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Verführerische Vielfalt

Sehr eigenartig mag dieser Text, der jetzt folgt, für manche erscheinen, die den Weg noch nicht als Weg begreifen. Alle die bitte ich, sich zumindest der Möglichkeit zu öffnen, dass hier etwas zu lesen ist, was früher oder später in der eigenen geistigen Entwicklung von Bedeutung sein könnte.

Schon seit vielen Jahren begleite ich Menschen auf dem traditionellen Yogaweg, wie ich ihn über meine Meister kennengelernt habe. Normalerweise würde ich das, worüber ich jetzt schreibe, nur in meinen Kursen erläutern. Da kann man nachfragen, von Angesicht zu Angesicht, und so zu Klarheit gelangen, zumindest für eine gewisse Zeit. Aber manche Eindrücke bestärken mich darin, darüber jetzt hier zu schreiben.

Wie so oft denke ich an die Worte meines Meisters, der sagte, dass dieser (Yoga-)Weg nichts für Menschen ist, die eine schwache Psyche und ein schwaches Herz haben. Damit meinte er nicht das physische Herz, sondern dein emotionales Gewand. Und was eine schwache Psyche ist, das lernte ich erst mit den Jahren verstehen.

Lass dich nicht verführen von den vielen Wegen und Pseudowegen, von den vielen Begriffen und Traditionen! Bleibe einfach in deiner Sicht, in deiner Praxis, in deinem Verständnis. Lerne, ganz klar zu unterscheiden, was von dem bei uns sehr reichhaltigen Angebot von „Spiritualität“ (in Anführungszeichen deshalb, weil das meiste sicher nicht das Papier wert ist, auf dem es gedruckt ist) wertvoll für deinen Weg ist und was nicht. Im Yoga heißt diese Fähigkeit Urteilsvermögen, viveka.

Viveka ist nicht gerade angesagt in einer Kultur, in der nur wenig filternde Meister diesen Sumpf der Meinungen, Lehren und Marketingstrategien für ihre Schüler sichten und ausmisten. Aber ohne viveka wirst du nur schwer erkennen, wie du auf dem Weg am besten dein Verständnis, deine Praxis vertiefen kannst. So viel scheint möglich, so reichhaltig ist das Angebot. Es erscheint fast als übermäßig schlicht daherzukommen, wenn gesagt wird, dass man am besten nur einen Weg, ein Mantra, einen Guru verehren sollte. Die Vielfalt ist, und das habe ich jetzt wirklich oft genug erlebt, verführerisch, unsinnig und überhaupt nicht hilfreich.

Das ist in keiner Weise eine Verurteilung anderer Wege. Denn natürlich gibt es unter den vielen Schwachsinnigkeiten auch Perlen, Wege, die genauso sauber sind, wie der, den ich gehe und vermitteln kann. Aber für dich, für den Menschen, der einen Weg geht, sind auch diese echten Wege nicht vorteilhaft. Jeder Meister, jede Tradition hat auch ein wenig ihre eigene Sprache, ihre eigenen Vorgehensweisen. Das Eine kann man meistens nicht auf das Andere übertragen.

Mein Meister hatte viele Schüler, und es war klar, dass Einige von ihnen den Weg auch zu Ende gegangen sind. Viele taten so als ob, aber Einige waren schon zu seinen Lebzeiten (ein eigenartiges Wort für einen Meister :)) selbst Meister, mit seinem ausdrücklichen Segen. Auch ihre Lehren hatten zu tun mit ihrer Persönlichkeit und nicht alles, was ich von meinem Meister kannte, entsprach dem, was sie lehrten.

In der Guru Gita heißt es (Vers 168): eko deva eka dharma, eka nistha param tapah. Ein Gott, ein geistiges Gesetz, eine innere Einstellung, das ist die höchste Bemühung. Lange habe ich das nicht so richtig verstanden, denn ich hatte das Glück, sehr unbedarft auf den Weg zu kommen. Es bestand keinerlei Grund für mich, mehrere Wege gleichzeitig auszuprobieren. Ich war beschäftigt genug, den einen irgendwie zu begreifen und zu verdauen. Und ich erkannte früh, dass mein Meister durch viele Zitate aus anderen Schriften in genialer Weise uns beim Weiterstudium über seine Bücher und Vorträge hinaus anleitete.

Es gibt einen unglücklichen Zustand, den Menschen erleben, die zu viel von zu vielen Traditionen ausprobieren, vermutlich in der Hoffnung, den Weg noch intensiver, noch schneller gehen zu können. Diesen Zustand bezeichnete mein Meister als spirituellen Dauerdurchfall, eine Art geistiger Verwirrung, die manchmal wirklich so verrückt macht, dass man nicht mehr ein noch aus weiß. Glaubt mir, dass ist nicht irgendein exaltierter Zustand, nicht eine vollständige Öffnung in kosmische Dimensionen, sondern nur schlicht und einfach eine gefährliche Verwirrtheit.

Lass all das. Wenn mein Meister bestimmte Teile, zum Beispiel der Kularnava Tantra zitierte, weil sie seiner Meinung nach die Meister-Schüler-Beziehung recht gut beschreibt, dann bedeutete das nicht, dass alles, was in dieser zum Teil sehr, sehr skurrilen Schrift steht, studiert werden sollte. Sicher nicht. Aber das hat er nicht eigens betont. Da brauchtest du viveka.

