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Auf dem Sockel der Befreiung?

Vor vielen Jahren, nach der Trennung von meiner Partnerin, erklärte mir eine Frau in der Schweiz, warum sie jetzt nicht mehr in meine Kurse kommen würde. Sie sagte, dass sie mich vorher immer auf einen Sockel gestellt hatte, aber im Laufe dieser Trennung habe sie mich wieder von diesem Sockel runtergeholt, „auf Augenhöhe“. Spontan sagte ich zu ihr: „Wie schade! Du hättest dich mit auf den Sockel stellen sollen, dich erheben, und nicht mich in dir erniedrigen sollen.“

Immer wieder haben mir Menschen das sogar mit einer gewissen Portion Stolz erzählt, dass sie mich jetzt nicht mehr auf diesen Sockel stellen, dass es für sie wichtig war, mich von diesem Sockel zu stoßen. Na toll! Hast du damit deinen wahren Wert erkannt oder nur mich, der ich ja sowieso nur in deiner Vorstellung als der erscheine, von dem du MEINST, dass ich es bin, auf dein begrenztes Niveau in dir herabgestuft? Was nutzt dir das? In der Welt des Egos ist so ein Vorgang des Sockelsturzes ein Akt der Emanzipation. („Der (oder Die) ist auch nicht besser als ich“). Aber auf dem Yogaweg, wo es um Befreiung geht, um die Erkenntnis deiner Herrlichkeit, was nutzen dir diese Gedanken der Erniedrigung?

Ein ander Mal sagte jemand zu mir: „Ich meine, es ist doch klar: Du bist doch nicht erleuchtet!“ Als ich fragte, woher sie das wissen und beurteilen könnte, gab es nur ausweichende Worte. Mit der Folge, dass diese Person später verbreitete, der vamdev behauptet jetzt, dass er erleuchtet ist. Das Gleiche passiert auch anders herum: „Naja, ich bin halt noch nicht so weit wie du.“ So so. Du hast also die Möglichkeit zu beurteilen, wie weit andere Menschen entwickelt sind? Warum tut man das?

Das ist eine alte Geschichte. Im Christentum wird ja geglaubt, dass Jesus Gott in Menschengestalt war/ist. Und seit der Zeit hat man ihm alle möglichen besonders menschlichen Züge angedichtet: Dass er vor lauter Todesangst Blut geschwitzt hat, schon Tage vor seiner Ermordung, dass er in der Stunde des Todes all seine Göttlichkeit in tiefem Zweifel verloren hat: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen!?“ Natürlich wussten die Mystiker, dass diese Worte nicht aus der Verzweiflung kamen, wussten, dass jemand wie Jesus keine Todesangst haben KONNTE. Andere hatten sogar Mitleid mit Jesus, fühlten sich schlecht, weil sie mit ihren Sünden sein Leid verursacht haben. Was für ein grandioses Missverständnis!

Aber im normalen Christentum entstand so eine Solidarität der Begrenztheit zwischen Jesus und den Menschen. Er war auch nur ein Mensch. Genauso wie du und ich, begrenzt, voller Ängste, wütend und unbeherrscht (sein Wutausbruch mit den Händlern im Tempel wird da oft als Beweis herangezogen).

Befreiung oder Emanzipation im Yoga ist nicht das Verständnis, dass alle auch nur mit Wasser kochen. Die Ereignisse im Leben eines Menschen, sein Schicksal, geben keinerlei Aufschluss auf seine inneren Errungenschaften. Denn eines muss klar sein: Wie du jemanden mit seinen Handlungen wahrnimmst, hat in erster Linie mit dir etwas zu tun, mit deinen Prägungen, nicht mit dem Menschen, den du beurteilst oder einschätzt. Wenn du anderen die gleiche Begrenztheit andichtest, in der du dich wähnst, wie soll es je für dich möglich sein, dich zu befreien, von deinen inneren Fesseln, deinen Missverständnissen?

Ja, aber vamdev, das empfinden die Menschen doch nur auf dich bezogen so, magst du jetzt argumentieren. Beim Guru ist das doch sicher nicht so. Meinst du? Das wäre ja großartig, gerne würde ich Platz nehmen, am Fuße all der Sockel, von denen ich herabgezerrt wurde. Aber diese Haltung ist ja in der- oder demjenigen, der das macht, hat mit meiner Person nichts zu tun. Einmal hat mir eine langjährige Schülerin meiner Meistern gesagt: „Also für mich ist sie jetzt eher so etwas, wie eine Schwester.“ Oder jemand anderer, auch über viele Jahre mit meiner Meisterin auf dem Weg, sagte: „Es ist wirklich ein großartiges Gefühl, dem Guru in seiner Mission helfen, sie unterstützen zu können.“ Als ich das hörte, erschrak ich zuerst einmal, damals. Der Guru ist per Definition Shiva, hat alle Begrenzungen überwunden. Und dann meint ein Schüler des Gurus, er könne dem Guru bei seiner Arbeit helfen? Mit freundlichen Grüßen vom Ego wahrscheinlich.

Wenn du jemanden erhebst, dann nutze doch diese kurze Unachtsamkeit deines Egos dafür, dich mit zu erheben. Wenn du meinst, jemand ist erleuchtet, dann assimiliere diesen Zustand, anstatt diese Person in dir mit deiner Farbe einzufärben. Färbe dich in ihrer Farbe. Das Ego ahnt seine Begrenztheit. Manchmal, in seltenen Momenten der Klarheit. Ergreife solche Momente und schwinge dich empor, statt den Spalt des Segens wieder zu schließen mit Gefühlen und Gedanken wie „der ist auch nicht besser als ich“. In der Guru-Schüler-Beziehung ist es entscheidend, wie der Schüler den Guru sieht. Mein Meister sprach da immer von Shishya-krpa, dem Segen des Schülers. Er erklärte immer wieder, dass dieser Segen wichtiger sei als der Segen des Gurus.

