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Verführerische Vielfalt

Sehr eigenartig mag dieser Text, der jetzt folgt, für manche erscheinen, die den Weg noch nicht als Weg begreifen. Alle die bitte ich, sich zumindest der Möglichkeit zu öffnen, dass hier etwas zu lesen ist, was früher oder später in der eigenen geistigen Entwicklung von Bedeutung sein könnte.

Schon seit vielen Jahren begleite ich Menschen auf dem traditionellen Yogaweg, wie ich ihn über meine Meister kennengelernt habe. Normalerweise würde ich das, worüber ich jetzt schreibe, nur in meinen Kursen erläutern. Da kann man nachfragen, von Angesicht zu Angesicht, und so zu Klarheit gelangen, zumindest für eine gewisse Zeit. Aber manche Eindrücke bestärken mich darin, darüber jetzt hier zu schreiben.

Wie so oft denke ich an die Worte meines Meisters, der sagte, dass dieser (Yoga-)Weg nichts für Menschen ist, die eine schwache Psyche und ein schwaches Herz haben. Damit meinte er nicht das physische Herz, sondern dein emotionales Gewand. Und was eine schwache Psyche ist, das lernte ich erst mit den Jahren verstehen.

Lass dich nicht verführen von den vielen Wegen und Pseudowegen, von den vielen Begriffen und Traditionen! Bleibe einfach in deiner Sicht, in deiner Praxis, in deinem Verständnis. Lerne, ganz klar zu unterscheiden, was von dem bei uns sehr reichhaltigen Angebot von „Spiritualität“ (in Anführungszeichen deshalb, weil das meiste sicher nicht das Papier wert ist, auf dem es gedruckt ist) wertvoll für deinen Weg ist und was nicht. Im Yoga heißt diese Fähigkeit Urteilsvermögen, viveka.

Viveka ist nicht gerade angesagt in einer Kultur, in der nur wenig filternde Meister diesen Sumpf der Meinungen, Lehren und Marketingstrategien für ihre Schüler sichten und ausmisten. Aber ohne viveka wirst du nur schwer erkennen, wie du auf dem Weg am besten dein Verständnis, deine Praxis vertiefen kannst. So viel scheint möglich, so reichhaltig ist das Angebot. Es erscheint fast als übermäßig schlicht daherzukommen, wenn gesagt wird, dass man am besten nur einen Weg, ein Mantra, einen Guru verehren sollte. Die Vielfalt ist, und das habe ich jetzt wirklich oft genug erlebt, verführerisch, unsinnig und überhaupt nicht hilfreich.

Das ist in keiner Weise eine Verurteilung anderer Wege. Denn natürlich gibt es unter den vielen Schwachsinnigkeiten auch Perlen, Wege, die genauso sauber sind, wie der, den ich gehe und vermitteln kann. Aber für dich, für den Menschen, der einen Weg geht, sind auch diese echten Wege nicht vorteilhaft. Jeder Meister, jede Tradition hat auch ein wenig ihre eigene Sprache, ihre eigenen Vorgehensweisen. Das Eine kann man meistens nicht auf das Andere übertragen.

Mein Meister hatte viele Schüler, und es war klar, dass Einige von ihnen den Weg auch zu Ende gegangen sind. Viele taten so als ob, aber Einige waren schon zu seinen Lebzeiten (ein eigenartiges Wort für einen Meister :)) selbst Meister, mit seinem ausdrücklichen Segen. Auch ihre Lehren hatten zu tun mit ihrer Persönlichkeit und nicht alles, was ich von meinem Meister kannte, entsprach dem, was sie lehrten.

In der Guru Gita heißt es (Vers 168): eko deva eka dharma, eka nistha param tapah. Ein Gott, ein geistiges Gesetz, eine innere Einstellung, das ist die höchste Bemühung. Lange habe ich das nicht so richtig verstanden, denn ich hatte das Glück, sehr unbedarft auf den Weg zu kommen. Es bestand keinerlei Grund für mich, mehrere Wege gleichzeitig auszuprobieren. Ich war beschäftigt genug, den einen irgendwie zu begreifen und zu verdauen. Und ich erkannte früh, dass mein Meister durch viele Zitate aus anderen Schriften in genialer Weise uns beim Weiterstudium über seine Bücher und Vorträge hinaus anleitete.

Es gibt einen unglücklichen Zustand, den Menschen erleben, die zu viel von zu vielen Traditionen ausprobieren, vermutlich in der Hoffnung, den Weg noch intensiver, noch schneller gehen zu können. Diesen Zustand bezeichnete mein Meister als spirituellen Dauerdurchfall, eine Art geistiger Verwirrung, die manchmal wirklich so verrückt macht, dass man nicht mehr ein noch aus weiß. Glaubt mir, dass ist nicht irgendein exaltierter Zustand, nicht eine vollständige Öffnung in kosmische Dimensionen, sondern nur schlicht und einfach eine gefährliche Verwirrtheit.

Lass all das. Wenn mein Meister bestimmte Teile, zum Beispiel der Kularnava Tantra zitierte, weil sie seiner Meinung nach die Meister-Schüler-Beziehung recht gut beschreibt, dann bedeutete das nicht, dass alles, was in dieser zum Teil sehr, sehr skurrilen Schrift steht, studiert werden sollte. Sicher nicht. Aber das hat er nicht eigens betont. Da brauchtest du viveka.

Verständnis im Yoga ist nicht zu verwechseln mit der Pandit-Gelehrsamkeit, die indische Gelehrte gerne an den Tag legen. Ihnen geht es oft auch um die möglichst besondere Zurschaustellung ihres umfangreichen Wissens und ihrer textlichen Präzision. Aber für Yoga-SchülerInnen ist das nicht wichtig. Es geht nur, nur, nur um den Weg. Man möge mich jetzt für einen engstirnigen Yoga-Tyrann halten oder was auch immer (habe da noch viel Schlimmeres gehört), das ist mir egal.

