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Auf dem Sockel der Befreiung?

Vor vielen Jahren, nach der Trennung von meiner Partnerin, erklärte mir eine Frau in der Schweiz, warum sie jetzt nicht mehr in meine Kurse kommen würde. Sie sagte, dass sie mich vorher immer auf einen Sockel gestellt hatte, aber im Laufe dieser Trennung habe sie mich wieder von diesem Sockel runtergeholt, „auf Augenhöhe“. Spontan sagte ich zu ihr: „Wie schade! Du hättest dich mit auf den Sockel stellen sollen, dich erheben, und nicht mich in dir erniedrigen sollen.“

Immer wieder haben mir Menschen das sogar mit einer gewissen Portion Stolz erzählt, dass sie mich jetzt nicht mehr auf diesen Sockel stellen, dass es für sie wichtig war, mich von diesem Sockel zu stoßen. Na toll! Hast du damit deinen wahren Wert erkannt oder nur mich, der ich ja sowieso nur in deiner Vorstellung als der erscheine, von dem du MEINST, dass ich es bin, auf dein begrenztes Niveau in dir herabgestuft? Was nutzt dir das? In der Welt des Egos ist so ein Vorgang des Sockelsturzes ein Akt der Emanzipation. („Der (oder Die) ist auch nicht besser als ich“). Aber auf dem Yogaweg, wo es um Befreiung geht, um die Erkenntnis deiner Herrlichkeit, was nutzen dir diese Gedanken der Erniedrigung?

Ein ander Mal sagte jemand zu mir: „Ich meine, es ist doch klar: Du bist doch nicht erleuchtet!“ Als ich fragte, woher sie das wissen und beurteilen könnte, gab es nur ausweichende Worte. Mit der Folge, dass diese Person später verbreitete, der vamdev behauptet jetzt, dass er erleuchtet ist. Das Gleiche passiert auch anders herum: „Naja, ich bin halt noch nicht so weit wie du.“ So so. Du hast also die Möglichkeit zu beurteilen, wie weit andere Menschen entwickelt sind? Warum tut man das?

Das ist eine alte Geschichte. Im Christentum wird ja geglaubt, dass Jesus Gott in Menschengestalt war/ist. Und seit der Zeit hat man ihm alle möglichen besonders menschlichen Züge angedichtet: Dass er vor lauter Todesangst Blut geschwitzt hat, schon Tage vor seiner Ermordung, dass er in der Stunde des Todes all seine Göttlichkeit in tiefem Zweifel verloren hat: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen!?“ Natürlich wussten die Mystiker, dass diese Worte nicht aus der Verzweiflung kamen, wussten, dass jemand wie Jesus keine Todesangst haben KONNTE. Andere hatten sogar Mitleid mit Jesus, fühlten sich schlecht, weil sie mit ihren Sünden sein Leid verursacht haben. Was für ein grandioses Missverständnis!

Aber im normalen Christentum entstand so eine Solidarität der Begrenztheit zwischen Jesus und den Menschen. Er war auch nur ein Mensch. Genauso wie du und ich, begrenzt, voller Ängste, wütend und unbeherrscht (sein Wutausbruch mit den Händlern im Tempel wird da oft als Beweis herangezogen).

Befreiung oder Emanzipation im Yoga ist nicht das Verständnis, dass alle auch nur mit Wasser kochen. Die Ereignisse im Leben eines Menschen, sein Schicksal, geben keinerlei Aufschluss auf seine inneren Errungenschaften. Denn eines muss klar sein: Wie du jemanden mit seinen Handlungen wahrnimmst, hat in erster Linie mit dir etwas zu tun, mit deinen Prägungen, nicht mit dem Menschen, den du beurteilst oder einschätzt. Wenn du anderen die gleiche Begrenztheit andichtest, in der du dich wähnst, wie soll es je für dich möglich sein, dich zu befreien, von deinen inneren Fesseln, deinen Missverständnissen?

