Schlagwort-Archive: Studium

Freude ist IMMER eine Alternative

Vor etlichen Jahren war ich dabei, aus den USA nach Deutschland zurückzukehren. Ich verbrachte meine letzten Tage bei meiner Meisterin und war im Ashram mit meiner Tochter unterwegs. Da sah ich sie aus ihrer Wohnung kommen, einen langen, langen Gang entlang, ein paar Treppen hoch, zu meiner Tochter und mir. Ich war ganz und gar beschäftigt mit meiner Trauer, weil ich meine Tochter zurücklassen würde und mit meiner Sorge um ihr Wohlergehen. Dieses Gefühl hatte mich wie eingedunkelt. Und genau in dieser inneren misslichen Lage kam sie, meine Meisterin, von weitem für mich sichtbar, unvermeidbar auf mich zu. Ich wollte ihr so sicher nicht begegnen, genierte mich (was schon fast lustig anmutet!) in meinem Zustand vor ihr, aber ich konnte einfach nicht von ihm lassen. Ich versuchte, irgendeine Türe zu öffnen, zur Cafeteria, zum Buchladen, zum Tempel, um ihr so aus dem Weg zu gehen. Aber alle waren verschlossen, und sie kam beschwingt und freudvoll auf mich zu.

Meine Tochter war neben mir und freute sich so sehr, meine Meisterin zu sehen, dass sie hüpfend und tanzend auf sie zulief und sie voller Schwung umarmte. „Wie geht es dir?“ rief meine Meisterin meiner Tochter begeistert zu, die mit gleicher Begeisterung „sehr gut“ rief. Und im gleichen Ton und voller Freude fragte sie auch mich, der ein paar Schritte entfernt stand, mit meinem kläglichen Versuch, irgendwie in der Mauer zu verschwinden: „Und dir? Wie geht es dir?“ Mehr als ein gemurmeltes „nicht so gut“ brachte ich nicht raus.

Das muss man sich einmal vorstellen: Es war, was ich damals nur ahnte, bis heute das letzte Mal, dass ich ihr von Person zu Person begegnete.  Und ich war so besetzt von meinen intensiven Gefühlen. Zuerst ging sie an mir vorbei, fast ein wenig hüpfend wie meine Tochter, dann wirbelte sich herum und sah mich intensiv an und sagte: „DU, gerade DU solltest nicht so sein!“ Mir war sofort „klar“, dass sie meinte, ich sollte nicht so fühlen und so entschuldigte ich mich bei ihr, ziemlich erschrocken. Dann stand sie vor mir, fast etwas ungeduldig und schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, nein!“ Dann wandte sie sich an ihre Sekretärin, eine 25-jährige Inderin und sagte gleichzeitig zu ihr und zu mir: „Ihr solltet euch treffen und miteinander reden.“ Dann ging sie weiter. Ihre Sekretärin blieb bei mir, und wir machten einen Termin aus.

Vieles kam bei diesem Treffen zur Sprache. Heute, aus der zeitlichen Distanz betrachtet, war das eines der Schlüsselerlebnisse auf dem Weg für mich. Es war eine großartige Kurskorrektur, fein, klar, kraftvoll. Eine Kurskorrektur hin zu mehr Selbstliebe: Die junge Frau sagte mir, meine Meisterin hätte einmal gesagt: „Von allen Menschen, mit denen du Zeit verbringst, verbringst du die meiste Zeit mit dir. Du musst mit dir die engste Freundschaft schließen“, wie das im Yoga immer der Fall ist.

Was ich heute sagen kann, ist, dass Freude immer eine Alternative ist, zu allen anderen Gefühlslagen. Schwere, Bedeutung, Wichtigkeit, Ernsthaftigkeit – das sind in scheinbar schwierigen Lebenslagen die Gegenspieler der Freude in uns. Aber es ist möglich, sie außer Acht zu lassen. Meine Meisterin lud mich damals dazu ein, um der Freude des Augenblicks willen, meine Sorgen fallen zu lassen. Was ich nicht konnte. Noch nicht.

Sehr gut kann ich verstehen, dass viele Yogis auf dem Weg das Gefühl haben, dass Freude sicher NICHT immer eine Alternative ist, weil das Leben eben manchmal zu bedrückend, zu sehr eine Herausforderung ist. Menschen, die Yoga nicht praktizieren, würden sogar denken, dass wir den Ernst des Lebens leugnen wollen. Aber das ist nicht so.

Es geht immer wieder um die gleiche Einstellung: ich kann mit allen Gefühlen als Gefühle umgehen oder als deren Inhalte. Auf der Inhaltsebene muss ich mir quasi die Gründe für die Gefühlslage, die ich verändern möchte, ausreden. Und je nach dem, wie lange diese Gefühle in mir ihre Kreise gezogen haben und mich damit in ihren Bann gezogen haben, ist das wahrhaftig ein schwieriges Unterfangen.

Aber wenn es mir mit der Zeit (durch Meditation, durch Mantra, durch Studium) gelingt, Gefühle als Gefühle zu erfahren, in mir, wird Freude die vorrangige Alternative zu einem Zustand, wie ich ihn damals erlebt habe. Ich wusste sehr wohl, dass ich darin gefangen war, in dieser düsteren Gefühlslage … aber eben diese Gewissheit hat es mir auch unmöglich gemacht, im Angesicht der Freude und Leichtigkeit meiner Meisterin meine Gefühlslage zu ändern, der Realität ihrer Freude zu folgen.