Es spielt wirklich keine Rolle, wie weit jemand anderes ist. Die Frage ist, wie weit du befreit bist von deinen Gefangenschaften, von den Fesseln deiner Missverständnisse und vermuteten Unzulänglichkeiten. Was nutzt dir die Erleuchtung eines anderen? Vielleicht, dass dein Verstand glauben kann, dass der Weg wirklich funktioniert und andere in die Freiheit führen kann. Aber wenn dein Verstand seinen Weg darauf aufbaut, dass er für andere schon funktioniert hat, dann wird er auch, im Laufe der Zeit, Begründungen dafür finden, warum es bei dir nicht „klappt“.

Es geht auf dem Yogaweg ja nicht darum, Shiva zu jiva zu machen, sondern umgekehrt, das begrenzte Individuum aus seiner Begrenztheit zu führen zu Shivas Unendlichkeit. Mach dir also keine Gedanken darüber, ob jemand anderes den Weg zu Ende gegangen ist, sondern gehe du ihn zu Ende. Wenn du von jemandem lernen willst, wie zum Beispiel von vamdev, dann überprüfe in dir, ob das, was er lehrt, mit den Schriften übereinstimmt, mit den Worten der Meister. Und dann wende an, was du lernst. Lass dich nicht ein auf Diskussionen über die Zustände anderer.

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Eigentlich würde ich ja gerne

auch auf diesem Blog diese Daumen hoch-Daumen runter-Funktion abstellen.

Ob jemandem gefällt, was ich schreibe oder nicht, hat nur mit den Prägungen der LeserInnen zu tun. Gefallen tut nur das, was in Übereinstimmung ist mit unseren eigenen Einstellungen. Da springt unser Herz, und wir wissen, dass die Person, die das geschrieben hat, die Wahrheit spricht. Dann schnell den Daumen hoch dahinter, mit dem Gefühl, da hat jemand endlich mal wieder begriffen, worum es geht.

Gefällt mir, gefällt mir nicht, gefällt mir, gefällt mir nicht, und so weiter, das ganze Leben lang. Du läufst durch die Welt und alles durchläuft den Scanner. Eine ständige Slalomfahrt zwischen Vermeidung von allem, was nicht gefällt und suchen nach dem, was gefällt. Und niemand hält inne und frägt sich, WARUM etwas gefällt und anderes nicht. Wo ist der innere Maßstab?

Die meisten Menschen vermuten dahinter irgendwelche Tiefen der Seele, höhere und höchste Selbste, wenn möglich dann noch Eingebungen von irgendwelchen Aufgestiegenen. Aber wenn du das einmal nüchtern sehen würdest, wäre klar, dass der Scanner die Summe vorgefasster Meinungen ist, von Prägungen und alten Mustern. Also, die übliche Endlosschleife, nichts „Wahres“ oder „Tiefes“.

Ist das nicht eigenartig? Menschen, die gerne frei sein wollen, selbstbestimmt, unabhängig, laufen in diesen Endlosschleifen und verkaufen sich das dann selbst als ihre eigene Einflussnahme (weil sie so offen ihre Meinung – „gefällt mir – gefällt mir nicht“ kundtun) und Meinungsfreiheit. Natürlich haben sie dann keine Führung, keinen Meister, keine Methode notwendig, die nicht aus ihrer eigenen Vorstellung stammt.

Sie wähnen sich auf einem guten Weg – ewiger Kreisverkehr, der nur eine Einfahrt, aber keine Ausfahrt hat. Wenn es nicht so dramatisch tragisch wäre, wäre es schon sehr, sehr witzig. Das, was von vielen als Freiheit angesehen wird, ist wie die Story im Film „Und ewig grüßt das Murmeltier“, dauerhafte Wiederholung der Grundsätze der eigenen Unfreiheit.

Ich kann mir gut das Aufatmen des Egos vorstellen, wenn es dich wieder einmal davon abgehalten hat, deine Pseudo-Selbstbestimmung aufzugeben oder auch nur infrage zu stellen.

Einen Meister, einen Guru zu akzeptieren und ihm oder ihr zu folgen, ist ein Akt von Intelligenz und nicht von der Unfähigkeit, „für sich selbst“ entscheiden zu können, wo es lang geht.

Wie willst du JE deine von dir selbst geschaffenen Gefängniswände einbrechen, wenn du keinerlei Werkzeuge dafür hast? Wie willst du hinauswachsen über das, was dich für dich ausmacht? Wie willst du dich befreien von all dem, was du und viele andere als selbstbestimmend, dich ausmachend, ansiehst?

Und jetzt wird es noch etwas komplizierter. Natürlich gibt es ein Wissen, eine Ahnung von dem, was WAHR ist. Oder doch nicht? Selbst wenn es das gäbe, könnten die Meisten nicht aus dieser Ebene wissen und erkennen, weil das Ego in seinem „gefällt mir – gefällt mir nicht“-Gehabe eine Art innere Lehmschicht eingezogen hat, die es unmöglich macht, an diese Ebene der Wahrheit zu kommen. Ich hoffe, das ist soweit verständlich ausgedrückt.

Oberhalb der Egoschicht ist alles nur Prägung, alles nur x-mal Erlebtes, Vorgekautes. Daher ist alles, was aus dieser Ebene kommt, nicht befreiend, sondern eine Festigung des Geworfenseins, wie man einen Stein wirft, der nicht anders kann, als dort liegen zu bleiben.

