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Freude ist IMMER eine Alternative

Vor etlichen Jahren war ich dabei, aus den USA nach Deutschland zurückzukehren. Ich verbrachte meine letzten Tage bei meiner Meisterin und war im Ashram mit meiner Tochter unterwegs. Da sah ich sie aus ihrer Wohnung kommen, einen langen, langen Gang entlang, ein paar Treppen hoch, zu meiner Tochter und mir. Ich war ganz und gar beschäftigt mit meiner Trauer, weil ich meine Tochter zurücklassen würde und mit meiner Sorge um ihr Wohlergehen. Dieses Gefühl hatte mich wie eingedunkelt. Und genau in dieser inneren misslichen Lage kam sie, meine Meisterin, von weitem für mich sichtbar, unvermeidbar auf mich zu. Ich wollte ihr so sicher nicht begegnen, genierte mich (was schon fast lustig anmutet!) in meinem Zustand vor ihr, aber ich konnte einfach nicht von ihm lassen. Ich versuchte, irgendeine Türe zu öffnen, zur Cafeteria, zum Buchladen, zum Tempel, um ihr so aus dem Weg zu gehen. Aber alle waren verschlossen, und sie kam beschwingt und freudvoll auf mich zu.

Meine Tochter war neben mir und freute sich so sehr, meine Meisterin zu sehen, dass sie hüpfend und tanzend auf sie zulief und sie voller Schwung umarmte. „Wie geht es dir?“ rief meine Meisterin meiner Tochter begeistert zu, die mit gleicher Begeisterung „sehr gut“ rief. Und im gleichen Ton und voller Freude fragte sie auch mich, der ein paar Schritte entfernt stand, mit meinem kläglichen Versuch, irgendwie in der Mauer zu verschwinden: „Und dir? Wie geht es dir?“ Mehr als ein gemurmeltes „nicht so gut“ brachte ich nicht raus.

Das muss man sich einmal vorstellen: Es war, was ich damals nur ahnte, bis heute das letzte Mal, dass ich ihr von Person zu Person begegnete.  Und ich war so besetzt von meinen intensiven Gefühlen. Zuerst ging sie an mir vorbei, fast ein wenig hüpfend wie meine Tochter, dann wirbelte sich herum und sah mich intensiv an und sagte: „DU, gerade DU solltest nicht so sein!“ Mir war sofort „klar“, dass sie meinte, ich sollte nicht so fühlen und so entschuldigte ich mich bei ihr, ziemlich erschrocken. Dann stand sie vor mir, fast etwas ungeduldig und schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, nein!“ Dann wandte sie sich an ihre Sekretärin, eine 25-jährige Inderin und sagte gleichzeitig zu ihr und zu mir: „Ihr solltet euch treffen und miteinander reden.“ Dann ging sie weiter. Ihre Sekretärin blieb bei mir, und wir machten einen Termin aus.

Vieles kam bei diesem Treffen zur Sprache. Heute, aus der zeitlichen Distanz betrachtet, war das eines der Schlüsselerlebnisse auf dem Weg für mich. Es war eine großartige Kurskorrektur, fein, klar, kraftvoll. Eine Kurskorrektur hin zu mehr Selbstliebe: Die junge Frau sagte mir, meine Meisterin hätte einmal gesagt: „Von allen Menschen, mit denen du Zeit verbringst, verbringst du die meiste Zeit mit dir. Du musst mit dir die engste Freundschaft schließen“, wie das im Yoga immer der Fall ist.

Was ich heute sagen kann, ist, dass Freude immer eine Alternative ist, zu allen anderen Gefühlslagen. Schwere, Bedeutung, Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit – das sind in scheinbar schwierigen Lebenslagen die Gegenspieler der Freude in uns. Aber es ist möglich, sie außer Acht zu lassen. Meine Meisterin lud mich damals dazu ein, um der Freude des Augenblicks willen, meine Sorgen fallen zu lassen. Was ich nicht konnte. Noch nicht.

Sehr gut kann ich verstehen, dass viele Yogis auf dem Weg das Gefühl haben, dass Freude sicher NICHT immer eine Alternative ist, weil das Leben eben manchmal zu bedrückend, zu sehr eine Herausforderung ist. Menschen, die Yoga nicht praktizieren, würden sogar denken, dass wir den Ernst des Lebens leugnen wollen. Aber das ist nicht so.

Es geht immer wieder um die gleiche Einstellung: ich kann mit allen Gefühlen als Gefühle umgehen oder als deren Inhalte. Auf der Inhaltsebene muss ich mir quasi die Gründe für die Gefühlslage, die ich verändern möchte, ausreden. Und je nach dem, wie lange diese Gefühle in mir ihre Kreise gezogen haben und mich damit in ihren Bann gezogen haben, ist das wahrhaftig ein schwieriges Unterfangen.

Aber wenn es mir mit der Zeit (durch Meditation, durch Mantra, durch Studium) gelingt, Gefühle als Gefühle zu erfahren, in mir, wird Freude die vorrangige Alternative zu einem Zustand, wie ich ihn damals erlebt habe. Ich wusste sehr wohl, dass ich darin gefangen war, in dieser düsteren Gefühlslage … aber eben diese Gewissheit hat es mir auch unmöglich gemacht, im Angesicht der Freude und Leichtigkeit meiner Meisterin meine Gefühlslage zu ändern, der Realität ihrer Freude zu folgen.

 

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Yogische Geisteshaltung im Alltag – was ist das?

Für alle, die schon länger im Yoga auf dem Weg sind – ihr könntet den Titel als Überprüfung eures Verständnisses verstehen. Was macht eine yogische Geisteshaltung aus?

Für alle anderen möchte ich ein paar Annäherungsversuche unternehmen.

