auf einer anderen Strecke ohne Behinderungen abläuft (ok, du kannst dich darüber freuen, dass es anderen Menschen in dieser Hinsicht besser als dir ergeht)?

Klar ist natürlich, dass jemand, der dir nur durch Zeigen beibringen kann, wie aus der begrenzten Ich-Wahrnehmung „Ich bin Shiva“ wird, möglichst durch eigene Erfahrung weiß, wie das geht. Aber selbst da haben wir unsere Probleme: Wie ein Meister einmal sagte: „Nur ein Fisch weiß, wie es ist, unter Wasser als Fisch zu schwimmen“. Wenn du  bei einem Menschen einen Zustand beurteilen willst, denn du nicht wirklich verstehst, dann ist das schwierig und führt natürlich sehr schnell zu Fehleinschätzungen.

Mit allen möglichen Hilfsmitteln mag eine sehr begrenzte Überprüfung möglich sein. Mein Meister wurde oft gefragt, woran man erkennen kann, ob jemand erleuchtet ist. Und oft sagte er darauf: „Das ist nicht so einfach, denn solchen Menschen wachsen ja nicht auf einmal Hörner.“ Das ist unser Dilemma: Wem vertraue ich, worauf lasse ich mich ein? Wenn ich es ernst meine, kann ich in Yogatexten Kriterien finden, nach denen man einen Yoga-Meister auswählt. Die sollte man schon kennen.

Wenn ich von Scharlatanerie schreibe, dann meist, weil nach solchen Kriterien jemand eben kein Guru ist, sich aber als solcher ausgibt. Das heißt nicht, dass so jemand nicht ein guter Lehrer, eine hilfreiche Informationsquelle sein kann. Aber wenn jemand über Gurus schreibt und selbst keinen hat oder haben möchte, dann erwarte ich von so jemanden keine Hilfe. Wenn jemand selbst ein geistiger Führer/eine Führerin ist, und sagt, dass Gurus nicht gut auf dem geistigen Weg sind, dann wäre das für mich auch ein k.o.-Argument. Für weitere Worte einer solchen Person hätte ich keinen Bedarf.

Als vor fast 30 Jahren mein Meister seinen Körper aufgab, kursierte ein interessantes Gerücht schon mehrere Monate später. Er hätte sich schon jetzt wieder inkarniert, als Sohn einer Familie, die schon seit Generationen mit ihm verbunden war. Ich war gerade mit Lehrerschülern meines Gurus zusammen, als jemand in der Runde dieses Gerücht ansprach. Einer meiner Freunde in der Runde sagte nur: „Es wäre viel besser, wenn wir daran arbeiten würden, Ihn (er meinte damit unseren Meister) in unserem Herzen zu inkarnieren, statt darauf zu hoffen, dass er im außen wieder eine Form annimmt.“

Damals hat mich das tief beeindruckt, ich wusste instinktiv, wie recht er da hatte.

Statt dass man sich Gedanken über den Zustand anderer Yogis, LehrerInnen und vielleicht-doch-schon-Meister macht, sollte man seinen eigenen Zustand erkennen. Und das ist relativ einfach. Manche Menschen, die mir begegnen, erzählen mir, dass sie den gleichen Zustand haben wie mein Guru ihn hatte, dass sie natürlich jetzt erleuchtet sind, weil sie vielleicht ein oder zwei Erlebnisse hatten, die mein Meister in seinem Werk „Das Spiel des Bewusstseins“ beschrieben hat. Wenn das mal so einfach ginge.

Also, wer das Gefühl hat, dass er oder sie vielleicht ja auch schon erleuchtet oder so etwas ähnliches sind, dem empfehle ich einen oder zwei Test(s), die man einfach jeder Zeit durchführen kann. Der erste ist, dass du nachprüfst, ob du in der Nacht dein Bewusstsein verlierst oder nicht, ich meine das nicht theoretisch, sondern ganz konkret, ob du bei Übergang vom Wachzustand in den Traumzustand keine Veränderung deines Bewusstseins erlebst, du also wach und dir dessen bewusst bist.