Wenn du Wissen ansammeln willst, dann studiere Politik, Physik, was auch immer, irgend eine handwerkliche Fähigkeit, eine Sprache (nicht unbedingt Sanskrit). Wenn du meinst, dass der Weg deine Psyche nicht mehr auslastet, dann mach irgendetwas. Aber missverstehe das nicht als Offenheit für andere Wege, als Auftakt zu Ausflügen in andere geistige Gefilde. Diese „Langeweile“ mit dem dir möglicherweise ja so vertrauten Weg ist ein Teil der sadhana, der inneren Reinigung. Wenn du das spürst, dann lese die Bücher deines Meisters noch intensiver, immer wieder das Gleiche.

Du musst deine Psyche sauberhalten. Wenn Gedanken und Gefühle zu intensiv werden, dann merke das und wiederhole dein Mantra. Wechsle dein Mantra und deine Methoden der Meditation und des Studiums nur, wenn dir das dein Meister (bitte denke daran, dass ich das Wort „Meister“ nicht männlich oder weiblich meine, sondern nur als „Berufsbezeichnung“ und mir gerne das der/die –In sparen möchte.) sagt. Sonst bleibe immer bei der gleichen Praxis. Wenn du Sehnsucht nach Abwechslung hast, dann fahre immer wieder an einen anderen Ort in den Urlaub, wechsle deine Lieblingsrestaurants, deine Wohnung, dein Land, deine PartnerInnen (wenn damit nicht nur dein Stresspegel steigt), aber lass deine innere Unruhe, die nach Abwechslung sucht, nicht an deinem Yogaweg aus.

Die Tatsache, dass es auch andere, reine Wege gibt, heißt noch lange nicht, dass du sie alle beschreiten kannst, solltest oder musst. Glaub mir, dazu lebst du viel zu wenig lang. Du kannst froh sein, wenn du nach vielen Jahren, mit aller Unterstützung deiner LehrerInnen, deiner Meisterin, der Kundalini Shakti, einen Anflug von Verständnis hast, worum es geht auf dem Yogaweg. Und vielleicht auch, welchen Zustand jemand hat, von dem der Weg sagt, dass er Siddha ist, vollendet.

Es gäbe noch so viel mehr dazu zu schreiben, aber dafür fehlt mir die Zeit. Unser Sprachgebrauch im Deutschen kennt nicht umsonst das Sprichwort: Schuster bleib bei deinen Leisten. Genau, bleib bei EINEM Weg, und mach ihn zu deinem. Wenn dir das jetzt doch etwas zu eng und zu schlicht erscheint, dann wisse, dass diese Worte nicht für dich geschrieben worden sind.

 

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Im Angesicht

des sicheren Todes eines jeden Menschen ist das Leben absurd. Zielstrebigkeit, die Fähigkeit zu planen, das Gegenwärtige in die Zukunft zu projizieren sind schwerlich ernst zu nehmen, wenn man bedenkt, dass das Ende unseres Lebens in diesem Körper völlig unabhängig von allem ist, was wir im Leben für wichtig halten können.

Noch niemand hat wegen noch nicht zu Ende geführter Projekte Aufschub erhalten, so viel ich informiert bin. Dicke sterben genauso wie Dünne, Reiche wie Arme gleichermaßen. Wenn deine Zeit abgelaufen ist, dann nützt all dein Reichtum nichts mehr, all deine Intelligenz, dein Tatendrang und dein Ansehen bei anderen Menschen. Ihren Körper haben bisher noch alle verlassen, die in einem gewohnt haben, freiwillig oder per Rauswurf. Körperseitig ist das Ergebnis bei allen gleich. Am Ende musst du ausziehen.

Niemand fragt dich dann, ob es dir gerade in den Kram passt. Niemand interessieren dann deine Pläne, deine Vorhaben, dein Gestaltungswille, deine Kinder und die Tatsache, dass sie dich brauchen. Es ist völlig belanglos, ändert nichts an deinem Tod.

Ist das nicht faszinierend? Vielleicht denkst du dir jetzt, wenn du regelmäßig in diesem Blog liest, der schreibt doch immer wieder von diesem Thema, vielleicht hat er ja ein Problem damit. Vielleicht ist er vom Tod ja wie besessen. Du etwa nicht? Er steht dir sicher bevor. Viele traditionelle Kulturen ermuntern Menschen, sich damit zu befassen. Wenn man sich sogenannte Naturkatastrophen ansieht, dann wird die Absurdität des Lebens klar. Mitten in was auch immer du tust, kann es dich erwischen, jetzt, morgen, irgendwann. Und nur eines ist klar. Es WIRD dich erwischen.

Und was nützt es einem, wenn man das weiß, wenn man darüber nachdenkt? Ist das nicht zu tiefst deprimierend? Eben nicht! Es ist der größte, der beste, der herrlichste Witz, den man sich nur ausdenken kann. Wenn dir das wirklich klar ist, so wie dir klar ist, dass du existierst, ganz selbstverständlich, dann kannst du dich und deine Probleme einfach nicht mehr so todernst nehmen. Dann planst du vielleicht immer noch, aber doch mit einem Augenzwinkern. Dann erfüllst du und erkennst du deine Verpflichtungen, aber doch nicht mehr mit dieser Bürde von Verantwortung und Pflichterfüllung. Es wird viel lustiger.

Wer sich nicht Gedanken über seinen eigenen Tod macht, für den kommt das Sterben immer ungelegen, zeitlich und situationell unpassend. Auch mit 80, 90, 100 Jahren. Wenn dir der Körper gehörig auf die Nerven geht, wenn es dir immer mühsamer erscheint, in diesem Haus zu leben, wenn es dann so weit ist, ihn zu verlassen, dann passt es halt doch nicht so gut, gerade jetzt, in diesem Augenblick. Aber wenn dir klar ist, dass es gar nicht passen muss, wenn dir klar ist, dass durch dieses Ereignis, Tod genannt, alle anderen Aktivitäten ziemlich unwichtig werden, dann musst du nicht Zeter und Mordio schreien, nur weil es so weit ist. Dann hast du innerlich immer schon deine Koffer gepackt.