Zuerst schauen wir uns einmal die „normale“ Geisteshaltung an. Alltag könnte sein: Aufstehen, arbeiten, schlafengehen. Aufstehen und Schlafengehen als Fixum (das allein schon gibt Yogis zu denken!). Unter „arbeiten“ kann man dann alles andere einordnen, was sich unter den fünf Hauptereignisfeldern einordnen lässt (wer wirklich mehr kennt, bitte melden!): Körper und Gesundheit, Familie und Beziehung, Arbeit und Berufung, Besitzen und Wohlstand, Spiritualität. Das ist also nicht sonderlich komplex. Mit diesen Ereignisfeldern haben alle Menschen zu tun. Manches davon fühlt sich gut an, anderes nicht so gut, manches ist Routine, anderes wieder außergewöhnlich.

„Normal“ wäre dabei, sich zu fühlen, als würde das alles auf einen zukommen oder man würde es so lenken können, dass es den eigenen Bedürfnissen entspricht. Für die meisten Menschen ist das Leben eine Mischung dieser beiden Gefühle. Sie setzen sich ein, reagieren, bestimmen, agieren, fühlen sich abwechselnd als Opfer und als Täter. Ihr Leben scheint hin und her zu schwappen zwischen Erfolg und Versagen. Sie versuchen, bewusst oder unbewusst, aus ihren Fehlern zu lernen, voranzukommen in der Sehnsucht, sich möglichst viele Wünsche (siehe die fünf Ereignisfelder) zu erfüllen. Das Gefühl, ein erfülltes Leben zu leben, entsteht aus dieser möglichst umfangreichen Wunscherfüllung.

Normale Menschen erfahren eine Realität, mit ihren Sinnen, ihren Gedanken, ihren Gefühlen und reagieren auf sie mit weiteren Gedanken, Gefühlen und Taten. Und dann wieder: schlafen gehen und aufstehen.

Man könnte das natürlich noch viel komplexer, umfangreicher beschreiben, erklären und diskutieren. Wenn als Yogi diese Brille der Normalität anzieht, dann ist das auf allen Ebenen des menschlichen Lebens so. Wenn du im Zug sitzt und hineinhören kannst in die Gespräche um dich herum, wenn du Medieninformationen zuhörst, wenn du mit normalen Menschen sprichst, dann kann man sehen, dass Leben so funktioniert. Sogar die, die intellektuell erkennen, wie bedeutungslos das Bedeutungsvolle der meisten Menschen ist, weil man möglicherweise als Astrophysiker arbeitet, können nicht anders leben. Sie mögen weitgehende Erkenntnisse über die riesigen Dimensionen des Universums haben, verglichen mit denen ein Menschenleben ohne Belang ist, ja sogar die ganze Menschheit bedeutungslos ist, aber wenn sie nach Hause gehen und ihre Frau mit einem Liebhaber erwischen, wenn sie plötzlich bei einer Gasexplosion ihr Hab und Gut verlieren, wenn ihr Herz auf einmal Probleme macht – ja dann, dann ist dieses wissenschaftliche Wissen vergessen und der Schmerz und das Leid ist alles andere als belanglos.

Yogische Geisteshaltung – wie soll die an dieser Situation etwas ändern? Manche meiner LeserInnen, die schon lange auf dem Weg sind, erahnen vielleicht schon seit einiger Zeit, dass die Antwort auf diese Frage so gar nicht sexy ist, fast schon eine gewisse Sprachlosigkeit auslöst. Vielleicht denkst du, ja, ändern tut sich an den Ereignissen nicht so viel. Auch Yogis erleben die fünf Ereignisfelder. Auch Yogis gehen schlafen und stehen auf und verbringen den Rest der Zeit womöglich sogar genauso, wie alle anderen auch. Ihr Körper wird alt, abgenutzt, leiert aus.

Die Yogatexte geben viele Antworten auf obige Frage. In einer Schrift heißt es: „Alle Menschen durchleben ihr Schicksal. Normale Menschen erleben dabei die Welt, Yogis erleben stattdessen sich selbst.“ Damit ist alles gesagt. Aus dieser von den Texten als „Tatsache“ beschriebenen Haltung ergeben sich andere Möglichkeiten.

Am Anfang, wenn man noch sein ganzes Leben auf der Gedanken-Gefühlsebene erfährt und kräftig an ihrer Verbesserung arbeitet, haben die yogischen Techniken von Meditation und Mantra große Wirkung. Man erlebt, dass man sich auch in schwierigsten Situationen erst einmal beruhigen kann, dass man, auch wenn das noch schwierig ist, das innere Karussell verlangsamen kann. Man erlebt deutlich, wie sehr man Opfer der eigenen wovon auch immer und von wem auch immer ausgelösten inneren Unruhe ist. Mit viel Mühe, mit viel Durchhaltevermögen versuchen Yogis am Anfang Zugriff zu erhalten auf Gedanken und Gefühle. Es erscheint so, also würde sich ein weiterer Lebensschauplatz auftun, der parallel neben dem „normalen“ Leben geschieht: der innere Raum, bestimmt von Gedanken und Gefühlen.

„Nach innen gehen“ ist auf einmal keine Anleitung für die Psychologisierung des Alltags, sondern eine Entdeckungsreise in den Maschinenraum unseres Lebens. Yogis erkennen, dass sie ihr Leben von zwei Seiten angehen können: wie alle anderen Menschen auch, im Außen, oder mit den yogischen Techniken im Inneren. Sie erleben, dass es leichter wird, vom Maschinenraum aus, um im Bild zu bleiben, das Leben zu erleben und zu verstehen, bis zu einer gewissen Intensität der Ereignisse. Wenn es zu intensiv wird, wenn „schwere“ Schicksalsschläge eintreffen, dann verlieren sie die Draht nach innen. Es ist wie ein noch recht dünnes Mobilfunknetz. Wenn man von den Hauptstraßen abfährt, ist schnell mal kein Empfang.