Der zweite Test, der auch ein sehr alltäglicher ist, geht darum, dass du konkret erleben kannst, dass du alles bist und alles von dir ausgeht. Ich meine damit nicht die Klarheit des Verständnisses, sondern die direkte Erfahrung. Nicht nur, dass alles von dir ausgeht, sondern dass du alles bist, was du erlebst. Und vor allem auch, dass dieser Zustand durch ein Agieren deinerseits in keinster Weise verändert wird. So einfach ist das. 🙂

Manche Menschen dichten mir Zustände an oder meinen, aus meinen Worten solche herauslesen zu können. Ich habe viele innere Erlebnisse und so manche transportieren sich wie von selbst in mein Leben. Es gibt Dinge, die sind mir ganz klar. Aber ich habe immer noch nicht wirklich eine Ahnung, wie das sein muss, Allgegenwart, Ewig, Allwissenheit, ohne Zeit und doch mit Zeit, ohne Raum und doch in allen Räumen. So oft saß ich vor meinem geliebten Meister und habe ihn mit all der Macht meiner Wahrnehmung angesehen, habe sogar am Körper seine große persönliche Macht gespürt, wie ich meinte. Aber wie das genau ist, Shiva zu SEIN, und das immer zu wissen, das konnte ich so nicht entdecken.

Seien wir doch auf dem Weg. Er ist beglückend, ohne ihn ist das Leben schon sehr erbärmlich, und dieser Satz ist mir sicher nicht einfach nur so rausgerutscht. Das meine ich so. Erbärmlich. Zu wenig und nicht der Mühe wert. Ohne den Weg ist es ein ständiges Abwiegen, ein Glückstropfen muss bezahlt werden, mit allen möglichen Gefühlen, denen „normale“ Menschen (nicht meine Ausdrucksweise, sondern die vieler Yogaschriften) ganz ausgeliefert sind.

Seien wir doch dankbar, dass wir zumindest die konkrete Möglichkeit haben, Freiheit zu erfahren, Liebe zu erfahren, Verbundenheit jenseits von „gefällt mir“ und „gefällt mir nicht“ zu leben.

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Erkenntnisprozess

Mit diesem Wort möchte ich gerne verdeutlichen, dass das hier kein Aha-Erlebnis ist, sondern ein Nachsinnen, ein Bedenken, ein Ausprobieren. Im Yoga mag zwar der letzte Schritt zu „Ich bin Shiva“ wie ein Augenblick aussehen, aber davor ist ein Prozess abgelaufen, der je nach dem, wie intensiv man praktiziert, einige Zeit dauern kann.

Die Guru-Schüler-Beziehung ist sicherlich ein wesentlicher Erkenntnisprozess im Yoga. Das entspricht dem, was ich bisher auf diesem Weg gelernt habe. Ursi, du hast in deinem Kommentar geschrieben, dass du den Guru eher als Lehre, als den Weg erfährst. Das würde genau dem entsprechen, was ich von meinen beiden Meistern darüber gehört habe.

In den Texten, die sich mit dem Meister befassen (Kularnava Tantra, z. B.) wird immer wieder betont, dass der verkörperte Meister die Fähigkeit haben muss, bei der Initiation in seinen Schüler als innerer Meister einzugehen oder mit anderen Worten, den inneren Meister im Schüler zu erwecken. Daher ist es nur selbstverständlich, dass du das innen spürst. Natürlich gibt es auch für manche die äußerliche Verbindung, Begegnung. Aber das zu erleben ist nicht von entscheidender Bedeutung. Da ein wirklicher Guru, Sadguru genannt, die Möglichkeit hat, durch seinen Willen überall zu initiieren, ist eine körperlich-persönliche Begegnung nicht von Nöten. So erlebe ich das, so verstehe ich das.

Trotzdem ist es meiner Erkenntnis nach unabdingbar, dass der Meister jetzt, in unserer Zeit lebt, und auch eingreifen kann, wenn die Situation es erfordert. Bisher habe ich noch niemanden getroffen, der/die den Yogaweg gehen könnten, ohne von einem lebenden Meister initiiert worden zu sein. Die Gefahr, dass der Yogaweg zu einem Ego-Kreisläufer, wo man sich zwar mächtig bewegt, aber keine Fortschritte macht, ist sonst nicht abzuwenden.