Vor Jahre bat mich einmal eine Kursteilnehmerin zu sich ins Krankenhaus. Ihr ging es schlecht, wurde mir gesagt. Als ich sie sah, war klar, dass ihr Körper am Ende war. Sie nicht. Sie war wach und ziemlich klar. Ein paar Sätze lang wollte sie mir noch von den Hoffnungen der Ärzte erzählen, was sie noch versuchen konnten. Ich musste fast lachen. Ich deutete auf ihren Haut-und-Knochen-Körper, mit großem aufgequollenem Bauch und sagte: „Glaubst du, das Ding wird je wieder werden?“ „Nein“, sagte sie, „wohl kaum.“ „Du hast doch ein gutes Leben geführt, du hast deine Pflicht als Mutter, als Partner, als Frau erfüllt. Es ist doch gut. Du kannst doch gehen.“ „Aber es ist so endgültig“, sagte sie.

Wer weiß das schon, und, wen juckt das? Menschen GLAUBEN an ein Leben nach dem Tod. Manche haben das so verinnerlicht, dass sie es „wissen“. Ist das wichtig? Ich finde gar nicht. Einmal kamen Schüler zu ihrem Zen-Meister und fragten ihn: „Meister, sprich mit uns über den Tod. Erzähle uns vom Tod.“ Der Meister erwiderte: „Ja, was soll ich sagen? Davon weiß ich nichts.“ Die Schüler waren erstaunt. „Aber du bist doch ein Zen-Meister!“ sagten sie. „Ja“, meinte er da, „aber kein toter Zen-Meister.“

Jetzt, schon heute und in deiner Situation hilft dir das Wissen darum, dass du aus deinem Körper früher oder später ausziehen musst, ob der Termin gerade passt oder nicht. Alle Verantwortung ist mit dem Moment vorbei, wenn du aus deinem Körper bist. Niemand kann dich dann anklagen, anzeigen, dich bestrafen, dich mobben, niemand kann dich beschenken mit Besitz oder Macht oder kann dir das wegnehmen.

Es gibt im Sanskrit eine Sutra, die übersetzt heißt: „Wie hier, so auch sonst wo.“ Deshalb ist es gut, hier und jetzt ein Leben zu führen, das nicht von heftigen Wünschen und Unzufriedenheiten geprägt ist. Du wirst keine Fleißbildchen bekommen, nur weil du es dir besonders schwer machst (und darunter dann auch noch besonders leidest). Hab keine Angst. Es WIRD zu Ende gehen. 🙂 Das ist die wirklich gute Nachricht. Und die schlechte, wenn du nicht bei Zeiten lockerer wirst. Denk daran: Gescheiterte und Erfolgreiche sterben gleichermaßen. Dumme und Superkluge sterben gleichermaßen. Alte und Junge sterben gleichermaßen. Hässliche und Schöne.

Wenn du die Unverhandelbarkeit deines Todes klar verstanden hast, dann musst du immer wieder schmunzeln, wenn du dir selbst bei den Mühen des Alltags zusiehst, bei deinen Wichtigkeiten und der Belastung deiner Unzulänglichkeiten. Dann wirst du dich immer weniger selbst klein machen, dich selbst nicht mehr verurteilen. Du wirst sehen, wie witzig das alles ist. Und wie die Tatsache, die wirklich einzige, die man im Leben als solche bezeichnen kann, dass dein letztes Stündchen irgendwann einmal schlagen wird, dir im Leben über Tiefen UND Höhen hinweghilft.

Seit mir das klar ist, verstehe ich die Worte meines Meisters: „Am Ende bleibt nur noch Lachen, Lachen, Lachen“ sehr viel konkreter als damals, als ich sie live aus seinem Munde hörte. Was für ein Spiel!

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Warum übt man im Yoga Verständnis?

Warum sich beschäftigen mit Konzepten und Ideen, die im Yoga gelehrt werden und die für die meisten Menschen der westlichen Kultur erst einmal zu lernen sind, zu verstehen sind?

Ich gebe dir ein Beispiel über die besondere Bedeutung von Wissen, von Erkenntnis und ihrem Ergebnis: Verständnis.

In der Nähe eines einsamen, uralten Klosters leben nur noch wenige alte Männer als Mönche. Sie haben einen einfachen, friedlichen Tagesablauf, den sie schon seit Jahrzehnten leben und zu lieben gelernt haben. Sie können sich selbst versorgen, damit sie keinen Kontakt zum weit entfernt liegenden Dorf benötigen.

Eines Tages findet einer von ihnen vor dem Eingang des Klosters ein Bettchen mit einem kleinen Kind darin, nicht mehr ganz ein Baby. Die Mönche, die alle schon seit vielen Jahren kein kleines Kind mehr gesehen haben, schätzen das kleine Mädchen auf zwei Jahre. Sie nehmen es auf, und lieben es jenseits aller Vorstellung. Das Mädchen wächst mit ihnen auf, und ist den ruhigen, entspannten Ablauf des Klosters gewohnt, genießt die Zuneigung der alten Mönche.

Sie wird langsam älter, und als sie gerade zwölf Jahre alt geworden ist, geschieht etwas Schreckliches. Sie beginnt zu bluten, immer weiter, erst wenig, dann immer mehr. Erschrocken wendet sie sich an ihre „Väter“ und zeigt ihnen ihr Bett und ihre Kleidung.

Die Mönche wissen nicht, was geschehen ist. Sie fürchten um das Leben ihres Mädchens. Voller Schrecken beschließen sie, Tag und Nacht zu beten, bitten Gott um Hilfe. Wie durch ein Wunder hört die Blutung nach ein paar Tagen wieder auf.

Die Mönche preisen Gott und finden nach diesem Ereignis neuen Glauben, und in ihrer Begeisterung beschließen sie, ihr Mönchsleben noch intensiver auf Gott auszurichten.

Aber dann geschieht es wieder, nicht mal einen Monat war die Heilung her und jetzt wieder: diesmal hat das Mädchen Krämpfe, weint und bittet ihre Mönche um Hilfe. In ihrer großen Verzweiflung und Not, entsteht eine hitzige Debatte: Ist das Wiederauftauchen der Krankheit, der Blutungen, ein Zeichen Gottes, dass er mit ihrer Andacht nicht zufrieden ist? Oder, wie einer von ihnen einwirft, ist es vielleicht ein Zeichen, dass das Mädchen vom Teufel besessen ist? Ja, das muss es sein. Sie sind verzweifelt, bitten Gott um Gnade und Einsicht.