Das ist eine schwierige Phase. Sie ist oft von Zweifeln und Verzweiflung geprägt. Es kann in als schwierig empfunden Lebenslagen der Eindruck entstehen, dass die yogische Methodik im entscheidenden Moment nicht greift. Für viele ist aber auch klar, dass ein Zurück in das vorherige Normale auch nicht mehr möglich ist. So wie ein zweijähriges Kind nicht mehr in den Mutterbauch zurück kann, so können Yogis nach einer gewissen Zeit auch nicht mehr zurück, ganz gleich, ob sie sich das wünschen oder nicht. Ich empfand diese Zeit als kaum erträglich, und ohne den Segen und die Unterstützung meines Meister hätte ich sie wohl nicht überstehen können.

Diese Zeit übersteht man mit Verständnis. Alle, die dann nur das Mantra wiederholen in der Hoffnung, dass das Wunder schon geschehen wird, werden hier anscheinend durch das Leben selbst eines Besseren belehrt. Wer neben Meditation und Mantra auch noch sein Verständnis intensiv vertiefen konnte, der kann mit dieser Phase des Yogawegs zurecht kommen. Sicher nicht mit Leichtigkeit, aber immerhin. Wenn man die Texte der Meister, die Worte der Meister, die Anweisung der Meister mit offenem Herzen, mit Achtung und Respekt studiert hat, dann ist diese Phase, da das Alte, Normale immer wieder die Oberhand gewinnt, eine Phase der Aha-Erlebnisse.

Vielleicht erahnt man dann, dass das Leben, wie es die normalen Menschen und großteils man selbst erleben, wirklich nicht das Entscheidende ist. Es ist diese Zeit, in der man DRINGEND Unterstützung braucht.

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Bei Gleichmutdefizit: Bitte lesen

Einfach zur Klärung:

Du lebst heute im Westen in einer Welt, die weit vielfältiger ist, als die Welt noch vor 200 oder 300 Jahren. In seinem Buch „Simplify Your Life“ hat der Autor Lothar Seiwert einmal unsere Ist-Situation beschrieben: Er und seine Familie (Er, Frau und zwei Kinder) haben einmal zusammengezählt, was sie alles an „Dingen“ besitzen, Kleidungsstücke, Bürogegenstände, Möbel, etc. Sie kamen auf 80.000 Dinge. Vor 200 Jahren haben nur Menschen an der Spitze der Gesellschaft so viele Dinge besessen und hatten dann auch ca. 100 Bedienstete, um sich um all diese Sachen zu kümmern.

Ein Yogi lebte noch viel einfacher. Es besaß nichts oder nur wenig, und tat auch nicht so viel. Um all die Dinge zu erwerben, die einfach in unserem Leben mehr oder weniger dringend notwendig sind, weil wir uns daran so sehr gewöhnt haben, als Gesellschaft, müssen wir intensiv und viel arbeiten.

Warum schreibe ich das alles? Damit du dich in all deinem Stress und der unwillkürlichen Reaktion darauf besser fühlst? Nicht wirklich. Es geht mir nur um die Dimension des Yogawegs hier und heute. Mein Meister wurde einmal in Manhattan, New York City gefragt, ob man auch in New York meditieren kann (bei all den Ablenkungen). Seine Antwort war klar: „Nein“, sagte er, „du MUSST meditieren.“

Dein Alltag ist OHNE Yoga nicht zu bewältigen. Wobei ich das Wort „Yoga“ ja für einen Weg gebrauche, der das lehrt, was Yoga lehrt, und da mag es andere Wege geben, die das Gleiche empfehlen, die gleichen Übungen, das gleiche Verständnis, wenn auch vielleicht mit anderen Worten. Den ganz normalen Alltagswahnsinn zu ertragen, den wir hier in der „modernen“ Welt leben, schreit nach Yoga, nach der Anleitung, der Unterstützung durch einen Guru, verlangt nach einem Verständnis, das dir hilft, die enormen Wogen der Unruhe, die Menschen gemeinhin erleben, wenn sie so leben, wie wir das tun, wieder zu glätten.

Wenn es dir gelingt, in deinem Alltag inneren Frieden, Ruhe, Gleichmut zu erfahren und auch noch umzusetzen, ohne so zu tun als ob (was ich als „Doppelmoral“ bezeichne), dann hast du etwas erreicht, was Yogis in alten Zeiten nur nach vielen Jahren, viel Meditation, etc. erreicht haben. Unser Alltag ist eine viel größere Herausforderung, glaubt mir.

Ich sage das nicht, weil ich mich allzu gerne als Kulturkritiker aufspiele. Sondern ich möchte, dass du deine Situation richtig erfassen kannst, wenn du auf dem Yogaweg innere und äußere Hindernisse erlebst. Wenn dir das Mantra im normalen Tagesablauf einfällt und du es sogar bei deinen alltäglichen Erledigungen wiederholen kannst, wie weit schwieriger ist das, als wenn jemand das Mantra denkt, der sonst wirklich nicht viel Aufregendes im Leben zu tun hat.

Das, was man heute so als einfache Single in Frankfurt erlebt, an Lebensaufwand, das hatten in Indien vielleicht Mütter oder Väter großer, umfangreicher Familien zu bewerkstelligen. Das ist sicherlich auch der Grund, warum das Familienleben als schnellster Weg zu Erleuchtung angepriesen wurde. Jeder und jede von uns leben deutlich komplexer als die Menschen das zur Zeit Jnaneshwars taten. Ich habe großen Respekt für alle von euch, die diesen Weg gehen, im heutigen Alltag, der dir aus allen Zellen, aus allen Systemen, aus allen Gefühlen und Gedanken alles saugt, was nur geht.