Alle, die meinen, dass Gott auch den inneren Meister erwecken kann, und dass man sich ganz und gar auf die „innere Stimme“ etc. verlassen kann, haben meist das Problem, dass ihr Ego es ihnen nicht erlaubt, sich hinzugeben: sie bemühen die Yogatexte, um zu beweisen, dass ein Meister nicht nötig ist, „da ja alles in uns ist“.

Die Beziehung zum Meister ist immer nur Anliegen des Schülers. Am Anfang mag es so sein, dass die Initiative vom Meister ausgeht, besonders bei uns, die wir keine derartige Tradition mehr haben und so die meisten von uns mehr oder weniger unabsichtlich auf den Weg „stolpern“. Aber das Aufgreifen und Weiterführen des Weg geschieht durch den Schüler/die Schülerin. Es liegt an ihm/ihr, den Weg zu gehen, sich mit Intensität dem Erkenntnisprozess zu widmen.

Er bedarf der Fähigkeit, bereits gemachte Erkenntnisse wieder aufzugeben, wenn der Meister das fordert oder es anderweitig notwendig erscheint. Für das Ego ist das eine nicht einfache Situation, denn es hätte schon gerne klare Verhältnisse, damit „die Dinge überschaubar, planbar, kontrollierbar“ bleiben. Sollte Lesern das nicht klar sein, dann bitte das in einem Kommentar erwähnen.

Ein Schüler ist für mich jemand, der diesen Erkenntnisprozess sucht und nicht müde wird, sich ihm auszusetzen, auch wenn er dabei droht, kräftig Federn zu lassen :).

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„Die Yogische Entwicklung ist ein erstaunliches Wunder“ – Shiva Sutras, 1; 12

Mit diesem Blog wollte ich auch Yoginis und Yogis darin unterstützen, Erfahrungen, die während der Meditation, aber auch sonst im Leben auftreten, zu verstehen und so zu integrieren, dass sie kein Hindernis auf dem Weg werden.

Wie oben zitiert, sind die verschiedenen yogischen Erlebnisse erstaunlich, kaum fassbar und ein wahres Wunder. Mein Meister hat in seinem Buch „Spiel des Bewusstseins“ viele Erlebnisse, die er selbst hatte, beschrieben. Aber das sind bei weiten noch nicht alle. Auch ist manches in der westlichen Begriffswelt anders gelagert, „Gnade“ zum Beispiel hat bei uns eine ganz andere Bedeutung.

Der Vorgang der Läuterung ist eine durchgängige Erfahrung, mit der alle Yogis zu tun haben, wenn sie WIRKLICH Yogis und nicht nur atemübenden Bodenturner sind. Denn erst eine durch den Meister eingeleitete Kundalini-Erweckung und -Ausdehnung macht Yoga im ursprünglichen Sinne möglich. Aber dann beginnt ein Prozess, von dem wir hier in unserer Kultur keinerlei Ahnung haben.

Angst, unqualifizierte Warnungen und ein Sammelsurium von skurrilen Kundalini-Erweckern trägt zu Verwirrung bei denen bei, die vielleicht durch eine Beziehung zu einem Yoga/einer Yogini diesen erstaunlichen Vorgang der Läuterung miterleben. Wenig Menschen gibt es hier im Westen, die diesen Vorgang verstehen und sprachlich nachvollziehbar auslegen können.

Und glaubt nicht, dass sich das schon selbst erklären wird, weil es sich um einen ganz natürlichen Vorgang handelt. Die Kundalini arbeite bei vielen lange Zeit an der Nahtstelle zwischen dem grobstofflichen, physischen Körper und seiner Software, dem feinstofflichen Körper. Das hat konkrete Auswirkungen auf unseren Alltag.