Verständnis im Yoga ist nicht zu verwechseln mit der Pandit-Gelehrsamkeit, die indische Gelehrte gerne an den Tag legen. Ihnen geht es oft auch um die möglichst besondere Zurschaustellung ihres umfangreichen Wissens und ihrer textlichen Präzision. Aber für Yoga-SchülerInnen ist das nicht wichtig. Es geht nur, nur, nur um den Weg. Man möge mich jetzt für einen engstirnigen Yoga-Tyrann halten oder was auch immer (habe da noch viel Schlimmeres gehört), das ist mir egal.

Wenn du Wissen ansammeln willst, dann studiere Politik, Physik, was auch immer, irgend eine handwerkliche Fähigkeit, eine Sprache (nicht unbedingt Sanskrit). Wenn du meinst, dass der Weg deine Psyche nicht mehr auslastet, dann mach irgendetwas. Aber missverstehe das nicht als Offenheit für andere Wege, als Auftakt zu Ausflügen in andere geistige Gefilde. Diese „Langeweile“ mit dem dir möglicherweise ja so vertrauten Weg ist ein Teil der sadhana, der inneren Reinigung. Wenn du das spürst, dann lese die Bücher deines Meisters noch intensiver, immer wieder das Gleiche.

Du musst deine Psyche sauberhalten. Wenn Gedanken und Gefühle zu intensiv werden, dann merke das und wiederhole dein Mantra. Wechsle dein Mantra und deine Methoden der Meditation und des Studiums nur, wenn dir das dein Meister (bitte denke daran, dass ich das Wort „Meister“ nicht männlich oder weiblich meine, sondern nur als „Berufsbezeichnung“ und mir gerne das der/die –In sparen möchte.) sagt. Sonst bleibe immer bei der gleichen Praxis. Wenn du Sehnsucht nach Abwechslung hast, dann fahre immer wieder an einen anderen Ort in den Urlaub, wechsle deine Lieblingsrestaurants, deine Wohnung, dein Land, deine PartnerInnen (wenn damit nicht nur dein Stresspegel steigt), aber lass deine innere Unruhe, die nach Abwechslung sucht, nicht an deinem Yogaweg aus.

Die Tatsache, dass es auch andere, reine Wege gibt, heißt noch lange nicht, dass du sie alle beschreiten kannst, solltest oder musst. Glaub mir, dazu lebst du viel zu wenig lang. Du kannst froh sein, wenn du nach vielen Jahren, mit aller Unterstützung deiner LehrerInnen, deiner Meisterin, der Kundalini Shakti, einen Anflug von Verständnis hast, worum es geht auf dem Yogaweg. Und vielleicht auch, welchen Zustand jemand hat, von dem der Weg sagt, dass er Siddha ist, vollendet.

Es gäbe noch so viel mehr dazu zu schreiben, aber dafür fehlt mir die Zeit. Unser Sprachgebrauch im Deutschen kennt nicht umsonst das Sprichwort: Schuster bleib bei deinen Leisten. Genau, bleib bei EINEM Weg, und mach ihn zu deinem. Wenn dir das jetzt doch etwas zu eng und zu schlicht erscheint, dann wisse, dass diese Worte nicht für dich geschrieben worden sind.

 

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Auf dem Sockel der Befreiung?

Vor vielen Jahren, nach der Trennung von meiner Partnerin, erklärte mir eine Frau in der Schweiz, warum sie jetzt nicht mehr in meine Kurse kommen würde. Sie sagte, dass sie mich vorher immer auf einen Sockel gestellt hatte, aber im Laufe dieser Trennung habe sie mich wieder von diesem Sockel runtergeholt, „auf Augenhöhe“. Spontan sagte ich zu ihr: „Wie schade! Du hättest dich mit auf den Sockel stellen sollen, dich erheben, und nicht mich in dir erniedrigen sollen.“

Immer wieder haben mir Menschen das sogar mit einer gewissen Portion Stolz erzählt, dass sie mich jetzt nicht mehr auf diesen Sockel stellen, dass es für sie wichtig war, mich von diesem Sockel zu stoßen. Na toll! Hast du damit deinen wahren Wert erkannt oder nur mich, der ich ja sowieso nur in deiner Vorstellung als der erscheine, von dem du MEINST, dass ich es bin, auf dein begrenztes Niveau in dir herabgestuft? Was nutzt dir das? In der Welt des Egos ist so ein Vorgang des Sockelsturzes ein Akt der Emanzipation. („Der (oder Die) ist auch nicht besser als ich“). Aber auf dem Yogaweg, wo es um Befreiung geht, um die Erkenntnis deiner Herrlichkeit, was nutzen dir diese Gedanken der Erniedrigung?

Ein ander Mal sagte jemand zu mir: „Ich meine, es ist doch klar: Du bist doch nicht erleuchtet!“ Als ich fragte, woher sie das wissen und beurteilen könnte, gab es nur ausweichende Worte. Mit der Folge, dass diese Person später verbreitete, der vamdev behauptet jetzt, dass er erleuchtet ist. Das Gleiche passiert auch anders herum: „Naja, ich bin halt noch nicht so weit wie du.“ So so. Du hast also die Möglichkeit zu beurteilen, wie weit andere Menschen entwickelt sind? Warum tut man das?