Ja, ich weiß, du denkst, aber vamdev lehrt doch immer, dass das alles nur in mir stattfindet. Das ist so. Aber bis man das wirklich erkannt hat, fühlt es sich nicht so an, sondern eher wie oben beschrieben. Die Tatsache zu erkennen, dass das alles nur in dir stattfindet, ist die einzige Möglichkeit, hier heute bei uns ein Leben zu leben, das nicht nur ununterbrochenes Katastrophenmanagement ist.

Also, habt Geduld. Auch wenn du die Sanskritworte nicht so richtig hinbekommst, wenn du deine Meditation nicht schon um halb 5 Uhr beginnen kannst, wenn dein Tagesablauf keine Regelmäßigkeit zulässt, wie du meinst, dass du sie haben solltest auf diesem Weg: Mach dir klar, dass du auf einem Level anfängst, das es für die Yogis und Yoginis früherer Zeit nie gab, nicht einmal in ihren wildesten Vorstellungen.

Sei barmherzig zu deinem Verstand, zu deinen Gefühlen. Du versuchst einen fliegenden Fahrerwechsel bei Vollgas auf einer kurvigen Bergstraße. Das ist nicht einfach, das ist nicht eine Angelegenheit, die du einfach mal so angehst und erledigst.

Dein Geist schweift auch beim schönsten Höhepunkt deines Lieblingsmantragesangs ab? Echauffier dich nicht. Das Teil muss auf Höchstgeschwindigkeit laufen, ganz alltäglich, obwohl es nicht dafür gebaut wurde. Und jetzt soll er einfach einmal abschalten. Beruhige dich. Das dauert einfach. Und das ist gut so. Deine Gefühle wollen sich einfach nicht beruhigen, obwohl du das Mantra liebst, deinen Guru jeden Tag verehrst, alle Übungen machst, die du nur machen kannst. Denk doch mal über deine Situation nach: du fährst mal schnell zum Einkaufen, mit mindestens 10-facher natürlicher Fortbewegungsgeschwindigkeit, durch Gegenden und Orte, die du dir früher ergehen musstest, sozusagen. Dafür ist dein System geeicht, nicht für deine schnelle Erledigung im nächst gelegenen Supermarkt. Doch das ist für dich inzwischen so normal, wie früher für deine Urahnen der Gang über den Hof.

Also, gemach. Unser Weg heute ist natürlich im Prinzip der Gleiche. Aber die Ausgangssituation ist eine ganz, ganz andere. Verliere nicht den Mut, wenn die ersehnte innere Ausgeglichenheit noch nicht ständig auch die wildesten Brandungen deines Regelalltags übersteht. Verliere nicht dein Vertrauen in deinen Guru, nur weil das Gewusel deines Lebens dich immer wieder und regelmäßig daran erinnert, dass du noch mitten in deiner yogischen Entwicklung steckst, auch nach 10 oder 20 Jahren. Verliere nicht deine Liebe zu deinen Übungen, nur weil die Fluten deiner Aufgaben immer wieder deine Vorsätze durcheinanderbringen.

Der Weg wird sicher seine Früchte für dich ausschütten. Aber vielleicht ist eine Minute Gleichmut in deinem Leben so viel wie 10 Jahre völlige Gelassenheit für eine Yogini vor 500 Jahren. Und dann entspann dich, wenn nicht alles richtig yogisch für dich läuft.

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Und auch das noch einmal: Selbstliebe

Mir kommt es so vor, als würde das Wort „eigentlich“ wie ein Schatten des Wortes „Selbstliebe“ fungieren. 

„Eigentlich“ mag ich mich ja, so wie ich bin. „Eigentlich“ habe ich eine gute Beziehung zu mir. „Eigentlich“ freue ich mich, dass ich als ich auf der Welt bin. „Eigentlich“ finde ich ja, dass ich ganz gut aussehe. „Eigentlich“ bin ich ja ziemlich (der ehrgeizige Bruder von „eigentlich“) erfolgreich. „Eigentlich“ mag ich ja auch meine Art. „Eigentlich“ bin ich umgänglich und gut zu haben. „Eigentlich“ bin ich lustig. „Eigentlich“ habe ich einen Tiefgang, der mir gefällt. Ich könnte einen ganz langen „Eigentlich“-Text schreiben.

Im yogischen Sinne ist Selbstliebe nicht die Suche nach all den „eigentlich“ ganz guten Seiten an dir. Sie ist nicht der Versuch, fehlerhaftes Verhalten schön zu reden, vielleicht aber, die Quelle dieser Bewertung zu hinterfragen. 

Für „normale“ Menschen ist Selbstliebe schon eine sehr, sehr schwierige Sache. Ihre Prägungen sind lebensbestimmend. Aus ihnen heraus beurteilen sie nicht nur andere Menschen und die Situationen, die sie selbst erleben, sondern natürlich auch sich selbst. Alle guten Argumente für diese Beurteilungen sind auf der Seite der Prägungen. Da „normale“ Menschen nicht wirklich die Bandbreite ihrer Prägungen erfassen können, SIND sie ihre Prägungen. Und so ist ihre Selbstliebe der Versuch, es ihren Prägungen möglichst recht zu machen.

Die mit starker selbstkritischer Prägung versuchen sich zu verbessern, bessere Menschen zu werden, sich so zu verändern, dass ihrer Prägungen, mit dem eigenen Ego am Steuer, sie für gut befinden. Alle Leserinnen und Leser, die das versuchen oder versucht haben, wissen, dass das ein schweres und letztlich unmögliches Unterfangen ist. So versuchen sie Bereiche für „sich“ an sich selbst zu entdecken, die vom Ego als weniger wichtig eingestuft werden und die dann zu lieben. Das hilft etwas, aber sobald diese Liebe stärker wird, erwecken auch diese Bereiche die Aufmerksamkeit des Egos und schon wirken die Prägungen wieder mit voller Kraft.