Diese Vorgänge nicht zu verstehen, wird bei den meisten eher negative Reaktionen auslösen. Sie zu verstehen bedeutet, dass deine Psyche voll mitarbeiten kann.

Zum Beispiel kann man eine Phase erleben, wo man in der Meditation und sogar auch im Alltag sehr geräuschempfindlich wird. Wenn du weißt, dass das von der Kundalini ausgelöst wird, und daher auch, dass es wieder vorbei geht, dann kannst du das ertragen, ohne eine Belastung für deine Umwelt zu werden. Manchmal kann es „knallen“ in der Meditation. Wenn du nicht weißt, was das ist, oder auch nicht, dass das eine dir entsprechende Ausprägung einer klassischen Erfahrung von „nada“, dem inneren Klang, ist, machst du dir vielleicht grundlos große Sorgen und hörst auf zu meditieren, vielleicht sogar auf Rat eines Arztes oder Psychologen, die meisten keinerlei Ahnung von diesen inneren Vorgängen haben und so auch keine guten Ratgeber für diesen Prozess sein können.

Der Blog hier könnte auch ein Feld sein, auf den wir uns zum Austausch treffen können.

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Was alles passieren könnte oder der bühnenreife Dialog in meinem Kopf

Kennt ihr das auch? Diesen Dialog im Kopf?

Als ich auf meinen 3 1/2 Stunden verspäteten Flug von Paris nach Nairobi gewartet habe, und auf dem sehr spärlichen Charles-De Gaulle-Flughafen nichts zu tun hatte, als zu warten, fiel mir dieser Dialog wieder einmal deutlich auf. Es war wie ein ununterbrochener Wasserfall. Aber eben nicht der Gestalt, dass „Ich-bin-Shiva“ in mir widerhallte, sondern eher der hektisch-unruhige Dialog, mit vielen spontanen Generalproben. So wie, wenn jetzt dann das passiert, was mache ich dann, was sage ich dann?

Früher war das in mir eher ein dumpfes Unruhegefühl, das hat sich mit der Zeit gewandelt. Das Dumpfe ist gewichen, der Zuhörer ist präsenter, auch mitten im Leben, weil er viel früher den Dialog mitbekommt. Was mich daran so fasziniert, ist die Kraft der Worte, die spontane Wiederholung. Und wie dieser Wiederholungsmechanismus stärker wird, wenn je intensiver, in der Yogaterminologie, je länger die Dialoge innerlich wuchern können.

Ich habe entdeckt, schon vor langem, dass diese Dialoge – vielleicht ist da ja bei dir anders, dann lass es uns wissen – ab einem gewissen Punkt zu Handlungen führen MÜSSEN! Ist das nicht bemerkenswert? Nicht äußere Umstände führen – zumindest in den meisten Fällen – dazu, uns zum handeln zu veranlassen, sondern dieser schneller werdende Strudel der Gedanken und Gefühle, die das Gewebe der inneren Dialoge ausmachen.

Spannend ist dabei, dass ja Gedanken und Gefühle in uns nur durch Prägungen ausgelöst oder gesteuert werden. Mit zunehmender Meditationspraxis kann man das auch beobachten. An der Wurzel dieser Dialoge stehen immer Glaubenssätze, grundlegende Einschätzungen, Denk- und Gefühlsmuster.

Unser Ego wird natürlich diesen Satz als Beweis für unsere Einmaligkeit ausmachen. Aber dem ist sicher nicht so.

Das Ganze ist eher wie ein Kartenspiel, mit einer festen Anzahl von Karten: die Mischung und die Zusammensetzung der Hand, die du spielst, ist sehr variabel, aber eben: das alles mit einer kleinen Anzahl von Karten.

Es geht immer nur um diese fünf Bereiche: Körper und Gesundheit, Beziehung und Familie, Arbeit und Berufung, Wohlstand und Besitz und spirituelles Leben. Ein normales Kartenspiel hat da mehr Variationen. 🙂

Also, wer findet, dass das auf die Dauer so erfüllend ist, dass man all seine Energie und seine ganze Lebenskraft da hinein geben sollte, verpasst meiner Meinung nach das Wesentliche.

 

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