Ohne Initiation, die diesen Namen verdient – das muss man heute leider immer wieder hinzufügen, weil ja jetzt alle möglichen Leute „initiieren“ – bleibt diese Lehmschicht des Egos unbeeinträchtigt. Vielleicht geht dir die Frage durch den Kopf, wie kann das sein, wie kann „Ich bin Shiva“ so sehr verschollen gehen, dass es nicht mehr aufzufinden ist. Verschiedene Yogatexte begründen das auf ähnliche Weise: So wie Wasser Feuer löscht und der Wind das Feuer entfachen kann, so wie der Himmel oben ist und die Erde unten, so ist der Guru die Kraft der Offenbarung, die die Erfahrung von Begrenztheit ein für alle Mal auslöscht und sie mit Ich bin Shiva auf Dauer ersetzt.

 

 

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Wüstenimpressionen

Meine Meisterin sagte einmal, als sie ein Neujahrsprogramm in der Wüste Kaliforniens abhielt, dass die Wüste die Wahrheit ans Licht bringt.

Das ist auch in der Wegetappe, die ich „Wüste“ in meinem Buch „Liebe, Glück und Freiheit“ (zur Zeit nicht erhältlich) genannt habe.

Was mich immer wieder in Begegnungen und Gesprächen mit YogInis, die schon lange auf dem Weg zu sein scheinen, erstaunt, ist, wie der Geist über die Zeit seinen Fokus verlieren kann. Bei vielen SchülerInnen meiner Meisterin beobachte ich das auch. Die meisten kommen sowieso nie über die Phase der psychischen Läuterung hinaus, weil sie der gefühlten Intensität des Prozesses nicht standhalten können. Sie sind nicht in der Lage, ihre Brennkraft aufrecht zu erhalten, halten sich andere Wege und Möglichkeiten offen und übersehen dabei völlig, dass sie so die Identifikation mit ihrem eigenen, kleinen, begrenzten Ego nicht loswerden können.

Aber andere, die mit echter Vehemenz und mit Fokus den Weg durch die Wirren dieses Teils der inneren Läuterung finden und in der Wüste ankommen, verspielen dann ihr ganzes „Kapital“ erstaunlich unbedacht und leichtfertig. Du hast die Begleitung eines echten Meisters, einer echten Meisterin genossen, von Anfang an vielleicht, und dann meinst du, du weißt Bescheid. Du hast die Bücher, die sie aus Liebe und Mitgefühl für ihre SchülerInnen geschrieben haben oder schreiben ließen, gelesen und meinst jetzt, das genügt. Du hast das Mantra wiederholt und Vorteile daraus gezogen, du hast den Guru vermeintlich in all deine Lebensbereiche eingelassen und seine Hilfe genossen. Und du hast es zu etwas gebracht. Wie ein Teenie, der meint, mit 14 langsam alles kapiert zu haben, zu wissen, wie die Welt tickt und auch, wie man das Ganze besser machen könnte.

Jetzt kommt deine alte Freundin und empfiehlt dir das neueste Engelbuch von soundso, und dann diskutiert ihr dieses Geschwafel als wäre es in irgendeiner Form den Worten deiner Meister ebenbürtig. Du „entdeckst“ dann neue Aspekte des geistigen Wegs, die du in deiner Tradition nicht gefunden hast. Du überlegst dir in keinem Moment, dass dein Meister das vielleicht aus sehr gutem Grund nicht lehrt oder gelehrt hat. Du entdeckst also eine Art Lücke in deinem Weg, die du ja recht einfach selber mit neuer Info ausfüllen kannst. Schließlich ist das ja DEIN Weg, der sicher auch DEINEN Input zur Vervollständigung brauchen kann.

Die Wüste bringt die Wahrheit an den Tag. Du hast deine Hausaufgaben nicht gemacht, von Anfang an nicht. Du hast die Beziehung zu deinem Guru nicht tief genug verstanden, nicht mit Hingabe gepflegt und vertieft. Sonst würde dich keine Information über Engel und dem ganzen anderen Esokram, der so mit viel Hokuspokus angeboten wird, interessieren. Und diese Bücher, etc. würden dir gar nicht angeboten, denn allen und allem wäre sowieso klar, dass dich das nicht interessiert.

Manchmal bin ich schon erstaunt, wie schnell wir vergessen können. Oder wie oberflächlich wir diesen Weg gehen können. Wie die Zeit aus Großartigkeit Banalität machen kann, wie das immer Neue alt wird, weil wir nicht genug verstehen, worum es geht.

Dass das am Anfang nicht so klar ist, kann man nachvollziehen, aber nach 10 Jahren? Nach 15 Jahren? Nach 20?!? So oft höre ich von diesen „Alteingesessenen“, wenn sie überhaupt noch mit mir reden wollen („der vamdev ist einfach zu fanatisch, usw.“), wie sie das Ganze satt haben, wie sich nichts mehr „tut“, wie der Guru in wichtigen Lebensherausforderungen eben nicht geholfen hat. Wie bitte? Ist der Guru ein Anwalt, der dich bei schwierigen Rechtslagen wieder rauspaukt, obwohl du dir das vielleicht sogar selbst eingebrockt hast? Ist der Guru verantwortlich für das Geradebügeln unseres Lebens? Ist der Guru der Wunderheiler, der dich, schwuppsdiwupps von selbst versuchtem Leid befreit? Ist der Guru ein Magier, ein Butler, dein Generaldirektor? Ist der Guru verantwortlich dafür, dass du deinen Weg gehst? Ich weiß, manchmal scheint er das alles zu sein, am Anfang, ein wenig.

Aber willst du immer noch mit 30 von deiner Mama an der Hand über jede Straße geführt werden?

Erinnerung, Erinnerung, Erinnerung – darauf kommt es an. Du vergisst und lässt das Vergessen wuchern mit all seinen giftigen Keimen, wie Zweifel (dessen Wurzel aber nicht angezweifelt wird), Nachlässigkeit, Verstrickung, die nach außen gerichtete Sicht des Lebens, Nachlässigkeit in deinem Denken und Fühlen.