Oh je, könnte man sagen, Selbstliebe ist ja ein sehr schwieriges Projekt. Normalerweise ja. Und ich meine, nicht nur schwierig, sondern unmöglich, solange das gute, alte Ego die Kapitänsbinde trägt. Aber wie sie ihm abnehmen? Das ist nicht so einfach. 

Das Mantra ist der beste Weg zu Selbstliebe, den ich kenne. Wenn es vom Guru für eine Schülerin, einen Schüler aktiviert wurde, dann entfaltet es sich aus sich selbst heraus in uns. Ich kann mir vorstellen, dass sich das schon recht eigenartig anhört, fast schon wie eine Art Invasion der Außerirdischen. Aber das ist nicht so. Es ist einfach und wirksam. Wenn du über den Sinn des Mantras nachdenkst, ihn dir immer wieder klar machst, dann baust du, während dein Ego weiter seine Kapitänsrolle ausübt, eine neue Dimension in dir auf. Das empfinde ich als den wahrhaft geheimnisvollen Prozess im Yoga.

Selbstliebe geht nicht mit dem Ego in der Hauptrolle. Das ist nur verlogen und verbogen. Daher glaube ich auch nicht an all die Kurse und Workshops und Bücher, die dir das Blaue vom Himmel versprechen, in Bezug auf Selbstliebe.

Deshalb ist es für YogInis so wichtig, mit voller Kraft ihr Leben zu leben, das sicherlich noch für einige Zeit in erster Linie vom Ego diktiert wird. Hingabe zum Guru, Mantrawiederholung, Meditation und Studium der Schriften, ernsthaftes Nachdenken über „ich verbeuge mich vor mir“, „ich achte mich“, „ich ehre mich“ – all das ermöglicht die sanfte Revolution, die das Leben intakt hält, während alles in uns sich ändert. Es ist ein großartiger, ein umfassender Prozess. 

Selbstliebe ist immer wieder in Gefahr, auch wenn man schon lange auf dem Weg ist. Wirklich, du musst rigoros praktizieren: „Denke immer nur das Beste über dich!“ Der Fortschritt wird dir ermöglichen, dass die Zeiten, an denen du das vergisst, immer kürzer werden, bis es zu deiner zweiten, oder besser gesagt: deiner eigentlichen Natur wird. Mit dem oben Geschriebenen sollte klar werden, dass Selbstliebe nicht Selbstverliebtheit ist, dass Selbstliebe nicht Selbstverherrlichung meint, die sich daraus nährt, alles andere und alle Anderen klein zu machen. Es ist ein barmherziger Prozess, sich selbst und damit auch anderen gegenüber.

In Liebe!

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Lernprozesse im Yoga

Viele Menschen lieben Lernprozesse. Es gibt einem das Gefühl, dass man weiter kommt.

Du bist 60, springst schnell von deinem Platz auf, weil es vielleicht dynamischer aussieht, ein stechender Schmerz durchzuckt deinen Rücken, und du hast etwas gelernt: Lieber langsam und wenig sexy aufstehen, dafür aber nicht ein paar Wochen mit Schmerzen auf dem Rücken liegen müssen. Auch ein Lernprozess.

Oder der fünfte Mann hintereinander betrügt dich, und du lernst, dass du da viel, viel vorsichtiger sein solltest. Und so bist du es dann. Auch ein Lernprozess.

Du meditierst seit vier Jahren, und jedesmal, wenn du meditierst, musst du niesen. Du lernst daraus, dass das Meditieren bei dir scheinbar so wirkt. Du legst dir ein Taschentuch zurecht und weil du ja ernsthaft auf dem Weg bist und ein Journal führst, steht da schon seit vier Jahren, dass das Meditieren bei dir Niesreiz auslöst. Was du nicht weißt, ist, dass versteckter Schimmel in deinem Meditationsraum ist und du durch das Akzeptieren, dass Meditation bei dir halt mit Niesen verbunden ist, deine Atemwege dauerhaft schädigst.

Also, es gibt Lernprozesse, die man besser gleich wieder vergessen sollte.

Und im Yoga? Was lernt man da? Und wie passiert dieses Lernen? Natürlich lernst du erst einmal Begriffe und das, was sie meinen. Gottseidank gibt es Glossare. Am Anfang habe ich Glossare gelesen, bis mir die Begriffe in ihrer Bedeutung geläufig waren. Dann lernst du Methoden, Mantra wiederholen, Meditationshaltungen, Denken, Arbeiten, Dienen, Lieben, dich kennen, aber anders als du das je vermutet hast.

Viele alte Yogahasen winken bei diesem Thema müde ab, denn sie ahnen, dass es nie etwas zu lernen gab. Sie vermuten langsam, weil sich nichts wesentliches in ihrer Praxis tut, besonders unter dem Einfluss von Neo-Vedanta-Lehrern („keine Methoden, kein Weg, kein Meister, etc.“), dass es sie ja sowieso nicht gibt und sie daher aus nichts lernen sollen, müssen oder gar können. Oder das ganze Lernen ist nur das Akzeptieren, dass die ganze sogenannte Schöpfung ein Hirngespinst ist, das man für Leute lehrt, die zu schwach sind, um zu akzeptieren, dass es gar nichts gibt, was man lernen könnte, spirituell gesehen.

Naja, vielleicht habe ich da etwas Falsches gelernt. Denn ich habe zu arbeiten gelernt, zu dienen, gelernt, mit dem Mantra viele der total unsinnigen, unnötigen Gedanken zu ersetzen. Ich habe gelernt, dass ich tatsächlich Gedankenfreiheit habe, dass es möglich ist, das deutsche Lied „Die Gedanken si-ind frei“ ganz anders zu verstehen. Denn tatsächlich frei zu sein, das zu denken, was man will und was einem nicht uralte Prägungen eintrichtern, wird mit dem traditionellen Yogaweg wahrscheinlich. Ich habe gelernt, dass meine Probleme, auch wenn ich willige Opfer meiner Projektionen finden mag, in den Menschen, die mir nahe stehen, doch immer noch mein eigen sind, und nicht besser werden, wenn sich andere Leute ob meiner Anschuldigungen auch noch schlecht fühlen.