Das ist eine alte Geschichte. Im Christentum wird ja geglaubt, dass Jesus Gott in Menschengestalt war/ist. Und seit der Zeit hat man ihm alle möglichen besonders menschlichen Züge angedichtet: Dass er vor lauter Todesangst Blut geschwitzt hat, schon Tage vor seiner Ermordung, dass er in der Stunde des Todes all seine Göttlichkeit in tiefem Zweifel verloren hat: „Vater, Vater, warum hast du mich verlassen!?“ Natürlich wussten die Mystiker, dass diese Worte nicht aus der Verzweiflung kamen, wussten, dass jemand wie Jesus keine Todesangst haben KONNTE. Andere hatten sogar Mitleid mit Jesus, fühlten sich schlecht, weil sie mit ihren Sünden sein Leid verursacht haben. Was für ein grandioses Missverständnis!

Aber im normalen Christentum entstand so eine Solidarität der Begrenztheit zwischen Jesus und den Menschen. Er war auch nur ein Mensch. Genauso wie du und ich, begrenzt, voller Ängste, wütend und unbeherrscht (sein Wutausbruch mit den Händlern im Tempel wird da oft als Beweis herangezogen).

Befreiung oder Emanzipation im Yoga ist nicht das Verständnis, dass alle auch nur mit Wasser kochen. Die Ereignisse im Leben eines Menschen, sein Schicksal, geben keinerlei Aufschluss auf seine inneren Errungenschaften. Denn eines muss klar sein: Wie du jemanden mit seinen Handlungen wahrnimmst, hat in erster Linie mit dir etwas zu tun, mit deinen Prägungen, nicht mit dem Menschen, den du beurteilst oder einschätzt. Wenn du anderen die gleiche Begrenztheit andichtest, in der du dich wähnst, wie soll es je für dich möglich sein, dich zu befreien, von deinen inneren Fesseln, deinen Missverständnissen?

Ja, aber vamdev, das empfinden die Menschen doch nur auf dich bezogen so, magst du jetzt argumentieren. Beim Guru ist das doch sicher nicht so. Meinst du? Das wäre ja großartig, gerne würde ich Platz nehmen, am Fuße all der Sockel, von denen ich herabgezerrt wurde. Aber diese Haltung ist ja in der- oder demjenigen, der das macht, hat mit meiner Person nichts zu tun. Einmal hat mir eine langjährige Schülerin meiner Meistern gesagt: „Also für mich ist sie jetzt eher so etwas, wie eine Schwester.“ Oder jemand anderer, auch über viele Jahre mit meiner Meisterin auf dem Weg, sagte: „Es ist wirklich ein großartiges Gefühl, dem Guru in seiner Mission helfen, sie unterstützen zu können.“ Als ich das hörte, erschrak ich zuerst einmal, damals. Der Guru ist per Definition Shiva, hat alle Begrenzungen überwunden. Und dann meint ein Schüler des Gurus, er könne dem Guru bei seiner Arbeit helfen? Mit freundlichen Grüßen vom Ego wahrscheinlich.

Wenn du jemanden erhebst, dann nutze doch diese kurze Unachtsamkeit deines Egos dafür, dich mit zu erheben. Wenn du meinst, jemand ist erleuchtet, dann assimiliere diesen Zustand, anstatt diese Person in dir mit deiner Farbe einzufärben. Färbe dich in ihrer Farbe. Das Ego ahnt seine Begrenztheit. Manchmal, in seltenen Momenten der Klarheit. Ergreife solche Momente und schwinge dich empor, statt den Spalt des Segens wieder zu schließen mit Gefühlen und Gedanken wie „der ist auch nicht besser als ich“. In der Guru-Schüler-Beziehung ist es entscheidend, wie der Schüler den Guru sieht. Mein Meister sprach da immer von Shishya-krpa, dem Segen des Schülers. Er erklärte immer wieder, dass dieser Segen wichtiger sei als der Segen des Gurus.

Es spielt wirklich keine Rolle, wie weit jemand anderes ist. Die Frage ist, wie weit du befreit bist von deinen Gefangenschaften, von den Fesseln deiner Missverständnisse und vermuteten Unzulänglichkeiten. Was nutzt dir die Erleuchtung eines anderen? Vielleicht, dass dein Verstand glauben kann, dass der Weg wirklich funktioniert und andere in die Freiheit führen kann. Aber wenn dein Verstand seinen Weg darauf aufbaut, dass er für andere schon funktioniert hat, dann wird er auch, im Laufe der Zeit, Begründungen dafür finden, warum es bei dir nicht „klappt“.

Es geht auf dem Yogaweg ja nicht darum, Shiva zu jiva zu machen, sondern umgekehrt, das begrenzte Individuum aus seiner Begrenztheit zu führen zu Shivas Unendlichkeit. Mach dir also keine Gedanken darüber, ob jemand anderes den Weg zu Ende gegangen ist, sondern gehe du ihn zu Ende. Wenn du von jemandem lernen willst, wie zum Beispiel von vamdev, dann überprüfe in dir, ob das, was er lehrt, mit den Schriften übereinstimmt, mit den Worten der Meister. Und dann wende an, was du lernst. Lass dich nicht ein auf Diskussionen über die Zustände anderer.

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Wüstenimpressionen

Meine Meisterin sagte einmal, als sie ein Neujahrsprogramm in der Wüste Kaliforniens abhielt, dass die Wüste die Wahrheit ans Licht bringt.

Das ist auch in der Wegetappe, die ich „Wüste“ in meinem Buch „Liebe, Glück und Freiheit“ (zur Zeit nicht erhältlich) genannt habe.