Was soll man da machen? Zu nichts werden, die Verbindung zum Guru vertiefen (nein, das heißt nicht intensivierte internationale Reisetätigkeit, das ist ein Herzensprozess, das ist die Bitte um und das Üben von Hingabe), deinem Geist nicht erlauben, deinen Weg zu banalisieren, zu verflachen, zu normalisieren. Mantra, immer wieder Mantra. Ich bin Shiva, das muss mit der Zeit alles überstrahlen können. Wenn du in dir die Voraussetzung dafür nicht schaffst, immer wieder, wird das NIE gehen.

Wenn die Distanz zum Weg und zum Guru in dir wächst, wenn es gerade anfängt, dann wende dich an Schüler, die stark sind auf dem Weg und suche dir keine Zweifelskumpane.

Alles Liebe, wie immer.

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Yogische Geisteshaltung im Alltag – Aspekte ihrer Wirkung

Wenn man einmal zu verstehen beginnt, was yogische Geisteshaltung ist, wird natürlich spannend, was sie bewirken kann.

Da diese Geisteshaltung aus dem absurden Wirrwar des Lebens erst Sinn machen kann, wird ihre Wirkung in den Yogatexten und von den Yogameistern ausführlich beschrieben. Die meisten Menschen würden sich wahrscheinlich an der Beschreibung des Lebens als absurdes Wirrwar stoßen. Die LeserInnen dieses Blogs wohl eher nicht. Denn um das Leben so sehen zu können, bräuchte es ein wenig Abstand, der erst mit der von mir in vielen Beiträgen beschriebenen Yogapraxis möglich wird: Meditation, Mantra, Verständnis.

Mein Meister sagte zum Beispiel: „Yoga macht auch einem Schreiner einen besseren Schreiner, aus einem Arzt einen besseren Arzt, aus einer Mutter eine bessere Mutter.“ Die von ihm erwähnten Beschäftigungen variierten dann von Mal zu Mal. Das hörte sich gut an (wobei: Manchmal dachte ich damals schon darüber nach, ob es aus einem Einbrecher auch einen besseren Einbrecher macht?). Da Menschen anfangs ein starkes Motiv brauchen, um den Yogaweg zu betreten und zu gehen, gibt es derartige Positivlisten immer wieder.

Klar, wenn du deinen Denkapparat gezielt einzusetzen lernst, wird so manches einfacher. Wenn deine Gefühle nicht mehr Alleinherrscher in deinem Inneren sind, kannst du das, was du vielleicht willst, besser erreichen, bewirken, anstoßen. Die regelmäßige Praxis der Meditation eröffnet dir eine andere Sicht auf Ereignisse, die du erfährst. Langsam, für viele viel zu langsam, erahnst du, dass das Leben dir nicht geschieht. Du entdeckst, dass das Leben nicht wirklich so ist, wie du immer geglaubt hast. „Die Welt ist so, wie du sie siehst.“ Dieser Satz, der vielfach in den Yogaschriften auftaucht, gewinnt an Brisanz für dich. Das geht aber nicht gleich beim ersten Hören. Die vorherige, alte Vorstellung, dass du in der Welt lebst und diese Welt etwas mit dir macht und du darauf zu reagieren hast, verlässt deinen Verstand nicht so einfach.

Die yogische Geisteshaltung offenbart sich nicht auf einmal. Es ist ein Prozess, der leider auch von großer Ungeduld von Seiten des Übenden begleitet werden kann. Auch wenn du meinst, diese Geisteshaltung verstanden zu haben, lässt sie sich nicht so leicht umsetzen. Und in diesem Prozess gibt es die erstaunlichsten Missverständnisse. Als jemand, der Menschen schon seit fast 40 Jahren auf dem Weg begleitet, kann ich sagen, dass sie letztendlich das größte Problem darstellen, wenn es darum geht, diese Geisteshaltung ein für alle Mal in sich zu festigen. Diese Missverständnisse haben nichts mit Intelligenz zu tun, wie wir sie normalerweise verstehen. Ich sehe da eher so etwas wie yogische Intelligenz, und die wiederum muss sich erst entwickeln.

Ganz praktisch wirkt die yogische Geisteshaltung in viele Bereiche deines Lebens hinein. Du merkst tatsächlich, dass du in vielen Situationen besser zurecht kommst. Und hier muss ich etwas einfügen, was meine Grenzen als Lehrer offensichtlich macht: Ich weiß nicht, ob man eine yogische Geisteshaltung auch nur ansatzmäßig einnehmen kann, wenn die innere Kraft, die Kundalini Shakti, nicht erwacht ist, wenn man den Segen des Meisters noch nicht erhalten hat. Da mein Weg damit BEGANN, kann ich nicht wirklich einschätzen, ob Yoga so weit in Menschen eindringen kann, dass er zu einer inneren Haltung wird und nicht nur oberflächliches Wohlgefühl hinterlässt. Ich habe vielfach erlebt, dass Menschen darauf hoffen, dass es auch „ohne“ geht, aber ich habe das bisher noch nicht gesehen.

Bevor jemand aus meinem Leserkreis jetzt gegen dieses Verständnis in Stellung geht, möchte ich folgendes erzählen. Ich habe einen guten Freund, der aus Frankreich kommt. Bei all meinen Besuchen bei ihm gab es zum Essen natürlich den dort üblichen guten Rotwein. Immer wieder beteuerte er mir, dass, entgegen meiner Ansicht, dieser Wein keinerlei Wirkung auf ihn hätte. Es sei halt ein französischer Brauch, und alle Menschen in Frankreich würden regelmäßig Wein trinken. Ich gab auf, mich in Diskussionen darüber einzulassen, wie ich Alkohol aufgegeben hatte, weil auch schon kleine Mengen Bier meine Morgenmeditation derart störten. Dann zwang ihn ein gesundheitliches Problem, Alkohol ganz und gar zu meiden.