Ich könnte die Geschichte weiter spinnen, in ein schreckliches Ende, in eine plötzliche Einsicht, in Intrigen, alles Mögliche. Nur weil die Mönche nicht wussten, dass 12-jährige Mädchen einfach ihre Periode bekommen, und das eher ein Grund zum Feiern als für Angst ist.

Was den Mönchen in der Geschichte gefehlt hat, war Information, Wissen, das ihr Verständnis über die Situation des Mädchens vollkommen verändert hätte.

Das ist der Grund, warum zur Praxis immer auch Verständnis hinzukommen muss. Und eigentlich stimmt das nicht so ganz, denn Verständnis IST Praxis. Wer das nicht erkennt, der praktiziert trotzdem Verständnis, nur praktiziert er sein altes, ihm meist nicht bewusstes „Verständnis“, das ausschließlich aus alten Prägungen und Informationen besteht.

Eine solche Praxis, die nur aus irgendwelchen Übungen besteht, würde also eher die Prägungen und vorgefertigten Meinungen verstärken und nicht überwinden.

Über viele Formen des yogischen Verständnisses habe ich schon Kurse gegeben, und es stellt sich die Frage, ob es da noch mehr braucht, immer wieder.

Vielleicht nicht brauchen, wenn man gut zugehört hat und sich die Zeit genommen hat, auch über das Gehörte, den Inhalt, tief nachzudenken. Aber helfen wird es immer, denn Missverständnisse im Yoga sind der Hauptgrund, warum Menschen den Weg nicht lange genug gehen können.

Sie kommen zum Beispiel zu mir, hören zu, und versuchen, das Gehörte, vielleicht auch das Erlebte in ihre vorhandene Denk- und Gefühlsstruktur einzubauen. Das kann natürlich nicht wirklich funktionieren. Es wäre als würdest du ein Teil eines Puzzles in einen Platz pressen wollen, wo es nicht hingehört, und zwar deshalb nicht, weil es zu einem ganz anderen Puzzle gehört.

Im Yoga geht es darum, sich aus der Gefangenschaft von Prägungen und psychischen Konditionierungen zu befreien, um zu erkennen, wer man wirklich ist. Schon diese Aussage, grundlegend und eher einfach, kann man leider nur so verstehen, wie man sich entwickelt hat.

Wer du meinst, dass du bist, hängt ab davon, was du gelernt hast, dass du bist. Verständlich? Wenn du dich nur als Gedanken, Gefühle, Handlungen, aus der Identifikation mit deinem Körper kennst, dann meinst du, dass Yoga dazu führt, dass du deinen Körper, deine Gedanken, deine Gefühle noch „tiefer“ kennenlernen solltest.

WAS für ein Irrtum! Nur: Wie sollst du da etwas anderes verstehen können, wenn du dich nur als das oben beschriebene Konvolut kennengelernt hast?

Daher braucht es das Erlernen und die Wiederholung von Konzepten, die dieses alte, einschränkende Verständnis mit einem weniger einschränkenden ersetzen. Findest du komisch? Warum überhaupt noch Konzepte haben, wenn sie dich doch alle irgendwie gefangen nehmen?

In Jahrtausende langer Erfahrung in der Betreuung von Menschen, die sich aus der Gefangenschaft der eigenen Missverständnisse befreien wollen, hat es sich als praktisch erwiesen, nicht gleich alle Konzepte auf einmal ersatzlos zu streichen.

Die Psyche kann das nicht ertragen. Es wäre so, als hättest du 6 Monate einen Beingips getragen und würdest plötzlich, ohne diese Stütze, gehen müssen. Es wird nicht funktionieren. Du wirst zuerst einmal einige Zeit mit Krücken gehen müssen. Die sind nicht schlecht oder unnötig, nur weil du sie irgendwann einmal nicht mehr brauchen wirst.

Du kannst die Phase, in denen du sie brauchst, auch nicht einfach überspringen. Es braucht einen Weg, eine Lehre, wie eine Straße, die dich zu deinem Haus führt. Natürlich wirst du in dein Haus gehen und damit die Straße verlassen. Aber das bedeutet nicht, dass es keine Straße braucht, die dich nach Hause bringt.

Ein faszinierendes Konzept, das die Missverständnisse, die du über dich hast („wie kommst du dazu, zu sagen, dass ich Missverständnisse über mich habe?“ magst du denken, „vielleicht projizierst du halt einfach deine Begrenztheit auf mich?“ Aus Tausenden von Kursen über fast 40 Jahre mit Tausenden von Menschen und ja, auch aus meiner eigenen Erfahrung), zumindest so weit erklärt, dass du leichter von ihnen lassen kannst, ist die Lehre, die im 14. Kapitel der Bhagavad Gita ausgebreitet wird:

Die Lehre der drei Gunas oder Grundeigenschaften.

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Yogische Geisteshaltung im Alltag – was ist das?

Für alle, die schon länger im Yoga auf dem Weg sind – ihr könntet den Titel als Überprüfung eures Verständnisses verstehen. Was macht eine yogische Geisteshaltung aus?

Für alle anderen möchte ich ein paar Annäherungsversuche unternehmen.

Zuerst schauen wir uns einmal die „normale“ Geisteshaltung an. Alltag könnte sein: Aufstehen, arbeiten, schlafengehen. Aufstehen und Schlafengehen als Fixum (das allein schon gibt Yogis zu denken!). Unter „arbeiten“ kann man dann alles andere einordnen, was sich unter den fünf Hauptereignisfeldern einordnen lässt (wer wirklich mehr kennt, bitte melden!): Körper und Gesundheit, Familie und Beziehung, Arbeit und Berufung, Besitzen und Wohlstand, Spiritualität. Das ist also nicht sonderlich komplex. Mit diesen Ereignisfeldern haben alle Menschen zu tun. Manches davon fühlt sich gut an, anderes nicht so gut, manches ist Routine, anderes wieder außergewöhnlich.

