Schlagwort-Archive: Genuss; Religion; Meister; Yoga; Spiritualität; Schicksal

Yoga und die Liebe zum Leben

Dem weltlichen Leben entsagen, das Ende der Weltlichkeit, der Gefangenschaft des Lebens in der Welt entsagen, das ist für viele Menschen ein wesentlicher Aspekt des spirituellen Lebens.

Das hat sicherlich auch mit der christlich-abendländischen Kultur zu tun, die sich ja auch nach Kräften verbreitet hat. Jemand, der einen Beruf, eine Familie, gesellschaftliche Verpflichtungen hat und fühlt, dem wurden und werden nur geringe Chancen gegeben, Erlösung zu finden. Kasteiung, Selbstbeschränkung bei allen Dingen, die Spaß machen und Freude bereiten ist angesagt. Vielleicht auch noch ärmlich leben oder Schuldgefühle haben, wenn dein Schicksal dich mit Wohlstand ausgestattet hat: Für so lange Zeit meinten die Menschen in dieser Gegend der Welt, dass Gott Menschen mehr liebt, die so leben, mönchisch, mit möglichst wenig.

Es tut mir leid, das hier so deutlich zu sagen: Aber dies ist totaler Unsinn! Und wie das in der christlichen Religion funktioniert, ist mir bis heute schleierhaft: Wenn man der Genesis glaubt, dann hat ja Gott die Welt mit dem Gefühl geschaffen, dass er da eine gute Sache zu Wege gebracht hat. Und wir meinen dann, dass er da einen Fehler gemacht hat oder wie rechtfertigt man in dieser Religion, dass die von Gott geschaffene Welt nicht seiner Erfahrung und Erkenntnis dienen kann?

Nein, das Leben ist da, um genossen zu werden. Aber halt: Du meinst, das tun doch viele, und die leben ganz bestimmt kein spirituelles Leben? Ja, da magst du schon recht haben. Denn die meisten werden wohl eher vom Leben genossen, sind Opfer der Umstände und ihres Schicksals. Das ist normal, und das ist in meinem Verständnis alles andere als Genuss.

Genuss setzt voraus, dass du in dir ruhst. Nein? Dann lasst uns das mal genauer betrachten: Du hast gerade mit deinem Kletterpartner einen wundervollen Berg bestiegen, aber auf dem letzten Meter zum Gipfel kommt dir irgendwie wieder diese Sache in den Sinn, die deine Frau zu dir gesagt hat, als du gefahren bist. Und das war alles andere als liebenswürdig. Sie war schon fast eifersüchtig auf die Zeit, die du mit deinem Freund da verbringen wirst. Der Gipfel ist erklommen, ihr seid außer Atem, und was bringt dir jetzt das Ganze? Du bist sauer auf deine Frau und durch dein Gehirn jagt ein Monolog nach dem Anderen darüber, was du ihr alles an den Kopf werfen wirst. Solltet ihr euch nicht einfach besser sowieso trennen? Dieses Gezicke… etc.

Und die Aussicht auf dem Berg? Der Lohn für deine Mühen? Nichts davon kannst du genießen. Ohne Kenntnis von Yoga oder welchen Namen diese Fähigkeit auch tragen mag, ist dein Genuss ein reines Lotteriespiel. Kann sein, dass es mal klappt, weil deine Psyche gerade nichts Wesentliches aufzutischen hat oder warum auch immer.

Aber mit Yoga, da beginnt der Genuss des Leben erst. Im Angesicht des völlig absurden Ereignisses in deinem Leben, Tod genannt, dem deine Pläne völlig egal sind, den du nicht um Aufschub bitten kannst, weil du mit deiner Arbeit noch nicht fertig bist oder weil deine Kinder noch nicht für sich selbst sorgen können, ist Lebensgenuss eine große Herausforderung. Yogaübende aber können die Gewissheit über ihren eigenen Tod benutzen, um frei und unbeschwert zu leben. Ihre Gedanken, ihre Gefühle sind nicht auf Autopilot und so können sie Sekunden anhalten und lange Zeit beschleunigen. Sie erleben nicht die Beschleunigung, die mit zunehmendem Alter für alle anderen Menschen erfahrbar ist. Sie geben sich die Muße der langsamen Zeit ohne zwei Stunden an einem Bissen rumzukauen, nur um ihr Leben zu entschleunigen! Wir beschleunigen und entschleunigen nach Belieben. Und da man das mit der Zeit kann, kann man das Leben einfach so lassen, wie es gerade zu kommen scheint.

Wir können wirklich leben. Direkt, wie es unserem Naturell entspricht, ohne unter diesem Naturell zu leiden, wenn wir das nicht wollen.

Wenn Gedankenwildwuchs nicht mehr allein unser Leben regiert, dann kannst du deinen Kaffee in der Altstadt unendlich genießen, einen vollkommenen Moment in alle Ewigkeit ausdehnen. Was für ein Erlebnis.

Und ich werde mich jetzt beherrschen und nicht wieder seitenweise Loblieder auf den Meister singen, der diese Erfahrung erst ermöglicht. Schade, dass das in unserer Kultur eher fremd ist. Was geht uns da ab!

Advertisements

2 Kommentare

Eingeordnet unter Der Yoga der Erkenntnis, Der Yoga der Weisheit im Alltag, Der Yoga des Lebensgenusses