Ich habe gelernt, dass es möglich ist, sich selbst bedingungslos zu lieben, mehr noch, dass bedingungslose Liebe nur für diejenigen möglich ist, die gelernt haben, sich selbst zu lieben. Wie das geht? Ich habe auch gelernt, dass es manche Lernprozesse gibt, die einfach einmal offen bleiben, die sich erst mit der Zeit klären und erklären.

Yoga ist voller praktischer, konkreter Lernprozesse, die aber nicht, wie die oben Zitierten, darin bestehen, immer weniger zuzulassen, damit man immer weniger Angst vor Leid (genau so meine ich das, nicht „… man immer weniger leidet…“) haben muss. Lernprozesse im Yoga sind erweiternd, nicht verengend, sie sind das Beste, was uns passieren kann.

Kann man lernen, Ich bin Shiva? Vermutlich nicht. Ich BIN Shiva, und aller Yoga dieser Welt lehrt mir nicht diese Wirklichkeit, aber als Weg ist er die Straße, die mich zu meiner Wohnstatt führt, auch wenn ich diese Straße dann verlasse, wenn ich eintrete. Auf sie aber von vornherein zu verzichten, weil man sie sowieso irgendwann einmal aufgeben muss, um zu Hause zu sein, ist leider ein weiterverbreiteter Irrtum. Sehr wohl ist ein Lernen möglich, ein Studieren, eine Bewusstseinserweiterung, die alle Lebensbereiche umfasst.

Und Lernprozesse im Yoga sind, das ist meine Erfahrung, erlösend, von innen her verändernd. Sie entfernen das ungute Vergessen und ermöglichen es, Gedanken zu lassen, die deiner Erkenntnis nicht dienlich sind. Für die meisten Menschen ist schon allein dieser letzte Satz eine Zumutung, da sie stolz auf ihre ausufernden Gedankenspielchen sind. Hier in unserer Kultur nennen wir das bewundernd Intellektualität.

Yogis lernen mit der Zeit, dass ein ruhiger Geist wesentlich effektiver und schneller ist, als ein mäandernder. Sie erfahren, dass Intelligenz mit einem ruhigen Verstand zu tun hat, und nicht mit einem unfreiwillig aktiven.

Zu Ostern werden wir diese Lernprozesse feiern. 🙂

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„Die Freiheit, die wir meinen“

Wenn mich niemand daran hindert, MEIN Leben zu leben, wenn ich tun und lassen kann, was ich will, wenn es keine Macht gibt, keine politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche oder sonstige, die mich in meinem Selbstausdruck behindern kann, dann lebe ich frei, in Freiheit.

Das würden die meisten Menschen sofort unterschreiben, genauso, wie die Einschätzung, dass Freiheit essentiell ist, für alle Menschen auf allen Kontinenten. Die, die rufen, dass Freiheit in ihrer Kultur anders funktioniert, sind meist ja nur diejenigen, die diese oben beschriebene Freiheit auf den Schultern der meisten anderen ausleben und jetzt ein wenig Bange haben, dass diese westliche Idee von Freiheit ihnen endlich ihre unberechtigten Privilegien nehmen wird.

Alle WÜNSCHEN sich, SEHNEN sich nach Freiheit. Manche Menschen hier behaupten, dass es noch nie eine Kultur gab wie die westliche, der es gelungen ist, ihren Menschen so viel Freiraum zur Verfügung zu stellen, ohne dass es immer gleich um Leben und Tod geht, wenn man diesen Freiraum betritt. Und doch: Fühlen sich Menschen hier wirklich frei, so wie sie sich das wünschen? Es scheint nicht so zu sein. Viele haben sogar das Gefühl, dass sie immer weniger Spielräume haben und immer mehr Sachzwänge. Wie kann das nur so sein? Wenn man sich einmal vor Augen hält, wie sehr unsere Vorfahren kämpfen mussten, damit wir diese Freiräume wie selbstverständlich betreten können, heutzutage, dann muss es uns traurig stimmen, wie wenig wir das genießen können, wie selten die winzigen Freiheitsflocken sind, die hin und wieder einmal in unseren Schoß zu fallen scheinen.

Natürlich ist das nachvollziehbar: Dass wir auf Dauer in den Genuss der Freiheitserfahrung kommen, wird durch eine schreckliche Eigenheit unserer Psyche verhindert: Vergessen – was für eine Last, was für ein Geschenk. So schrecklich sie ist, so praktisch ist sie auch, wenn man ein normales, ganz nach außen gerichtetes Leben führen muss. Auf der einen Seite zwingt sie dich zum Beispiel, ein Mantra tausendfach zu wiederholen, bis es langsam einzusickern beginnt. Auch wenn Gott oder dein Guru sich in dir in aller Herrlichkeit zeigen – deine Vergesslichkeit lässt auch diese Herrlichkeit mit der Zeit mehr oder weniger, ja sogar ganz verblassen.

Fähigkeiten – beruflich, geistig, emotional – verkümmern, wenn du sie nicht ständig verwendest – Vergessen. Und wer wäre nicht froh, dass wir vergessen, was wir als schrecklich empfunden haben, als banal, als unbedeutend? Vergessen ist die Zeit, die alle Wunden heilen soll, angeblich. Genauso aber gebiert sie auch die Unfähigkeit, die Herrlichkeit des Augenblicks auszudehnen, so lange, wie wir es wollen. Wie kann ich Freiheit erfahren, die Freiräume nutzen, die mir im Außen geboten werden, so lange meine inneren Zwänge, meine psychischen Konditionierungen mich immer wieder in Verhaltensschienen und Gefühlskreisläufen zwingen?