Ja, aber vamdev, das empfinden die Menschen doch nur auf dich bezogen so, magst du jetzt argumentieren. Beim Guru ist das doch sicher nicht so. Meinst du? Das wäre ja großartig, gerne würde ich Platz nehmen, am Fuße all der Sockel, von denen ich herabgezerrt wurde. Aber diese Haltung ist ja in der- oder demjenigen, der das macht, hat mit meiner Person nichts zu tun. Einmal hat mir eine langjährige Schülerin meiner Meistern gesagt: „Also für mich ist sie jetzt eher so etwas, wie eine Schwester.“ Oder jemand anderer, auch über viele Jahre mit meiner Meisterin auf dem Weg, sagte: „Es ist wirklich ein großartiges Gefühl, dem Guru in seiner Mission helfen, sie unterstützen zu können.“ Als ich das hörte, erschrak ich zuerst einmal, damals. Der Guru ist per Definition Shiva, hat alle Begrenzungen überwunden. Und dann meint ein Schüler des Gurus, er könne dem Guru bei seiner Arbeit helfen? Mit freundlichen Grüßen vom Ego wahrscheinlich.

Wenn du jemanden erhebst, dann nutze doch diese kurze Unachtsamkeit deines Egos dafür, dich mit zu erheben. Wenn du meinst, jemand ist erleuchtet, dann assimiliere diesen Zustand, anstatt diese Person in dir mit deiner Farbe einzufärben. Färbe dich in ihrer Farbe. Das Ego ahnt seine Begrenztheit. Manchmal, in seltenen Momenten der Klarheit. Ergreife solche Momente und schwinge dich empor, statt den Spalt des Segens wieder zu schließen mit Gefühlen und Gedanken wie „der ist auch nicht besser als ich“. In der Guru-Schüler-Beziehung ist es entscheidend, wie der Schüler den Guru sieht. Mein Meister sprach da immer von Shishya-krpa, dem Segen des Schülers. Er erklärte immer wieder, dass dieser Segen wichtiger sei als der Segen des Gurus.

Es spielt wirklich keine Rolle, wie weit jemand anderes ist. Die Frage ist, wie weit du befreit bist von deinen Gefangenschaften, von den Fesseln deiner Missverständnisse und vermuteten Unzulänglichkeiten. Was nutzt dir die Erleuchtung eines anderen? Vielleicht, dass dein Verstand glauben kann, dass der Weg wirklich funktioniert und andere in die Freiheit führen kann. Aber wenn dein Verstand seinen Weg darauf aufbaut, dass er für andere schon funktioniert hat, dann wird er auch, im Laufe der Zeit, Begründungen dafür finden, warum es bei dir nicht „klappt“.

Es geht auf dem Yogaweg ja nicht darum, Shiva zu jiva zu machen, sondern umgekehrt, das begrenzte Individuum aus seiner Begrenztheit zu führen zu Shivas Unendlichkeit. Mach dir also keine Gedanken darüber, ob jemand anderes den Weg zu Ende gegangen ist, sondern gehe du ihn zu Ende. Wenn du von jemandem lernen willst, wie zum Beispiel von vamdev, dann überprüfe in dir, ob das, was er lehrt, mit den Schriften übereinstimmt, mit den Worten der Meister. Und dann wende an, was du lernst. Lass dich nicht ein auf Diskussionen über die Zustände anderer.

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Eine Stilfrage?

Immer wieder werde ich gefragt, welchen Yogastil ich lehre.

Stilvariationen gäbe es ja viele, heißt es dann oft, und es gäbe ja auch noch die Möglichkeit, einen ganz eigenen Stil zu entwickeln. Dann könnte man versuchen, das auch exklusiv zu vermarkten und alle, die das dann auch so machen wollen, müssten, wie bei McDonald, Tantiemen zahlen.

Man könnte einen solchen Stil dann auch noch verfeinern, indem man zu verschiedenen Lehrern und Lehrerinnen geht, vielleicht kann man da ja auch noch ein paar buddhistische oder christlich-religiöse Elemente mit hinein arbeiten, das wäre dann noch individueller. Man würde Maria einen Bindi verpassen, ein gechanneltes Buddha-Evangelium lehren und sogar finnische Sauna-Wellness einflechten, dann wäre in diesem neuen Stil für alle etwas dabei. Niemand müsste sich ausgeschlossen fühlen, alle könnten mitmachen: der Traum eines jeden Marketingstrategen.