Erst danach sagte er mir, dass ich mit meiner „Ansicht“ recht hatte, dass sich etwas Wesentliches in seinem Alltagszustand verändert hat. Wie mein Meister das oft sagte: „Nur ein Fisch weiß, wie es ist, im Wasser zu leben.“ Wer also ohne Guru auf dem Yogaweg unterwegs ist, weiß nicht wirklich, was der Yogaweg ist. Und nur ein Ego, das noch alle Fäden unangefochten in der Hand hält, wird sich an dieser Aussage stören.

Meine Meisterin sagte einmal, dass 85 % der inneren Transformation, die Shaktipat oder die Aktivierung der Kundalini-Energie (wer mit diesen Worten nichts anfangen kann, einfach googlen) bewirkt, unterhalb unseres Normalbewusstseins stattfinden. Sie meinte, dass wir nicht in der Lage wären, diesen Prozess durchzustehen, wenn wir ihn in seiner Gesamtheit erleben müssten.

Mit der Zeit und Praxis sieht man, dass sich eine neue Art von Freiheit eröffnet. Während früher (und für normale Menschen immer noch) Freiheit bedeutete, dass man ungehindert seine Wünsche und Sehnsüchte ausleben kann oder ihnen nachgehen kann, wird klar, dass es eine andere Definition und Möglichkeit der Freiheit des Denkens und Fühlens gibt. Wir bemerken, dass wir uns nicht irgendwie fühlen MÜSSEN, dass wir einen Sachverhalt auf viele Weisen erleben oder bedenken können. Mehr noch: wir verstehen und erleben, dass das Wort „Sachverhalt“ nicht stimmt. Wir beginnen, die Zwangsläufigkeit unseres Denkens und Fühlens („Da muss ich mich doch ärgern!“) auszudünnen.

In immer mehr Situationen des Alltags bemerken wir, dass wir viele Optionen haben. Damit wird auch klar, dass Ausweglosigkeit oder Alternativlosigkeit nicht real sind, sondern auf die Unfähigkeit hinweisen, Gedanken und Gefühle zu HABEN und nicht mehr zu SEIN. Ohne Einarbeitung in yogisches Verständnis wird nicht klar, dass dafür letztlich ein Vorgang allein in uns verantwortlich ist: die Identifikation mit der eigenen Egokraft. Weil normale Menschen ohne Zweifel in der Überzeugung leben, dass es keinen Unterschied zwischen dieser Egokraft (wie Yogaschriften unser Ego präzise bezeichnen) und uns gibt, weil wir dieser Kraft ohne unser Zutun, wie es scheint, alle Lebensfelder überlassen haben, ja ohne sie diese Lebensfelder gar nicht erleben, ist es nicht möglich, die feinen, subtilen Bande dieser Identifikation ohne den Segen (die Lotsendienste) eines Meisters zu durchtrennen. Jede von uns initiierte Aktivität in dieser Richtung kommt wiederum aus der Egokraft. Wer diese Worte einigermaßen versteht, wird sich einen Meister suchen oder immer wieder von neuem dafür dankbar sein, dass er/sie sich dieser Segenskraft öffnen konnte und kann.

Alle positiven Wirkweisen, die von Meistern und den Yogatexten so herrlich beworben werden, sind bloße Ablenkungsmanöver von diesem ersten, großen Transformationsprozess: der Lösung der Identifikation mit der Egokraft.

Anfangs versteht man die Worte des Gurus und der Yogaschriften als Anleitung für ein besseres Leben. Es ist wie die Neueinrichtung einer Wohnung, indem man die Möbel umstellt. Das ist sicherlich unterhaltsam, und nach ein paar Stunden Schwitzen und Schuften setzt man sich dann ins alte Sofa und schaut sich um und freut sich. Aber das ist nur eine vorübergehende Freude. Die Zerschlagung der Identifikation mit dem Ego (entschuldigt die Wiederholung dieses langen Begriffs) ist, wenn man in diesem Bild bleiben möchte, nicht eine Umstellung der Möbel. Gerne möchte uns diese Egokraft und unsere gewohnheitsmäßige Unterwerfung unter sie glauben machen, dass mit der Umstellung schon alles wieder ok ist. Wie lustig das doch ist! Sie ist auch nicht ein Umzug im gleichen Haus, in der gleichen Stadt, im gleichen Land, auf dem gleichen Kontinent, auf dem gleichen Planeten, usw. Es ist gar kein Umzug. Es eine vollständig neue Seinserfahrung.

Mit ihr BEGINNT der Yogaweg erst richtig.

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Bei Gleichmutdefizit: Bitte lesen

Einfach zur Klärung:

Du lebst heute im Westen in einer Welt, die weit vielfältiger ist, als die Welt noch vor 200 oder 300 Jahren. In seinem Buch „Simplify Your Life“ hat der Autor Lothar Seiwert einmal unsere Ist-Situation beschrieben: Er und seine Familie (Er, Frau und zwei Kinder) haben einmal zusammengezählt, was sie alles an „Dingen“ besitzen, Kleidungsstücke, Bürogegenstände, Möbel, etc. Sie kamen auf 80.000 Dinge. Vor 200 Jahren haben nur Menschen an der Spitze der Gesellschaft so viele Dinge besessen und hatten dann auch ca. 100 Bedienstete, um sich um all diese Sachen zu kümmern.

Ein Yogi lebte noch viel einfacher. Es besaß nichts oder nur wenig, und tat auch nicht so viel. Um all die Dinge zu erwerben, die einfach in unserem Leben mehr oder weniger dringend notwendig sind, weil wir uns daran so sehr gewöhnt haben, als Gesellschaft, müssen wir intensiv und viel arbeiten.