 

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Der Yoga der Emotionen, Der Yoga der Erkenntnis, Der Yoga der Schülerschaft, Yogische Erlebnisse

Der Unterschied zwischen Wiederholung und Vertiefung

Wer aufmerksam den Blog hier liest, hat sicher schon festgestellt, dass sich viele Themen auf verschiedene Weise wiederholen. „Dem vamdev fällt halt nicht mehr ein“, könnte man rückschließen. Aber wer sich genauer damit befasst, der begreift, dass dem nicht so ist.

Auf dem Yogaweg, so hat das der große Meister aus dem 8. Jh., Shankara, beschrieben, gibt es drei Stufen, mit Wissen umzugehen: shravana, manana und nidhidhyasana. In Indien ist das sowieso klar, dass Lesen, Zuhören, Aufnehmen ALLEIN sicher nur zu intellektueller „Abfütterung“ führen, wo man dann einfach irgendwann einmal richtig satt ist. Die Amerikaner nennen das „been there, done that, bought the t-shirt (war da, hab mitgemacht und mir das T-Shirt gekauft)“.

Es geht auch nicht um einfaches Erlernen der Übungen, der Grundsätze, der Inhalte. Die Meister haben mit allen Möglichkeiten versucht, diese intellektuelle Festplatten-Speicher-Lernerei (möglichst viel raufkopieren, und jeder Zeit genauso abrufen können) durch kryptisches Schreiben zu verhindern. Man lernte Sutras auswendig, nicht damit man keine Bücher mit sich rumschleppen musste, sondern weil man damit deren Inhalt immer wieder in sich wenden, bedenken, vertiefen konnte.

Wissen auf dem Yogaweg ist ein kleiner Teil. ERKENNTNIS braucht zwar Wissen, aber es muss durch stete Wieder-Herholung verdaut werden. Und ein paar Kurse, um sich die Info reinzuziehen, sind da ganz sicher nicht genug. Oder ein Buch lesen, dann nochmals, und dann weglegen und denken, ok, das habe ich jetzt intus. Nein, das genügt noch lange nicht.

Wissen führt nicht zu dem, was der yogische Prozess verspricht: zu Freiheit, zu Ich bin Shiva. Ein Lehrer meines Meisters hat einmal gesagt: Eine effektive Art, die Lehren zu studieren, ist sie immer und immer wieder aufzunehmen. Er sagte, die Worte der Meister wären wie heilige Texte mit unendlichen Bedeutungsebenen. Was für eine präzise Art, das zu erläutern! Er sagte auch, dass man die Lehren des Meisters nicht benutzen sollte, wie das sicher viele tun, um sich in ihren Worten die eigenen Voreingenommenheiten zu bestätigen.

Shravana bedeutet zuhören, genau zuhören, aufnehmen, oder auch lesen. Dann muss aber manana folgen, und das ist ein interessanter geistiger Vorgang. In unserer Sprache und Kultur kommt dem das Wort „Kontemplation“ am nächsten. Was bedeutet das? Rumhirnen, wie die Schweizer das nennen? Psychologisches Brüten, wie das ein anderer Schüler meines Meisters einmal nannte? Ich erlebe das wie ein gezieltes Kreiseln um eine Lehre, die mich gerade beschäftigt, wie zum Beispiel: „na shivam vidyate kvacit“ (es gibt nichts, was nicht Shiva ist).

Ich lasse mich davon erfüllen, aber das ist, auch wenn es der Sprache nach nicht so klingt, ein aktiver Prozess, den ich immer wieder anstoße. Manana führt zu einer tiefen Verwandlung deiner Art zu denken, und dann schließlich auch deiner Welterfahrung. Denn, und um das zu wissen, muss man nicht auf dem Yogaweg sein, deine Lebenserfahrung fußt auf immer wieder gehegten Gedankengefühlen.

Die „Kenn-ich-schon“-Haltung führt dazu, dass dein Weg austrocknet, und das schon nach relativ kurzer Zeit! Vergesst euer Studium und euren Mathe-Unterricht! So kann man Yoga nicht „lernen“.

Denn zu manana kommt auch noch nidhidhyasana, das Ins-Leben-bringen der Lehren der Meister. Man könnte es auch als ein Ins-Leben-Ausgießen beschreiben, es geschieht natürlich, aber es ist trotzdem eine sehr feine, subtile Art, deine Entschlossenheit einzusetzen, aufmerksam zu bleiben. Es bedeutet auch nicht, die Lehre sozusagen in dein Leben zu pressen, sie zurecht zu schneiden, ein Plätzchen für sie finden, irgendwo, unter all den ganz wichtigen Dingen des Lebens. Viel mehr bedeutet das, zu erkennen, dass das Leben dein Ort der tiefen inneren Transformation ist, die notwendig ist, um Yoga zu erfahren.

Wer das auch nur ein wenig versteht, weiß, dass unser Wort „Studium“ nur begrenzt diese yogische Entwicklung beschreiben kann. Sie geht weit über das hinaus, was wir mit „Studium“ verbinden.

Eine gute Zeit allen Leserinnen und Lesern!

5 Kommentare

Eingeordnet unter Der Yoga der Stetigkeit auf dem Weg