„Normal“ wäre dabei, sich zu fühlen, als würde das alles auf einen zukommen oder man würde es so lenken können, dass es den eigenen Bedürfnissen entspricht. Für die meisten Menschen ist das Leben eine Mischung dieser beiden Gefühle. Sie setzen sich ein, reagieren, bestimmen, agieren, fühlen sich abwechselnd als Opfer und als Täter. Ihr Leben scheint hin und her zu schwappen zwischen Erfolg und Versagen. Sie versuchen, bewusst oder unbewusst, aus ihren Fehlern zu lernen, voranzukommen in der Sehnsucht, sich möglichst viele Wünsche (siehe die fünf Ereignisfelder) zu erfüllen. Das Gefühl, ein erfülltes Leben zu leben, entsteht aus dieser möglichst umfangreichen Wunscherfüllung.

Normale Menschen erfahren eine Realität, mit ihren Sinnen, ihren Gedanken, ihren Gefühlen und reagieren auf sie mit weiteren Gedanken, Gefühlen und Taten. Und dann wieder: schlafen gehen und aufstehen.

Man könnte das natürlich noch viel komplexer, umfangreicher beschreiben, erklären und diskutieren. Wenn als Yogi diese Brille der Normalität anzieht, dann ist das auf allen Ebenen des menschlichen Lebens so. Wenn du im Zug sitzt und hineinhören kannst in die Gespräche um dich herum, wenn du Medieninformationen zuhörst, wenn du mit normalen Menschen sprichst, dann kann man sehen, dass Leben so funktioniert. Sogar die, die intellektuell erkennen, wie bedeutungslos das Bedeutungsvolle der meisten Menschen ist, weil man möglicherweise als Astrophysiker arbeitet, können nicht anders leben. Sie mögen weitgehende Erkenntnisse über die riesigen Dimensionen des Universums haben, verglichen mit denen ein Menschenleben ohne Belang ist, ja sogar die ganze Menschheit bedeutungslos ist, aber wenn sie nach Hause gehen und ihre Frau mit einem Liebhaber erwischen, wenn sie plötzlich bei einer Gasexplosion ihr Hab und Gut verlieren, wenn ihr Herz auf einmal Probleme macht – ja dann, dann ist dieses wissenschaftliche Wissen vergessen und der Schmerz und das Leid ist alles andere als belanglos.

Yogische Geisteshaltung – wie soll die an dieser Situation etwas ändern? Manche meiner LeserInnen, die schon lange auf dem Weg sind, erahnen vielleicht schon seit einiger Zeit, dass die Antwort auf diese Frage so gar nicht sexy ist, fast schon eine gewisse Sprachlosigkeit auslöst. Vielleicht denkst du, ja, ändern tut sich an den Ereignissen nicht so viel. Auch Yogis erleben die fünf Ereignisfelder. Auch Yogis gehen schlafen und stehen auf und verbringen den Rest der Zeit womöglich sogar genauso, wie alle anderen auch. Ihr Körper wird alt, abgenutzt, leiert aus.

Die Yogatexte geben viele Antworten auf obige Frage. In einer Schrift heißt es: „Alle Menschen durchleben ihr Schicksal. Normale Menschen erleben dabei die Welt, Yogis erleben stattdessen sich selbst.“ Damit ist alles gesagt. Aus dieser von den Texten als „Tatsache“ beschriebenen Haltung ergeben sich andere Möglichkeiten.

Am Anfang, wenn man noch sein ganzes Leben auf der Gedanken-Gefühlsebene erfährt und kräftig an ihrer Verbesserung arbeitet, haben die yogischen Techniken von Meditation und Mantra große Wirkung. Man erlebt, dass man sich auch in schwierigsten Situationen erst einmal beruhigen kann, dass man, auch wenn das noch schwierig ist, das innere Karussell verlangsamen kann. Man erlebt deutlich, wie sehr man Opfer der eigenen wovon auch immer und von wem auch immer ausgelösten inneren Unruhe ist. Mit viel Mühe, mit viel Durchhaltevermögen versuchen Yogis am Anfang Zugriff zu erhalten auf Gedanken und Gefühle. Es erscheint so, also würde sich ein weiterer Lebensschauplatz auftun, der parallel neben dem „normalen“ Leben geschieht: der innere Raum, bestimmt von Gedanken und Gefühlen.

„Nach innen gehen“ ist auf einmal keine Anleitung für die Psychologisierung des Alltags, sondern eine Entdeckungsreise in den Maschinenraum unseres Lebens. Yogis erkennen, dass sie ihr Leben von zwei Seiten angehen können: wie alle anderen Menschen auch, im Außen, oder mit den yogischen Techniken im Inneren. Sie erleben, dass es leichter wird, vom Maschinenraum aus, um im Bild zu bleiben, das Leben zu erleben und zu verstehen, bis zu einer gewissen Intensität der Ereignisse. Wenn es zu intensiv wird, wenn „schwere“ Schicksalsschläge eintreffen, dann verlieren sie die Draht nach innen. Es ist wie ein noch recht dünnes Mobilfunknetz. Wenn man von den Hauptstraßen abfährt, ist schnell mal kein Empfang.

Das ist eine schwierige Phase. Sie ist oft von Zweifeln und Verzweiflung geprägt. Es kann in als schwierig empfunden Lebenslagen der Eindruck entstehen, dass die yogische Methodik im entscheidenden Moment nicht greift. Für viele ist aber auch klar, dass ein Zurück in das vorherige Normale auch nicht mehr möglich ist. So wie ein zweijähriges Kind nicht mehr in den Mutterbauch zurück kann, so können Yogis nach einer gewissen Zeit auch nicht mehr zurück, ganz gleich, ob sie sich das wünschen oder nicht. Ich empfand diese Zeit als kaum erträglich, und ohne den Segen und die Unterstützung meines Meister hätte ich sie wohl nicht überstehen können.

Diese Zeit übersteht man mit Verständnis. Alle, die dann nur das Mantra wiederholen in der Hoffnung, dass das Wunder schon geschehen wird, werden hier anscheinend durch das Leben selbst eines Besseren belehrt. Wer neben Meditation und Mantra auch noch sein Verständnis intensiv vertiefen konnte, der kann mit dieser Phase des Yogawegs zurecht kommen. Sicher nicht mit Leichtigkeit, aber immerhin. Wenn man die Texte der Meister, die Worte der Meister, die Anweisung der Meister mit offenem Herzen, mit Achtung und Respekt studiert hat, dann ist diese Phase, da das Alte, Normale immer wieder die Oberhand gewinnt, eine Phase der Aha-Erlebnisse.