Was mich immer wieder in Begegnungen und Gesprächen mit YogInis, die schon lange auf dem Weg zu sein scheinen, erstaunt, ist, wie der Geist über die Zeit seinen Fokus verlieren kann. Bei vielen SchülerInnen meiner Meisterin beobachte ich das auch. Die meisten kommen sowieso nie über die Phase der psychischen Läuterung hinaus, weil sie der gefühlten Intensität des Prozesses nicht standhalten können. Sie sind nicht in der Lage, ihre Brennkraft aufrecht zu erhalten, halten sich andere Wege und Möglichkeiten offen und übersehen dabei völlig, dass sie so die Identifikation mit ihrem eigenen, kleinen, begrenzten Ego nicht loswerden können.

Aber andere, die mit echter Vehemenz und mit Fokus den Weg durch die Wirren dieses Teils der inneren Läuterung finden und in der Wüste ankommen, verspielen dann ihr ganzes „Kapital“ erstaunlich unbedacht und leichtfertig. Du hast die Begleitung eines echten Meisters, einer echten Meisterin genossen, von Anfang an vielleicht, und dann meinst du, du weißt Bescheid. Du hast die Bücher, die sie aus Liebe und Mitgefühl für ihre SchülerInnen geschrieben haben oder schreiben ließen, gelesen und meinst jetzt, das genügt. Du hast das Mantra wiederholt und Vorteile daraus gezogen, du hast den Guru vermeintlich in all deine Lebensbereiche eingelassen und seine Hilfe genossen. Und du hast es zu etwas gebracht. Wie ein Teenie, der meint, mit 14 langsam alles kapiert zu haben, zu wissen, wie die Welt tickt und auch, wie man das Ganze besser machen könnte.

Jetzt kommt deine alte Freundin und empfiehlt dir das neueste Engelbuch von soundso, und dann diskutiert ihr dieses Geschwafel als wäre es in irgendeiner Form den Worten deiner Meister ebenbürtig. Du „entdeckst“ dann neue Aspekte des geistigen Wegs, die du in deiner Tradition nicht gefunden hast. Du überlegst dir in keinem Moment, dass dein Meister das vielleicht aus sehr gutem Grund nicht lehrt oder gelehrt hat. Du entdeckst also eine Art Lücke in deinem Weg, die du ja recht einfach selber mit neuer Info ausfüllen kannst. Schließlich ist das ja DEIN Weg, der sicher auch DEINEN Input zur Vervollständigung brauchen kann.

Die Wüste bringt die Wahrheit an den Tag. Du hast deine Hausaufgaben nicht gemacht, von Anfang an nicht. Du hast die Beziehung zu deinem Guru nicht tief genug verstanden, nicht mit Hingabe gepflegt und vertieft. Sonst würde dich keine Information über Engel und dem ganzen anderen Esokram, der so mit viel Hokuspokus angeboten wird, interessieren. Und diese Bücher, etc. würden dir gar nicht angeboten, denn allen und allem wäre sowieso klar, dass dich das nicht interessiert.

Manchmal bin ich schon erstaunt, wie schnell wir vergessen können. Oder wie oberflächlich wir diesen Weg gehen können. Wie die Zeit aus Großartigkeit Banalität machen kann, wie das immer Neue alt wird, weil wir nicht genug verstehen, worum es geht.

Dass das am Anfang nicht so klar ist, kann man nachvollziehen, aber nach 10 Jahren? Nach 15 Jahren? Nach 20?!? So oft höre ich von diesen „Alteingesessenen“, wenn sie überhaupt noch mit mir reden wollen („der vamdev ist einfach zu fanatisch, usw.“), wie sie das Ganze satt haben, wie sich nichts mehr „tut“, wie der Guru in wichtigen Lebensherausforderungen eben nicht geholfen hat. Wie bitte? Ist der Guru ein Anwalt, der dich bei schwierigen Rechtslagen wieder rauspaukt, obwohl du dir das vielleicht sogar selbst eingebrockt hast? Ist der Guru verantwortlich für das Geradebügeln unseres Lebens? Ist der Guru der Wunderheiler, der dich, schwuppsdiwupps von selbst versuchtem Leid befreit? Ist der Guru ein Magier, ein Butler, dein Generaldirektor? Ist der Guru verantwortlich dafür, dass du deinen Weg gehst? Ich weiß, manchmal scheint er das alles zu sein, am Anfang, ein wenig.

Aber willst du immer noch mit 30 von deiner Mama an der Hand über jede Straße geführt werden?

Erinnerung, Erinnerung, Erinnerung – darauf kommt es an. Du vergisst und lässt das Vergessen wuchern mit all seinen giftigen Keimen, wie Zweifel (dessen Wurzel aber nicht angezweifelt wird), Nachlässigkeit, Verstrickung, die nach außen gerichtete Sicht des Lebens, Nachlässigkeit in deinem Denken und Fühlen.

Was soll man da machen? Zu nichts werden, die Verbindung zum Guru vertiefen (nein, das heißt nicht intensivierte internationale Reisetätigkeit, das ist ein Herzensprozess, das ist die Bitte um und das Üben von Hingabe), deinem Geist nicht erlauben, deinen Weg zu banalisieren, zu verflachen, zu normalisieren. Mantra, immer wieder Mantra. Ich bin Shiva, das muss mit der Zeit alles überstrahlen können. Wenn du in dir die Voraussetzung dafür nicht schaffst, immer wieder, wird das NIE gehen.

Wenn die Distanz zum Weg und zum Guru in dir wächst, wenn es gerade anfängt, dann wende dich an Schüler, die stark sind auf dem Weg und suche dir keine Zweifelskumpane.

Alles Liebe, wie immer.