Eine Frage, die mir immer wieder gestellt wird, ist, ob es überhaupt möglich ist, irgendetwas auf Dauer zu empfinden, ob es nicht die Abwechslung, das Auf und Ab erst ist, die das Leben interessant und lebenswert macht. Das beschäftigt mich, immer noch. Wie kann man das sein, immer glücklich, immer zufrieden? Selbst wenn alle Prägungen überwunden sind, sprich: meine Selbsterfahrung nicht mehr ausfüllen, wer sagt, dass es dann besser ist? Bemerkenswert ist es doch, dass die Yoga- und viele andere Traditionen behaupten, dass dieses Auf und Ab gar nicht das Lebenswerte am Leben ist. Es verhindert, so heißt es, dass wir uns wirklich erfahren, dass wir wissen, wer wir sind.

Über viele Jahrhunderte haben unzählige Lehrer, Meister des Yoga gelehrt, dass wir uns nach innen wenden sollten, wenn wir wirklich Freiheit erfahren wollen. Nur damit wir uns richtig verstehen: Es handelt sich hier nicht um ein Entweder-Oder: entweder nur kurze Freiheitserfahrungen im Außen oder die Freiheit in sich suchen. Viele Yogis haben auch für diese äußeren Freiräume gekämpft, sorgten dafür, dass Menschen nicht in Knechtschaft leben müssen. Aber sie lehren auch, dass wirkliche Freiheit nur dann zu erfahren ist, wenn wir unsere Aufmerksamkeit AUCH nach innen richten können.

Das beständig zu tun, eröffnet eine ganz andere Möglichkeit, zu leben. Ich kann das gar nicht genug betonen: Es ist nicht so wichtig, dass dein Verstand nur das Eine denkt, NUR das Mantra, NUR an den Guru, etc. sondern was viel wichtiger ist, dass mit der Zeit klarer wird, wer ich wirklich bin. Es ist ein stetiger Prozess, keine einzelne Technik, kein Spezial-Mantra. Es gibt keine Freiheitsmeditation im Yoga. Aber mit der Zeit der Meditationspraxis, der Mantraübung, des Studiums der Texte der YogameisterInnen verblassen die Begrenzungen, die unserer Freiheitserfahrung durch Gewohnheit und Vergesslichkeit gesetzt sind. Unsere Prägungen werden dadurch in ihrer Wirkung abgeschwächt. Unser Vergessen kann sich nicht mehr über Stunden, Tage, Wochen erstrecken.

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Tun und Nichttun

Das ist ein Beitrag zu den wunderschönen Kommentaren (zum Artikel „Unausweichlich“) von Norbert und Astrid, da beide Kommentare zusammen ein Dilemma aufzeigen.

Im Zen habe ich zum ersten Mal den Begriff von „Nichttun“ gehört, im Yoga nennen das die Autoren der Schriften „du bist nicht der Handelnde“ und bezeichnen dieses Autorengefühl als „karma mala“, der Makel des Gefühls, zu handeln.

Vielleicht denken jetzt manche, „das ist doch nur esoterischer Quatsch: denn wer macht meine Steuer (das wäre also meine Frage, denn daran sitze ich gerade, wie jedes Jahr, mir leicht schmerzhaft über meine Fähigkeitsbegrenzungen bewusst)? Wer kocht das Essen, wer bringt mein Auto zum Kundendienst? Der Körper ist es nicht, der Geist auch nicht, denn ohne Ich macht auch der nichts.

Viele Menschen erhoffen sich, dem Nichttun, das also große Tugend im Buddhismus verehrt wird, näher zu kommen, in dem sie die Aktivitäten ihres Lebens unter die Lupe nehmen. Sie fangen an, vieles, was sie tun, zu hinterfragen und haben dann ein besonders „spirituelles“ Gefühl. Sie meinen, dass es Handlungen an sich gibt, die nicht spirituell sind, und andere, die es sind. Meist werden solche Bemühungen durch das eigene Naturell immer wieder gestört (wenn du Glück hast!) oder dein Schicksal „funkt“ dazwischen. In solchen Zeiten zerkrümelt dann all das schöne Nichttun.

„Gut“, magst du jetzt sagen, „dann sollte ich vielleicht mit weniger Ego handeln“ (manche sind da schon etwas weiter und wollen „ohne Ego“ handeln). Dann stellst du dein „Egometer“ auf (wo es das zu erwerben gibt, würde mich interessieren), und schickst jede Handlung durch dieses Messgerät. So langsam bekommst raus, wie man das Gerät bedient. Du filterst sozusagen das Ego aus deinem Tun heraus. Meinst du.

Jeder, der das versucht, macht Endlosstrafrunden wie beim Biathlon. Du bewegst dich, schwitzt, wirst vielleicht sogar ziemlich müde, lernst neue Techniken, wie du deine Kurven in diesen Strafrunden besser durchlaufen kannst, aber irgend wohin kommst du nicht. Und was noch schlimmer ist: Du fängst vermutlich auch an, die Taten anderer auch durch dein Egometer zu schicken und wirst zum Egorichter: „Dein Ego ist schon noch sehr stark“ oder „Nimm doch dein Ego zurück“, etc., etc. Dann kommt ja (leider) die Krönung dieser Egometer-Übung: Du merkst, dass du, nach deinem Egometer zu messen, kein Ego mehr hast.

Oh je! Leider finden solche Menschen dann noch Unglückliche, die ihnen diese Fassade abnehmen, als echt und wahr. Dein Egometer ist nur dein Ego, das sich damit sozusagen eine geniale Tarnkappe hat einfallen lassen.