Vielleicht erahnt man dann, dass das Leben, wie es die normalen Menschen und großteils man selbst erleben, wirklich nicht das Entscheidende ist. Es ist diese Zeit, in der man DRINGEND Unterstützung braucht.

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Stolperfallen

gibt es so einige auf dem Weg.

Was mich viele Jahre bedrückt hat, war die Tatsache, dass ich so viele ergreifende Wahrheiten gehört habe, wirklich überaus barmherzige Anleitung von meinen Meistern empfing, aber dann, in schwierigen Momenten, wenn das Leben selbst, so schien es mir, meinen ganzen Yoga mit allen möglichen Schwierigkeiten herausforderte, versagte ich. Ich konnte nicht anwenden, was man mir so liebevoll vermittelt hat.

Ich taumelte manchmal von Trauer über meine Borniertheit, über Zweifel an meiner Fähigkeit den Weg ernsthaft zu gehen bis hin zu tiefer Verzweiflung und der Angst, dass meine Meister mich einfach als hoffnungslosen Fall aufgeben würden. Ich wartete immer auf den Brief oder öffentliche Ansagen, „vergesst vamdev, der wird das nie lernen.“ Viele Briefe kamen. Aber keiner sagte so etwas. Heute, im nachhinein, kann ich sagen, dass sie voller Liebe waren, auch wenn sie manchmal Ermahnungen enthielten.

Oft höre ich, dass es vielen auf dem Weg so geht. Dass man etwas ganz verstanden hat, und es auch in vielen Situationen schon erinnern kann, aber dann, wenn es wirklich wichtig und schwierig wird, funktioniert alles Gelernte nicht. Wir haben das Gefühl, dass immer noch alles beim Alten geblieben ist. Wer wirklich auf dem Weg ist, wird daran dem Weg und dem Meister nicht die Schuld geben. Allerdings sind diese Stolperfallen wie eine Art Bewährungsprobe für Yogis, die den Weg noch nicht genug verstanden haben, um ihn nie mehr verlassen zu wollen. Diese Menschen machen mit der Zeit sogar den Weg verantwortlich dafür, dass ihr Leben schwierig zu sein scheint und nicht so läuft, wie sie es sich vorstellen.

Aber auch wenn du genug weißt, um den Weg nicht mehr für deine Lebensprobleme verantwortlich zu machen, dem Meister nicht mehr vorwirfst, dich in problematischen Angelegenheiten allein zu lassen, läufst du Gefahr, an dir selbst und deiner Fähigkeit, Yoga zu praktizieren, tief zu zweifeln und zu verzweifeln. So ein wenig Zweifel ist ja gar nicht so schlecht, aber das meine ich hier nicht. Ich meine, dem tiefen Selbstzweifel in die Falle zu gehen, weil man den natürlichen Entfaltungsprozess im Yoga nicht so richtig begreift.

Es ist gut zu wissen, dass yogische Entwicklung wie eine Art Aufschaukeln stattfindet. Du lernst etwas, begreifst es schließlich auch und wendest es selbstverständlich möglichst oft an. Das klappt anfangs nur bei einfachsten Situationen, nur da hat man noch keinerlei Erwartungshaltung und so fühlt sich das schon ganz gut an. Aber dann, mit der Zeit, erwartet man viel mehr von sich, erhofft man mehr vom Weg, vom Segen des Meisters, von der Weisheit der Schriften.

Da es kein Durchfallen, kein endgültiges Scheitern gibt auf dem Yogaweg, ist es doch nicht weiter schlimm, dass man länger braucht, bis man schwere Situationen leichter mit yogischer Weisheit meistert. Und dann kommen die zentralen Herausforderungen, Essen zum Beispiel, Beziehungen, elementar daher kommende Wünsche. Wir können dabei zusehen, wie wir uns verstricken, immer mehr. Wir scheinen den Ausstiegspunkt weder zu erfahren noch all die uns so vertrauten Methoden anwenden zu können, um von der Verstrickung, die wir erfahren, wieder lassen zu können.

Viele suchen dann das Scheitern in solchen Augenblicken zu beschönigen mit irgendwelchen „Begründungen“. „Ist es nicht menschlich, wenn man da noch Probleme hat“, oder „das ist doch meine Familie, soll ich auf einmal gleichgültig sein?“ und so weiter und so fort. Was ist eigentlich so problematisch zuzugeben, vor sich (und gegebenenfalls auch vor anderen), dass man etwas noch nicht kann? Es gibt nur einen Grund dafür: Pseudo-Errungenschaft, die (falsche) Vermutung, dass die Zahl der Jahre, die man jetzt schon Yoga praktiziert, die Intensität, mit der man dabei ist, doch jetzt langsam „anschlagen“ müsste.

Aber wenn du diese Missverständnisse nicht hättest, dann würdest du keine Probleme mit dieser Art der Entwicklung haben. Du würdest erkennen, dass du da halt noch Übungsbedarf hast. Und nicht einmal das ist notwendig. Du machst einfach weiter. So wie ein kleines Kind, das mit 13 Monaten das Laufen lernt, nicht plötzlich Zweifel an seiner Lauffähigkeit bekommt, nur weil des Nachbars Tochter schon mit neun Monaten das Laufen gelernt hat. Also, freu dich über deine Entfaltung, sei dankbar für sie, für die Geschenke des Wegs. Dafür gibt es mindestens so viele gute Gründe wie für das nagende Gefühl der Unzulänglichkeit.

Ein Kommentar

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Bei Gleichmutdefizit: Bitte lesen

Einfach zur Klärung:

Du lebst heute im Westen in einer Welt, die weit vielfältiger ist, als die Welt noch vor 200 oder 300 Jahren. In seinem Buch „Simplify Your Life“ hat der Autor Lothar Seiwert einmal unsere Ist-Situation beschrieben: Er und seine Familie (Er, Frau und zwei Kinder) haben einmal zusammengezählt, was sie alles an „Dingen“ besitzen, Kleidungsstücke, Bürogegenstände, Möbel, etc. Sie kamen auf 80.000 Dinge. Vor 200 Jahren haben nur Menschen an der Spitze der Gesellschaft so viele Dinge besessen und hatten dann auch ca. 100 Bedienstete, um sich um all diese Sachen zu kümmern.