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Der alltägliche Wahnsinn

Vor einiger Zeit sagte  jemand in einem Kurs zu mir, als es um das Leben im Alltag ging, und ich erwähnte, dass ich politisch schon mein ganzes Leben interessiert war und daher auch Nachrichten lese/schaue, dass sie nicht so recht verstehen könne, wie ich mich derart negativer Energie aussetzen könne.

Ich gestehe, dass, auch wenn das im Außen nicht sichtbar war, ich innerlich schmunzeln musste. Natürlich kann man versuchen, das auszublenden, was den Geist stört, ihn aus dem Gleichgewicht bringt, und kann versuchen, sich diese Welt der Gegensätze auf der Ebene dieser Gegensätzlichkeit schön zu meditieren. Gelingen wird es nicht, und man wird hängenbleiben genau in der Ebene von Bewusstsein, in der sich Negatives und Positives unvereinbar in den Haaren liegen. Problematischer für Menschen auf dem Yogaweg ist diese Haltung aber deshalb, weil sie stillschweigend davon ausgeht, dass etwas im Außen verantwortlich ist für die innere Unruhe, die in Menschen wütet. Es bedarf nicht einmal tiefen Nachsinnens, um das als Unsinn zu enttarnen.

Aber schmunzeln musste ich wegen etwas anderem. Wie kann eine negative Kraft jemanden gefährden, dessen innere Transformation über positiv und negativ hinausgegangen ist? Im Angesicht von Ich bin Shiva, wie kann da so etwas von Belang sein? Das ist es, was die innere Unruhe zuerst einmal beherrschbar macht und später auch zu Ende bringt. Erinnert ihr euch noch an die Aufgabe, die der Meister und Mathematikprofessor Swami Ram Tirth seinen Schülern stellte? Eine Linie kürzer machen? All diese Sorgen um negative Kräfte von außen, die man ausblenden, abschaffen, ausmerzen sollte, sind nur die Versuche, an der ersten Linie rumzumachen.

Für Yogis, die durch den Segen des Meisters, durch den Segen der Kundalini Shakti, entdeckt haben, dass diese Linie nur dann kürzer wird ohne sie zu berühren,wenn man eine längere unter die erste Linie zieht, sind negative Energien kein bedeutungsvolles Thema mehr. Im Gegenteil, sie entdecken den wahren Gang der Welt, in sich, und in den Projektionen des Egos.

Manchmal, wenn ich Nachrichten höre, mit all den terroristischen Gräueltaten, mit territorialen Kriegen um hier ein wenig vom Planeten Erde und dort ein wenig davon, kann ich nur lauthals lachen. Nicht, weil mir das große Leid der Menschen gleichgültig ist, sondern weil diejenigen, die dieses Leid verursachen, derart lächerliche Erscheinungen sind. Die Erde, verglichen mit uns ein riesiger Planet, ist überall auf ihr einfach die Erde. So dumm zu sein und zu meinen, dass im Schnitt 70 Jahre lebende Menschen ein Stück davon ihr eigen nennen können, ohne lächerlich zu wirken, kann nur mit der sehr einfach gestrickten Natur des Egos erklärt werden. Das mutet an wie ein Streit zwischen 10 meiner Darmbakterien mit 10 anderen, die in unmittelbarer Nähe in der gleichen Darmfibrille zugange sind, um die Herrschaft über dieses winzig kleine Stück meines Darms.

Mein Vater vermutete ja, dass die Erde, genauso wie wir, ein Lebewesen ist. Wie würde sich diese Erde schütteln vor Lachen von all diesen ulkigen Machenschaften! Alles ist sie: die Panzer, die ein Stück Land besetzen, das Land auf der einen Seite der Grenze, das auf der anderen, die Menschen, alles, was sie besitzen können, ihre Kinder und Nachkommen. Und die streiten sich über Dinge, die ihnen gar nicht gehören.

In seinem Buch „Spiel des Bewusstseins“ schreibt mein Meister ein Kapitel über Entsagung, ein, wie meine, sehr lustiges Kapitel. Wenn man es dann durchgelesen hat und der wunderbare Geschichte vom König Shikhidvaja und seiner Königin Chudala gefolgt ist, stellt man fest, dass des Königs Irrtum der Irrtum all dieser Leute ist, die heutzutage zu entschlossen Land „erobern“ oder „verteidigen“. Entsagung ist nichts weiter als die Einsicht, dass die Idee von „Gehören“ und „Nicht-Gehören“ zu den wirklich unintelligenten gehört und durch ein klein wenig Nachdenken schon ad absurdum geführt wird.

Für uns Yogis sollten diese Worte („das gehört mir“, „das gehört nicht dir“) nichts weiter als gewohnheitsmäßige Floskeln sein, deren lächerliche Bedeutung uns natürlich ganz klar ist, die wir benutzen, weil das in unserer Welt so üblich ist, die wir aber innerlich keine Sekunde mehr als wahr erleben.

Seht euch an, wie sich diese Leute aufspielen, in ihrer Wichtigkeit und Entschlossenheit! Wie kann man, wenn man ein gewisses Alter überschritten hat, Dinge anhäufen, die einem kein Mehr an Lebensgenuss mehr bringen können, weil es einfach zuviel ist? Auf dieser Welt ist genug da, dass wir alle unseren Spaß haben können. Niemand muss jemand anderem etwas wegnehmen, um mehr Erfüllung, mehr Spaß zu haben. Nur diese unsägliche Identifikation mit dem Ego lässt Menschen derartige Spinnereien ausbrüten, die zu Kriegen und Terrorakten führen. Es gibt eine herrliche Geschichte von Lew Tolstoi mit dem Titel „Wie viel Erde braucht der Mensch?“ Wirklich lesenswert!