Wie kann man mit diesem Widerspruch umgehen – Tun – Nichttun? Nun, Handeln ist notwendig, das sagt Krishna schon in der Bhagavad Gita. Nicht zu handeln, ist ein Irrtum, der davon zeugt, dass der, der ihn hat, sein Sein noch in erster Linie als Psyche Plus (Handeln, Denken, Fühlen und Persönlichkeit/Charakter) erfährt. Auch wenn dein Verständnis da schon weiter zu sein scheint, es ist noch nicht eingesickert, es durchdringt dich noch nicht. (Ist übrigens kein Problem, wenn man das weiß und einfach weiter macht).

Pragmatik ist da ein Segen. Wenn du merkst, dass bestimmte deiner Handlungsweisen schmerzhaft für dich sind, dann versuche, sie zu ändern. Wenn du merkst, der Aufwand lohnt das Resultat in keiner Weise, dann ändere deine Einstellung diesen Handlungsweisen gegenüber. Bei diesen Veränderungsversuchen solltest du dann deinen gesunden Menschenverstand einsetzen, dir überlegen, ob eine Veränderung wirklich nur Vorteile bringt. Aber das tun ja schon viele. Das Hinnehmen als zweite Möglichkeit verbreitet sich auch langsam unter den Yoginis und Yogis, wobei diejenigen, die noch heftig versuchen, ihre Handlungsweisen umzukrempeln, daran oft kritisieren, dass man „es sich da ziemlich einfach macht“.

Mit der Zeit, und das ist für mich immer noch das Wunder, auch wenn ich es durch und durch begreife, mit der Wirkung der Gnade, der Arbeit der Kundalini (wer nicht weiß, wer oder was das ist, der sollte bitte das Buch Kundalini – die göttliche Kraft von Swami Kripananda lesen!) und deiner Praxis findet ein tiefer, durchdringender Wandel statt: Deine Erfahrung, dein Verständnis von dir selbst, wandelt sich grundlegend. Für mich ist das – was ich ja schon oft geschrieben und beschrieben habe – der wahre mystische Prozess: Du erahnst mit der Zeit, dass du nicht wirklich du bist. Zumindest nicht du, wie du vorher, früher, geglaubt und dich erfahren hast. Mit der Zeit erkennst du, dass du all das HAST, und nicht bist: Gedanken, Gefühle, Handeln, eine Persönlichkeit, einen Charakter. Das kann man zwar lesen und studieren, diskutieren und verstehen, aber das ERLEBNIS davon ist umwerfend. Das Wundervolle dabei ist, dass du erlebst, was alle Meister (die welche waren; muss man heute leider erwähnen) geschrieben haben. Was du vorher als eher abstrakt oder bildhaft beschrieben verstanden hast, wird jetzt deine Wirklichkeit, mehr und mehr. Du entdeckst den WAHREN Prozess des Yoga: Er findet zum Großteil unterhalb der Ebene deines Alltagsbewusstseins statt.

Wenn du den Eindruck hast, dass da jemand unter dem Deckmantel der Mystik irgendwelche Sachen behauptet, die niemand beweisen kann, ist das verständlich. Aber eben: jeder lebt, denkt und redet aus dem Zustand seines eigenen Verständnisses heraus.

Ich weiß inzwischen, nicht nur aus dem Studium und nicht mehr aus Vermutung heraus, dass es diesen Prozess gibt, den du nicht so recht mitbekommst. Vermutlich nicht einmal deshalb, weil er so subtil etc. ist, dass man das halt nicht merken kann, sondern weil du in eine Richtung (im übertragenen Sinne) blickst, während alles in einer ganz anderen stattfindet. Schon einige Zeit denke ich darüber nach, wie man das anders machen könnte, wie man von Anfang an gleich in die richtige Richtung blicken könnte. Bisher habe ich das noch nicht herausgefunden. Alle scheinen das von je her so gemacht haben. DAS ist für mich die wahre Bedeutung des Sutras „Yogische Erfahrungen sind erstaunlich“ aus den Shiva Sutras (1; 12). Das Ergebnis ist unerwartet und nicht vorstellbar, weil man nicht dorthin blicken kann, wovon es her kommt.

Vielleicht, vielleicht kann man es erahnen in der Gesellschaft von Meistern, Heiligen, aber dazu müsste man in der Lage sein, ihnen ganz zu vertrauen, sich ihnen ganz hinzugeben. Unser Ego, das wir ja dann eindeutig als Ich erfahren, müsste aufgeben, Richter dieser Beziehung zu sein. Aber wie soll das gehen? Die Meister warnen uns, vorsichtig zu sein, zu prüfen. Aber wie, ohne das Ego in diesem Prüfungsprozess zu involvieren? (Das geht, wenn man die Texte studiert, die erläutern, wann ein Meister/ein Heiliger sich also solcher bezeichnen kann (Kularnava Tantra spricht darüber).

Nur im Auftauchen von „Ich bin Shiva“ löst sich das Dilemma von Tun und Nichttun. Vorher ist der Weg dahin leider von Missverständnissen gepflastert. Was nicht schlimm ist, wenn man Kurskorrekturen immer wieder erlauben kann. Das Tun einzuschränken ist dabei nicht unbedingt notwendig, aber die innere Aufregung könnte man schon reduzieren. Sonst ertrinkt man noch – zumindest fühlt es sich so an – im Wirbel des nach außen gerichteten Bewusstseins (das die meisten Menschen als „Leben“ erfahren).

Also, handeln ist nicht das Problem. Ich kann auch nicht lernen, egolos zu handeln. Ich kann nur das Mantra wiederholen, die Texte der Meister hören, studieren, darüber nachdenken, meditieren, die Bereitschaft kultivieren, sich belehren zu lassen, immer wieder, immer wieder.

Nichttun ist ein Seinszustand, keine Aktivität oder ein Fehlen dieser. Das ist das entscheidende Verständnis zu diesem Punkt. Insofern sind beide Kommentare zu ihrer Zeit für einen Übenden von Bedeutung. Denn, um mit Norberts Worten zu schreiben: Der Bäcker bin ICH. Das muss am Ende herauskommen.

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