Ein Yogi lebte noch viel einfacher. Es besaß nichts oder nur wenig, und tat auch nicht so viel. Um all die Dinge zu erwerben, die einfach in unserem Leben mehr oder weniger dringend notwendig sind, weil wir uns daran so sehr gewöhnt haben, als Gesellschaft, müssen wir intensiv und viel arbeiten.

Warum schreibe ich das alles? Damit du dich in all deinem Stress und der unwillkürlichen Reaktion darauf besser fühlst? Nicht wirklich. Es geht mir nur um die Dimension des Yogawegs hier und heute. Mein Meister wurde einmal in Manhattan, New York City gefragt, ob man auch in New York meditieren kann (bei all den Ablenkungen). Seine Antwort war klar: „Nein“, sagte er, „du MUSST meditieren.“

Dein Alltag ist OHNE Yoga nicht zu bewältigen. Wobei ich das Wort „Yoga“ ja für einen Weg gebrauche, der das lehrt, was Yoga lehrt, und da mag es andere Wege geben, die das Gleiche empfehlen, die gleichen Übungen, das gleiche Verständnis, wenn auch vielleicht mit anderen Worten. Den ganz normalen Alltagswahnsinn zu ertragen, den wir hier in der „modernen“ Welt leben, schreit nach Yoga, nach der Anleitung, der Unterstützung durch einen Guru, verlangt nach einem Verständnis, das dir hilft, die enormen Wogen der Unruhe, die Menschen gemeinhin erleben, wenn sie so leben, wie wir das tun, wieder zu glätten.

Wenn es dir gelingt, in deinem Alltag inneren Frieden, Ruhe, Gleichmut zu erfahren und auch noch umzusetzen, ohne so zu tun als ob (was ich als „Doppelmoral“ bezeichne), dann hast du etwas erreicht, was Yogis in alten Zeiten nur nach vielen Jahren, viel Meditation, etc. erreicht haben. Unser Alltag ist eine viel größere Herausforderung, glaubt mir.

Ich sage das nicht, weil ich mich allzu gerne als Kulturkritiker aufspiele. Sondern ich möchte, dass du deine Situation richtig erfassen kannst, wenn du auf dem Yogaweg innere und äußere Hindernisse erlebst. Wenn dir das Mantra im normalen Tagesablauf einfällt und du es sogar bei deinen alltäglichen Erledigungen wiederholen kannst, wie weit schwieriger ist das, als wenn jemand das Mantra denkt, der sonst wirklich nicht viel Aufregendes im Leben zu tun hat.

Das, was man heute so als einfache Single in Frankfurt erlebt, an Lebensaufwand, das hatten in Indien vielleicht Mütter oder Väter großer, umfangreicher Familien zu bewerkstelligen. Das ist sicherlich auch der Grund, warum das Familienleben als schnellster Weg zu Erleuchtung angepriesen wurde. Jeder und jede von uns leben deutlich komplexer als die Menschen das zur Zeit Jnaneshwars taten. Ich habe großen Respekt für alle von euch, die diesen Weg gehen, im heutigen Alltag, der dir aus allen Zellen, aus allen Systemen, aus allen Gefühlen und Gedanken alles saugt, was nur geht.

Ja, ich weiß, du denkst, aber vamdev lehrt doch immer, dass das alles nur in mir stattfindet. Das ist so. Aber bis man das wirklich erkannt hat, fühlt es sich nicht so an, sondern eher wie oben beschrieben. Die Tatsache zu erkennen, dass das alles nur in dir stattfindet, ist die einzige Möglichkeit, hier heute bei uns ein Leben zu leben, das nicht nur ununterbrochenes Katastrophenmanagement ist.

Also, habt Geduld. Auch wenn du die Sanskritworte nicht so richtig hinbekommst, wenn du deine Meditation nicht schon um halb 5 Uhr beginnen kannst, wenn dein Tagesablauf keine Regelmäßigkeit zulässt, wie du meinst, dass du sie haben solltest auf diesem Weg: Mach dir klar, dass du auf einem Level anfängst, das es für die Yogis und Yoginis früherer Zeit nie gab, nicht einmal in ihren wildesten Vorstellungen.

Sei barmherzig zu deinem Verstand, zu deinen Gefühlen. Du versuchst einen fliegenden Fahrerwechsel bei Vollgas auf einer kurvigen Bergstraße. Das ist nicht einfach, das ist nicht eine Angelegenheit, die du einfach mal so angehst und erledigst.

Dein Geist schweift auch beim schönsten Höhepunkt deines Lieblingsmantragesangs ab? Echauffier dich nicht. Das Teil muss auf Höchstgeschwindigkeit laufen, ganz alltäglich, obwohl es nicht dafür gebaut wurde. Und jetzt soll er einfach einmal abschalten. Beruhige dich. Das dauert einfach. Und das ist gut so. Deine Gefühle wollen sich einfach nicht beruhigen, obwohl du das Mantra liebst, deinen Guru jeden Tag verehrst, alle Übungen machst, die du nur machen kannst. Denk doch mal über deine Situation nach: du fährst mal schnell zum Einkaufen, mit mindestens 10-facher natürlicher Fortbewegungsgeschwindigkeit, durch Gegenden und Orte, die du dir früher ergehen musstest, sozusagen. Dafür ist dein System geeicht, nicht für deine schnelle Erledigung im nächst gelegenen Supermarkt. Doch das ist für dich inzwischen so normal, wie früher für deine Urahnen der Gang über den Hof.