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Stolperfallen

gibt es so einige auf dem Weg.

Was mich viele Jahre bedrückt hat, war die Tatsache, dass ich so viele ergreifende Wahrheiten gehört habe, wirklich überaus barmherzige Anleitung von meinen Meistern empfing, aber dann, in schwierigen Momenten, wenn das Leben selbst, so schien es mir, meinen ganzen Yoga mit allen möglichen Schwierigkeiten herausforderte, versagte ich. Ich konnte nicht anwenden, was man mir so liebevoll vermittelt hat.

Ich taumelte manchmal von Trauer über meine Borniertheit, über Zweifel an meiner Fähigkeit den Weg ernsthaft zu gehen bis hin zu tiefer Verzweiflung und der Angst, dass meine Meister mich einfach als hoffnungslosen Fall aufgeben würden. Ich wartete immer auf den Brief oder öffentliche Ansagen, „vergesst vamdev, der wird das nie lernen.“ Viele Briefe kamen. Aber keiner sagte so etwas. Heute, im nachhinein, kann ich sagen, dass sie voller Liebe waren, auch wenn sie manchmal Ermahnungen enthielten.

Oft höre ich, dass es vielen auf dem Weg so geht. Dass man etwas ganz verstanden hat, und es auch in vielen Situationen schon erinnern kann, aber dann, wenn es wirklich wichtig und schwierig wird, funktioniert alles Gelernte nicht. Wir haben das Gefühl, dass immer noch alles beim Alten geblieben ist. Wer wirklich auf dem Weg ist, wird daran dem Weg und dem Meister nicht die Schuld geben. Allerdings sind diese Stolperfallen wie eine Art Bewährungsprobe für Yogis, die den Weg noch nicht genug verstanden haben, um ihn nie mehr verlassen zu wollen. Diese Menschen machen mit der Zeit sogar den Weg verantwortlich dafür, dass ihr Leben schwierig zu sein scheint und nicht so läuft, wie sie es sich vorstellen.

Aber auch wenn du genug weißt, um den Weg nicht mehr für deine Lebensprobleme verantwortlich zu machen, dem Meister nicht mehr vorwirfst, dich in problematischen Angelegenheiten allein zu lassen, läufst du Gefahr, an dir selbst und deiner Fähigkeit, Yoga zu praktizieren, tief zu zweifeln und zu verzweifeln. So ein wenig Zweifel ist ja gar nicht so schlecht, aber das meine ich hier nicht. Ich meine, dem tiefen Selbstzweifel in die Falle zu gehen, weil man den natürlichen Entfaltungsprozess im Yoga nicht so richtig begreift.

Es ist gut zu wissen, dass yogische Entwicklung wie eine Art Aufschaukeln stattfindet. Du lernst etwas, begreifst es schließlich auch und wendest es selbstverständlich möglichst oft an. Das klappt anfangs nur bei einfachsten Situationen, nur da hat man noch keinerlei Erwartungshaltung und so fühlt sich das schon ganz gut an. Aber dann, mit der Zeit, erwartet man viel mehr von sich, erhofft man mehr vom Weg, vom Segen des Meisters, von der Weisheit der Schriften.

Da es kein Durchfallen, kein endgültiges Scheitern gibt auf dem Yogaweg, ist es doch nicht weiter schlimm, dass man länger braucht, bis man schwere Situationen leichter mit yogischer Weisheit meistert. Und dann kommen die zentralen Herausforderungen, Essen zum Beispiel, Beziehungen, elementar daher kommende Wünsche. Wir können dabei zusehen, wie wir uns verstricken, immer mehr. Wir scheinen den Ausstiegspunkt weder zu erfahren noch all die uns so vertrauten Methoden anwenden zu können, um von der Verstrickung, die wir erfahren, wieder lassen zu können.

Viele suchen dann das Scheitern in solchen Augenblicken zu beschönigen mit irgendwelchen „Begründungen“. „Ist es nicht menschlich, wenn man da noch Probleme hat“, oder „das ist doch meine Familie, soll ich auf einmal gleichgültig sein?“ und so weiter und so fort. Was ist eigentlich so problematisch zuzugeben, vor sich (und gegebenenfalls auch vor anderen), dass man etwas noch nicht kann? Es gibt nur einen Grund dafür: Pseudo-Errungenschaft, die (falsche) Vermutung, dass die Zahl der Jahre, die man jetzt schon Yoga praktiziert, die Intensität, mit der man dabei ist, doch jetzt langsam „anschlagen“ müsste.

Aber wenn du diese Missverständnisse nicht hättest, dann würdest du keine Probleme mit dieser Art der Entwicklung haben. Du würdest erkennen, dass du da halt noch Übungsbedarf hast. Und nicht einmal das ist notwendig. Du machst einfach weiter. So wie ein kleines Kind, das mit 13 Monaten das Laufen lernt, nicht plötzlich Zweifel an seiner Lauffähigkeit bekommt, nur weil des Nachbars Tochter schon mit neun Monaten das Laufen gelernt hat. Also, freu dich über deine Entfaltung, sei dankbar für sie, für die Geschenke des Wegs. Dafür gibt es mindestens so viele gute Gründe wie für das nagende Gefühl der Unzulänglichkeit.

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Alles ist in dir?