Und wer sich einem dieser Stile verschrieben hat, der achtet auch alle anderen derartigen Stile. Denn es gibt ja viele Wege zur Erleuchtung, denn jeder ist so individuell anders, dass auch jeder seinen eigenen Weg finden muss, wenn nötig, ihn sogar ERfinden muss.

Meine Antwort auf diese Stil-Frage ist meistens nicht willkommen. Aber was soll ich machen? Yoga hat mit Stil so viel zu tun, wie der blaue Drillich von Mao mit Haute Couture. Wie kann es viele Wege zur Erleuchtung geben? Sind wir wirklich SO unterschiedlich? Atmen manche von euch mit Vorliebe Stickstoff oder Eisenspäne? Haben manche 10 Gehirnhemisphären? Gibt es jemanden unter euch, der nur sehr, sehr ungern glücklich ist, der sich nach ein paar Stunden Glück wieder nach tiefem herzzerreißendem Leid sehnt?

Gibt es Menschen, die erwachsen auf die Welt kommen? Gibt es unter den Lesern und Leserinnen hier einige, die nur mit den Fingerkuppen sehen, die immer jünger werden mit den Jahren (Betonung auf WERDEN und nicht FÜHLEN!)? Wo sind die total individuellen Unterschiede unter uns Menschen? Steht irgendwo geschrieben und bewiesen, dass manche von uns kein Muladhara Cakra haben? Gibt es Menschen, die keine Kundalini-Kraft haben (auch wenn sie das nicht glauben)? Fußt Yoga nicht auf der Annahme, dass wir alle das gleiche feinstoffliche System haben?

Nur wer im Ego ganz verhaftet ist, braucht einen individuellen Weg, der nur für ihn geeignet ist, ganz auf seine/ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Unser vom Yoga in seiner Alleinherrschaft gefährdetes Ego jubiliert bei dem Gedanken des besonderen, ganz einmaligen Wegs, den jeder und jede für sich finden und gehen sollte. Wie an anderer Stelle schon einmal erwähnt, wäre das so, als würde man Gefangenen die Aufsicht über ihr Gefängnis übertragen.

Die Praxis von Yoga zerstört die Illusion der Identifikation mit dem Ego und zeigt dem Übenden, wer er wirklich ist, jenseits von Ego und begrenzter Ich-Wahrnehmung. Manche mögen jetzt denken, aber es GIBT doch verschiedene Wege im Yoga, sehr viele sogar. Es gibt Hatha Yoga, Karma Yoga, Mantra Yoga, Jnana Yoga, Laya Yoga, Raja Yoga, Mahayoga, etc. etc. Wie viele Worte gibt es für ein Geldinstitut? Bank, Leihkassen, Sparkasse, Hypothekenbank, Kreditinstitut, etc. etc? Warum? Weil es verschiedene Aspekte im Bankenwesen gibt. Es gibt im Yoga unterschiedlich Phasen: All die Namen, die ich vorher beschrieben habe, tauchen für den Übenden auf seinem Yogaweg auf. Was anfangs wie unterschiedliche Wege aussehen mag, erscheint mit der Zeit als ein und der gleiche Weg.

Yoga gibt es nicht in Stilen. Auch wenn jeder, der sich zum Yogalehrer berufen fühlt, gleich meint, seinen eigenen Stil prägen zu müssen, so hat Yoga mit Stil nichts zu tun. Dafür gibt es in Indien ein geflügeltes Wort: the blind leading the blind (Die Blinden führen die Blinden). Yoga heißt ja Vereinigung, Einheit, nicht Individuation. Vom Ego ausgesehen ist Yoga kein guter Weg. Klar. Von dir und mir aus gesehen, ist Yoga ein notwendiger Weg, der uns Menschen ganz und gar Menschen sein lässt (und jetzt bitte nicht missverstehen als „wir sind ja alle NUR Menschen“ oder auch „Yogis sind NUR Menschen“ oder „es menschelt auch im Yoga“. Das Menschenverständnis im Yoga ist nicht, dass der Mensch schwach, gefährlich, Begierden gesteuert und voller Fehler ist). Das yogische Verständnis geht eher davon aus, dass wir alle noch dabei sind, unser Menschsein voll zu entfalten.

Wie ein Text sagt: „Menschsein heißt vollkommen sein“.

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