Warum schreibe ich das alles? Damit du dich in all deinem Stress und der unwillkürlichen Reaktion darauf besser fühlst? Nicht wirklich. Es geht mir nur um die Dimension des Yogawegs hier und heute. Mein Meister wurde einmal in Manhattan, New York City gefragt, ob man auch in New York meditieren kann (bei all den Ablenkungen). Seine Antwort war klar: „Nein“, sagte er, „du MUSST meditieren.“

Dein Alltag ist OHNE Yoga nicht zu bewältigen. Wobei ich das Wort „Yoga“ ja für einen Weg gebrauche, der das lehrt, was Yoga lehrt, und da mag es andere Wege geben, die das Gleiche empfehlen, die gleichen Übungen, das gleiche Verständnis, wenn auch vielleicht mit anderen Worten. Den ganz normalen Alltagswahnsinn zu ertragen, den wir hier in der „modernen“ Welt leben, schreit nach Yoga, nach der Anleitung, der Unterstützung durch einen Guru, verlangt nach einem Verständnis, das dir hilft, die enormen Wogen der Unruhe, die Menschen gemeinhin erleben, wenn sie so leben, wie wir das tun, wieder zu glätten.

Wenn es dir gelingt, in deinem Alltag inneren Frieden, Ruhe, Gleichmut zu erfahren und auch noch umzusetzen, ohne so zu tun als ob (was ich als „Doppelmoral“ bezeichne), dann hast du etwas erreicht, was Yogis in alten Zeiten nur nach vielen Jahren, viel Meditation, etc. erreicht haben. Unser Alltag ist eine viel größere Herausforderung, glaubt mir.

Ich sage das nicht, weil ich mich allzu gerne als Kulturkritiker aufspiele. Sondern ich möchte, dass du deine Situation richtig erfassen kannst, wenn du auf dem Yogaweg innere und äußere Hindernisse erlebst. Wenn dir das Mantra im normalen Tagesablauf einfällt und du es sogar bei deinen alltäglichen Erledigungen wiederholen kannst, wie weit schwieriger ist das, als wenn jemand das Mantra denkt, der sonst wirklich nicht viel Aufregendes im Leben zu tun hat.

Das, was man heute so als einfache Single in Frankfurt erlebt, an Lebensaufwand, das hatten in Indien vielleicht Mütter oder Väter großer, umfangreicher Familien zu bewerkstelligen. Das ist sicherlich auch der Grund, warum das Familienleben als schnellster Weg zu Erleuchtung angepriesen wurde. Jeder und jede von uns leben deutlich komplexer als die Menschen das zur Zeit Jnaneshwars taten. Ich habe großen Respekt für alle von euch, die diesen Weg gehen, im heutigen Alltag, der dir aus allen Zellen, aus allen Systemen, aus allen Gefühlen und Gedanken alles saugt, was nur geht.

Ja, ich weiß, du denkst, aber vamdev lehrt doch immer, dass das alles nur in mir stattfindet. Das ist so. Aber bis man das wirklich erkannt hat, fühlt es sich nicht so an, sondern eher wie oben beschrieben. Die Tatsache zu erkennen, dass das alles nur in dir stattfindet, ist die einzige Möglichkeit, hier heute bei uns ein Leben zu leben, das nicht nur ununterbrochenes Katastrophenmanagement ist.

Also, habt Geduld. Auch wenn du die Sanskritworte nicht so richtig hinbekommst, wenn du deine Meditation nicht schon um halb 5 Uhr beginnen kannst, wenn dein Tagesablauf keine Regelmäßigkeit zulässt, wie du meinst, dass du sie haben solltest auf diesem Weg: Mach dir klar, dass du auf einem Level anfängst, das es für die Yogis und Yoginis früherer Zeit nie gab, nicht einmal in ihren wildesten Vorstellungen.

Sei barmherzig zu deinem Verstand, zu deinen Gefühlen. Du versuchst einen fliegenden Fahrerwechsel bei Vollgas auf einer kurvigen Bergstraße. Das ist nicht einfach, das ist nicht eine Angelegenheit, die du einfach mal so angehst und erledigst.

Dein Geist schweift auch beim schönsten Höhepunkt deines Lieblingsmantragesangs ab? Echauffier dich nicht. Das Teil muss auf Höchstgeschwindigkeit laufen, ganz alltäglich, obwohl es nicht dafür gebaut wurde. Und jetzt soll er einfach einmal abschalten. Beruhige dich. Das dauert einfach. Und das ist gut so. Deine Gefühle wollen sich einfach nicht beruhigen, obwohl du das Mantra liebst, deinen Guru jeden Tag verehrst, alle Übungen machst, die du nur machen kannst. Denk doch mal über deine Situation nach: du fährst mal schnell zum Einkaufen, mit mindestens 10-facher natürlicher Fortbewegungsgeschwindigkeit, durch Gegenden und Orte, die du dir früher ergehen musstest, sozusagen. Dafür ist dein System geeicht, nicht für deine schnelle Erledigung im nächst gelegenen Supermarkt. Doch das ist für dich inzwischen so normal, wie früher für deine Urahnen der Gang über den Hof.

Also, gemach. Unser Weg heute ist natürlich im Prinzip der Gleiche. Aber die Ausgangssituation ist eine ganz, ganz andere. Verliere nicht den Mut, wenn die ersehnte innere Ausgeglichenheit noch nicht ständig auch die wildesten Brandungen deines Regelalltags übersteht. Verliere nicht dein Vertrauen in deinen Guru, nur weil das Gewusel deines Lebens dich immer wieder und regelmäßig daran erinnert, dass du noch mitten in deiner yogischen Entwicklung steckst, auch nach 10 oder 20 Jahren. Verliere nicht deine Liebe zu deinen Übungen, nur weil die Fluten deiner Aufgaben immer wieder deine Vorsätze durcheinanderbringen.

Der Weg wird sicher seine Früchte für dich ausschütten. Aber vielleicht ist eine Minute Gleichmut in deinem Leben so viel wie 10 Jahre völlige Gelassenheit für eine Yogini vor 500 Jahren. Und dann entspann dich, wenn nicht alles richtig yogisch für dich läuft.