Immer wieder höre ich das. „Jetzt weiß ich, dass alles in mir ist.“

Ja, und was nützt dir diese Erkenntnis? Wie bringt dich das weiter? Gut, es ist eine wesentliche Einsicht, die dich davon abhalten könnte, zu hoffen, dass es nur eine Frage des richtigen Berufs, des richtigen Partners, des richtigen Ortes, des richtigen Weges, der richtigen Finanzlage ist, glücklich zu sein. Dann ist die Hoffnung also zerstört. Aber wie kommst du von diesem Wissen dahin, zu erkennen, wer du bist, das Glück in dir zu finden?

Es ist ein wenig wie die Feststellung: Ich habe Hunger. Gut, das wissen wir jetzt und dann? Auch wenn das eine bahnbrechende Einsicht sein man, ist sie doch nichts weiter als ein Satz, vielleicht auch eine zutreffende Beschreibung von dem, was ist.

Aber wenn du dann nichts weiter unternehmen kannst, weil du nicht weißt wie, dann nützt das reichlich wenig.

Wie gesagt, das habe ich von vielen Menschen gehört, und meist ist damit eine andere Aussage gemeint. „Da alles in mir ist, brauche ich mir auch von niemand etwas sagen zu lassen.“ Es ist der triumphale Schachzug des Egos, das nicht ablassen will von dem Status Quo. Es ist in seiner Herangehensweise wie ein Mensch, der in einem brennenden Haus am Fenster steht, unter ihm haben Feuerwehrleute in geübter Manier ein kuscheliges Sprungtuch aufgespannt und fordern den Mann im Fenster auf, zu springen. Die Flammen verbrennen schon sein Haar und die Hitze ist völlig unerträglich. Aber in seiner Angst vor dem Sprung schreit er und ist wie gelähmt. Jetzt hat der Arme einfach Glück, ein sehr mutiger Feuerwehrmann läuft nochmals in das Haus, durch die Flammen und schubst ihn aus dem Fenster. In Todesangst schreit er und fällt weich ins Tuch. Und was tut er da? Voller Wut und Angst zugleich droht er seinem Retter mit dem Rechtsanwalt.

Er ist wie unser berühmter Sheikh Nasrudin: Er war gerade mit seiner Frau Fatima ins Bett gegangen, als beide vor dem Fenster einen Schatten sehen, der vorbeihuscht. „Hast du das gesehen,“ flüstert Fatima voller Angst. „Und wie ich das gesehen habe,“ flüstert Nasrudin zurück. Er nimmt all seinen Mut zusammen, greift sich das Gewehr aus dem Schrank neben dem Bett und stürmt in den Garten. Es ist still. Dann ein lauter Schuss. Wieder still. Dann kommt Nasrudin, leichenblass und zitternd wieder ins Schlafzimmer zu Fatima. Entsetzt ruft sie: „Oh Nasrudin, was ist denn passiert?!“ Mit schwerer Stimme fragt Nasrudin zurück: „Weißt du, was das draußen war, das ich da erschossen habe?“ Fatima ist außer sich. „Um Gottes willen, du hast jemanden erschossen?“ Nasrudin spricht mit Grabesstimme: „Ja, mein Hemd.“ Voller Erleichterung lacht Fatima, „ach so! Gottseidank, dann ist ja nichts passiert.“ Zitternd, voller Grauen sagt Nasrudin: „Nichts passiert? Ich hätte doch in dem Hemd sein können!“

Obwohl unser Irrtum, zu glauben, dass wir eine Funktion unserer Psyche, das Ego, sind, nur Leid, ja, alles Leid in unserem Leben verursacht, wehrt sich unser Ego gegen jegliche Veränderung und Verringerung seiner Pseudokontrolle. Es wehrt sich gegen und verbittet sich Belehrungen jeglicher Art. „Alles ist doch in mir“ und „ich bin Shiva“ sind für das Ego perfekte Entschuldigungen, um sich nicht hinzugeben, um nicht zuzuhören, um sich nicht anleiten und nicht führen zu lassen. Oh wie erfinderisch unser Ego ist! Wie kreativ im Missverstehen tiefster Wahrheiten und Lehren der Meister! Manchmal ist es witzig anzusehen, wenn man sein Wirken in sich selbst beobachten kann (und noch „lustiger“ wird es, wenn dir dein Ego mit absoluter Präzision das Ego der anderen zeigt!)

Alles ist in dir, ja, und dann brauchst du jemanden, der dir den Weg zeigt, wie du das alles erfahren, integrieren kannst. Solange du dir die Methoden, die Lehren und die Lehrer raussuchen kannst, um dein Portfolio von Erkenntnissen auszubauen und abzurunden, gibt es keine Erkenntnis, und das nicht nur auf dem Yogaweg. Es gibt schon zunehmende Informationsanhäufungen, das ist klar. Es entsteht dadurch auch das Gefühl, immer mehr zu wissen, immer weiter zu kommen, dich dem Ziel von Vollkommenheit immer weiter anzunähern. Aber das ist eben nur das Gefühl, nicht Realität.

Alles ist in dir! Das ist keine Erkenntnis, die in dir aufsteigt, als Gegenrezept von gurur upayah: Der Guru ist das Mittel. Es mag die Lehre deines Meisters sein, der dich damit drängt, deine Hoffnungen auf Glück im Außen aufzugeben. Aber wenn mir jemand sagt, „ich brauche doch keinen Meister, wenn alles, was ich je finden kann, in mir ist“, dann ist klar, was geschieht.