Also, gemach. Unser Weg heute ist natürlich im Prinzip der Gleiche. Aber die Ausgangssituation ist eine ganz, ganz andere. Verliere nicht den Mut, wenn die ersehnte innere Ausgeglichenheit noch nicht ständig auch die wildesten Brandungen deines Regelalltags übersteht. Verliere nicht dein Vertrauen in deinen Guru, nur weil das Gewusel deines Lebens dich immer wieder und regelmäßig daran erinnert, dass du noch mitten in deiner yogischen Entwicklung steckst, auch nach 10 oder 20 Jahren. Verliere nicht deine Liebe zu deinen Übungen, nur weil die Fluten deiner Aufgaben immer wieder deine Vorsätze durcheinanderbringen.

Der Weg wird sicher seine Früchte für dich ausschütten. Aber vielleicht ist eine Minute Gleichmut in deinem Leben so viel wie 10 Jahre völlige Gelassenheit für eine Yogini vor 500 Jahren. Und dann entspann dich, wenn nicht alles richtig yogisch für dich läuft.

Ein Kommentar

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Was gerade für dich richtig ist…

Da nicht alle, die diesem Blog folgen, automatisch über Kommentare oder Kommentardialoge informiert werden, erscheint es mir sinnvoll, manchmal in einem Beitrag auf einen Kommentar zu antworten. Ich hoffe, das ist für euch o.k.

Etwas zögernd schreibe ich jetzt, was ich sagen möchte: Dieser Blog will nicht allen gerecht werden. Der Autor dieses Blog ist nicht daran interessiert, Unwissenheit und Verblendung als gegeben hinzunehmen, weil halt jeder dort steht, wo er steht. Dabei erdreiste ich mich nicht (ich hoffe, das kommt auch bei euch an), auch nur zu behaupten, dass ich die Weisheit für mich gepachtet habe. Ich habe die Yogatradition studiert, studiere sie immer noch, bin am Üben, am Lernen, gebe mein Bestes, um Schüler zu sein. Ich teile über dieses Medium meine Erfahrung, das, was ich gelernt habe und meine Erkenntnis. Ich lade alle ein, mich an Hand der Tradition und der Schriften zu widerlegen oder zu korrigieren, oder zumindest auf Klarheit und Klärung zu dringen. 

Dieser Blog teilt prinzipiell nicht die Meinung oder die Haltung, dass für jeden schon das passiert, was gerade für sie oder ihn richtig ist. Und das nicht einmal, weil ich nicht davon überzeugt bin, dass nur das geschieht, was zu geschehen hat.

Zu Ostern gebe ich eigens einen mehrtägigen Kurs über diese Thematik. Wenn jeder sowieso nur seine eigenen, vorgezeichneten Kreise zieht, welche Sinn hat dann irgendeine Praxis auf geistigem Gebiet oder gar ein Lehrer. Kein Meister würde auch nur ein Wort gelehrt haben (und ich erwähne Meister nicht, um mich klamm heimlich mit ihnen in eine Reihe zu stellen, sondern nur deshalb, weil sogar sie das nicht gemacht haben), wenn er das Verständnis, dass alles, was zu geschehen hat, unausweichlich geschehen wird, und man daher nichts machen kann und auch nichts machen muss. Natürlich kannst du jetzt sagen, aber ihr Lehren war ja Teil ihres Schicksals. Also haben sie nicht gelehrt, weil sie uns etwas beibringen wollten, sondern weil es halt ihre Aufgabe auf dieser Welt war.

Das kann man wohl so sehen. Mein Wunsch, liebe Silke, dass du die Tatsache deines Todes zu Hilfe nehmen mögest, ist keine Besser“wünscherei“, die dir was aufs Auge drücken möchte, was bei dir noch gar nicht oder nicht SO ansteht. Ich wünsche das allen, nicht nur dir im Speziellen. Denn ganz gleich, was bei dir oder irgendjemanden sonst ansteht, der Tod ist dir sicher. Es ist sogar die einzige wirkliche Sicherheit im Leben. Wir verwenden sehr viel Zeit mit Berufsausbildung, mit Beziehungslernen,  mit Kindererziehung (passiv und aktiv :)) und mit allen möglichen Dingen, von denen nur sicher ist, dass ihr Ausgang ungewiss ist. ABER der Tod, der ist dir gewiss. Diese Gewissheit kann man für sich nützen, das zumindest behaupten die Yogis, sie kann den Blick auf das eigene Leben schärfen, dir helfen, das Wesentliche klar vom Unwesentlichen zu unterscheiden. Und dieser Tatsache war mein Wunsch für dich gewidmet.

Meine Erfahrung mit der Lehrtätigkeit meines Meisters war intensiv und ich bin voller Dankbarkeit, dass er nicht die Hände in den Schoß gelegt hat (weil ja doch alles wie geplant kommt), dass er ein geduldiger, oft auch schlitzohriger Lehrer war, der mir NIE meine Unbelehrbarkeit abgenommen hat. Manchmal kam es mir so vor, als hätte er mich belauert, geduldig darauf gewartet, bis sich eine klitzekleine Öffnung für Unterweisung ergab, die er dann in großem Stil nutzte. Am Ende seines Lebens hat er einen Wunsch geäußert: „Möge diese Welt eine Welt voll Heiliger und Erleuchteter sein!“ Mir hat dieser Wunsch zu denken gegeben. War ihm nicht klar, dass das hier der Ort der Widersprüche und Gegensätze ist? Dass es genauso viel Verblendung wie Weisheit gibt?

Meine Meisterin sagte einmal: Segen kann man immer brauchen. Da gibt es nie zu viel. Vielleicht ist es das.

Die meisten Meister Indiens behaupteten, dass es das GEBURTSRECHT des Menschen sei, frei zu sein, glücklich zu sein. Dass sich so viele Menschen die meiste Zeit weder frei noch glücklich fühlen, schränkt dieses Recht nicht ein. Da ich der Überzeugung bin, dass es nicht nur unser Geburtsrecht ist, sondern unser Naturell, glücklich und frei zu sein, werde ich mich bemühen (es sei denn, meine Meisterin sagt mir, ich soll damit aufhören), alle Unklarheiten und Missverständnisse, die der Erfahrung von Freiheit und Glück im Wege stehen, so weit aufzuzeigen, dass man sie überwinden kann. Das mag ein recht unbeholfenes Unterfangen sein, aber dazu ist nun einmal dieser Blog da.

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