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Die Worte, die verwandeln

Meine Meisterin gibt seit Jahren so etwas wie eine Botschaft aus für das neue, kommende Jahr. Ich war vor langer Zeit in Indien dabei, wo diese Tradition ihren Ursprung nahm, als jemand aus dem Publikum fragte, a, kurz nach Mitternacht, am Ende unserer Neujahrsfeier, ob sie uns nicht eine Botschaft für das Neue Jahr mitgeben könnte.

Heute, mit moderner Technologie, geht das sogar über das Internet über Live Stream und zum Nachhören. Was mich erstaunt an den Worten, an den Lehren der Meister, ist, dass sie eine derartige Bandbreite von Schülern führen und inspirieren können, wie das bei meiner Meisterin der Fall ist. Etliche von uns hat sie sozusagen ererbt von ihrem Meister, dann kommen Menschen zu ihr, die zum ersten Mal etwas mit Yoga zu tun bekommen. Alle lernen, können sich weiter entfalten.

Ich finde es so schade, dass es in unserer Kultur nicht mehr die Institution der spirituellen Meisterschaft gibt. Wenn jetzt jemand meint, ich läge da falsch, dann liegt das wohl daran, dass nicht klar ist, was einen Meister wirklich auszeichnet. Und sogar viele Schüler von echten Meistern vergessen das auch wieder im Laufe der Zeit, dichten dem Meister ihre eigenen Unzulänglichkeiten an, unter dem Mantel des Menschlichen. Kann man ja verstehen, die sind ja auch nur Menschen. Na denn!

Für uns ist es schier unvorstellbar, dass es unter Menschen Vollkommenheit geben kann. Zu sehr ist unser Ego in der Lage, schnell und unleugbar zu beweisen, dass wir Menschen einfach unzureichend sind, milde ausgedrückt. Und so finden wir uns ab mit diesem allzu menschlichen Gewöhnlichen, mit Größe, die nur die eigenen Abgründe bedeckt, mit angelesener Weisheit, mit pseudoheiligen Worten, mit scheinbar liebenswürdiger Nachsicht und einer Vorsicht, die dem Wandeln auf rohen Eiern gleicht, nur damit uns niemand zu Nahe tritt, weil wir das auch nicht tun.

Dann ist da der Guru, der die Fahne des wahren Möglichkeiten des Menschseins hochhält, der sich nicht beeindrucken lässt von unserer Überzeugung von Mickrigkeit, der unnachgiebig den Weg zeigt und in uns unsere eigene Transformation vorantreibt.

Als Schüler ist es natürlich, von den Worten des eigenen Meisters berührt zu sein, sie tief in sich einzulassen. Wenn ein Mensch die Rolle des Schülers eines Gurus annimmt, dann erteilt er, bewusst oder unbewusst, diesem Meister weitreichende Vollmachten, die aber jederzeit widerrufbar sind, was ja auch viele immer wieder tun. Meist liegt das daran, dass ihnen nicht klar ist, was das für eine Verbindung zwischen Meister und Schüler ist, was ein Schüler ist, was ein Meister ist und wie sie zusammenwirken.

1986 hat mir meine Meisterin einmal gesagt, ich solle ein Buch schreiben über den Guru, aber ein gesellschaftspolitische Buch, kein spirituelles. Denn alle Probleme der modernen westlichen Gesellschaft und vor allem auch die Probleme, die wir so freizügig in den Rest der Welt exportieren, stammten vom Ego, über dem kein Meister mehr steht. Die große Sehnsucht der Hingabe, die nur ein Guru stillen kann, versuchen wir in Arbeit, in Beziehungen, in Besitz und Macht zu beruhigen. Wie aber soll das gelingen? Eine Kultur ohne Meister ist wie ein Huhn, dem der Kopf abgeschlagen wurde. Es macht noch ein paar wilde Bewegungen, aber sein Leben ist in Wahrheit schon zu Ende.

Die Worte eines Gurus haben die Kraft zu verwandeln, von innen heraus, wenn man das zulassen kann. Was haben wir denn schon zu verlieren? Unsere Unabhängigkeit? Und woraus besteht die bitte? Dass wir immer mehr und ungebremst unseren Prägungen anheim fallen?Dass wir ertrinken in Wünschen und Gelüsten, im Immer Mehr des Immer Mehr?

Viele Menschen auf den geistigen Wegen, wenn man das überhaupt so nennen kann, verschanzen sich hinter zusammengeschusterten Gruppen von Lehrern, denen sie dann als Gesamtheit Guruqualitäten zuschreiben. Ein Einlassen ist so erfolgreich verhindert. Das eigene Ego ist immer noch Dirigent und Orchester und Kritiker in einem. Nichts Wesentliches kann passieren, zumindest nicht, was durch die Guru-Schüler-Beziehung möglich war.

Du magst dich jetzt fragen: Wie kann der das alles nur so (frech) behaupten? Nun, das Ego ist entweder am Drücker oder es ist es nicht. Ohne Guru wird es seine Vormacht nicht aufgeben. Wie sollte es auch? Kann mir das jemand erklären, der meint, das ging auch ohne? Alles Liebe

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Was zu geschehen hat, WIRD geschehen.

Immer wieder werde ich angesprochen auf problematische Zukunftsprognosen. Viele Menschen glauben zu WISSEN, was uns bevorsteht, oder zumindest mit an (eine köstliche deutsche Redeweise) Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit.