Und noch etwas. Einmal hat mir jemand gesagt, nach immer wiederkehrenden Ausbrüchen von „von dir lass ich mir nichts sagen“, „ich glaube, ich bin jetzt bereit für Unterweisung“. Was soll ich dazu sagen? Du „glaubst“? Und überlegst es dir dann vielleicht doch wieder anders, wenn es einmal nicht nach deinen Wünschen geht, wenn alte Prägungen Gegenwind spüren? Es müsste heißen: „Ich bin bereit.“ Das genügt.

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Eingeordnet unter Yoga-Verständnis

Die Worte, die verwandeln

Meine Meisterin gibt seit Jahren so etwas wie eine Botschaft aus für das neue, kommende Jahr. Ich war vor langer Zeit in Indien dabei, wo diese Tradition ihren Ursprung nahm, als jemand aus dem Publikum fragte, a, kurz nach Mitternacht, am Ende unserer Neujahrsfeier, ob sie uns nicht eine Botschaft für das Neue Jahr mitgeben könnte.

Heute, mit moderner Technologie, geht das sogar über das Internet über Live Stream und zum Nachhören. Was mich erstaunt an den Worten, an den Lehren der Meister, ist, dass sie eine derartige Bandbreite von Schülern führen und inspirieren können, wie das bei meiner Meisterin der Fall ist. Etliche von uns hat sie sozusagen ererbt von ihrem Meister, dann kommen Menschen zu ihr, die zum ersten Mal etwas mit Yoga zu tun bekommen. Alle lernen, können sich weiter entfalten.

Ich finde es so schade, dass es in unserer Kultur nicht mehr die Institution der spirituellen Meisterschaft gibt. Wenn jetzt jemand meint, ich läge da falsch, dann liegt das wohl daran, dass nicht klar ist, was einen Meister wirklich auszeichnet. Und sogar viele Schüler von echten Meistern vergessen das auch wieder im Laufe der Zeit, dichten dem Meister ihre eigenen Unzulänglichkeiten an, unter dem Mantel des Menschlichen. Kann man ja verstehen, die sind ja auch nur Menschen. Na denn!

Für uns ist es schier unvorstellbar, dass es unter Menschen Vollkommenheit geben kann. Zu sehr ist unser Ego in der Lage, schnell und unleugbar zu beweisen, dass wir Menschen einfach unzureichend sind, milde ausgedrückt. Und so finden wir uns ab mit diesem allzu menschlichen Gewöhnlichen, mit Größe, die nur die eigenen Abgründe bedeckt, mit angelesener Weisheit, mit pseudoheiligen Worten, mit scheinbar liebenswürdiger Nachsicht und einer Vorsicht, die dem Wandeln auf rohen Eiern gleicht, nur damit uns niemand zu Nahe tritt, weil wir das auch nicht tun.

Dann ist da der Guru, der die Fahne des wahren Möglichkeiten des Menschseins hochhält, der sich nicht beeindrucken lässt von unserer Überzeugung von Mickrigkeit, der unnachgiebig den Weg zeigt und in uns unsere eigene Transformation vorantreibt.

Als Schüler ist es natürlich, von den Worten des eigenen Meisters berührt zu sein, sie tief in sich einzulassen. Wenn ein Mensch die Rolle des Schülers eines Gurus annimmt, dann erteilt er, bewusst oder unbewusst, diesem Meister weitreichende Vollmachten, die aber jederzeit widerrufbar sind, was ja auch viele immer wieder tun. Meist liegt das daran, dass ihnen nicht klar ist, was das für eine Verbindung zwischen Meister und Schüler ist, was ein Schüler ist, was ein Meister ist und wie sie zusammenwirken.

1986 hat mir meine Meisterin einmal gesagt, ich solle ein Buch schreiben über den Guru, aber ein gesellschaftspolitische Buch, kein spirituelles. Denn alle Probleme der modernen westlichen Gesellschaft und vor allem auch die Probleme, die wir so freizügig in den Rest der Welt exportieren, stammten vom Ego, über dem kein Meister mehr steht. Die große Sehnsucht der Hingabe, die nur ein Guru stillen kann, versuchen wir in Arbeit, in Beziehungen, in Besitz und Macht zu beruhigen. Wie aber soll das gelingen? Eine Kultur ohne Meister ist wie ein Huhn, dem der Kopf abgeschlagen wurde. Es macht noch ein paar wilde Bewegungen, aber sein Leben ist in Wahrheit schon zu Ende.

Die Worte eines Gurus haben die Kraft zu verwandeln, von innen heraus, wenn man das zulassen kann. Was haben wir denn schon zu verlieren? Unsere Unabhängigkeit? Und woraus besteht die bitte? Dass wir immer mehr und ungebremst unseren Prägungen anheim fallen?Dass wir ertrinken in Wünschen und Gelüsten, im Immer Mehr des Immer Mehr?

Viele Menschen auf den geistigen Wegen, wenn man das überhaupt so nennen kann, verschanzen sich hinter zusammengeschusterten Gruppen von Lehrern, denen sie dann als Gesamtheit Guruqualitäten zuschreiben. Ein Einlassen ist so erfolgreich verhindert. Das eigene Ego ist immer noch Dirigent und Orchester und Kritiker in einem. Nichts Wesentliches kann passieren, zumindest nicht, was durch die Guru-Schüler-Beziehung möglich war.

Du magst dich jetzt fragen: Wie kann der das alles nur so (frech) behaupten? Nun, das Ego ist entweder am Drücker oder es ist es nicht. Ohne Guru wird es seine Vormacht nicht aufgeben. Wie sollte es auch? Kann mir das jemand erklären, der meint, das ging auch ohne? Alles Liebe

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