Menschen verlassen sich auf Prognosen von Karten, Zahlen, Symbolen, oder einfach Intuitionen von Menschen, die vorgeben oder glauben, dass sie die Zukunft sehen können. Ich habe darüber schon einige Beiträge geschrieben, scheinbar mit mäßigem Erfolg, denn dieser Glaube begegnet mir immer wieder. Es ist fast so wie mit dem Mann, der zum Psychiater geht, weil er meint, eine Maus zu sein. Der Psychiater redet ihm in vielen Sitzungen schließlich diese Wahnvorstellung aus. Als er dann notfallmäßig ein paar Wochen nach dem erfolgreichen Abschluss der Therapie wieder zur Wohnung des Mannes gerufen wird, sieht er ein erstaunliches Bild: Der Mann kauert unter seinem Wohnzimmertisch, vor ihn eine Katze. Auf die Frage des Therapeuten, was das jetzt wieder soll, sagt der Mann flüsternd. „Ja natürlich weiß ich, dass ich keine Maus bin, aber ob das die Katze auch weiß?“

Vor vielen Jahren sagte mir einmal meine Meisterin: „Das Einzige, was zwischen dir und Selbstverwirklichung (im yogischen Sinne) steht, ist dein Karma. Und DAS musst du ausleben.“ Bedeutet: Auch wenn dir alle Astrologen und Weissager, etc. der Welt deine Zukunft vorhersagen, ausleben musst du dein Programm so oder so.

Und jetzt kommt das Entscheidende: Wenn es tatsächlich möglich wäre, die Zukunft zu sehen (hören, fühlen, wie auch immer) und sich darüber zu äußern, dann wäre das der Beweis der Unmöglichkeit solcher Vorhersagen. Versteht ihr das? Durch das Darüber-Reden verändert sich ja schon die vorher angekündigte Zukunft. Also, wer sich über das, was er oder sie als Zukunft sieht, äußert, beweist, dass er oder sie die Zukunft  nicht vorhersagen kann. Die, die das können, reden nicht mehr darüber und sind weit jenseits der Identifikation mit Ort, Zeit und Umständen. Ihnen ist es egal, was kommt im Leben, alles hat seinen guten, berechtigten Platz. So wären sie auch gar nicht daran interessiert, irgendetwas zu ändern.

Das bedeutet jetzt bitte nicht, dass man Fehlentwicklungen nicht verhindern sollte. Wenn ich jeden Tag zwei Liter Wasser brauche, aber nur einen Vorrat von 100 Litern habe, dann macht es Sinn, sich Gedanken zu machen, was nach 50 Tagen zu tun ist. Wenn ich weiß, dass ich in zwei Monaten kein Geld mehr haben werde, aber auch dann noch Miete bezahlen muss, dann macht es Sinn, sich wahrscheinlich schon viel früher Gedanken über diese Situation zu machen.

Kommt der große Crash? Kommt endlich dein persönlicher Durchbruch? Es gibt Dinge, die man planen kann, abschätzen kann. Aber vieles ist einfach nicht vorhersagbar. Wer behauptet, dass das geht, der hat entweder wirklich neue Möglichkeiten entdeckt, etwas vorhersagbar zu machen, wie das Beispiel mit dem Wasser oder er oder sie machen anderen Menschen, die ihnen glauben, einfach etwas vor.

Ok… aber das ist doch gar nicht das Problem!!! Alles, was dich auf dieser Welt betrifft, betrifft deinen Körper. Die Gefühle und Gedanken, die du dir machst, kannst du lernen, zu steuern, oder zumindest kannst du üben, nicht mehr zu leiden unter deinen eigenen Gedanken und Gefühlen. Ein großer Dichter-Heiliger Indiens sang einmal: „Lass den Körper fallen oder lass ihn aufstehen. Was macht das schon, wenn du deinen Blick fest auf deinen Guru in deinem Herzen gerichtet hast.“ Allerdings kann man das nicht so einfach machen, „den Blick fest auf den Guru im Herzen richten“, das wird man, so weit ich das überblicken kann, wohl lernen müssen. Aber mit der Zeit ist es möglich, Gefühle und Gedanken von ihren Inhalten zu trennen und sie an sich in uns wahrzunehmen. Das hat den großen Vorteil, dass man dann mit Gedanken und Gefühlen hantieren kann. Ist das verständlich?

In meinem Leben habe ich  immer wieder überzeugend klingende Vorhersagen über die „großen“ Veränderungen, die großen zukünftigen Ereignisse gehört. Von klugen und sehr beredten Menschen. Keine einzige dieser Vorhersagen ist eingetroffen. Wenn man diese Leute daraufhin anspricht, dann kommen oft Sätze wie „damals hat eine Entwicklung angefangen, die man erst viel später wirklich begreifen können wird.“ Ich kann darüber nur schmunzeln. 

Wenn du deine Kraft sammeln würdest, um die Fähigkeit, deinen Geist im Augenblick verweilen zu lassen, zu entwickeln, dann wäre deine Lebenszeit besser ausgenützt als wegen bevorstehender Unglücke, wirtschaftlicher Zusammenbrüche und zukünftiger Weltkriege Waffenarsenale und Lebensmittelvorräte zu bunkern. Schau voraus, aber nicht mit der Brille von „impending doom“, wie meine Meisterin das immer wieder nennt („kurz bevorstehender Weltuntergang“), sondern mit einem Lächeln, mit Freude, mit Zuversicht.

Wer einen Guru hat, sollte sich seines Glücks bewusst sein, beschützt zu sein, in jeder Lebenslage! Darauf deine Hoffnungen zu richten – das ist für mich der einzige sinnvolle Verwendungszweck von Hoffnung. Wander nicht aus aus vor der Zukunft, verlasse deine Familie nicht, ändere nicht deinen Beruf, weil du Angst hast, dass es bald ganz schrecklich zugehen wird auf dieser Welt.

Ich weiß eins: Mein Guru beschützt mich, und nichts, aber auch gar nichts, was nicht zu geschehen hat, wird JE geschehen. Was zu geschehen hat, wird durch nichts und niemanden zu verhindern sein. Mehr muss man wirklich über das, was kommt oder kommen mag, nicht wissen.

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